Bilder ohne/Bilder trotz
Aus den Protesten rund um den G20 Gipfel in Hamburg im Juli 2017

 

Pour savoir il faut s’imaginer.
(Georges Didi-Huberman)

Einige Bilder, ohne die Rasanz des Aktuellen, seiner Liveness, der Farbe, des Spektakels. Weil wir andere Bilder brauchen.

Ich frage mich, wie man Bilder schreiben kann, die nicht reißerisch sind. Die warm sind, nah dran am Geschehen, ohne eindringlichen Zoom. Wachsame Bilder, die nicht aufgeilen, nicht abhärten, nicht kalt lassen; Bilder von Bildern, die deren Brutalität entstellen; Bilder, die etwas erzählen, was wir noch nicht oder noch nicht ausreichend gesehen haben. Ich weißt nicht, ob ich das kann und ob wir schon längst übersättigt sind. Nichtsdestotrotz.

And now, when there is doubt,
I kick it out.
(Megafonchor)

Vorher:

Das Camp im Stadtpark wird wieder verboten. Schlafen fällt nicht unter das Versammlungsrecht.

Ich würde gern das Bundesverfassungsgericht anrufen, um den Richtern zu sagen, dass – wenn schon nicht schlafende Demonstrant/innen – dann wenigstens Zelte eine Meinung kundtun können (Link), und schlage die Nr. im Telefonbuch nach.

Doppelbelichtung:
Enthemmte Maskulinität, Adrenalin, Rausch. Diesen Männern will ich nicht auf der Straße begegnen. (Erste Schicht.)
Es sei denn, der exzessive Genuss der Berliner Polizisten (waren auch Frauen dabei?) ist Ausdruck subversiven Widerstands. Die wollten nicht. Nur fest daran glauben. (Zweite Schicht.)

Sicherheit ist höchste Priorität. Wessen Sicherheit? Wessen Priorität?

Di, 4. Juli

Der Arrivati Park vor dem Grünen Jäger. Ein Ort zum Ankommen. Freies Sender Kombinat spielt von 16-22h Musik zum Hard-Cornern. Macht alle Türen und Fenster auf, dreht am Lautstärkeregler, verweilt an den Ecken, trefft euch. Es sieht aus wie jedes Wochenende vor der Toast Bar. Nur dass es jetzt um etwas (Anderes) geht. Banner und Stände, an denen man sich mit Informationen eindecken und den Urban Citizenship Pass ausstellen lassen kann.
Mit der Polizei im Rücken.

Das macht mich wütend
Dass die dafür steh’n
Dass es mit der Scheiße so weiter geht
Wie’s läuft, wie’s läuft
Wie’s läuft, wie’s läuft
Also ich mein da kommen ja wirklich alle Ekelpakete zusammen.
Weiter so, weiter so…
Also, man weiß ja eigentlich ganz genau, was dabei raus kommen wird, bei dem Treffen…
Es wird so ein… weiter so… mit neoliberalen Reformen sein.
Weiter so! … und mit irgendwelchen kleinen Zugeständnissen…
Weiter so!
oder so Make up Politik…
Weiter so!in Sachen Entwicklungshilfe und Klimawandel…
Weiter so!

Da kommen sie mit Megafonen und neon-pinken und -orangenen Strumpfhosen. Eine Gruppe von acht Frauen. Sie sind Sprachrohr für andere, geben den ungehörten Stimmen einen Auftritt im öffentlichen Raum. Ihre Texte kommen aus Interviews, die sie im Vorfeld mit Bürger/innen aus Hamburg geführt haben. Die Performerinnen reagieren auf die Situation, formieren sich als und in der Gruppe von Moment zu Moment neu, schwingen ihre Verstärker auf Armlänge, schichten sie übereinander, dann schwärmen sie wieder aus und verschwinden in der Menge. Sie sind mein roter Faden durch die Tage des Protests.

Durchsagen. Weitersagen.
Das Camp in Entenwerder baut ab – nach Stunden, Tagen der Schikane. Im Schauspielhaus können 1500 Menschen unterkommen. Das behauptet jedenfalls jemand auf Twitter. Am Ende sind es nur 100 Schlafplätze, aber es ist ein Beweis dafür, dass Fiktion auf die Realität einwirken kann.

 
Mi, 5. Juli

Wenn die Welt eine Bank wäre, hätten wir sie schon längst gerettet“, zitiert Markus Wissen in seinem Beitrag zum Podium „Wem dient die Ökonomie?“ beim Alternativgipfel auf Kampnagel. Finanzinstitute werden ökologisiert. In der Krise werden sie schutzbedürftig, eine bedrohte Art. Der globale Süden verlagert sich ins Ausland. Der Aufstieg der Schwellenländer lässt sich auch beschreiben als Verallgemeinerung der imperialen Lebensweise.
Why are you crying?“, fragt Nicolas Hildyard nicht zynisch, nicht ironisch.
Verhalten wir uns individuell anders als die acht reichsten Männer?“, fragt Friederike Habermann.
Wir müssen zwischen radikaler Demokratie (alle, die von einer Entscheidung betroffen sind, wirken an ihrer Findung mit) und liberaler Demokratie (wenige bestimmen über viele) unterscheiden.“, sagt Wissen.
Während wir einen Widerstand organisieren, leben wir eine andere Welt.“, sagt Habermann.

Ich war nie auf der Love Parade. 16h30 an den Landungsbrücken.
Ein großer schwarzer aufblasbarer Würfel mit den Lettern „Lieber Tanz ich als G20“, dem heiß wird in der Sonne. Der Schwarze Block ist nicht nur eine Demonstrationstaktik.

Wir ziehen am Stadion vorbei. Eine Freundin fragt sich, warum FC St. Pauli nicht die Tore aufmacht für die Demonstrant/innen ohne Schlafplatz. Ob die auch Angst haben um ihre Grünfläche.

Traumbilder (Absurdität steigend):
Das gesamte Philharmonische Staatsorchester Hamburgs erhebt sich und gibt klar und chorisch zu verstehen: Für euch spielen wir nicht.
Stattdessen Auftritt des Megafonchors in der Elphilharmonie.
Wie leicht der Koch es hätte, 20 auf einen Streich. (Denken wir auf dem Nachhauseweg.)
Imagine… Im Inneren der Elphi schlummert ein Raumschiff, dass die Regierungschef/innen in Richtung Mars befördert. Das jedenfalls würde die Dauer des Baus und die intergalaktischen Kosten erklären.

 

Do, 6. Juli

Busse, die nicht ankommen.

Yes, we camp. St. Pauli öffnet die Tore für Demonstrant/innen und richtet ihnen auf der Tribüne Schlafplätze ein.

Das Wetter ist korrupt. Die Eisdiele hat geschlossen.

Welcome to heaven. Ein Banner vor der St. Pauli Kirche. Davor ein langer Tisch, mit weißer Tischdecke, eingedeckt.

Der Megafonchor taucht auf. Im Lärm verstehe ich sie kaum, folge ihnen.

Der erwartbare Protest:
man macht so ein Bilderspektakel
und ähm mm Protestspektakel
und dann brennt da was,
und andere sind verkleidet und so…
Es wär doch viel geiler,
alle denken es kommen 100 000 Leute aus ganz Europa nach Hamburg,
fahr’n aber gar nicht nach Hamburg,
sondern fahr’n irgendwo anders hin wo es Sinn macht
und die Bullen fahr’n hier schön in Hamburg im Kreis.
Und wir fahr’n
nach Warschau und zermöbeln Frontex
oder nehmen irgendwelche Zäune an den EU Außengrenzen auseinander.

 
Um 19h10 lande ich auf der Brücke beim Park Fiction. Und schaue die Straße runter in Richtung Innenstadt. In der Ferne glitzern ihre Helme. Kleine leuchtende Sterne. Sie kommen näher. Der Angriff der Klonkrieger.

Zwei vermummte Blöcke, die sich gegenüberstehen. Und dazwischen die Pressewesten.

Jump-Cut. Auf den Pudelruinen spielen Menschen Federball. Ähnlich surreal wie die letzte Szene aus Blow up.

Die Drohung der Polizei, dass sie nun keinen Unterschied mehr machen wird zwischen gewalttätigen und friedlichen Demonstrant/innen wie auch Unbeteiligten, mit der Aufforderung sich räumlich zu distanzieren. Wovon? Und selbst wenn, wohin mit dem Körper?
Die vielen Menschen, die sich auf der Brücke drängen, zu beiden Seiten hin. Sie halten ihre Smartphones drauf. Zoom in die Arena. Vor einer halben Stunde waren wir noch da unten. Wütende Schreie und Pfiffe gegen die Polizei. Wir sind nicht mehr Teil der Demo, wir sind Publikum. Hitzig produzieren wir Bilder, die aufheizen.

Die Grenze zwischen der Verletzlichkeit der Körper da unten und die Unversehrtheit der Bilder von den Körpern, gefilmt von hier oben. Übelkeit und Schwindel. Ich schaue um mich und sehe die Realität, in der ich lebe, sehe, wie sie verdoppelt, nein vervielfacht, ausgeschnitten, verwundet wird. Überall Smartphones und wir ihre Stative. Ich sehe nichts. Ich will das nicht sehen.

Es gibt diesen Moment vor der Eskalation, wenn der kollektive Atem anhält. Alle wissen, was jetzt kommt. Es ist der Moment vor dem point of no return.

[Keine Bilder.]

Filmaufnahmen bei ntv in der DB-Lounge am Hbf. Split-Screen. Links der Dirigent (in slow motion), rechts ein brennendes Auto, 4 Minuten lang dasselbe Auto. Der Ton ist stumm geschaltet. Hören die Fernsehzuschauer/innen jetzt wohl Beethovens Neunte oder wütende Schreie? Ich würde die Tonspuren überlagern.

Abends. Die Oase trauert, hält den Atem an; im Gängeviertel ist es totenstill. Manche verfolgen auf den Bildschirmen die Nachrichten.

Nachdem der schwarze Block „zerschlagen“ ist, formiert sich die Demo kurzerhand neu, angeführt von der Samba-Truppe. Ob Pink einen Unterschied machen würde…?

Menschen, die für andere Kartoffeln schälen, kiloweise.

Die Lieber-tanz-ich Zelle fährt plötzlich vor. Mehr und mehr Blaulichter, unsere Diskokugel. Wir tanzen am Rande der Oase, werden von der Straße gedrängt damit eine Kolonne mit ihren schwarzpolierten Autos vorbeifahren kann. Erdoğan?

 
Fr, 7. Juli

Deichtorhallenplatz. Bildungsstreik. Wir warten auf die Schüler/innen und Student/innen, die auf dem Weg zu uns sind und von der Polizei aufgehalten werden. In welche Richtung ich auch schaue, die Straßen sind abgeriegelt. Die Sprecherin im Wagen gibt mehrfach zu verstehen, dass von uns keine Eskalation ausgeht, keine Gewalt, keine Glasflaschen.

Demonstrant/innen, die Blumen tragen.

040/432 78 778 die Nr. des Ermittlungsausschusses. Der anhaltende Zahlendreher bei der Durchsage vom Lauti sorgt für Gelächter und wilden Widerspruch.

Falsche Busse, die aus dem Verkehr gezogen werden.

Kids, die an wartende Demonstrant/innen Obst und Wasser verteilen. Am Baumwall.

Diese Erfahrung, dass der Himmel mehrere Etagen nach unten sackt. Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg (Blumfeld). Auch der Öffentliche unter diesen Umständen. Ich halte die Propellergeräusche nicht mehr aus, die Sirenen, das Ohr kann sich selbst nicht schützen.

Auf einmal gibt es ein Außen, und wir sind hier drin. Als wäre die ganze Stadt eingekesselt. Das fällt mir auf, als ich darüber nachdenke, was wohl da draußen ankommt.

One can love a city, one can recognize its houses and its streets in one’s remotest or dearest memories; but only in the hour of revolt is the city really felt as one’s own city: one’s own because it belongs to the I but at the same time to the ‚others‘; one’s own because it is a battlefield that one has chosen and the collectivity too has chosen; one’s own because it is a circumscribed space in which historical time is suspended and in which every act is valuable in and of itself, in its absolutely immediate consequences. One appropriates a city by fleeing or advancing, charging and being charged, much more than by playing as children in its streets or strolling through it with a girl. In the hour of revolt one is no longer alone in the city.

(Furio Jesi – „The Suspension of Historical Time“, in Back to the order/Restorations*)

 

Kein Durchkommen zur Reeperbahn. Das freundliche DB-Sicherheitsteam rät uns den Umweg über Holstenstraße und weiter zu Fuß. Stadträder sind kaum zu bekommen, die nehmen gerade an der Critical Mass Demo teil.

Pfefferspray statt Dialog. Fahrrad gegen Auto. Polizisten, die Demonstrant/innen wegschubsen. Ein Polizist, der einen anderen Polizisten wegschubst.

Barrikaden, die Blumen tragen.

Wir sitzen in der Nähe der Davidwache, auf einer völlig verwirrten Reeperbahn. Irgendwo zwischen Rot- und Blaulicht, zerstreuen sich Menschen, die nicht so richtig wissen, weshalb sie da sind, ob sie feiern oder flüchten, demonstrieren, small-talken, nur mal so vorbeischauen, wovon sie da Teil sind. Den Wasserwerfern rinnt noch die Flüssigkeit aus allen Öffnungen. Eine undefinierbare Zone, gerahmt von Zehnerreihen, zeitweise behelmt. Das passt nicht zusammen. Ich esse eine Birne und trinke Bier. Ich frage mich, wie die Polizist/innen auf diesen Einsatz vorbereitet werden, ob sie mehr machen als Körper- und Waffentraining, ob sie wissen, wen sie da verteidigen, wofür sie verpulvert werden, ob sie hätten nein sagen können, ob sie ausreichend geschlafen haben letzte Nacht und genug gegessen, ob sie Angst haben, ob sie informiert sind oder bloß alarmiert. Wir erwarten einen Freund; er kommt am Hbf an. Der öffentliche Nahverkehr liegt lahm. Er kann nicht zu uns, wir nicht zu ihm. Nach Eimsbüttel kann er noch fahren. Also machen wir uns dahin auf den Weg, im Bogen um die Schanze. Twitter sagt uns, dass wir da gerade nicht durchwollen.

Egal, wie viel Flaschen wir auch schmeißen
Es ändert nichts
Egal, wie hart wir pogen
Die Welt behält ihr Gleichgewicht
(Grim104 – 2. Mai)

Die friedlichen Proteste verschwinden hinter den Krawallen. Was macht man mit dieser Aussage sichtbar? Das Verschwinden?

(Argumente werden nicht besser dadurch, dass man sie wiederholt.)

 

 

Sa, 8. Juli

(Ich habe) Angst, dass wir nur Teil einer riesigen Inszenierung sind. Dass wir hier auf den Straßen zu den Bildern beitragen, die beweisen, dass letztlich doch alles ganz „demokratisch“ (im Sinne von gesittet?) zu geht. Was bleibt uns dann? Zu Hause bleiben?

Ich vermisse die Polizeipräsenz. Ich bin mittendrin am Messberg. Und ich sehe niemanden in Uniform. – Das muss daran liegen, dass die Polizei die Demo anführt.

Kids, die auf der Reeperbahn stehen und an die vorbeiziehenden Demonstrant/innen Bier verkaufen. Die haben Kapitalismus verstanden“, sagt meine Freundin und kauft sich eins.

Die inneren Widersprüche leben,“ das sagt sie auch. Ich nehme einen Schluck von ihrer Cola.

Wir denken an die vielen Menschen, deren Alltag das ist und dass es jetzt nicht aufhören kann. Wir denken an Griechenland, an Venezuela, an die Türkei und diese Liste wäre endlos..

Beim g20… sind ja nur.. zwanzig Nationen vertreten…
es fehl’n glaube ich… 187… Nationen… ähm
das heißt es fehlen 187 Nationen und…
es fehlen natürlich sowieso die Stimmen von den Leuten die eigentlich diese Welt ausmachen…
die ja nicht einfach so vom Himmel gefallen ist ähm…
im Moment ist es ja so als ob die Erde eine Scheibe sei…
und ein Großteil da einfach runter fällt… ähm…

Der Megafon-Chor zieht in einer Reihe vom Millerntorplatz ab.

Kids, die vor dem Grünen Jäger unsere Ausweise sehen wollen: „Kriminalpolizei!“
„Ja, was wollen Sie?“, antworten wir.
Ein anderer, einen Kopf größer aber gleiche Jacke, kommt dazu: „Von der echten Polizei. Können Sie sich ausweisen?“
„Klar.“ Ich hebe den Ärmel meines Pullovers.
Er hebt den Daumen, nickt anerkennend.
„Und Sie?“ Er holt ein Halstuch aus der Reißverschlusstasche.
Ich nicke anerkennend.
„Kommen Sie gut nach Hause. Und passen Sie auf sich auf.“

Verbrannte Straßen. Der orangene Block bringen das wieder in Ordnung.
Verletzte Körper. Ein Sanitätsteam verschnauft vor der Flora.

Menschen, die aus aufgewühlten Pflastersteinen Peace Symbole legen.

Sleeping is not a crime, der Banner am Schauspielhaus.

 

Das Archipel sendet als „Offshore“-Fernsehstation 48h lang Kritik und Diskurs in die Stadt. Am Kanal zwischen Hammerbrooklyn und Rothenburgsort liegt ein Walross auf der Bühne und keucht dem Post-Kapitalismus.

 

So, 9. Juli

Ich stehe morgens auf und höre keine Hubschrauber mehr, setze mich in die Küche, fange an zu schreiben.

Es gibt neue Zahlen von verletzten Polizist/innen. Es gibt immer noch keine Zahlen von verletzten Demonstrant/innen.

Ich versuche an all die fantastischen, selbstorganisierten, kleinen und größeren Strukturen zu denken, die sich herausgebildet haben. Juristischen und medizinischen Beistand durch Ermittlungsausschuss und Sanitätsteams, Orte des Rückzugs im Gängeviertel, der Roten Flora, den Kirchhöfen, den privaten Gärten und Wohnungen, im Schauspielhaus, im Fußballstadion; alternative Berichterstattungen und Diskussionsforen wie das FC/MC, There is no time auf dem Archipel; die Formen kreativen, künstlerischen, bunten Protests, zivilen Ungehorsams und andere politische Ausdrucksformen. An die Dinge, die uns begleiten, unser Schutz, unsere Waffe werden. An das, was wir als Menschen teilen, Verletzlichkeit und Kreativität.

