gloom_anjabeutler-de_669-1

(19.-22. Oktober 2016, Kampnagel, Hamburg)

‘Gloom’ beginnt mit einer Geste. Nachdem man vom Kampnagel-Foyer aus zum Hintereingang der K1 geleitet wurde, führen zwei Wege in die Dunkelheit des Stücks. Die Entscheidung, welchen Weg ich gehen will, wird mir von der beherzt lächelnden Bühnentechnikerin abgenommen. Sie zeigt mit der Hand bestimmt nach rechts. Ihrer Weisung folgend, werde ich von einem Scheinwerfer geblendet. Erst nachdem ich unter ihm hinweg und durch eine Öffnung im Vorhang getreten bin, kann ich den großen Bühnenraum sehen. Mehrere Performerinnen entzünden dort langsam aber beständig künstliche Teelicht-Kerzen.

Die Geste und die Blendung. Oder: Gesten der (Ver-)Blendung? Dieser Anfang setzt den Ton für eine Performance über zeitgenössische Formen der Mystik und ihre Kraft und Wirkungsweise in der kapitalistischen Warenwelt (Choreographie: Regina Rossi, Dramaturgie: Greta Granderath, Künstlerische Assistenz: Franziska Schnoor). Einmal eingetreten, einmal verblendet also, befinde ich mich in einer Schattenwelt: Außer den Kunst-Teelichtern und einzelnen Neonröhren scheint kein Licht und es ist ziemlich dunkel. Wohin Licht fällt, bestimmt eine Performerin mit einem Spiegel. Mit ihm bricht sie das von der Decke fallende Licht eines stark fokussierten, quasi-göttlichen Scheinwerfers, und macht damit die Gesichter der versammelten Zuschauer_innen sichtbar.

Ich denke: Es geht um Beleuchtung und Erleuchtung, und wie sie nie allein in unserer Hand liegen. Die Performance lenkt meinen Fokus auf das foto-logische Dispositiv, durch das sie selbst erst möglich wird. Licht ist hier mehr als die Grundlage für Sichtbarkeit. Es ist die Bedingung für Erkenntnis und damit für westliche Rationalität. Außerdem macht diese theatral und mystisch aufgeladene Anfangsszene erfahrbar, dass Licht in unserer Kulturgeschichte auch eine Form der Anerkennung, Legitimation und Versicherung darstellt, die nur von höherer oder allerhöchster Instanz zuerkannt werden kann. (Nun: Woher auch immer seine Inspiration stammt, das eindrucksvolle Lichtdesign der Performance jedenfalls hat Sérgio Pessanha entworfen und eingerichtet.)

Nachdem wir von einer scheinbar schwebenden Seherin durch das Teelichter-Meer geführt worden sind, antwortet ein vierköpfiges Orakel auf drei Fragen aus dem Publikum. Dafür strecken die breitbeinig sitzenden Performerinnen in abgehackten Bewegungen ihre Hälse, bis der Kopf in den Nacken fällt, und stottern dabei vielsagende Sentenzen. Das ist wohl ein bewusst gesetztes Fake, denn sowohl die Fragen, als auch die Antworten scheinen von vornherein festzustehen: You decide when the end is.

Während sich das Publikum danach im Halbkreis anordnet, folgt eine Gruppenchoreographie, die etwa das erste Drittel der Performance ausmacht. Die Tänzerinnen führen eine Art Tai-Chi-Bewegungsfolge aus, zunächst zu dritt, dann zu viert, und schließlich zu fünft. In ihrem gleitenden, konstant langsamen Tempo scheinen die Körper von äußeren Kräften oder Anziehungen gesteuert. Alle fünf Performerinnen (Gaëtane Douin, Nora Elberfeld, Teresa Hoffmann, Angela Kecinski und Silvana Suarez Cedeno) agieren dabei, und durch das ganze Stück hinweg, gekonnt und hochkonzentriert. Meine Aufmerksamkeit ist gefesselt, auch wegen der meditativen, sogartigen Langsamkeit der Tanzfolge.

Körperlich wird hier ein Modus der Versenkung sichtbar gemacht, wie er vielleicht in der Trance erlebbar ist. Und wirklich führt die Performance in ihrem zweiten Teil einen reigen-artigen Tanz vor, der zwischen Erleuchtung der Derwische und zeitgenössischer Yoga-Heilserfahrung schwankt. Nora Elberfeld heizt dazu ihren Kolleginnen, die mit ausladenden Armbewegungen im Kreis tanzen, mit markigen Sprüchen ein: Don’t give up. Only what challenges you, can change you. Erleuchtung jedenfalls braucht Kraft und Ausdauer.

Das Publikum folgt den gleitenden und später exaltierten Bewegungen der Performerinnen gebannt. Kommt hier, auf der Suche nach einer anderen Form der Erleuchtung, eine alternative Gemeinschaft zu sich selbst? Haben wir uns im Theaterraum versammelt, um Momente der Kontemplation zu erleben, die unser profanes Dasein als Konsument_innen sonst nicht mehr zulässt? Wohl nicht. Die Erscheinungen, die von den Performerinnen im folgenden, dritten Teil des Stücks in Gang gesetzt oder verkörpert werden, rekurrieren immer wieder auf eine Form des Spektakels, wie wir es aus Neon-Reklamen oder von Werbetafeln kennen. Während das Stück zu Anfang eine Schattenwelt herstellt, die Momente der Ruhe und meditativen Fokussierung von Aufmerksamkeit ermöglicht, mutiert es jetzt immer mehr zur Scheinwelt.