Ein Lachen im Hinterhof. Jetzt höre ich sie doch, die Hubschrauber. Es sind weniger geworden.

Morgen sieht alles aus wie vorher. Nur anders. Vielleicht etwas ordentlicher. Hamburg räumt auf. Ich kann noch keinen Schwamm in die Hand nehmen.

But when the revolt has passed, independently of its outcome, everyone goes back to being an individual in a society that is better than, worse than, or the same as before. When the clash is over – you can be in prison, or in a hiding place, or calmly in your own home – the everyday individual battles begin again. If historical time is not further suspended in circumstances and for reasons that may even not be the same as those of the revolt, every happening, every action, is once again evaluated on the basis of its presumed or certain consequences.

(Furio Jesi  – „The Suspension of Historical Time“, in
Back to the order*)

Pressekonferenz von Olaf Scholz und der Polizeiführung. Ich schaue in ihre Gesichter und sehe nichts Monströses. Ich sehe Strenge und Bürokratie. Uniformen, die sich im Recht glauben. Olaf Scholz sagt, die Polizei sei nicht zu kritisieren. (Hannah Arendt schreibt: Niemand hat das Recht, zu gehorchen.)

Der Unterschied zwischen strafrechtlicher und politischer Verantwortung.

Ich habe große Lust, Rad zu fahren. Die wiedergewonnene Bewegungsfreiheit oder langsame Gewöhnung an das ständige in-Bewegung-sein. Es zieht mich in die Schanze.

Wir haben unsere Gentrifizierung zurück. Menschen in Cafés, Menschen, die ihre Meinungen auf Zettel schreiben, notieren, was trotz allem gut war mit buntem Filzstift auf dem brauen Packpapier, Polizist/innen im Gespräch mit Anwohner/innen. Die Straßen sind voll, ein Haufen Statist/innen. Back to the order. Vielleicht das verstörendste aller Bilder.

Im Moment, in dem wir zur Ordnung zurückkehren, liegt die Möglichkeit etwas zu verändern. Wenn wir diesen Zeitraum ausdehnen könnten…

Das Undefinierte noch ein bisschen länger aushalten. Ich habe das Gefühl, nicht mehr zu wissen, ob ich radikal Pazifistin bin, angesichts der unsichtbaren, unsichtbar gemachten Gewalt. Und der Gewalt, die unsichtbar macht. Ob überhaupt irgendetwas an mir radikal ist, ob ich radikaler sein müsste. Ich weiß nicht, wessen Eigentum Opfer einer politischen Geste geworden ist und wer Opfer von Eigentum; weiß nicht, wie wir Motivationen unterscheiden können, wenn wir nur die Ergebnisse betrachten. Wie wir uns distanzieren können? Lieber würde ich danach fragen, wie wir uns einander annähern können.

Ich kämpfe mit dem Versprechen von Sicherheit in einer Welt, in der Unsicherheit und Risiko in Kauf genommen und befördert wird, um uns dafür die entsprechenden Versicherungen anzubieten, um Hundertschaften ins Herz der Stadt zu hetzen. Ich halte organisierte staatliche Gewalt, die sich legitimiert gibt für gefährlicher als die improvisierten Strukturen der Autonomen. Und der Satzbau hier hinterlässt den Eindruck, sie ließen sich gegenüberstellen oder vergleichen. Ein Bild, das ich gerne einreißen würde, in der Mitte, damit gerade der Riss sichtbar wird.
Ich habe Angst davor, dass wir über die falschen Themen reden. Und meine Erleichterung ist lange nicht so groß wie die Angst davor, dass es vorbei ist.

Was noch kommt:

Mich werden in den kommenden Tagen viele Menschen auf G20 ansprechen. Meistens werden sie fragen, ob ich auf der Straße war und ob in der Nähe der Krawalle. Ich werde die erste Frage bejahen, die zweite verneinen. Dann werden sie mir sagen, was sie darüber denken. Die Themen überschneiden sich: die Gewaltausschreitungen, warum G20 in Hamburg?, die Rolle der Polizei. Die wenigsten werden mich fragen, warum ich auf die Straße gegangen bin. Was sie auch sagen werden, sie alle waren live dabei.

Ich habe nichts gesehen. Ich war dort und war es nicht. Ihr wart nicht dort und wart es doch.
Ein Chiasmus. Wir lassen uns nicht spalten.

Manches, was sie sagen, werde ich nachvollziehen können, manche Empfindungen teilen, vieles wird mich traurig oder wütend machen. Aber jede Diskussion, jeder Moment, in dem Öffentlichkeit entsteht, jede Gelegenheit, dieses Sprechen, die Gedanken, die Stimmen, die in den Sirenen und Propellergeräuschen untergegangen sind, weiterzutragen, wird kostbar sein.

Fragen finden, die uns anderswohin bringen. Wie können Bilder Fragen stellen?

„Pour savoir il faut s’imaginer“, schreibt Georges Didi-Huberman in Images malgré tout, Bilder trotz allem. Ich entreiße diesen Satz einem ganz anderen Kontext: dem Sprechen nach Auschwitz. Wir dürfen das Erlebte und das Sprechen darüber nicht unter dem Vorwand aufgeben, es sei unvorstellbar. Il faut: Wir müssen es uns vorstellen, uns ein Bild davon machen.

Ich will keinen Vergleich herstellen. Wenn auch unter anderen Umständen, mir helfen Didi-Hubermans Gedanken dabei, nach dem medialen Spektakel um die Proteste von G20, die Bilder an sich nicht aufzugeben. Sondern um andere Bilder zu ringen. Bilder, die euch nicht zeigen, was ihr sehen sollt. Bilder, die entstehen, hier, zwischen diesem Text und dir. Auch wenn wir (noch) nicht wissen, wie wir sie anschauen sollen oder können, diese Bilder.

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* Back to the order/Restorations ist eine Publikation von Aleppo (A Laboratory for Experiments in Performance and Politics).

Heike Bröckerhoff | Juli 2017

Mit Dank an alle Gesprächspartner/innen für ihre Gedanken und Zeit, insbesondere an Elisabeth Fast, Ann-Kathrin Quednau, Peter Bröckerhoff, Moritz Frischkorn und Niklas Löscher.

 

Im Gespräch mit Elisabeth Leopold über Bare Bodies – Bodies and States of Exception von Ursina Tossi

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Elisabeth Leopold arbeitet als Dramaturgin, Theoretikerin und Performerin in Hamburg.Sie kollaborierte dort bereits in mehreren Tanz- und Performanceprojekten und ko-kuratierte zwei Festivals. Ihren M.A. in Performance Studies absolvierte sie in Hamburg, sowie den BA in Theater-, Film- und Medienwissenschaften und eine Tanzausbildung in Wien. Von 2015-17 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg. Zu ihren theoretischen und künstlerischen Forschungsinteressen zählen: Critical Performance Studies, Radikalität und Positionierung im zeitgenössischen Tanz, sowie Ambivalenz als künstlerische Strategie.

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HB: Erstmal vielen Dank, dass Du das Interview mit mir machst. Ich würde gern mit Dir über Bare Bodies sprechen, ein Tanzstück von Ursina Tossi, das am 15. März 2017 auf Kampnagel Premiere hatte und bei dem Du als Dramaturgin beteiligt warst.

Es ist schon eine Weile her, aber was mir deutlich in Erinnerung geblieben ist, ist die Atmosphäre, die im Raum herrschte, die Ästhetik und ein Art Apparat oder Dispositiv, das ihr hergestellt habt. Es hat mich sehr an Überwachung und Kontrollmechanismen denken lassen, wo ich als Zuschauerin erstmal nur Zuschauerin bin, und tatsächlich viel beobachte und weniger beobachtet werde. Wie hinter einer Glasscheibe beim Verhör, durch die man nur von einer Seite aus durchschauen kann. Das Publikum wird ja zunächst aufgeteilt in zwei Gruppen und man entscheidet sich für einen der Eingänge und kommt erstmal in eine Schleuse, in der zwei Bildschirme hängen und eine Performerin nackt in einer Art Plastikfolie eingeschweißt auf dem Boden liegt. In den eigentlichen Raum kann man nur durch kleine Sichtfenster hereinschauen. Das war für mich der Moment, in dem dieser Apparat oder das Dispositiv bereits etabliert wird. Da ist etwas, das mich abtrennt von diesem anderen Raum, in den ich mich gleich begebe.

Und dann liegt da im Vorraum dieses nackte Wesen und beginnt irgendwann sich zu bewegen. Auch da merkt man schon, dass man als Zuschauer/in gar nicht so stark wahrgenommen wird. Dass zwischen Performerin und Zuschauer/in keine Konfrontation stattfindet, sondern vielmehr, dass sie dich gar nicht sieht. Als wärst du gar nicht in ihrem Sichtfeld oder ihrer Wahrnehmungssphäre. Und das war für mich eine sehr klare Entscheidung und stimmig mit dem Apparat, den ihr aufgebaut habt, und etwas, das mich das ganze Stück über begleitet.

Um jetzt noch in den Raum hineinzukommen: Dann wird klassische Musik gespielt und die Performerinnen (Lisa Densem, Angela Kecinski, Tümay Klinçel, Ursina Tossi) hüpfen und springen wie Nymphen nackt im Raum umher. Ich komme durch ein Schlupfloch aus der Schleuse heraus und begebe mich an den Rand.

EL: Fühlst Du Dich da eingeladen, den Raum zu betreten?

HB: Ich verstehe sehr schnell, dass ich das darf. Eingeladen…? Es ist eher ein Gefühl von „ich weiß, was ich zu tun habe“, als dass ich mich eingeladen fühle, weil dazu ist der Schleusenmechanismus fast zu komplex. Aber das schien mir auch beabsichtigt. Für mich war relativ klar, wo es langgeht. Als würde ich ungeschriebenen Regeln folgen.

Dann tauche ich relativ schnell in eine Art Science-Fiction Welt ein, wo orangene Kabel, manchmal mit Kopfhörern von der Decke hängen und mit den Performerinnen verschaltet zu sein scheinen. Da habe ich viele Assoziationen, die kommen größtenteils aus Sci-Fi Filmen. Und dazu würde ich Dich gerne zu fragen: Was ist das für ein Ort? Werden hier Körper gezüchtet? Wird aus Körpern Energie gewonnen? Was sind diese nackten verkabelten Körper? Leben sie abgeschlossen von der Außenwelt? Können sie dort etwas erfahren, was wir hier draußen nicht erfahren können? Oder ist es ein unverklärter Blick in die Matrix, hinter die Simulation? Wie würdest Du den Raum beschreiben? Welche Qualität hat er für Dich? Und wer bist Du als Zuschauerin in diesem Raum?

EL: Wir wollten nicht einen bestimmten Ort herstellen, wie zum Beispiel ein Raumschiff oder einen anderen Planeten. Dieser Raum, der da entstanden ist, ist für uns eher ein Kontrollraum, oder vor allem auch ein Schwellenraum. Es könnte eine Art von Energiefeld zwischen zwei Polen sein. Oder ein Schwellenzustand, ein Übergang in ein anderes Klima oder ein anderes Luftdruckgebiet. Also Räume, die einen auf den nachkommenden Raum vorbereiten. Oder dass es eine Art von Kontrolle oder Steuerung von dort gibt. Die Science-Fiction Referenzen gab es tatsächlich, allerdings eher als Inspiration für eine Atmosphäre und Ästhetik.

Dass die Zuschauer/in in diese Beobachterrolle kommt, ist eher deshalb entstanden, weil man im Umgang mit der Nacktheit, wenn diese nicht provokativ oder persönlich, subjektiv, menschlich werden soll, die Konfrontation mit dem Publikum zurücknehmen muss. Angela Kecinski und Ursina Tossi haben das auch sehr schön im Publikumsgespräch gesagt: Man schaut den/die Zuschauer/in nicht nur mit den Augen, sondern mit allen möglichen Körperflächen an. Und versucht, zu erlauben, diese Nacktheit zu sehen, ohne dass der/die Zuschauer/in sich dabei zurückbeobachtet, beurteilt oder verurteilt fühlt. Dadurch, dass man das Zurückblicken wegnimmt, verschwindet auch das Menschliche und es kann eher etwas Wesenhaftes entstehen. Damit haben wir auch in der Bewegung gearbeitet. Es gab auch die Kritik vom Hamburger Abendblatt, dass es ein Gefühl von Ausgeschlossenheit produziert hat. Ich hatte eher das Gefühl, es war ein friedlicher, beschützender Ausschluss und hat dazu geführt, dass diese Parallelwelt entstehen kann.

HB: Ich habe mich nicht ausgeschlossen gefühlt im Sinne von ‚Ihr braucht mich nicht‘, sondern im Sinne von: Ich bin hier als Beobachterin. Ich habe eine sehr klare Rolle oder Position. Aber ich habe auch eine gewisse Distanz zu dem Geschehen. Die Situation hat etwas Wissenschaftliches oder Fiktional-Wissenschaftliches. Und interessanterweise, weil du über die Nacktheit gesprochen hast. Alle vier Performerinnen sind das ganze Stück über nackt, haben nur einige wenige orangene Zeichen, eine Symbolik, auf dem Rücken. Aber für mich war das Nackte gar nicht so stark Thema. Für mich ist es eher zum Kostüm geworden, oder eher der Effekt, den du beschrieben hast: Die Perfomerinnen werden zu Wesen, weniger menschlich.

EL: Es gab auch die Diskussion, auch durch Melanie Zimmermann [Dramturgin, Kampnagel] angestoßen, über die Unterscheidung zwischen nakedness und nude. Und dass man die Nacktheit vergisst, vor allem wenn die Bewegung formationshaft wird oder man nur Ausschnitte sieht, weil die Berührungen den Blick eher auf eine Stelle leitet und gar nicht auf den gesamten Körper. Und dann gibt es die Situationen, je nachdem wo man sitzt als Zuschauer/in – ich bin habe auch oft die Position gewechselt – in der man direkt gespreizte Beine sieht, vielleicht auch Schweiß, oder berührt wird, einen extrem offenen Blick auffängt. Dann kommt es zu einer krassen nakedness, die einen zurückwerfen kann.

HB: Kannst du den Unterschied zwischen naked und nude erklären.

EL: Der nackte, inszenierte Körper auf einem Plakat hat eher etwas Bildhaftes, das hat einen nude-Effekt. Und naked ist der ausgestellte Körper, mit seiner Verletzlichkeit und Realität . Also wenn man Körperflüssigkeiten zeigt, einen krassen Einblick in den Körper.

Und diese Science-Fiction Referenzen, die man sieht, sind nicht direkt zitiert. Das orangene Kabel hat keine filmische Quelle, sondern folgt eher Assoziationen von Datenkabeln, die unter dem Ozean verlaufen, Kabel, die man nicht mehr sieht, die versteckt sind. Wenn diese Kabelhaufen zusammengetragen werden, kann man beobachten, wie sich das Objekt verändert. Von Dynamit, einer gefährlichen Sache, die man trägt, zu einer behüteten Sache oder etwas, hinter dem man sich versteckt. Auch die Bedeutung dieser Beziehung ist nicht klar. Es ist keine nützliche Beziehung: Ich nutze diese Kabel nicht für elektrischen Strom. Sondern sie sind Landscape und Umgebung, auf einer Ebene mit den nackten Körpern.

HB: Diese Tätigkeiten, Kabelhaufen zu tragen und dann dieser Moment, wo sich die Performerinnen zusammensetzen und viel mithilfe von einer Zeichensprache kommunizieren, die mir gar nicht verständlich ist. Sind das Rituale oder was machen die Performerinnen da, gemeinsam? Also was für eine Art von Gemeinschaft sind die?

EL: Die Frage nach Gemeinschaft hat sich durch den Prozess gezogen. Auch als etwas, dass Ursina sehr interessiert: als politische Aktivität. Das ‘Cyborg Manifesto’ von Donna Haraway war da eine relevante Referenz. Im Gegensatz zu eher dystopischen Sci-Fi Geschichten, hat die Cyborg eine handlungsfähige Kraft. Aktivismus lässt sich dann nicht mehr als solidarische oder empathische Handlung verstehen, aber trotzdem kann die Cyborg politisch sein und das System, in dem sie gerade lebt, unterlaufen. Sie kann selbstständig sein, lässt sich nicht gänzlich kontrollieren. Das war die Grundidee. Welche Möglichkeit von politischer Aktivität gibt es in dieser Technisierung? Diese Art von Science-Fiction, in der Zukunft eine Art von Aktivismus, politischer Möglichkeit von Widerstand zu finden, war der Ansatz. Die Zeichen, also das Bewegungsmaterial, kommen zum Beispiel aus ‘Minority Report’ mit Tom Cruise. Da gibt es eine Szene, wo er vor einer riesigen Leinwand vor sich hat und mit Hand und Computer Bilder verschiebt. Dann gibt es das Prinzip von Zusammenkommen und Trennen. Wo manchmal alle Körper zu einem Körper werden. Und sich dann auch wieder trennen und eigenständig werden, ohne dabei die Gruppe zu verlieren. Wo sich niemand als Einzelne sich aus der Gruppe hervorhebt.

HB: Immer noch verkabelt, immer noch im selben Netzwerk und miteinander verbunden.

EL: Ich glaube, das war der Balanceakt. Der Versuch, die Eigenständigkeit und Aktivität zu etablieren und dem Zusammensein der verbindenden Nacktheit, nicht ausgeliefert zu sein.

HB: Für mich bleibt noch ein wenig kryptisch, was damit gemeint ist: politischer Aktivismus. Was ich sehe sind einzelne Handlungen, bei denen zum Beispiel Kabel getragen werden, viel Bewegung, viele Momente, in denen Körper zusammenkommen, sich einander aussetzen. Viel über Gewicht und Druck, etwas Resistentes, dem anderen Körper etwas entgegenzusetzen.

Vielleicht kannst du mir nochmal auf die Sprünge helfen. Was sind da so alles an Bewegungen da, woher kommen die? Du hast schon dieses Beispiel von ‘Minority Report’ gebracht. Aber nochmal mehr: Was für ein Bewegungsmaterial steckt da drin? Woher kommt das? Und inwiefern steht das in Verbindung mit dem politischen Handeln?

EL: Ich weiß nicht, ob politischer Aktivismus der richtige Begriff ist. Es kommt von der Auseinandersetzung damit. Das Thema an sich steckt schon in der Nacktheit. Das Stück nackt zu machen und diesen Widerstand in der Nacktheit zu zeigen, oder eine Stärke oder Selbstverständlichkeit in der Nacktheit enthält schon viel von diesem aktivistischen Potential. Und das beizubehalten, und dabei nicht den Körper in eine repräsentative Form zu bringen oder ihn auszuliefern oder ihn da nicht mehr herausholen zu können. Ich glaube, das ist ein Versuch von feministischem Aktivismus: diese vier Frauen, nackt auf der Bühne mit einer Art von futuristischer Hoffnung auf Möglichkeit, auf Aktivität. Und dabei weder einer repräsentativen Nacktheit ausgeliefert zu sein, noch einer Gruppendynamik, die eine Masse kreiert. Diesen zwei Punkten zu entgehen.

HB: Das wäre jetzt die Makrostruktur, aber was wäre das Pendant der einzelnen Akteurin dazu: ihr Handlungsspielraum, ihre agency? Wie steht das in Verbindung mit dem Bewegungsmaterial oder den Konfrontationen zwischen den Performerinnen?

EL: Der Ausnahmezustand war ein wichtiges Thema. Nach Agamben ist es der Ausnahmezustand, der die Person entrechtet oder von jeglichen Rechten befreit, entmenschlicht. Und darin kann ein Widerstand entstehen, in dieser rechtlosen Situation. Auch in Verbindung mit dem aktivistischen Potential. Aber das war auch Quelle für Bewegungsmaterial. Was kann der Ausnahmezustand sein? Wir haben darüber nachgedacht, dass der Ausnahmezustand ein Punkt, ein Moment ist, in dem sich eigentlich nichts bewegen kann – damit er überhaupt beibehalten werden kann. Und dass man eine Art von Veränderung vollzieht in einer Bewegungsqualität ohne wirklich etwas anderes zu entwickeln. Ohne dass der Zustand sich ändert. Und trotzdem eine Entwicklung zeigt.

Konkret gesprochen: Die Performerinnen hatten einen Score, mit dem sie improvisiert haben. Es ging viel um Gespür und Vertrauen zueinander, auch Gelassenheit, Ruhe und Geduld. Denn jede Bewegung und jede Hebung, jedes Druckausüben hat sich in einer Bewegung, Berührung von einer Performerin zur anderen ergeben. Und damit ist klar: Kann ich mit Gewicht reingehen? Dann versuche ich das. Kann ich es nicht mehr, muss ich eine andere Bewegung, die es schon gegeben hat, übernehmen. Ständig im Zustand sein. Sich im Zustand zu verändern, ihn weiterzutragen, ohne ihn zu brechen.

HB: Also zu erhalten.

EL: Und ihn auch nicht stagnieren zu lassen. Das war zum Beispiel eine Bewegungsqualität. Und dann gab es verschiedene Versuche, zum Beispiel mithilfe von Science-Fiction, Bewegungen zu finden, die etwas Nicht-Menschliches herstellen. Da gab es verschiedene Tiere oder Roboter als Videovorlage, von denen wir versucht haben, die Bewegungen zu Qualitäten zu übernehmen.

HB: Du hast hier, das habe ich im Internet gefunden, etwas dazu geschrieben. Das fand ich sehr schön. Es bezieht sich vielleicht eher auf die Bewegungsqualität, die du vorher beschrieben hast:

Die Hand. Finger die sich um Waden schlingen;
Füße gegen Fleisch.
Materialabdruck des Schenkels, die Hände ineinander verschlungen;
Schienbeine an den Oberarmen, über den Rücken gelegt.
Das Knie an den Sitzhöckern.
Zug. Kraftvolles Hochziehen, es lösen sich die Zehen einzeln vom Boden.
Die Falten der Taille ziehen sich zusammen und legen sich übereinander.
Die Wirbelsäule liegt in einer Linie mit dem Oberschenkel.
Unter den Achseln, in die Leisten greifen die Hände, drücken die Unterarme.
Die Beine sind im Nacken verschlungen.
Das Haar bietet den Widerstand und es verketten sich die Glieder.
Arme treffen sich um-ge-kehrt.
Sensitive Flächen auf Flächen, pragmatisches Fühlen.
Die Luft ist nicht leicht zu durchqueren.
Was liegt im Raum der Bewegung?“ 
(Elisabeth Leopold)

Für mich beschreibt das ganz schön eine Auflösung der vertikalen Struktur des Körpers, dass der Kopf oben ist, und die Füße unten, und die Körperglieder anatomisch organisiert sind. Hier entstehen neuartige Verbindungen: von Händen und Unterschenkel, und Kopf und Kniekehle. Das ist dann nur in der Gemeinschaft möglich, wenn Körper aufeinandertreffen.

EL: Die Performerinnen trennen sich dann auch wieder und versuchen das beizubehalten. Sie haben die Aufgabe, umzustrukturieren. Als könnte man den Körper als Material organisieren. Und ihm die Möglichkeit lassen, sich selbst umzuorganisieren. Gar nicht manipulativ, den Körper zu verdrehen oder Ähnliches. Die Möglichkeit auszusprechen: diese Körperteile können sich verschieben und wollen das auch. In den Science-Fiction Referenzen sind auch oft Schwebezustände möglich und andere Organisation im Raum, das haben wir auch in die Bewegung übertragen, sodass es eine Assoziation von Raumfahrt gibt, auf dem Mond sein…

HB: Astronauten..

EL: Daher kommt auch der Perspektivwechsel, also Verlust von oben und unten. Etwas, das die Tänzerinnen auch beschreiben: Sie orientieren sich nicht nach oben und unten. Die Möglichkeit nach oben oder unten zu gehen, ist abhängig vom Druck des anderen Körpers. Man sucht immer nur nach der nächsten möglichen Fläche, die Druck produzieren kann.

HB: Wo sich für mich jetzt relativ leicht eine Verbindung herstellen lässt: einem politischen Körper als Widerstand gegen die habituelle oder normale Organisation und Darstellung des Körpers.

EL: Ich finde diese zwei Perspektiven schön: Das Gefühl, man hält sich nicht an eine Art von normativer Körperorganisation, aber das bin nicht nur ich, das ist auch der Körper, der sich nicht daran hält. Diese zwei Akteure bekommen den gleichen Stellenwert. Die Materialität eines Körpers hat auch eine Art von agency.

HB: Was mir schon bei einigen von Ursina Tossis Arbeiten aufgefallen ist, Du hast es auch schon angesprochen, dass einzelne Szenen lange dauern. Und ich habe das Gefühl, für mich erschließt sich die Performance am ehesten, wenn ich sie installativ anschaue, als Installation wahrnehme, in der Zeit gar nicht so stark durchstrukturiert ist oder rhythmisiert oder vielen Wechseln ausgesetzt ist, sondern eher eine Dauer herstellt, nicht im Sinne von Länge, sondern Intensität oder Dehnung von Zeit. Bis hin zu: man verliert vielleicht die Zeit aus dem Blick oder geht verloren in der Zeit. Das hat mich daran erinnert, was Du auch über den Ausnahmezustand oder Schwellenzustand gesagt hast, der auch ein bisschen zeitlos ist oder wo es darum geht einen Zustand zu erhalten. Vielleicht kannst du dazu noch etwas erzählen. Was da Ideen waren, oder Gedanken?

EL: Ich glaube, das ist das spannende am Ausnahmezustand, dass es einerseits ein Notstand ist, der nicht andauern kann und soll, es ist eine Ausnahme, in der die Regeln nicht greifen können, die sonst eine Gesellschaft zusammenhalten. Und gleichzeitig haben 9/11 oder andere Ereignisse einen Ausnahmezustand produziert, der immer noch existiert und andauert. Ich glaube, dass für die Atmosphäre dieses Stücks Zeitlosigkeit oder Dauerhaftigkeit viel ausmacht. Dass man nach Rhythmik sucht, die sich keinem Narrativ oder einer Veränderung unterzieht. Der Ausnahmezustand ist da ein Installativ an sich. Auch Ursina Tossis Arbeitsweise, Bewegungsqualitäten zu entwickeln, diese zu verbinden und ihnen zu geben, was sie brauchen und Zeit dafür einzuräumen, ohne Art von logischer Konsequenz von außen – ich glaube, das produziert leicht etwas Installatives.

HB: Wenn es, wie Du gesagt hast, in der Bewegungsqualität angelegt ist, dass sie sich selbst erhalten soll, ist es naheliegend, dass sie Zeit bekommt. Um so etwas erst einmal sichtbar zu machen. Gab es andere dramaturgische Prinzipien?

EL: Es ging viel darum, wann sich die Gruppe trennt und individuell wird und wann sie zusammenfindet, ohne dass es eine Auflösung, eine Grundaussage ist. Also dass beides – Gruppe und Individuum – gleichzeitig existieren kann.

HB: Schon ein Denken von innen heraus, würde ich sagen. Von der Bewegung ausgehend, oder von dem, was die Bewegung produziert, hin zu einem „wie kann man der Bewegung gerecht werden“, oder fast schon als Vermeidungsstrategie: Wie kann man es anordnen, sodass nicht dieser oder jener Eindruck entsteht.

EL: Und auch wirklich: Was fühlt sich organisch an? Welche Bewegung macht etwas iInteressantes auf, wenn sie nach dieser kommt?

HB: Wo das am Anfang für mich sehr sinnhaft war, sehr integriert in diesen ersten Schleusenmoment, war die Videoarbeit für mich relativ wenig angebunden an die Bewegung zum Beispiel. Also ich hab sie tatsächlich oft einfach vergessen und ich saß an einer Stelle, von der aus man noch gut die Bildschirme sehen kann. Sie ist für mich sehr stark in den Hintergrund und ich habe mich gefragt, was da Euer Interesse war an der Videoarbeit und welche Rolle sie bekommen hat in dem Stück? Für mich hat sie auch die Symbole, die ich nicht so richtig verstehe, wiederholt. Andererseits hat sie einen Bezug zu mir als Zuschauerin hergestellt, als würde ich über den Bildschirm noch etwas erfahren. Wie ein Interface zwischen der Performance, der Bewegung und mir als Zuschauerin. Als würde ich ein Informationsvideo schauen, erstmal. Dieses Gefühl hatte ich vor allem in diesem ersten Raum und danach wurde das Video für mich eher zum Accessoire oder Hintergrund, als dass es tatsächlich eine (Art von) Funktion hatte. Das Gefühl hatte ich zum Beispiel nicht beim Sound (Johannes Miethke), an den ich mich sehr schwer nur erinnern kann, aber der atmosphärisch sehr stark mitgearbeitet hat. Oder die orangenen Kabel, auch visuell… (Johanna Landt – Stageset) und die Videos haben sich für mich ein bisschen leergelaufen. Da würde ich gern nochmal hören, was die Idee dahinter war.

EL: Obwohl Judith Rau, die Videokünstlerin und Johanna Landt von Anfang an in den Prozess involviert und bei den Proben und Diskussionen dabei waren, war es erst relativ spät möglich mit Videomaterial und Bühnenbild zu proben. Wir haben lange Zeit in einem kleinen und eher gemütlichen Raum geprobt. Deshalb war es sehr schwierig, sich das Ganze in den Dimensionen auf der Bühne vorzustellen, auch um Übergänge und Verbindungen zu denken. Im Video geht es thematisch um den Ausnahmezustand, um Drohnen, Futurismus, Überwachung. Die Möglichkeit von Maschinen, zu töten und zu überwachen. Wo man nicht mehr genau weiß, wer steckt eigentlich dahinter. Diese Diskussion hat Judith stark beeinflusst. Sie hat dann viel mit Drohnenbildern gearbeitet und mit der Perspektive von Überwachung. In dem Video ist inhaltlich viel enthalten, das auch im Stück sichtbar wird. Gleichzeitig ist es auch allein entstanden. Ich glaube, das spürt man und das macht es eher zu einer Art Landscape oder Dekoration oder Zusatzinformation. Es ist eine ganz andere Umsetzung des Themas, eine eigene Ebene. Aber es hatte nicht mehr viel Einfluss auf die Bewegung.

HB: Das hat man gemerkt. Dass da nicht viel Kommunikation ist zwischen den Bildern und der Bewegung.

EL: Es gab schon den Versuch zeitliche Verschiebungen herzustellen und eine Art Rückblick auf die Performance.

HB: Stimmt, es gab diesen Moment, in dem die Performerinnen auch im Video erschienen sind. Nur hat das für mich zwar die zeitliche Dimension thematisiert, aber weniger auf die Performance verwiesen als vielmehr auf eine Probe. Aus einer spezifischen Perspektive gefilmten Probe. Und das hat mich verwirrt, oder mir schwer gemacht, es mit der Situation zusammen zu bringen. Ich glaube das wäre für mich leichter gewesen, wenn es diese Szene innerhalb der Performance gegeben hätte. Also die Performance, die sich selbst beobachtet.

Vielleicht als letzte Frage: Du hast schon gewisse Themenkomplexe und Konzepte angesprochen, mit denen ihr euch auseinandergesetzt habt, wie zum Beispiel Nacktheit, Ausnahmezustand, die Science-Fiction-Welt, das Cyborg-Manifesto. Mich würde noch interessieren, auch weil ich selbst als Dramaturgin arbeite, wie Du dramaturgisch mit Ursina Tossi zusammengearbeitet hast. Was waren Deine Aufgaben, was hast Du gemacht?. Habt Ihr mit einer gemeinsamen Recherche angefangen? Was waren Eure Fragen?

EL: Ursina ist eine extrem belesene Künstlerin, die sich sehr stark mit Theorie auseinandersetzt. Ich kam in einem Moment in den Prozess, als sie schon viel recherchiert hatte, und eine sehr lange Liste von Science-Fiction Filmen, die sie schon gesehen hatte und die sie beeinflusst haben. Und dann bin ich da eingestiegen und habe versucht, das nachzuholen, sozusagen, zu lesen, zu schauen, und in diesen Bereichen noch weiterzugehen, was es da noch gibt. Das war vor allem Recherchearbeit: zu Agambens Ausnahmezustand, zur Cyborg und dem Feminismus in der Cyborg-Idee, dann kam von mir auch viel aus der Bildenden Kunst, Texte, Bilder und Skulpturen von Posthumanistischen Kunstausstellungen. Das wurde genutzt für Bewegungsqualitäten. Dann gab es die Idee der Kopfhörer und einer Verbindung von Sprache und Bewegung, für die wir versucht haben, verschiedene Audiomaterialien zu finden. Eine Idee, die nicht umgesetzt wurde, war außerdem, Informationen an die Oberfläche zu bringen, die durch den Nachrichtenfluss verschluckt werden. Das Orange kommt zum Teil noch von Guantanamo als Ausnahmezustand. Dazu haben wir Tonprogramme und Audiodiskussionen gesucht, die die Performerinnen in den Proben auch als Musik zu den Bewegungen nutzen konnten, oder die sie währenddessen mitsprechen. Das war auch eine meiner Aufgaben, dieses Audiomaterial zu recherchieren. Was für eine Art von Sprache ist es? Diskussionssprache, Funksprüche, die am Ende auch in das Stück eingeflossen sind. Was für eine Qualität von Sender, Empfänger entsteht, wenn man das hört?

Das waren alles die Recherche-Aufgaben und ansonsten war ich viel in den Proben und dadurch, dass Ursina Tossi auch auf der Bühne war, habe ich stark gespiegelt, als Außenperspektive, was Bewegungen angeht oder Veränderung von Bewegung: Wer macht was und was verändert sich dadurch? Und was kann diese Bewegung an Assoziationen auslösen? Was Komposition und Struktur des Stückes angeht, war ich auch sehr im „Innen“, von der Bewegung ausgehend, im organischen Hintereinander, als dass ich von außen hätte sehen können, was würde strukturell Sinn machen, von einer Außenlogik.

HB: Hat Dir das gefehlt?

EL: Es hat mir nicht gefehlt, weil ich das Gefühl hatte, dass es diesem Stück und seiner Atmosphäre auch ganz gut tat. Nur manchmal hatte ich den Eindruck, dass es ein Manko ist, da nicht mehr rauszukommen. Das war auch meine erste dramaturgische Arbeit und ich bin selbst noch dabei herauszufinden, was das genau meint.

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– Heike Bröckerhoff | Juni 2017

Mit Dank an Elisabeth Leopold und Moritz Frischkorn. |  Foto: Sinje Hasheider

PLATEAU im Gespräch mit Michael Ziehl, im Rahmen von DanceKiosk – 48h Nomaden auf dem Deichtorhallenvorplatz in Hamburg am 9. Juli 2016

Michael Ziehl ist Dipl.-Ing. Architektur sowie MSc der Stadtplanung. Er arbeitet als Urbanist und Publizist und lebt in Hamburg. Von dort aus betreibt er Urban Upcycling – Agentur für städtische Ressourcen. Er hat das Hidden Institute mitgegründet und ist im Aufsichtsrat der Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG tätig. Seit 2015 schreibt er seine Promotion im Graduiertenkolleg “Performing Citizenship” an der HCU zur Kooperation zwischen Bürgerinitiativen und Stadtverwaltungen. Zuletzt erschienen ist City Linkage Arts and Culture Fostering Urban Futures.

Der Anfang des Interviews wurde wegen eines technischen Fehlers leider nicht aufgezeichnet. Wir bitten um Verzeihung und starten in medias res.

Michael: Zwischennutzungen nach dem Prinzip „Mensch, das Gebäude steht jetzt so lange leer, da könnte man doch mal was machen. Das schadet doch niemandem. Das könnte doch vielleicht sogar den Eigentümer interessieren.“ funktionieren sehr selten. Meistens geht es darum, dass Geld bezahlt wird. Oder es gibt irgendeine andere Zahlweise, Renommee oder eine Imageaufwertung, die damit einhergeht. Oft sind es große Institutionen, die in der Lage sind, sich einen Ort zugänglich zu machen, ein Theaterfestival zum Beispiel. Aber dass einzelne Kulturschaffende, die sich vielleicht als Verein organisieren und außer guten Ideen und Tatkraft wenig zu bieten haben, sich so ein Gebäude erschließen, funktioniert fast nie, weil es schlicht und ergreifend nicht im Interesse des Eigentümers ist, die Flächen dafür herzugeben.

Der [Eigentümer] denkt sich: Das macht mir Arbeit. Er wohnt in München, das Gebäude steht hier, wer soll sich darum kümmern? Das sieht ja danach schlechter aus als vorher. Ganz beliebt ist auch das Argument: Die gehen da nicht wieder raus, wenn sie einmal drin sind. Nicht ganz von der Hand zu weisen. Es hat aber auch einen anderen Hintergrund: Viele haben einfach die Befürchtung, dass, wenn sie einmal runtergehen mit der Miete oder sogar auf Miete verzichten, nie wieder ihre Mieterwartungen bezahlt werden. Warum sollte jemand anderes sagen: „Okay, ich zahle dir jetzt die 10€ oder 20€ pro Quadratmeter, wenn du das vorher ein halbes Jahr lang den Leuten da umsonst gegeben hast.“ Ist auch logisch.

Und außerdem sind viele Gebäude mit Krediten belastet. Die Gebäude sind die Sicherheit für diese Kredite und der Wert des Gebäudes leitet sich aus den zu erzielenden Mietkosten ab. Würde jetzt ein Eigentümer sagen, er gehe tatsächlich dauerhaft mit den Mietpreisen runter, entwertet er die eigene Immobilie und dann ist sozusagen sein Kreditwert nicht mehr gedeckt. Und dann gibt es noch Steuerabschreibungsgeschichten. Ich will hier nicht näher ins Detail gehen, aber es sind oft viele Gründe, die man auf dem ersten Blick übersieht und die im weiteren Sinne alle mit Eigentum und Finanzierung zu tun haben.

Und das ist ein Riesenproblem, weil dadurch enorme Mengen an Raum, selbst in einer Stadt wie Hamburg mit einer großen Raumnot nicht nur im Wohnbereich, sondern gerade auch im Gewerbebereich, ungenutzt sind. Außerdem fehlen Möglichkeitsräume für künstlerische Projekte. Aber diese Leerstände gelten in der Regel aus der typischen stadtpolitischen Perspektive nicht als Problem. Deswegen würde dir jeder Stadtplaner in der Verwaltung und Politiker in Hamburg sagen: „Wir haben kein Leerstandsproblem, es gibt praktisch keinen.“ Trotzdem stehen viele Gebäude leer.

Heike: Das ist eine frustrierende Dynamik, dass es einerseits so viel Leerstand in der Stadt gibt und wir uns so sehr nach Raum sehnen. Raum ist Mangelware. Gleichzeitig gibt es diesen Leerstand offiziell nicht!

Ein weiteres Beispiel ist natürlich die große Wasserfläche, über die Hamburg verfügt. Dazu gibt es auch ein Paar Formen von Nutzungsversuchen, zum Beispiel das Archipel in Wilhelmsburg. Das sind so eine Art von Pontons, die auf dem Kanal, mehr oder weniger fest, schwimmen. Dort finden Kulturveranstaltungen statt, unter anderem ist auch dieses Wochenende dort eine Radiostation aufgebaut. Also dieses Potential Wasserfläche ist ganz interessant. Wahrscheinlich muss man da auch hohe Mieten für die Nutzung zahlen? Kennst du dich damit aus?

Michael: Erstmal freue ich mich jetzt zu wissen, was auf dem Archipel los ist. Da bin ich heute morgen dran vorbeigegangen. Aber damit kenne ich mich nicht so gut aus. Da müssten wir die Leute vom Verein für mobile Machenschaften fragen. Die sind gerade dabei ein Floß zu bauen, um sich genau diese Wasserflächen in Hamburg anzueignen.

Ich weiß, dass insbesondere in Hamburg viele Wasserflächen Hafengebiet sind. Es gibt natürlich auch einige, die das nicht sind, aber alle die Hafengebiet sind oder sogar Bundeswasserstraßen , da kommt man in rechtliche Bereiche rein – Stichwort: Verkehrssicherheit – wo eine Aneignung sehr schwierig ist, wenn man sich nicht darüber hinwegsetzen möchte. Nun gut, die Aneignung von Wasserflächen ist bestimmt möglich, aber, ich denke mal, relativ aufwendig, relativ geld- und ressourcen-intensiv. Du musst immer erstmal einen schwimmenden Untersatz bauen, vieles davon ist nicht sonderlich witterungsbeständig.

Was ich eigentlich ganz witzig finde ist, dass die Stadt Hamburg selbst gerade versucht, diese Wasserflächen zu nutzen. Es gibt ein Programm, zunehmend auch Hausboote zu bauen. Aber das läuft halt mal wieder auf die typische Hamburger Art und Weise. Statt selbstbestimmte Aneignungen zu fördern, wie sie zum Beispiel im Spreehafen stattfinden – da gibt es sogenannte Hausbootkolonien, die sind wunderschön – gibt es Modellhausboote, die viele 100.000 € kosten, die von Investoren bereitgestellt werden. Einige, ich glaube acht Stück davon, liegen jetzt im Hochwasserbassin, hier in Hammerbrook, ganz in der Nähe. Ich glaube, die meisten stehen leer, weil es eben viel zu teuer ist und am eigentlichen Bedarf vorbeigeht, den viele Menschen haben. Manche sagen vielleicht: „Ich will mir mein eigenes Hausboot bauen und das sieht dann womöglich ein bisschen krumm und schief aus, aber genau diese Lebensart suche ich.“ Aber das will die Stadt Hamburg nicht, so etwas fördert die Stadt Hamburg nicht.

Auch auf der ästhetischen Ebene ist so etwas nicht willkommen im Stadtbild. Wenn, dann nur als Ausnahme mit Kunstfaktor. Selbst das ist schon schwierig. Das merken wir zum Beispiel auch im Gängeviertel ganz deutlich. Do-It-Yourself und selbst Hand anlegen in Zusammenarbeit mit der Stadt ist schwierig.

Wenn du selbst der Eigentümer bist, darfst du natürlich vieles machen. Aber das ist mir bisher selten begegnet, dass Menschen gerade im Kernbereich der Stadt Eigentümer von Grundstücken sind und dabei eine DIY-Ästhetik pflegen. Das gibt es eben nur in den urbanen Nischen, und die sind erfahrungsgemäß leider auf dem Rückzug. Ich denke, es würde der Stadt gut tun, wenn sie da mehr Mut beweisen und so etwas auch mitten in der Stadt zulassen würde.

Moritz: Ich erlebe den nomadischen Charakter von DanceKiosk als schöne Erfahrung. Es ist ein bisschen improvisiert, aber dadurch stellt sich stark eine temporäre Gemeinschaft her. Gleichzeitig merkt man, dass das Festival nur unter Aufwendung sehr großer persönlicher Ressourcen stattfinden kann, weil es unterfinanziert ist. Meine Frage ist dann einerseits: Auf welche Art und Weise schafft man es, wenn man sich aktivistisch oder künstlerisch Orte aneignet, sich nicht selbst auszubeuten? Birgt das nicht auch eine große Gefahr, sehr viel persönliche Ressourcen in Projekte zu stecken, die einem dann doch wieder entgleiten? Und die andere Frage, die sich damit verbindet – ich weiß nicht, ob es überhaupt eine Expertise dazu gibt, aber vielleicht hast Du eine Meinung dazu oder kannst auch mit Beispielen operieren: Auf welche Art und Weise können temporäre Nutzungsformen, wie dieses Festival, das hier nur 48h dauert, verstetigt werden? Welche Strategien gibt es da, um nachhaltig in eine Stadtentwicklung einzugreifen?

Michael: Zu der Frage nach der Selbstausbeutung habe ich keine Antwort und fühle mich nicht als geeigneter Experte in der Sache. Dazu könnt Ihr vielleicht gleich nochmal etwas sagen, ob Euch schonmal eingefallen ist, wie man das vermeidet. Klar, es gibt den Versuch, sich durch Fördergelder abzusichern, aber die gibt es ja in der Regel nicht und wenn dann nur als Ausnahme. Das große Problem liegt, finde ich, in der fehlenden Strukturförderung. Wenn man schon sagt, wir wollen Fördergelder überhaupt annehmen, dann gibt es die meistens auch nur sehr zeitlich begrenzt, also eher wird etwas Punktuelles gefördert. Das ist ja für viele Gruppen problematisch, gerade auch im Tanz- und Performancebereich hier in der Stadt.

Es gab aus dem Recht auf Stadt!-Umfeld ein Manifest und eine Kampagne, die nannte sich Raumnahme und ist 2014 gestartet. Darin wurde ein Umdenken in der Kultur- und Sozialpolitik gefordert. Die haben gesagt: Wir sehen es überhaupt nicht ein, für die ehrenamtliche Arbeit, die wir leisten, auch noch Miete oder Gebühren für irgendwelche Flächen zahlen zu müssen. Förderung wollen wir eigentlich auch gar nicht haben, weil das immer Abhängigkeit bedeutet. Denn jede Förderung kann dir auch wieder entzogen werden, wenn Inhalte womöglich nicht passen. Zumindest ist das immer wie ein Damoklesschwert, das über allem schwebt. Und man wird dadurch kontrollierbar. Deshalb die Forderung der Kampagne: Gebt uns doch einfach Flächen umsonst. Dann zahlen wir keine Miete und haben Gestaltungsfreiheit. Gut, ob man dann als praktizierender Künstler in der Lage ist unter verlässlichen Lebensumständen zu leben, weiß ich nicht, aber zumindest strukturell wäre das schonmal ein ganz guter Ansatz, um die Situation von vielen Kulturschaffenden insgesamt etwas zu verbessern und einen Beitrag auch zur Stadtentwicklung leisten zu können.

Wie kann sich etwas Temporäres verstetigen? Die Frage ist ja: Ist das überhaupt von den Akteuren gewollt, dass es sich verstetigt? Es gibt viele, die sagen, ich hab Lust, das zwei Wochen lang zu machen und danach bin ich weg, mache etwas anderes, ziehe weiter. Das ist unter dem Motto Nomadentum hier beim Festival ja auch ein Thema. Problematisch wird es erst, wenn man bleiben möchte und gezwungen ist, etwas nur temporär zu machen, weil man nicht bleiben darf oder sogar vertrieben wird. Wenn man sich mittlerweile relativ verfestigt hat an einem Ort, und dann kommt der Investor, oder der Mietvertrag läuft aus oder wird nicht verlängert. Ich würde mir oft wünschen, dass da die Stadt, soweit sie das überhaupt kann – und in vielen Fällen kann sie da ja auch nichts machen, weil es private Flächen sind –, d.h. wenn es zum Beispiel öffentliche Immobilien sind, zumindest mehr Wertschätzung zeigt und dazu beiträgt, dass solche Orte erhalten werden. Und dass nicht die Meinung vorherrscht, die leider sehr verbreitet ist: Endlich kommt da etwas Richtiges hin. Das andere war ja nur improvisiert und jetzt haben wir endlich jemanden gefunden. Das passiert leider viel zu oft, vor allem deswegen, weil die Wertschätzung fehlt. Ich denke, improvisierte Arbeit hat einen ganz besonderen Wert, gerade in Hinsicht einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung, weil sie oft mit viel weniger materiellen Ressourcen und viel mehr Einfallsreichtum agiert, als die immer wieder gleiche Architektur und Ästhetik zu reproduzieren oder herzustellen, die wir in den Städten sowieso immer mehr vorfinden.

Und weil es oft offene Orte sind, anschlussfähige Orte, wo auch mal Unvorhergesehenes passiert; Orte, die nicht eindeutig determiniert sind. Das ist ja die Essenz des Urbanen, der Urbanität – das Spontane, Unvorhersehbare, Improvisierte, Transformatorische. Einerseits versuchen die Städte mit wahnsinnigen Ausgaben, Urbanität zu inszenieren oder herzustellen, aber diese kleinen Kreise, in denen es einfach passiert, werden übersehen und gar nicht wertgeschätzt. Das erfordert ein Umdenken. Und deswegen hoffe ich, dass sich irgendwann die Stadt oder die Stadtverwaltung dafür einsetzt, dass solche Orte bleiben können. Und nicht nur in Ermangelung eines Investors, sondern auch dann, wenn ein Investor kommt, der Geld bezahlen würde. Das man einfach sagt: Nein. Das, was da vorherrscht ist uns viel mehr wert, als dass du da das nächste Bürogebäude hin baust. Dahin ist es noch ein ziemlich langer Weg. Aber das beschreibt auch nochmal, wie ich mit meiner Agentur, Urban Upcycling, eine andere Art von Stadtentwicklung verfolge: eine Stadtentwicklung, die aus vorhandenen Ressourcen betrieben wird, anstatt immer wieder auf Investitionen zu setzen.

Um nochmal auf deine erste Frage zurückzukommen, Moritz, ich würde gerne von euch hören: Was sind eure Erfahrungen? Wie schützt man sich vor Prekarisierung und Selbstausbeutung?

Wie tritt man einer Stadt oder allgemein Förderstrukturen gegenüber, die einen immer wieder da reindrängen möchten?

Heike: Das ist eine große Frage, die uns immer wieder begegnet und ich habe keine Lösung parat. Ich versuche erstens, glaube ich, prekäre Strukturen nicht weiterzugeben. Weil das passiert leicht, wenn man selbst schlecht bezahlt ist, dann aber gerade im Tanz und in den performativen Künsten mit anderen Leuten zusammenarbeitet. Und ich glaube, das ist der erste Schritt, zu sagen: Ich mache hier einen Punkt. Es reicht ja, wenn ich mich selbst ausbeute.

Dann gibt es mittlerweile die Honoraruntergrenze als Empfehlung. Die funktioniert als Äquivalent zum Mindestlohn für Kunstschaffende. Die liegt bei 500€ pro Woche*, für Künstler/innen, die in der KSK (Künstlersozialkasse) sind. Das heißt, wenn man diesen Status nicht hat, müsste man eigentlich mehr Geld verdienen. Das bekommt man aber sehr selten. Den Mindestlohn gibt es fast nie, könnte man auch sagen. Was ich gemerkt habe in der Szene, ist, dass sich trotzdem viele, wenn sie Geld beantragen, auf diese Honoraruntergrenze beziehen und danach auch den Budgetplan erstellen. Also nicht das Honorar für die Mitarbeiter/innen drücken und denken, dann bekomme ich wenigstens überhaupt etwas Förderung – das ist nämlich nicht der Fall. Die Kulturbehörde oder Stiftung zieht sowieso nochmal etwas ab.

Auf jeden Fall immer wieder deutlich machen: Das ist nur der Mindestlohn. Es ist wichtig, dass das viele machen, dass das alle machen. Wenn niemand sich mehr anbietet, unter dem Mindestlohn zu arbeiten, muss vielleicht auch niemand mehr unter Mindestlohn arbeiten. Bedeutet allerdings auch, dass dadurch deutlich weniger Projekte gefördert werden. Das war in diesem Jahr der große Schock für die Hamburger Tanz- und Performance-Szene. Die wenigen geförderten Projekte wurden allerdings einigermaßen gut gefördert.

Michael: Was ich vorhin skizziert hatte, die Idee zu sagen: Behaltet eure Fördergelder. Wir nehmen gern Gebäude, wenn wir da Freiraum haben, wenn wir dafür nichts zahlen müssen. Wir versuchen, uns etwas eigenes aufzubauen. Wäre das überhaupt interessant für Euch, hättet Ihr Interesse daran? Oder sagt ihr Euch: Nein. Ich lass mich nicht zur Stadtentwicklung einspannen. Oder: Ich will das gar nicht, ich will flexibel und unabhängig bleiben. Dann habe ich so einen Raum an der Backe, damit geht ja auch Verantwortung einher. Oder ich habe gar keine Lust auf die Tätigkeit, die damit zusammenhängt. Da gibt es ja viel für und wider. Für Euch ganz persönlich, für eure Arbeitsweise, wäre das überhaupt attraktiv?

Moritz: Ich habe mit einer Kollegin zusammen eine Weile lang einen Studioraum betrieben. Da mussten wir natürlich Miete zahlen. Und ich habe gemerkt, dass ich das schon aufreibend fand, neben der freiberuflichen Tätigkeit als Tanzmacher und der Arbeit im Graduiertenkolleg auch noch einen Raum zu leiten, mitzugestalten, dafür Programm zu machen, dafür Verantwortung zu übernehmen. Die Idee finde ich sehr reizvoll, aber ich müsste bei meiner eigenen künstlerischen Praxis auf jeden Fall Abstriche machen und dazu bin ich jetzt gerade nicht bereit.

Ich wollte noch zu dem, was Heike gesagt hat, eine Frage mit einbringen. Was ist mit den klassischen Mitteln der politischen Mitbestimmung, die Form der Organisation? Die werden gar nicht so besonders benutzt. Es gibt einen Dachverband der freischaffenden darstellenden Künstler/innen. Ist das nicht auch Potential, klassische Wege der politischen Mitbestimmung zu nutzen? Oder sind die vielleicht einfach nicht mehr so effektiv?

Heike: Wir sind beide Co-Initiator/innen von PLATEAU, einer Internetseite, auf der wir Texte über Performance, Tanz und Choreographie, aber auch Bildende Künste und Kulturpolitik veröffentlichen. Wir haben uns als Kollektiv oft ein festes Büro gewünscht, in dem wir uns treffen können und wollten das nicht mehr bei uns zu Hause machen. Und dann hatten wir dieses Studio und konnten das nutzen und waren super selten dort. Dazu lag es vielleicht ein bisschen zu außerhalb, in Hammerbrook. Ein schöner, großer Raum, aber irgendwie haben wir das doch nicht so sehr gebraucht.

Ich glaube, das ist Teil des Konflikts, den ich auch habe. Ich bin viel unterwegs, arbeite auch in Frankreich. Ich wünsche mir sehr hier einen Ort zu haben, den ich mitgestalten kann, weil ich glaube das wäre eine große Chance, um sich unabhängiger zu machen von Förderstrukturen, von anderen Institutionen und dem Wohlwollen anderer. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob dieser Aufwand und das Engagement, das das erfordert so einen Ort zu gestalten, zu diesem projektbasierten Arbeiten passt, bei dem man von Residenz zu Residenz durch Europa zieht. Andererseits bin ich auch nicht davon überzeugt, dass es ein gutes Modell ist, ständig den Ort zu wechseln und unterwegs zu sein.

Michael: Meine Erfahrung ist, auch gerade im Rahmen von vielen Zwischennutzungsprojekten, dass, wenn es so einen Raum gibt, ob jetzt temporär oder dauerhaft, kann er unheimlich hilfreich sein, um Netzwerke herauszubilden und Konstellationen herzustellen, die so vorher noch nicht bestanden haben. Ich kenne viele Gruppen, die in Eurer Situation waren und gesagt haben: Ist ein super Raum, aber wir schaffen es doch gar nicht, den auszunutzen und zu bespielen. Die tun sich dann zusammen mit anderen Strukturen, mit anderen Vereinen, mit Einzelpersonen und dadurch entsteht ein Netzwerk oder auch eine Nutzergemeinschaft. Das kann eine unheimliche Triebkraft sein für die Stadtentwicklung, wenn sich solche Gruppen herausbilden und es passiert ganz oft durch konkrete Räume.

Gerade wenn es um die Aneignung von Leerständen geht, beispielsweise ein großer Supermarkt. Was willst du mit 300 m2 Supermarktfläche? Da holst du dir natürlich immer noch jemanden mit rein. Oder auch was im Gängeviertel passiert, 12 leere Häuser mitten in der Stadt – da sind heute auch nicht mehr die Leute aktiv, die am ersten Tag reingegangen sind. Ein paar von denen sind noch da. Aber das hat sich immer wieder verändert. Und gerade dieser Durchlauf, der da stattfindet, produziert ein unheimliches Netzwerk, das in dem Fall sogar über die halbe Welt verteilt ist. Und auch hier [beim Dancekiosk Festival]: einen temporären Ort dafür zu nutzen, sich zu vernetzen, um Kontakte zu knüpfen, gemeinsame Interessen zu erkennen und auch zu artikulieren. Für mich als derjenige, der Gruppen kuratiert hat, war immer wichtig, zu schauen: Was passt zusammen? Was lässt sich sinnvoll in diesem Raum zusammenzuführen? Wie können sich diese Nutzungen ergänzen? Der eine arbeitet nachts, der andere tagsüber. Die brauchen die Erdgeschossfläche, die wollen lieber ein Büro oben im ersten Stock. So kann man über Szenengrenzen hinweg Gruppen zusammenbringen: Nicht nur die Performance-Gruppe mit der Tanzgruppe, sondern quer denken. Das ist für mich das interessante politische Element im Bezug auf die Stadtentwicklung: Was sind eigentlich die verdeckten gemeinsamen Interessen über Szenen oder Milieus hinweg?

Prekarisierung ist ja nicht nur ein Problem, das Künstlerinnen und Künstler betrifft – in dem Fall ist es eher der Abbau von Fördergeldern, der eine Rolle spielt. Aber dass sich der Staat aus vielen Leistungen zurückzieht, die er früher übernommen hat, betrifft viele Teile der Bevölkerung. Wenn man dagegen angehen möchte, denke ich, erreicht man eine größere Wirksamkeit, wenn man die gemeinsamen Interessen erkennt und versteht: Prekarisierung betrifft viele und damit sind wir nicht einverstanden. Dann kann man nicht in diesen schönen Sparten nach dem Motto „Herrsche und teile!“ gegeneinander ausgespielt werden, wo die Leute gegeneinander um die Fördertöpfe oder Sozialleistungstöpfe kämpfen. Sondern dann kann man eher das grundsätzliche Problem angehen und gerade da – jetzt bin ich wieder ganz der Stadtplaner und Architekt – sind Räume ganz wunderbare Mittel, um den Hebel anzusetzen.

Kritisieren kann man ja viel und man kann auch sehr viel diskutieren, publizieren und inszenieren, das ist alles ganz wunderbar und wichtig, aber es ist etwas besonderes, wenn man einen Raum besetzt und von dem aus agieren kann, weil man Sichtbarkeit produziert in der Stadt, weil man sich auf eine besondere Art vernetzen kann. Und ich habe zu meiner eigenen Überraschung immer wieder festgestellt, dass diese physischen Räume in der Stadt und die Verfügbarkeit darüber auch in unserer digitalisierten Welt immer noch extrem wichtig sind, um etwas zu verändern.

Ich hab jetzt ein bisschen verdeckt die soziale Frage aufgemacht. Inwiefern ist es für Euch überhaupt interessant, sich damit auf einer künstlerischen Ebene zu beschäftigen? Also nicht nur aus den eigenen Lebensverhältnissen heraus: Wir haben kein Geld oder wir brauchen Räume, wir haben keinen Platz zum Arbeiten. Inwiefern interessiert es Euch, das zu verbinden, die eigene soziale Frage und Betroffenheit in die künstlerische Arbeit zu übersetzen? Gerade vor dem Hintergrund, dass es aktuell ein Riesenthema der social urban art ist. Es heißt immer, Künstler/innen engagieren sich wieder vielmehr für soziale, für gesellschaftliche Aspekte. Es gibt die große Gegenfrage: Soll das die Kunst überhaupt? Ich weiß es auch nicht. Für mich als Stadtplaner ist es natürlich interessant, wenn sich Künstler/innen auch stadtgesellschaftlichen Fragen annehmen.

Moritz: Ich versuche da ehrlich gesagt eine gewisse Form von Ordnung zu halten. Und mich auf drei Bereiche aufzuteilen. Ich habe meine eigene künstlerische Praxis, die sich mit unterschiedlichen Themen auseinandersetzt, die ich aber nicht unbedingt als eine zivilgesellschaftliche Positionierung verstehe und wo ich auch nicht versuche – weil ich das für eine absolute Grundbedingung halte – da soziale Wirksamkeit einzufordern, von dem was ich tue. Dann gibt es einen zweiten Bereich, in dem ich versuche, zum Beispiel mit der Gründung dieser Webplattform hier, mich strukturell für einen bestimmten gesellschaftlichen Bereich zu engagieren, in dem ich selbst tätig bin. Und es gibt einen dritten Bereich, den ich genauso wichtig finde, wo ich mich aber, unabhängig von meiner Tätigkeit als Künstler, als Bürger positionieren kann und soll und muss. Sei das in der Art, wie man Geflüchtete hier willkommen heißen kann, oder wählen geht, oder Guerilla Gardening betreibt, oder anders. Aber meine persönliche Positionierung ist es, alle drei offen zu halten, aber die Bereiche eher ordentlich voneinander abzugrenzen.

Heike: Ich bin nicht so ganz entschieden, was meine Position da angeht. Einerseits habe ich eine gewisse Skepsis der Idee gegenüber, dass Kunst soziale Aufgaben übernehmen kann und soll und darf, vor allem darf. Es wird großzügig gefördert, wenn Kunst soziale Bereiche abdeckt. Deswegen stehe ich dem etwas skeptisch gegenüber: Was bedeutet das? Heißt das, dass wir dann machen, was die Politik nicht mehr leisten will oder eine Verantwortung aus der andere sich zurückziehen wollen? Andererseits finde ich es wichtig, dass Kunst sich nicht als eigener Raum abschließt. Vielleicht muss es sich bis zu einem gewissen Grad abschließen, aber für mich ist wichtig, dass es trotzdem einen Bezug zur Welt gibt, trotzdem das Bewusstsein darüber, dass Kunst in einer Welt stattfindet, in einer konkreten, materiellen Umwelt, in Strukturen, in der Stadt, an Orten und sich auch damit auseinandersetzen sollte, finde ich.

Meine Mitarbeit bei diesem Festival wäre vielleicht die Grenze, bis zu der ich bis jetzt gegangen bin. Zu fragen: Wie kann man Tanz anders zeigen, durchlässiger machen und damit einen Ort in der Stadt herstellen. Zu sagen: Wir haben das Recht auf Stadt, auf einen Ort hier, oder Platz oder Raum. Nicht aktivistisch vielleicht, aber ich glaube es gibt eine politische Dimension darin. Ohne dass der Inhalt selbst soziale Fragen bearbeitet, sondern eher das Wie wir etwas machen, wie wir hier sind, wie wir versuchen, uns sichtbar zu machen, wie wir miteinander umgehen, usw.

Moritz: Ich wollte noch zwei Sachen dazu sagen. Es gibt auf jeden Fall eine ganze Reihe von interventionistischen oder engagierten Kunstpraktiken, die ich sehr interessant finde, die einfach nur nicht meine persönliche Praxis sind. Und die zweite Sache ist die Frage nach so etwas wie audience development. Das wirft man der zeitgenössischen Tanz- und Performance-Szene ja immer mal wieder vor, sie würde sich nicht genug darum kümmern, wer ihr Publikum ist. Ich finde, da sind wir dazu aufgerufen, uns zu positionieren und das geschieht manchmal nicht genug. Das ist eine nachvollziehbare Forderung, mit der man sich auseinandersetzen muss. Andererseits kann man sich auch darauf berufen, dass man in der künstlerischen Praxis versucht Theaterformen, theatrale Formen, Körperpraktiken zu verändern, zu verschieben. Und das ist notwendigerweise eher eine periphere Arbeit, die eben vielleicht nicht in der Mitte der Gesellschaft stattfindet, die sich aber über viele weitere Schritte von der Peripherie aus vermittelt, in die großen Häuser hinein, in die Orte, die vielleicht noch ein ganz anderes Publikum haben, als das, was jetzt gerade hier ist. Da könnten wir manchmal viel stärker auftreten, als „Innovatoren“ vielleicht, die versuchen, eben die Art und Weise, wie wir uns als Gesellschaft selbst verhandeln, in der Kunst zu verändern, neu zu denken. Die Frage nach Öffentlichkeit ist eine schwierige Frage, in der ich aber manchmal dem zeitgenössischen Tanz, gerade in Hamburg, wünschen würde, dass er versucht die Argumente zu schärfen und vielleicht ein bisschen selbstbewusster aufzutreten.

Magst Du da noch ein Schlusswort sprechen, Michael?

Michael: Ein Schlusswort nicht. Aber eine Sache möchte ich noch sagen. Mir ist wieder eingefallen, was du vorhin gefragt hast: Ob man nicht auch mehr politische Mitbestimmungsmöglichkeiten nutzen sollte à la Dachverband, DfDK? Das ist ja eine grundsätzliche Frage.

Wir haben ja demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten und trotzdem gibt es eine gewisse Politikverdrossenheit, was das Wahlverhalten angeht und auch ein zunehmendes Misstrauen, in diese Vertretungs-, Repräsentationsinstrumente und -gremien, auf allen Ebenen. Es gibt die These, dass gerade wegen dieses zunehmenden Misstrauens, Menschen immer mehr anfangen, sich politisch durch die Gestaltung ihres unmittelbaren Umfeldes zu artikulieren, oder das zumindest versuchen. Wege, zu sagen, wir übernehmen mehr Verantwortung für soziale Fragen gerade in der Nachbarschaft. So richtig erforscht ist das noch nicht, aber das ist zumindest eine These, die von einigen bekannten Politikwissenschaftlern vertreten werden. Mich stimmt das ein bisschen hoffnungsvoll.

Ich glaube auch, dass wir zunehmend mit Herausforderungen konfrontiert werden, in einer immer komplexeren Gesellschaft, auch Stadtgesellschaft, die die klassischen Repräsentationsinstrumente, die wir haben, eh gar nicht mehr bewältigen können. Ich denke auch eine Delegation von Aufgaben von der Politik oder der Verwaltung an die Bürger/innen macht Sinn. Es muss nur gut organisiert sein und es braucht den notwendigen Ausgleich oder Bezahlung dafür, wenn so etwas übernommen wird. Oder Freiheit. Also ich finde, es ist auch ein guter Deal zu sagen: Ich übernehme die Verantwortung, aber dafür bekomme ich auch einen Zuwachs an Freiheiten.

Es ist trotzdem fatal, wenn man bereits bestehende Mitbestimmungsmöglichkeiten aufgibt. Wie so oft muss man leider beides machen. Das ist sau-anstrengend, aber ich glaube, wir sind da in einer grundsätzlichen Umbruchsituation. Das trifft auf die Kunst zu, wie auf den sozialen Sektor, wie auf viele Bereiche und auf das allgemeine Verhältnis von Bürger/innen zu repräsentativer Demokratie. Ich fände es fatal, zu sagen: Früher war alles besser, wir versuchen das aufzuhalten. Das wird nicht funktionieren.

Ich glaube, es bleibt uns leider gar nichts anderes übrig, als weiterhin die Mitbestimmungsmöglichkeiten zu nutzen, die wir haben, und diesen Prozess möglichst verantwortungsvoll zu gestalten. Ich kann verstehen, wenn das unattraktiv ist, aber ich würde mich freuen, wenn Künstler/innen auch ihre Artikulationsfähigkeiten in ihrem Aufgabenfeld und die Bühnen, zu denen sie einen Zugang haben, nutzen würde, das auch im emanzipatorischen Sinne voranzutreiben. Das war nun doch ein Schlusswort.

Moritz: Dankeschön.

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* Mittlerweile liegt die Honoraruntergrenze in Hamburg bei 600€/pro Woche für freischaffende Künstler/innen, die in der Künstlersozialkasse sind. Siehe auch: http://www.dfdk.de/images/uploads/2016/DfdKEmpfehlungHonoraruntergrenze.pdf

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– Heike Bröckerhoff und Moritz Frischkorn | Mai 2017

Mit herzlichem Dank an Michael Ziehl und DanceKiosk Hamburg.

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(19.-22. Oktober 2016, Kampnagel, Hamburg)

‘Gloom’ beginnt mit einer Geste. Nachdem man vom Kampnagel-Foyer aus zum Hintereingang der K1 geleitet wurde, führen zwei Wege in die Dunkelheit des Stücks. Die Entscheidung, welchen Weg ich gehen will, wird mir von der beherzt lächelnden Bühnentechnikerin abgenommen. Sie zeigt mit der Hand bestimmt nach rechts. Ihrer Weisung folgend, werde ich von einem Scheinwerfer geblendet. Erst nachdem ich unter ihm hinweg und durch eine Öffnung im Vorhang getreten bin, kann ich den großen Bühnenraum sehen. Mehrere Performerinnen entzünden dort langsam aber beständig künstliche Teelicht-Kerzen.

Die Geste und die Blendung. Oder: Gesten der (Ver-)Blendung? Dieser Anfang setzt den Ton für eine Performance über zeitgenössische Formen der Mystik und ihre Kraft und Wirkungsweise in der kapitalistischen Warenwelt (Choreographie: Regina Rossi, Dramaturgie: Greta Granderath, Künstlerische Assistenz: Franziska Schnoor). Einmal eingetreten, einmal verblendet also, befinde ich mich in einer Schattenwelt: Außer den Kunst-Teelichtern und einzelnen Neonröhren scheint kein Licht und es ist ziemlich dunkel. Wohin Licht fällt, bestimmt eine Performerin mit einem Spiegel. Mit ihm bricht sie das von der Decke fallende Licht eines stark fokussierten, quasi-göttlichen Scheinwerfers, und macht damit die Gesichter der versammelten Zuschauer_innen sichtbar.

Ich denke: Es geht um Beleuchtung und Erleuchtung, und wie sie nie allein in unserer Hand liegen. Die Performance lenkt meinen Fokus auf das foto-logische Dispositiv, durch das sie selbst erst möglich wird. Licht ist hier mehr als die Grundlage für Sichtbarkeit. Es ist die Bedingung für Erkenntnis und damit für westliche Rationalität. Außerdem macht diese theatral und mystisch aufgeladene Anfangsszene erfahrbar, dass Licht in unserer Kulturgeschichte auch eine Form der Anerkennung, Legitimation und Versicherung darstellt, die nur von höherer oder allerhöchster Instanz zuerkannt werden kann. (Nun: Woher auch immer seine Inspiration stammt, das eindrucksvolle Lichtdesign der Performance jedenfalls hat Sérgio Pessanha entworfen und eingerichtet.)

Nachdem wir von einer scheinbar schwebenden Seherin durch das Teelichter-Meer geführt worden sind, antwortet ein vierköpfiges Orakel auf drei Fragen aus dem Publikum. Dafür strecken die breitbeinig sitzenden Performerinnen in abgehackten Bewegungen ihre Hälse, bis der Kopf in den Nacken fällt, und stottern dabei vielsagende Sentenzen. Das ist wohl ein bewusst gesetztes Fake, denn sowohl die Fragen, als auch die Antworten scheinen von vornherein festzustehen: You decide when the end is.

Während sich das Publikum danach im Halbkreis anordnet, folgt eine Gruppenchoreographie, die etwa das erste Drittel der Performance ausmacht. Die Tänzerinnen führen eine Art Tai-Chi-Bewegungsfolge aus, zunächst zu dritt, dann zu viert, und schließlich zu fünft. In ihrem gleitenden, konstant langsamen Tempo scheinen die Körper von äußeren Kräften oder Anziehungen gesteuert. Alle fünf Performerinnen (Gaëtane Douin, Nora Elberfeld, Teresa Hoffmann, Angela Kecinski und Silvana Suarez Cedeno) agieren dabei, und durch das ganze Stück hinweg, gekonnt und hochkonzentriert. Meine Aufmerksamkeit ist gefesselt, auch wegen der meditativen, sogartigen Langsamkeit der Tanzfolge.

Körperlich wird hier ein Modus der Versenkung sichtbar gemacht, wie er vielleicht in der Trance erlebbar ist. Und wirklich führt die Performance in ihrem zweiten Teil einen reigen-artigen Tanz vor, der zwischen Erleuchtung der Derwische und zeitgenössischer Yoga-Heilserfahrung schwankt. Nora Elberfeld heizt dazu ihren Kolleginnen, die mit ausladenden Armbewegungen im Kreis tanzen, mit markigen Sprüchen ein: Don’t give up. Only what challenges you, can change you. Erleuchtung jedenfalls braucht Kraft und Ausdauer.

Das Publikum folgt den gleitenden und später exaltierten Bewegungen der Performerinnen gebannt. Kommt hier, auf der Suche nach einer anderen Form der Erleuchtung, eine alternative Gemeinschaft zu sich selbst? Haben wir uns im Theaterraum versammelt, um Momente der Kontemplation zu erleben, die unser profanes Dasein als Konsument_innen sonst nicht mehr zulässt? Wohl nicht. Die Erscheinungen, die von den Performerinnen im folgenden, dritten Teil des Stücks in Gang gesetzt oder verkörpert werden, rekurrieren immer wieder auf eine Form des Spektakels, wie wir es aus Neon-Reklamen oder von Werbetafeln kennen. Während das Stück zu Anfang eine Schattenwelt herstellt, die Momente der Ruhe und meditativen Fokussierung von Aufmerksamkeit ermöglicht, mutiert es jetzt immer mehr zur Scheinwelt.

Eröffnet wird dieser dritte Teil des Stücks mit einem szenischen Witz: Die Bühnentechnikerin betritt mit Hermes-Paket in den Armen die Bühne und überreicht das Paket der Gewinnerin des Derwisch-Wettbewerbs. Die Tänzerin, die am längsten den Reigen tanzen konnte, darf das Paket öffnen. Darin sind billige Lichtkugeln, die von ihr als interaktives Spiel auf dem Boden aufgebaut werden. Eine andere Tänzerin zieht sich aus und bestreut sich selbst mit Glitzer. Mehr und mehr Bilder entstehen nebeneinander und das Publikum ist eingeladen näher zu treten, unter anderem indem es von einem Speisewagen mit Brötchen und Obst verköstigt wird. Und zwischendurch stellen die fünf Performerinnen plötzlich Werbephotos.

Ich überlege: Ist der Sog der Versenkung, diese bodenlose Bewegung ins Nichts des Heiligen, wie sie im ersten und zweiten Teil der Performance angedeutet wird, zugleich die Kraft, mit der uns die Konsumgüter unseres Alltagslebens mit ihrem eigenen Schein anziehen? Ist der zu Anfang vorgetanzte reibungslose, quasi-automatische Fluss das Bewegungs-Pendant zum Fließband oder zur unsichtbaren Reise des Paketboten? Das sind choreographische Aspekte einer bekannten These: Marx’ einschlägiger Begriff des Warenfetisch beschreibt unser quasi-religiöses Verhältnis zu Produkten, die in Arbeitsteilung hergestellt werden. In Walter Benjamin’s Fragment ‘Kapitalismus als Religion’ wird diese Idee erweitert. Laut Benjamin ist „im Kapitalismus eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben“. Der Kapitalismus als „reine Kultreligion“, die permanent andauert, entfremdet den Menschen vom Werk seiner Hände und verschuldet ihn universell. In der Scheinwelt des Konsums, die Guy Debord später als Gesellschaft des Spektakels bezeichnet, sollen mystisch aufgeladene Waren unsere geheimen Wünsche befriedigen.

Die Ware ist dann mit einem ambivalenten choreographischen Potential aufgeladen: Sie zeiht uns unwiderstehlich an. Als Konsumenten laufen wir ihr hinterher, versenken uns in ihren Anblick, schmücken uns mit ihrem Schein. Die Erfüllung unserer Begierden und die göttliche Erleuchtung, die sie uns verspricht, entzieht sich aber immer wieder und bleibt unerreichbar. In der Performance wird diese Bewegung durchgeführt und bebildert. Die Lichtkugeln in ihrem langsamen, fließenden Farbwechsel sind zwar berückend anzusehen, zugleich sind sie einfach schäbige Dekoration für zwielichtige Orte. Im Theater bekommen sie ihren kleinen auratischen Moment, bevor sie aus dem Bewusstsein verschwinden.

Zum Schluss hin zerfällt die Performance in immer mehr Einzel-Aktionen. Material aus vorherigen Szenen wird wiederholt. Die Stimmung kippt ins Aufgekratzte und Desolate. Ob nun die Zuschauer_innen in der Hand haben, wie lange das Stück weitergeht und wann sie austreten können aus der wohlbekannten Welt des Scheins? So hat es das vier-köpfige Orakel vom Anfang des Stücks prophezeit: You decide when the end is. Auch das ist Fake. Die Performerinnen machen einfach weiter, auch wenn ein Großteil des Publikums jetzt klatscht und die Bühne verlässt.

Die Arbeit am Mythos und am Spektakel endet wohl nie. Denn kehren wir nicht, wenn wir uns schließlich selbst aus der Performance entlassen, in den uns bekannten, längst schon mystisch aufgeladenen Warenhype zurück: Iphone wieder an, kurz mal Tinder gecheckt, und dann ein Heineken. Adorno und Horkheimer revisited also, als lustvolle Kritik an Schein und Performance inszeniert? Und trotzdem: Gerade in der hier beschriebenen Ambivalenz von fokussierter Aufmerksamkeit, starken, teilweise berückenden, teilweise humorvollen Bildern einerseits und einer lauten, leuchtenden Verkaufsästhetik andererseits liegt für mich die Stärke des Stücks. Es wird getragen von hervorragenden Darstellerinnen und berührt in den langsamen tänzerischen Passagen zu Beginn der Performance.

Am Ende frage ich mich: Ist in der gleitenden, quasi-automatischen Bewegung, wie sie in der Performance als Tanz, als unmerkliche Transformation der Lichtkugeln, oder mit dem Segway-artiges Gefährt, das von einer Marianne-artigen Cheerdance-Queen gefahren wird, ein choreo-logisches Moment des Zeitgenössischen getroffen? Ähnlich den gigantischen logistischen Bewegungen, die immer mehr Waren von hier nach dort transportieren, über das Meer, in der Luft und über jegliche nationalen Grenzen hinweg. Und unterscheiden sich diese Bewegungen heute überhaupt noch vom Fließen des Wassers oder den stetig sich verändernden Formen einer Flamme, in die sich die Mystiker einst versenkten?

Das ist der zweite, ins Choreographische gewendete Teil der konsumkritischen These von oben: Die Waren blinken und sprechen uns an, ihr Sog bindet uns an sie, während sie ihr Versprechen nie ganz erfüllen. In ihrem mystischen Schein steuern die Dinge menschliches Verhalten. Gleichzeitig scheinen die Dinge selbst heute immer stärker belebt zu sein. Ohne dass wir es bemerken oder etwas dafür tun müssten, umkreisen sie den Planeten. Sie leuchten und kommunizieren. Sie sind immer am richtigen Ort, immer schon da für uns. Diese gigantische automatische Warenbewegung – vom Fließband, über den Container, bis hin zum Algorithmus – entzieht sich unserer Vorstellungskraft. Sie ist Mythos im schlechten Sinne: Unvorstellbar, sublim und ziemlich verstörend.

– November 2016 I Moritz Frischkorn (mit Dank an Heike Bröckerhoff und Jonas Leifert)

Gedankenskizze über das Verhältnis von Bewegung und Zeichnung

#1: Here’s a landscape

Eine beleuchtete Galerie in einem dunklen Straßenzug in der Hamburger Neustadt. Einige Besucher*innen stehen schon vereinzelt um das große Schaufenster, aus dem helles Licht auf den Bürgersteig fällt. Die Temperaturen werden langsam herbstlich, doch noch ist der Abend mild und frisch an diesem 28. September 2016.

Der Blick durch das Schaufenster mit der gespiegelten Aufschrift TANZ gibt freie Sicht auf die weißen Wände der Galerie projekt/t/raum als typischer White Cube. Die weißen Wände stehen im Kontrast zur dunklen Straßenschlucht der Nachbarschaft. Die weißen Wände stehen aber auch im Kontrast zu Fenanda Ortiz’ langen schwarzen Haaren und Ursina Tossis dunkler, enganliegender Jeanshose. Beide Performerinnen der Tanzinstallation „THINK“ tasten mit Handflächen, Armen und Oberkörper die mit Papier bespannte Rückwand des Galerieraums ab. Ihre Körper schmiegen sich an die Rückwand, fahren über den hellen Grund, streichen mit Schenkeln, Füßen, seitlicher Hüfte oder dem Hinterkopf die unbefleckte Fläche entlang. Erst in kleinen, sich schnell wiederholenden, kantigen Bewegungen, später auch in weiter, runder und ausschweifender Geste. Dabei bleiben die Köper stets im direktem Bezug und körperlichen Kontakt zur weißen Oberfläche.

Nach einiger Zeit wird das Publikum hereingebeten und die Zuschauer*innen nehmen in der Galerie Platz. Beim Eintritt in die Galerie rückt direkt der Klang der Bewegungen in den Fokus der Wahrnehmung. Das Streichen, Streifen und Schleifen der Haut über das Papier erzeugt einen trockenen, kratzigen Sound, der – je nach Bewegung – anschwillt und abebbt. Später dringen elektronische Klänge aus dem hinteren, leeren Raum der Galerie nach vorne. Die Bewegungen werden teils unterstützt, dann wieder kontrastiert durch die Soundkollage von Moxi Beidenegl. Die Geräusche der Bewegungen an der Wand werden live abgenommen und als verfremdete Sounds in einer subtilen Klang-Kulisse arrangiert. Dabei sind die choreographischen Elemente des Bewegungsmaterials dieselben, wie die Elemente der Klanginstallation: schnelle Loops von kurzen Sequenzen, das Durchschreiten und Ausfüllen des gesamten Raumes, das Umkreisen des eigenen Körpers, wabernde Positions- und Rhythmuswechsel und der Fokus auf die weiße Wand als Resonanzkörper.

Einige Passanten, die an der Galerie vorbeilaufen, bleiben stehen und beobachten über die Schultern des Publikums im Innenraum die Bewegungen der Tänzerinnen. Innerhalb einer minimalistischen Choreographie bahnen sich Ortiz und Tossi im Laufe der Tanzinstallation ihren Weg von der Rückwand, über den Boden bis in den dreidimensionalen Raum. Dabei endet nach einer guten halben Stunde die Performance mit einer kleinen Bewegungssequenz von Unsina Tossi, die von Fernanda Ortiz beobachtet und mit schwarzem Graphit auf der weißen Rückwand der Galerie graphisch in eine visuelle Skizze übersetzt wird. Zuletzt wird die Choreographie, die sich nach und nach ihren Weg in den dreidimensionalen Raum gebahnt hat, in Form einer Zeichnung also wieder zurück auf die Rückwand der Galerie projiziert. Was von diesem Abend bleibt, ist die Erinnerungen der Besucher*innen und eine körpergroße skizzenhafte abstrakte Zeichnung mit schwarzen Linien. Eine Zeichnung als Spur der letzten Bewegungssequenz der Performance.

Sehr bedächtig bleibt die Zeichnung am Ende der Performance zurück und wird von den Zuschauern in stummer Ehrfurcht betrachtet. Ein bisschen zu unschuldig ist dieser Moment und doch verrät diese stille oder vielleicht sogar sakrale Stimmung etwas vom Wesen dieses Abends. Bewegungsskizzen, die nicht eindeutig entschlüsselt werden können. Ein elektronischer Sound, dessen konkreten Bezug zu den realen Körpern und Bewegungen im Raum eher erahnt denn kognitiv erschlossen werden kann.

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Foto: Jonas Leifert

Der erste Abend mit dem Titel „#1: Here’s a landscape“ bildet den Auftakt einer Performance-Reihe an fünf aufeinander folgenden Abenden. Die Galerie ist dabei tagsüber mit einer Soundinstallation geöffnet. Am Abend findet jeweils eine Performance statt, die ihre visuellen Spuren im Raum durch schwarzes Graphit und ihren Schall innerhalb der akustischen Soundinstallation hinterlässt. Am Ende des Abends bleiben Fragen: Was wird in den nächsten Performances passieren? Welche Spuren werden an den nächsten Abenden hinzu kommen?

Die Lust an der Zeichnung

„Die Zeichnung ist also die Idee: Sie ist die wahre Form des Dings. Genauer Gesagt die Geste, die dem Wunsch entspringt, diese Form zu zeigen und sie zu umreißen, um sie zu zeigen. Allerdings nicht zu umreißen, um sie als bereits angelegte Form zu zeigen: Umreißen heißt hier finden, und suchen, um eine künftige Form zu finden – oder sich suchen und sich finden zu lassen –, die in der Zeichnung kommen muss oder kann.“ (S. 21)

Der essayistische Aufsatz „Die Lust an der Zeichnung“ des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy kann selbst als Gedankenskizze beschrieben werden. Ausgehend von Überlegungen zum Kunstgenre der Zeichnung entwickelt Nancy eine phänomenologische Ontologie, dessen Beschreibung um das Verhältnis von Form, Absicht und einem lustvollen Gestaltungswillen als Ursprung künstlerischen Schaffens kreist. Dabei entwickelt er seine Gedanken aus der Assonanz der französischen Begriffe dessein (Absicht) und dessin (Zeichnung). Beide haben – anders als in der deutschen Sprache – denselben etymologischen Ursprung: „Das eine und das andere sind Dubletten, die beide aus de-signare (daher das italienische disegno und heute das Design) hervorgegangen sind, von dem wir den Begriff und das Wort bezeichnen (désigner) erhalten haben. Die Zeichnung bezeichnet (désigne) die Form oder die Idee.“ (S. 21)

Innerhalb der Zeichnung fallen Idee und Form in eins. Die Form ist selbst Ausdruck einer lustvollen Bewegung, die weder ein klares Ziel benennt, noch einen klaren Ursprung (Idee) außerhalb seiner selbst hat. Beide Aspekte sind zwei Seiten derselben Medaille. Nancy entwickelt ein dynamisches Verständnis des Kunstwerks, das aus einem lustvollen Begehren entsteht und innerhalb desselben rezipiert wird. Dieses lustvolle Begehren bestimmt als Prinzip den Bereich der Kunst und dieses Begehren ist stets ein körperliches, kein geistiges. Nancy begründet die Geste in ihrer technisch ausgebildeten Körperlichkeit der Künstler*in, egal ob der Musiker*in oder der Tänzer*in:

„(…) diese Geste also ist vor allem das, was im Ureigensten der Geste liegt: eine immanente Bedeutsamkeit, das heißt, kein Zeichen, das ein Bezeichnendes anstrebt, sondern ein Sinn, der unmittelbar aus dem Körper entspringt, aus einem Körper, der weniger aktiv, wirksam oder operativ handelt, sondern vielmehr an einer Bewegung – und einem Gefühl – teilhat, die von außerhalb seiner funktionalen Körperlichkeit herrühren.“ (S. 55)

#3: This is I

Zwei Tage später ist die Zeichnung an der Rückwand der Galerie nur noch zu erahnen. Schwarze Linien, die Spuren der Performance vom Vortag, überlagern die Zeichnung des ersten Abends. Linien bilden ornamentale runde Strukturen auf dem Boden und kryptische Kritzeleien auf der Rückwand. Die skizzenhaften Zeichnungen als visuelle Spur der zurückliegenden Performances lassen die vergangenen körperlichen Bewegungen der Performerinnen nur erahnen.

Es erschließt sich zu Beginn des dritten Abends visuell eine Landschaft. Ortiz und Tossi schreiten die Wände der beiden Galerieräume kreisend ab und ziehen mit schwarzem Graphit Linien über die weißen Wände hinter sich her. Die einzelnen Striche wirken zunächst wie ein abstrakter Horizont. Nach und nach verdichten sich die horizontalen Strahlen, je öfter die Performerinnen die Wände entlang schreiten: Linien laufen parallel, treffen und überschneiden sich, brechen ab und setzten erneut an. Die schwarzen Striche erzählen als Spuren sowohl von den choreographischen Prinzipien der Bewegungssequenzen, aber eben auch von unkalkulierbaren Kleinigkeiten und Störungen. Sie geben Auskunft über die Körpergröße der Performerinnen, Unterbrechungen im Bewegungsfluss und Richtungswechsel. Die kleinen Details verlieren sich nach und nach in einem Meer aus Linien und seicht geschwungenen Wellen. Auch an diesem Abend mischt Beidenegl einen elektronisch verfremdeten Sound, der sich mit den Bewegungen der Performerinnen überlagert. Die Schritte der Performerinnen verschränken sich mit Klängen, die zeitweise an dumpfes Meeresrauschen oder klirrendes Messerwetzen erinnern. Während der erste Abend noch zurückhaltend den vorderen Galerieraum bespielte, ist der dritte Abend von Grenzüberschreitungen bestimmt. Der Sound scheint dröhnend und voluminös von einem Raum in den anderen überzuschwappen, die Choreographie ist durch ausufernde, raumgreifende Bewegungssequenzen bestimmt.

Nach der ersten hälfte der Performance erscheint Ursina Tossi in goldener Hose. Langsam um sich selbst kreisend beschreitet sie eine diagonale Linie quer durch den Raum und endet an der Fensterscheibe der Galerie. Wie ein konzeptueller Sonnenaufgang wirkt diese Inszenierung von goldener Farbe im Kontrast zu den schwarzen Linien und Spuren der vergangenen Abende. Vor der Fensterscheibe nimmt Tossi akrobatische Posen ein, die sie in langsamen Bewegungen auflöst und variiert. Ortiz zeichnet von außen mit weißen Linien die Bewegungen skizzenhaft nach. Es entsteht ein Pas de deux aus langsamer und körperlich deformierender Bewegungssequenz im Innenraum der Galerie durch Ursina Tossi und den zeichnenden Bewegungen der Hände von Fernanda Ortiz den Bewegungen von Außen. So wie Ortiz am ersten Abend die Bewegungssequenz von Tossi innerhalb der graphischen Zeichnung festhielt, so ist sie nun wieder ein Medium, das die Bewegungssequenz in eine graphische Zeichnung überführt. Die Fensterscheibe ist dabei verbindendes Element als Bezugspunkt für den körperlichen Kontakt der Bewegungen Tossis und gleichzeitig Leinwand für die Zeichnung als visuelle Spur der Bewegungen. Die Festerscheibe trennt nicht nur Innen- von Außenraum, sondern auch die Sphären des körperlichen Vollzugs von der Sphäre visueller Komposition. Die visuellen Spuren vom Außenraum vor der Galerie lassen die Kluft erkennen, die zwischen körperlicher Bewegung und zeichnerischer Skizze klafft. Beide treffen sich nicht im realen, sondern innerhalb einer sinnenden Denkbewegung.

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Foto: Pamela Goroncy

Die Lust zu Denken

Die Tanzinstallation THINK von Fernanda Ortiz schafft ein komplexes Gefüge um mögliche Relationen von Bewegung und Zeichnung. Bewegung und Zeichnung treffen sich bei ihr im Raum. Dabei handelt es sich nicht um einen stillen, neutralen Raum, sondern einen Resonanz-Raum der beide Sphären, die Bewegung und die Zeichnung, akustisch in Schwingung versetzt. Bewegung und Zeichnung verweigern sich in ihrer Ausgestaltung einer klaren Narration oder semiotischen Zuschreibung. Sie tragen ihren Sinn innerhalb ihres eigenen körperlichen Vollzugs und treffen sich in den Ideen von dessein (Absicht) und dessin (Zeichnung). Sie treffen sich in einer Zeichnung des Raumes als Choreo-Graphie, die nach und nach die weißen, neutralen Wände des White Cubes der Moderne überlagert.

„Die Lust der Zeichnung ist die Lust dessen, was keine gegebene Form anerkennt: Man könnte sogar sagen dessen, was gar keine Form anerkennt, sich aber ereignet, als zeichne sich die erste Form in der Bewegung seines Strichs ab.“ (S. 47f)

Fernanda Ortiz: THINK – Tanzinstallation 28.09.-02.10.2016. Galerie Projekt|t|raum.

http://fernandaortiz.com

Jean-Luc Nancy: Die Lust an der Zeichnung. Hrsg. Von Peter Engelmann. Übers. von Paul Maercker. Wien: Passagen 2013.

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– Jonas Leifert | November 2016

Mit Dank an Moritz Frischkorn und Heike Bröckerhoff. (Wir arbeiten nie allein.)

Trotz chronischer Unterfinanzierung blüht die Hamburger Tanz- und Performance-Szene. Wie macht sie das? Diese Woche gab es so viel zu sehen, dass ich nicht hinterherkomme mit dem Schreiben. Deswegen muss ein neues Format her. Angelegt an die Wochenschau – ein Zusammenschnitt der wichtigen politischen, kulturellen und sozialen Ereignisse, der im Kino vor dem Hauptfilm gezeigt wurde; eine wichtige Informationsquelle also für alle, die keinen Fernseher hatten – gibt es nun einen Rückblick im Schnelldurchlauf. Diese Woche: Ein Gruppenstück, ein Duett und ein Solo. Prinzip: Je mehr Performer/innen desto länger der Text. Fangen wir von hinten an.

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5. November, auf Kampnagel, K4

A crowd of murder? Ich stehe an der Kasse, um eine Karte zu erwerben und mir fällt der Titel nicht richtig ein. Das Solo von Annika Sch(w)arm, selbst-erklärte Hobbyornithologin, also Vogelliebhaberin und -forscherin, beschäftigt sich mit Krähen. Bereits in den letzten Stücken (Balztänze, A piece for undressed minds) man könnte schon von einer Serie sprechen, zeigte sich ihre Faszination für Vögel.

Diesmal zaubert sie eine düstere, nebelige Landschaft auf die Bühne. Eine filigrane Skulptur hängt von der Decke, glänzt silbrig. Beim näheren Hinsehen fällt auf, dass sie aus Kleiderbügeln besteht. An anderer Stelle schwarzer Tüll, vielleicht ein Rock? Überhaupt hängt viel Ausstattung von der Decke, auch die Mikrofone, an denen die Performerin immer wieder Halt macht, um Einblicke in ihre Forschungsergebnisse zu geben und mit mystischen Stimmen aus dem Off zu kommunizieren. In dieser Szenerie, gerahmt von einer ideenreichen Soundkulisse (Clemens Endreß) verwandelt sich die Performerin in den schwarzen Vogel. Sie zeigt stilisierte Bewegungen aus ihrem Vogelrepertoire, in staccato, elegant und reaktionsfreudig. Sie versucht Walnüsse zu knacken ohne ihre Hände zu benutzen, trällert klassische Musik und kommuniziert in Vogelrufen mit ihren Artgenossen. Präzise bewältigt sie ihre Aufgaben. Und schwarz steht ihr gut. Nur so ganz scheint das mit der Transformation noch nicht funktioniert zu haben. „Ich bin eine von euch!“ ruft sie gen Himmel, in Richtung eines imaginären Murder of crows. Das ist übrigens der echte Titel des Stücks.

Konzept und Performance: Annika Scharm; Dramaturgie: Sophia Guttenhöfer;  Musik: Clemens Endress; Bühne & Kostüm: Lani Tran-Duc; Licht: Ricarda Köneke

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4. November, im Haus Drei, beim Eigenarten Festival.

o.T. von Juliana Oliveira und Greta Granderath. Ein Stück für einen Fotoapparat und zwei Freundinnen. Dass sie Freundinnen sind spürt man auch. In der Art wie sie einander anlächeln, ihren Dialog lesen, sich mit Fanta zuprosten, Fotos nachstellen, gemeinsam Chipstüten aufreißen und Sachertorte verteilen. o.T. besteht heute Abend aus vier Teile und die sind klar voneinander getrennt. Dazu wird „I want it that way“ von den Backstreet Boys vom Ghetto Blaster abgespielt und die Bühnenelemente (ein Tisch, zwei Stühle, zwei Mikrofone) neu arrangiert. Es geht um die 90er, Mittelscheitel, Boygroups, deine Kindheit meine Kindheit. Anhand von alten Fotos mutmaßt Greta über Julianas Vergangenheit, versucht zu erraten, wem die langen Beine auf dem Bild gehören, warum alle blau tragen und ob die Eltern noch verliebt sind. Die Bildbeschreibungen greifen einzelne Elemente heraus, sodass in unserer Vorstellung nur Fragmente von Bildern entstehen, sich mit jedem Satz verändern und mit unseren eigenen Erinnerungen an die 90er Jahre überlagern. In Teil zwei stellen die Freundinnen Bilder nach und fotografieren sie neu, auf der Bühne. Dabei schlüpfen sie in diverse Rollen, korrigieren gegenseitig ihre Haltung. Die Bilder nehmen Form an, werden dreidimensional, verlieren so für einen kurzen Moment ihre Bildhaftigkeit bevor sie wieder als Foto verewigt werden. Für den dritten Teil haben die beiden Künstlerinnen eine Reihe von Interviews geführt. Was ist das erste Foto, an das du dich erinnerst? Was das zweite Foto, das du gemacht hast? Über mp3 Player und Kopfhörer hören Greta und Juliana die Interviews und sprechen sie laut mit. Die erinnerten Bilder fügen sich mosaikartig zusammen, werden bunter: Ankara, Sachertorte, massenhaft Tierfotos. Irgendwo im Publikum werden noch Chips geknuspert, es riecht nach Schokolade. Das Foto reduziert, schreibt der französische Theoretiker Jean Baudrillard, es nimmt der Realität die Tiefe, den Geruch, den Geschmack. Juliana und Greta geben den Erinnerungen diese Dimensionen zurück, hauchen den Bildern neues Leben ein. Am Ende sitzen alle wie bei Kaffee und Kuchen zusammen und schauen sich alte Fotos an. Julianas Familienfotos aus dem ersten Teil, drapiert auf einem Tisch, diesmal mit Titel.

Von und mit: Greta Granderath und Juliana Oliveira; Interviewpartner*innen: Özlem Demirci, Gaëtane Douin, Edda Einsiedel, Marc Einsiedel, Volkmar Hoffman, Sérgio Pessanha, Annika Scharm, Anna Till, Anke de Vries, Dirk Wesuls; Dank an: Sophia Guttenhöfer und Jonas Woltemate

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3. November, im Kleinen Michel, beim Festival Dance in Response

Into gentle Yellow von kompanie. Ein Tanzfestival, das in einer Kirche stattfindet ist zumindest für Hamburg außergewöhnlich. Eine Tanzkompanie, die in den Räumlichkeiten des Kleinen Michel regelmäßig probt, sich trifft und austauscht, ist ebenfalls eine Sonderheit.* Seit einem Jahr machen sie das schon und heute Abend zeigen sie ihr erstes Stück – eine rituelle Tanzinstallation – im Rahmen der zweiten Festivalausgabe von Dance in Response. Sie, das sind sechs Choreograph/innen: Gloria Hoeckner, Yasna Schindler, Lucie Schroeder, Lotta Timm, Marie Werthschulte und Hagen von Holland (nicht auf der Bühne). Mit Into gentle Yellow weihen sie das Publikum in ihre mystischen Rituale ein. Sie tragen Kränze aus Licht auf dem Kopf – ich muss an die Dornenkrone denken – so erkennt man die Tänzerinnen in dem abgedunkelten Kirchenraum. An den Wänden brennen Kerzen. Wir werden dazu angehalten, uns die Hände in Schalen mit Sand zu waschen. Während zwei Performerinnen uns initiieren, bewegen sich die anderen in einfachen, rhythmischen Schrittfolgen, mit schwingenden Armen und konstanten Richtungswechseln. Das Bewegungsmuster verbindet die Tänzerinnen miteinander, sie bilden darin eine Einheit. Ich bewege mich langsam durch den Raum und suche einen Platz auf den Kirchenbänken, nahe der rechteckigen Bühnenfläche, die mit Rasenteppich verkleidet ist. Mehr und mehr Publikum strömt herein und so bleibt mir viel Zeit, diesen mystischen Raum und die Musik (Norbert Hoppermann) auf mich wirken zu lassen. Es folgen magische Momente: Einige Zuschauer/innen werden angesprochen. Daraufhin stehen sie auf, ziehen ihre Schuhe aus und legen sich auf den Teppich. Eine Kugel wirft grünes Licht an die Decke. Eine Räucherung wird vollzogen, wahrscheinlich ein Reinigungsritual. Eine riesengroße Folie wird über das Publikum bewegt. Meine Begleiterin macht mich auf den Live-Gesang des Kirchenorganisten aufmerksam, der sich unmerklich in die vorproduzierten Melodien einfügt. Plötzlich mischen sich die Performerinnen unter das Publikum, verschwinden dort, zwischen den Körpern. Sie nehmen Posen ein, die an islamische Gebete erinnern, reißen die Arme zum Himmel wie in Götteranbetungen aus fernen Kulturen. Dann wiederum bleiben sie stehen, richten sich ihr Haar und ziehen mit kleinen alltäglichen Bewegungen den Blick auf sich. Die Zurückhaltung und Unaufdringlichkeit der Tänzerinnen lässt spüren, dass es hier nicht um sie geht, sondern um eine spirituelle Erfahrung. So auch die Musik. Von Klangteppichen bis hin zu Melodien aus verschiedenen religiösen Kontexten begleitet sie die Performance, unterstützt, rhythmisiert und verstärkt die meditative Atmosphäre. Zum Ende hin nehmen Musik und Bewegungssequenzen an Tempo zu. Als würden sie sich in einen Trance-Zustand tanzen wollen, werden die Sprünge und Drehungen der Tänzerinnen intensiver. Die Bewegungsfolgen wiederholen sich, bis eine nach der anderen durch die geöffneten Seitentüren die Kirche verlässt. Kalte Luft strömt herein. Das Ende der Performance scheint der Anfang für etwas neues zu sein.

Von und mit: Gloria Höckner, Yasna Schindler, Lucie Schroeder, Lotta Timm, Marie Werthschulte und Norbert Hoppermann.

* Kirche als Ort für experimentellen Tanz? Mir wird jetzt erst so richtig bewusst, dass der Treffpunkt und Aufführungsort des Judson Dance Theaters auch eine Kirche war. Aber das nur so nebenbei.

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– Heike Bröckerhoff | November 2016

Mit Dank an Ann-Kathrin Quednau für ihr Feedback und ihre Begleitung. (Wir arbeiten nie allein.) 

Note to the reader

This dictionary is a tool for sharing cultural workers` experiences of invisible work. We call “invisible” the work that takes up a significant part of our daily routine, however without being acknowledged as “actual” work. This dictionary particularly focuses on activities that are, on the one hand, essential for our “official” work to be realised, but which nonetheless remains hidden from even our own understanding of productivity.

The goal of the dictionary is to identify and name those blind spots of our daily labour and to define them as precisely as possible in terms of the experience of doing them. As a point of departure for the writing of definitions we created a set of guiding questions:
How would you define/describe this activity?
How do you feel about doing this work, how does it affect you (emotionally)?
What does this work produce, what is its outcome?
How much time do you spend doing it?
What is your strategy for dealing with this activity?

Therefore, the definitions in the dictionary combine a matter-of-fact style of writing with a subjective perspective marked by the use of ”I“.

You can contribute to the dictionary by adding an activity and its definition or by redefining an already existing term and sending us your proposal. We will review and proofread, then upload your contribution as soon as possible.
Contact info: dict.invisiblework@gmail.com

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A | Analysing – Anticipating (someone’s unspoken needs/desire) – Archiving – Ass-kissing – B | Backing off – Building a trust – Browsing – C | Calculating the budget – Cleaning – Clubbing – Commenting on written work – Compromising a vision – Coordinating – Creating a common vocabulary – D | Designing a flyer – Developing strength – Developing a vision – Discussing – Doubting – E | Exploiting your sociality – F | Feedbacking – Following up – Facebooking – G | Graveyarding/Ghosting – H | Having a Skype conference – I | Investing money – Informing yourself – L | Looking for (the cheapest) tickets – M | Making a phone call – Managing a dependence relationship – Mis-documenting – Misspelling (and correcting a misspelling) – Moneypullating – N | Networking – O | Observing – Over-doubting – P | Planning of future activities – Pretending to be identifying – Pretending to kiss asses – Printing – R | Reading – Recovering emotionally – Refining sensibility – Rehearsing – S | Self-organizing – Sharing a vision – Sitting/Staying seated – Skilling – Sleeping – Smoothening/Harmonising – T | Talking about your project – Thinking – Training – Translating – Travelling – Trying to reach someone (also: reaching out for someone) – U | Updating a CV/short bio – W | Watching videos – Writing – Writing Applications – Writing Emails – Writing a Ph.D.

 

A

Analysing
Analysing rehearsals, performances, written text, your own daily performances etc.Almost the entire time spent walking, cycling or driving I try to analyse my own work, either related to the past or to the future. Figuring out how improvements could be made, what was (possibly) lacking, what was done in an inappropriate way and what functioned well. Analysis, we were told, is an integral part of the process of evaluation and a necessity for the improvement of one’s (daily) practice.

Anticipating (someone’s unspoken needs/desire)
As a host, producer, choreographer or programmer you are expected to be relaxed, unflappable and even cheery. You have to set the tone and expression in which you interact with each of the ”co-laborators“ or find a tone that suits the explicit or even implicit desires of an (educational) programme, application etc. In short, you have to figure out strategies to prove that you are graceful, sincere and refined.

Archiving
Almost every day I store materials in a certain logic, in hard copies or electronically. By sorting data I build up a memory for next week, next month and next year. I store in arch files, boxes, Dropbox, on multiple USBs, MEGA and Google Drive. Through archiving I accumulate my professional “glory box”.

By archiving the unused, but worked out, I accumulate ”thoughts“, expressions, working methods, exercises, photos, … for the future.

Ass-kissing
Everyone has to be an ass-kisser at least sometimes. Not literally, of course, but metaphorically. This term names a possible strategy of investing in a forth-coming project (short-term ass-kissing) or in a better future (long-term ass-kissing). Ass-kissing can therefore be understood as a networking practice. Hence it often becomes an automatic and reflexive manner of (re)acting to expectations regarding one’s sociality and/or availability. This is why this term has a negative connotation. Ass-kissing can be practiced in different ways, depending on one’s moral stances. Seen in a positive light, ass-kissing could describe the will to return someone’s sympathy and the acting out of this will in an exaggerated manner.
Also: to trigger someone else’s most sensitive spots with seductive attention. Done in order to get attention, start a dialogue or get someone interested in you and/or your work. Ass-kissing can have the positive result of getting an invitation (to some festival or something), getting financial support (for you and/or your project), increasing your visibility and increasing your importance, among other things.
The ideal outcome of this activity would be to develop a shared vision, a fruitful dialogue and a productive collaboration with the person who’s ass one kisses. However, it is essential to be careful to keep your independent decision making in tact. At all costs, keep your integrity!

B

Backing off
Refraining from announcing your opinion/ideas that you know will slow down and distract the group’s working process or decision-making.

Building trust
is very important, since it makes the working process easier. It allows you to waste energy only on the necessary things. Trust enables people to directly confront each other, gives you the self-confidence to speak up for yourself and allows you to share your ideas and doubts. The fact that people are often circulating around the same groups of people, building a network of collaboration with certain actors in the field implies that trust among collaborators is essential and comforting. Moreover, if you are not well paid, you usually prefer to be surrounded by people with whom you enjoy the process of work (at least).

Browsing
The time consuming exercise of searching for the right and “suitable” information includes among other things: checking application possibilities, festivals or conference open calls, new or needed magazines, journals, books (in the library, online book shops, pdfs available online), props for performances etc. Browsing around the web is exhausting, unpaid and represents one of the basic activities of a cultural worker.

C

Calculating the budget
Calculating the budget means also revisiting your budget according to the “real” circumstances. It is mainly related to cutting the budget (for the project, as well as your own existences), planning, reorganizing, adapting, deplaning, re-reorganizing, re-adapting, planning, re-re-reorganizing…

Cleaning
Can be considered as the most unpleasant and the most invisible activity (and is thus in concurrence with thinking). It is essential, by the way.
But it can also be the other way around: cleaning can be a means of procrastination, a way to avoid or postpone other work(s). (Un)luckily, there is always something to be cleaned.

Clubbing
Clubbing is a night dance activity related to professional life in terms of networking and finding inspiration.
It provides you with the opportunity to relate and interact with people of different backgrounds and cultures by creating a common context.
As an inspirational activity it offers an entrance to both pop- and subcultures and to different music scenes. One can get in touch with what is going on “now”. One can also observe tendencies, influences and alternative models of group organization.
Clubbing can also be an activity of training and cleansing. It supports relaxation and can potentially lead to experiencing flow and entering a state of trance…

Commenting on written work
Usually I provide written or oral feedback to my friends as a favor (in return), or to colleagues’ written work for free. When I am too tired to comment, I try to sell it to myself as an activity that gives credit to my intellectual persona and strengthens social capital. One can also gain knowledge about various topics.

Compromising a vision
Too often, you have to compromise your (great) vision due to various reasons, including budget cuts, programmers’ visions, abilities of your collaborators, time possibilities or other.

Coordinating

Creating a common vocabulary
It includes spending time on finding out what are the common references among a group. It also includes getting used to each other’s ways of thinking and formulation of ideas. It produces a common understanding about the meaning of specific terms. An example of this practice would be to create a dictionary (like this one!).

A common vocabulary is needed when individuals attempt to work together in a group. It is meant to reduce the risk of misunderstanding and to smooth over the consequences of such misunderstandings. Every field requires its own jargon in order to define and assert itself as a recognizable area with its own body of specialized knowledge. Once initiated into a particular field, participants are subsequently able to cope with complex words or jargon such as “dialectical ontology” for example. While these words can be uttered quickly both in conversation and in writing, it is the defining, redefining and maintenance of the vocabulary´s circulation that requires extensive time and effort. An individual may persistently promote the use of a specific vocabulary through writing and speaking in professional contexts without even being conscious of it. However, it takes a long-term collective effort to use the words before the new vocabulary is accepted as natural within the group.

D

Designing a flyer

Developing strength

Developing a vision
When a vision suddenly comes to you or out of you and, following a strong urge to turn it into reality, you start defining it, circling it and adding to it. As a second step, you might start looking for people to share it with (see: “sharing a vision” and “compromising a vision”).

Discussing
Wasting time brainstorming and sharing thoughts on the selected subject, negotiating, dis-agreeing. It is often enacted in a small group of people with whom you create, develop, test and share your ideas. A (good) discussion provides new insights and questions or supports your own position through/with additional arguments as well as training your capacity of speaking in public. In a discussion your thinking process can become visible (even if only to those engaged in the discussion).

Doubting
The condition of being constantly preoccupied with whether or not you have made the right decisions in your life and have chosen the right job (also existential doubting). It is usually a consequence of the condition of extreme precarity and isolation, which become an integral part of your everyday life and work.

Existential doubting can also be a consequence of your (possible) lack of recognition in the (performance) art market, which means lack of visibility for your work and yourself. This lacking is not only a serious problem in regard to your self-esteem, but has also consequences for your material ability to continue working, since many of today’s funding bodies base their decisions very strongly on public visibility of the work and the artist.

Intense self-blaming and consequent “paralysis” are often the result of doubting, especially when you give those thoughts free reign. You can usually bring yourself back to relative “productivity” by just continuing to do what you do and ignoring those thoughts. In the meantime, reading and following the discourse on the subject of labor in the (performing) arts in today’s neoliberal societies can also be helpful—if you’re into this sort of thing. Then you can recognize yourself and your experiences in what is defined as today’s precarious class.

Exchanging and sharing experiences with others is key to relieve this pressure, at least of isolation. Being active politically is also very helpful in order for long-term solutions to be found/ implemented in the country where you live and work. And, if extreme financial precarity persists, in some cases the taking on of a badly paid and/or uninteresting job is something that cannot be avoided as a “solution” in the short-term.

E

Exploiting your sociality
The process of constantly opening up to other people and interacting with them. A happy, always accommodating and available persona of yourself, eloquent and witty, is produced as a result – and considered as the norm.

F

Feedbacking

Following up
When in writing, following up is a practice best described by the exclamation mark. A forced “!“ is what it feels like to follow up: Enthusiastic rather than annoyed; excited and anxious rather than bored or angry. Never complain about a late reply. Best not even to mention that you have written before and were ignored, as it sounds bitter and preachy. Being ignored is nothing to you, it flies over you and leaves no trace or impact! You are always friendly and well meaning! Never give up! ”Hello!“, ”Hoping this e-mail finds you well!“ or ”Hoping you had a nice and restful weekend?!“, or ”Looking forward to hearing from you!“ are essential constituents of following up via email. Between the beginning and ending of a follow up e-mail, I can spend hours finding just the right formulation for reminding the reader that I exist. The results of following up are either immediate or none at all.

And then, from time to time, I get followed-up!

Facebooking
In order to be visible, one can easily spend hours on FB, counting “likes”, making “likes”, adding ”friends“, reading posts, book-marking articles, checking events, creating events, and so on.
I wonder whether it’s really true that being on FB makes you and your events become more visible. Facebook counts everything.
Last year I spent more than 1100 hours on FB…that’s almost 46 days.

G

Graveyarding/Ghosting
Haunting, this invisible work is performed by the material that has been deleted/kicked out during the process of creation, aka your killed darlings, and reappears to you in your dreams.

Or: Putting material aside in the creative process. There are a lot of ideas and material that are not necessarily used for the output/product but as long as you are not sure whether you will use them or not, you don’t delete them but save them in several documents, or write them as a footnote. These ideas and material then roam around like “ghosts” – in your mind, body or materialized (on paper, as real objects) before the “final” selection. Then they can finally be buried (graveyarding) in regard to this concrete project, but without ever being completely forgotten. They continue ghosting around. Those ideas and material, even if buried, always have a possibility to be reincarnated.

A ghost is an invisible something. Hence ghosting is one of the main terms referring to invisible work. At the same time ghosting is a by-product of a selective activity, which is sometimes materialized but not really shared with others. For example, unused footage produced for a certain movie that one-day could be used for another movie can be understood as a ghost.

Ghosting also relates to “ghost-writing”.
It can imply copying/mimicry, consciously or unconsciously.

H

Having a Skype conference
What always frustrates me with Skype is the impossibility of reaching you. The screen in which we show up in front of each other, creating an illusion of proximity, separates us. I can see you but cannot touch. We share the same time but not the same place. The promise of proximity, when there are hundred of kilometers between us, makes the distance even more tangible, almost unbearable. I could shut off the video function. But then I am even lonelier. Talking to my computer. If there are more of us, more people involved, the video function doesn’t work. We would need to buy it. But we don’t want to. It’s difficult to sense who will start talking next. So we’re constantly interrupting each other or speaking at the same time. Because of that, we developed a sign language to be used in the chat. ? = I don’t understand, ! = I want to say something, … = Get to the point.

On the other hand it is exactly Skype, that keeps me alive, proves that I am appreciated, close to those who are far. However deceptive it is, it gives me a feeling of being close to you. But in this case, it is usually not about work, is it?

I

Investing Money

Informing yourself
It is an ideological must. A must of being informed more, better, all the time. An easy way to waste a day or days is just browsing, reading, …or just informing yourself with whatever.

L

Looking for (the cheapest) tickets
Includes comparing ticket prices for Trains, Flights, Buses, Airport Shuttle Services or even combining all the possible means of travel.
Advanced bookers do not simply compare the different means of transportation but also different companies in different languages.
It’s becoming a real thrill, bargain-hunting. After hours of suffering, confirmation feels like the highest award.
(Plan B: I could work as a producer.)

M

Making a phone call

Making a schedule
Chopping time in a way that all my activities fit together. There is nothing better than crossing over completed meetings/ tasks/events. My strategy includes ignoring at least one task per week and leaving it for the future.

Managing a dependence relationship

Mis-documenting
In the act of mis-documenting it is necessary that the ”mis“ remains invisible. Mis-documentation appears before and after a project, it’s the beginning and the end. It includes the translation from an artistic practice, vision, or idea into a promise or contract. The artist’s needs to prove that the project was realized and the money was spent according to the plan (budget calculation). Proofs should be materialized and/or collected: e.g. (wrong) receipts. The proof will later be verified. This act of verification is often violent and brutal.

How to get out of the vicious circle of verification of verification of verification of verification…? How does verification relate to the truth?

A manual of mis-documentation is urgently needed:
Consider the question: For whom do you mis-document? And what is the purpose of your mis-documentation?
When you know the rules, you can play with them!
The more advanced you are in mis-documentation the more it becomes a pleasurable activity.
Example: When you apply for EU funding, please consider that working with physically, psychologically, and socially handicapped people increases your chances to get money. How far are you willing to go?
For a consultant the act of encouraging the applicants to mention their collaborators’ physical, psychological and social handicaps raises questions on political correctness, ideology of work ethics, and categories. There is a discrepancy between the pleasure of playing the game and the perverseness of the game.

There is an obsession with documentation and making every single detail of your process visible. Transparency is mandatory. Mis-documenting tries to preserve the right to invisibility by making the wrong things visible and protecting the right things from exposure.

Documenting also relates to your own working process because you think you will need the documentation, for example when applying for funding. This creates a lot of additional work that can lead to potentially useless material. In a field where there are no common practices of archiving, collecting and writing of history, a lot of practices become invisible and forgotten.

Misspelling (and correcting a misspelling)
One of the most invisible activities. It is considered to be an “error” in written language, a breaking from the accepted language rules, and can occur in any kind of text, from SMS to email, to articles/essays. This error can either be accidental, during touch typing (i.e. “blind” typing) for example, or because of writing in a language in which the orthography (spelling) is not completely familiar to you. It can also be an error not of yourself, but of the “auto-correct” function of the writing program which you are using.
In a slightly didactic gesture, misspelled words are underlined by a red dotted line in most word processing programs. However, there is always the possibility that an error has slipped the program’s attention and can only be discovered by you rereading the text.
Unconsciously, I perceive misspelling as a “weakness”. I fear that it will make me look bad in the eyes of the person who reads my text. It is a source of shame when I misspell in my native language, proving that I have been living abroad for too many years. Reversely in a foreign language, it will make me appear as a “foreigner”, not yet fully mastering the language and therefore, my new self.

Moneypullating

N

Networking
People say it is always good to engage in calculated and strategic interaction with key people in your field or people that are potentially useful to know. I am not sure about this. It takes me from a few hours up to three days to recover emotionally from such interactions.

O

Observing
Looking at something in order to understand, get inspired, judge, moneypullate, learn and reproduce it.
An intense activity that cannot be sustained during a long period of time -maximum 1h. Then you need a coffee break and can do it again. Observing can be trained.
The audience of a performance is attentively observing during the first 7 min. So, if you want to convey an important message, do it in the beginning.

Taking time to sit down and observe: your own thoughts, the architecture, people, contingent events, etc. In the frame of over-information and over-mediation, the trap of continuous occupation can lead to repetition of various activities that are not reflected/thought through or over, nor defined. In order to make a difference, one needs to take a break, to stop and breathe. Observation doesn’t mean to value everything in your environment, but to be aware of what surrounds you.

Over-doubting
To make doubts productive, and even to exploit doubts with the aim of over-coming them.
The aim of over-doubting is to further define an artistic aim and re-e-value-ate the significance/relevance of (your) artistic contribution to the contemporary world.

P

Planning (of future activities)

Pretending to be identifying

Pretending to kiss asses

Printing
I cannot move towards synthesizing processes if I don`t have printed copies of drafts. First I print, then I create.

R

Reading
A constitutive part of many people’s work: reading emails, messages, posts, newspapers, articles, books. The multiple-reader browses, selects, skims, marks, tags readings and sometimes even shares them with others. Reading is mainly an important and continuous part of research and a strong tool for supporting your own visions and making ideas “more relevant” in the eyes of others.

If one wants to be an artist or cultural worker, s/he has to be familiar with some Deleuze quotes. Becoming Deleuze.

Recovering emotionally
An activity or even a lack of activity in a state when you are not able to work on anything because of being in a bad emotional state as a consequence of stressful or disappointing experiences. Examples: after a rejection; after funding cuts; after a lot of work; because of being not satisfied with your own work; etc.
Refining sensibility
Constant activity that accompanies all of your work and everyday activities. Trying to sharpen senses, thoughts and arguments with the purpose of observing precisely, understanding “more”, and/or getting new ideas. Always be open for new impulses coming from what you see, hear, and experience.

Rehearsing

S

Self-organizing

Sharing a vision
In order to adjust to the same idea or aim within a group. Finding people with whom you share a vision is rather a lucky coincidence than the norm. Therefore, a shared vision is a good reason for building up a more stable collaboration. If you do not share a vision with your collaborators, it could easily lead to a disaster, ending in the interruption of the process, weak results, health problems, mental issues..

How to share a vision without imposing it? That’s double work.

Sitting/Staying seated

Skilling
One must constantly add new skills and knowledge in order to be more competitive. Almost everyday, I learn something new. I attend various courses about social media (performance), new computer programmes or reading groups, teaching and sharing procedures and methodologies, dance and performance trainings. And often, while attending the course, I figure out that the training is not of great value; that it does not fit my needs but maybe just proves that my ”performance“ is already sufficient.

Sleeping
As sleeping seems to be the opposite of being awake or not sleeping, it is also an integrative part of work and the working process. Sleeping is not only unavoidable but also a productive part of our 24h-rhythm. In the case of lacking sleep, one becomes less efficient, less productive, less creative and therefore needs more time for particular activities. What kind of work could be done if one is tired? Sleeping time should be paid as working time. See also recovering emotionally.

Smoothening/Harmonising
Encouraging people to open up, share their thoughts and ideas; to resolve conflicts within the group, among your collaborators.

T

Talking about your project
To have a clear idea of your individual and your company’s ongoing project so that you can talk about it to other people immediately when the opportunity arises.

Thinking
The most invisible thing.
You can try to make it visible by saying “I’m thinking” or you can develop a range of facial expressions that potentially represent thinking.

Organizing a group discussion could also help.

Training
To keep (a body/practice) in shape, to maintain a certain practice or to get better at doing it,
Also: to nourish and share a practice, develop a routine; training can be understood as preparation that includes repetition and learning.

Translating
Bridging something. It includes searching for words, making knowledge circulate,
helping one person to be better understood by others in a meeting when you’re the only one who seems to get what s/he says,
an attempt to adapt, to transpose a discourse to another context in order to build bridges and make communication possible.
Examples of translating:
– from one language to another one
– from one medium to another one
– a practice into a discourse
– a vision into a concrete disposition.

Travelling
Covering a distance in order to arrive where the actual work is taking place. Thus, it’s a kind of pre-work or enabling/supportive work.

Sometimes, the time when you can finally do some real work, using the time on train, bus, plane to read, write, plan or just (re)think some (more).

The more I travel the more I hate it.

Trying to reach someone (also: reaching out for someone)
In the process of trying one can become completely unproductive. You get the feeling that you’re losing your precious time. This can lead to nervousness and ineffectiveness, while in the worse cases to a break down. While you are waiting, you think of time that could have been spent on something more productive or at least more pleasurable (i.e. leisure activities).

U

Updating a CV/short bio

A CV or short biography has to be updated regularly and revisited in order to suit a particular purpose. Writing a CV could appear as writing fiction, constantly speculating about how the Other would like to get to know you, or what kind of expectations s/he might have. In that sense, you are creating and recreating your own (in)visible appearance.

I now have three of them. Actually it’s the same in different lengths: short, medium, large.

W

Watching videos
Of rehearsals, of performances (your own or others)

Writing
Can make your thoughts move and help you progress with/in your thinking process. It can be understood as a dialogue with yourself or an internal monologue. In former times it was mostly done with a pencil in a notebook. Nowadays, typing on a computer (notebook) is more common than writing by hand.
What I mostly enjoy when writing is that I have time and space to develop (think through) an idea and to observe how this idea evolves. Writing is a way of making
things/ideas more concrete, not only by formulating them but also by placing them on a piece of paper, therefore by giving them a certain permanence or validity. Ideas then start to exist independently of the thinker and gain a certain autonomy. Writing opens up worlds. It is not just about explaining something to someone, it is not only functional in this sense. It can also be a companion and an enabler of thought and of imagination.
Whether writing itself is invisible is difficult to say, considering all the contemporary faces behind the screens of their notebooks (computer) that you can see in cafés, at train stations, in trains, at the airport or in other public spaces. At least their typing is visible but the process of writing seems to involve much more than making words appear on a page or on a screen.

Writing Applications

Writing Emails
Email is a form of written communication that is produced and transmitted electronically.
Email communication is almost immediate; a few seconds after pressing “send”, the receiver can read the email on her/his web browser. An email is often quite an informal and fast form of communication, the best emails being short and catchy, getting straight to the point and immediately being understood by the receiver.
To write an email, however, is more often than not a laborious invisible activity. Emails that are meant to convey an important message like the result of a research process or the content of what one is currently working on, and especially emails to people that you are depending on professionally, can take some hours if not days to write. The challenge is to include all necessary information in a short text – so that at best the receiver would not have to scroll down to read the end of your message – and to be eloquent nonetheless.
Despite the large amount of work put into writing a professional email, it can often remain unanswered. This then requires a follow up email that has to be formulated in such a way that will not offend the receiver, so that s/he will still be motivated to answer the email at some point in the future.

When used to simulate a conversation or an exchange between many participants, emails have the tendency to accumulate. This is also the case when writing a meta-email in order to check the functioning of the email communication (“have you received my email?”) or when one wants to clarify a misunderstanding that was created by means of an email, to repeat information that were already sent but that were not read carefully enough, etc.

Writing a Ph.D.
Investigating a specific topic or a guarantee for 3+ years of existence (if you get a fellowship or studentship). Implies spending more time doing invisible work with a strong belief that the Ph.D. will lead to more visibility (by making you a relevant author/scholar) – an investment in yourself and your better future. You think that people will suddenly start calling you, writing to you, offering you jobs and inviting you to give a lecture at their event.
On the other hand, writing a Ph.D. gives you opportunities for researching properly and studying in depth a topic of your own interest. It excites you and brings hope and satisfaction, but it can also cause frustration when you figure out that a Ph.D. is just one more project, additional work, that you barely can cope with. But we like to dream how one day we will sign a new signature, writing down “Ph.D.” with our names.

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The Dictionary of Invisible Work is a project proposed and initiated by Heike Bröckerhoff, Milka Ivanovska Hadjievska, Marialena Marouda and Jasmina Založnik.

This edition of the dictionary was created in a workshop hosted by “Manifesto of Independent Work“, a working group initiated by ID Frankfurt / Independent Dance at Tanzplattform Deutschland 2016.

Workshop participants:
Florian Ackermann, Nika Arhar, Fanti Baum, Frederic De Carlo, Hannah Dewor, Rebecca Egeling, Yola Garbers, Sabine Glenz, Kai, Andrea Krohn, Marius Mike Miron, Karen Piewig, Christin Schmidt, Sasapin Siriwanij, Jörg Thums, Johannes Veit, Kristina Veit, Kathleen Witt, Ronit Ziv