Eröffnet wird dieser dritte Teil des Stücks mit einem szenischen Witz: Die Bühnentechnikerin betritt mit Hermes-Paket in den Armen die Bühne und überreicht das Paket der Gewinnerin des Derwisch-Wettbewerbs. Die Tänzerin, die am längsten den Reigen tanzen konnte, darf das Paket öffnen. Darin sind billige Lichtkugeln, die von ihr als interaktives Spiel auf dem Boden aufgebaut werden. Eine andere Tänzerin zieht sich aus und bestreut sich selbst mit Glitzer. Mehr und mehr Bilder entstehen nebeneinander und das Publikum ist eingeladen näher zu treten, unter anderem indem es von einem Speisewagen mit Brötchen und Obst verköstigt wird. Und zwischendurch stellen die fünf Performerinnen plötzlich Werbephotos.

Ich überlege: Ist der Sog der Versenkung, diese bodenlose Bewegung ins Nichts des Heiligen, wie sie im ersten und zweiten Teil der Performance angedeutet wird, zugleich die Kraft, mit der uns die Konsumgüter unseres Alltagslebens mit ihrem eigenen Schein anziehen? Ist der zu Anfang vorgetanzte reibungslose, quasi-automatische Fluss das Bewegungs-Pendant zum Fließband oder zur unsichtbaren Reise des Paketboten? Das sind choreographische Aspekte einer bekannten These: Marx’ einschlägiger Begriff des Warenfetisch beschreibt unser quasi-religiöses Verhältnis zu Produkten, die in Arbeitsteilung hergestellt werden. In Walter Benjamin’s Fragment ‘Kapitalismus als Religion’ wird diese Idee erweitert. Laut Benjamin ist „im Kapitalismus eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben“. Der Kapitalismus als „reine Kultreligion“, die permanent andauert, entfremdet den Menschen vom Werk seiner Hände und verschuldet ihn universell. In der Scheinwelt des Konsums, die Guy Debord später als Gesellschaft des Spektakels bezeichnet, sollen mystisch aufgeladene Waren unsere geheimen Wünsche befriedigen.

Die Ware ist dann mit einem ambivalenten choreographischen Potential aufgeladen: Sie zeiht uns unwiderstehlich an. Als Konsumenten laufen wir ihr hinterher, versenken uns in ihren Anblick, schmücken uns mit ihrem Schein. Die Erfüllung unserer Begierden und die göttliche Erleuchtung, die sie uns verspricht, entzieht sich aber immer wieder und bleibt unerreichbar. In der Performance wird diese Bewegung durchgeführt und bebildert. Die Lichtkugeln in ihrem langsamen, fließenden Farbwechsel sind zwar berückend anzusehen, zugleich sind sie einfach schäbige Dekoration für zwielichtige Orte. Im Theater bekommen sie ihren kleinen auratischen Moment, bevor sie aus dem Bewusstsein verschwinden.

Zum Schluss hin zerfällt die Performance in immer mehr Einzel-Aktionen. Material aus vorherigen Szenen wird wiederholt. Die Stimmung kippt ins Aufgekratzte und Desolate. Ob nun die Zuschauer_innen in der Hand haben, wie lange das Stück weitergeht und wann sie austreten können aus der wohlbekannten Welt des Scheins? So hat es das vier-köpfige Orakel vom Anfang des Stücks prophezeit: You decide when the end is. Auch das ist Fake. Die Performerinnen machen einfach weiter, auch wenn ein Großteil des Publikums jetzt klatscht und die Bühne verlässt.

Die Arbeit am Mythos und am Spektakel endet wohl nie. Denn kehren wir nicht, wenn wir uns schließlich selbst aus der Performance entlassen, in den uns bekannten, längst schon mystisch aufgeladenen Warenhype zurück: Iphone wieder an, kurz mal Tinder gecheckt, und dann ein Heineken. Adorno und Horkheimer revisited also, als lustvolle Kritik an Schein und Performance inszeniert? Und trotzdem: Gerade in der hier beschriebenen Ambivalenz von fokussierter Aufmerksamkeit, starken, teilweise berückenden, teilweise humorvollen Bildern einerseits und einer lauten, leuchtenden Verkaufsästhetik andererseits liegt für mich die Stärke des Stücks. Es wird getragen von hervorragenden Darstellerinnen und berührt in den langsamen tänzerischen Passagen zu Beginn der Performance.

Am Ende frage ich mich: Ist in der gleitenden, quasi-automatischen Bewegung, wie sie in der Performance als Tanz, als unmerkliche Transformation der Lichtkugeln, oder mit dem Segway-artiges Gefährt, das von einer Marianne-artigen Cheerdance-Queen gefahren wird, ein choreo-logisches Moment des Zeitgenössischen getroffen? Ähnlich den gigantischen logistischen Bewegungen, die immer mehr Waren von hier nach dort transportieren, über das Meer, in der Luft und über jegliche nationalen Grenzen hinweg. Und unterscheiden sich diese Bewegungen heute überhaupt noch vom Fließen des Wassers oder den stetig sich verändernden Formen einer Flamme, in die sich die Mystiker einst versenkten?

Das ist der zweite, ins Choreographische gewendete Teil der konsumkritischen These von oben: Die Waren blinken und sprechen uns an, ihr Sog bindet uns an sie, während sie ihr Versprechen nie ganz erfüllen. In ihrem mystischen Schein steuern die Dinge menschliches Verhalten. Gleichzeitig scheinen die Dinge selbst heute immer stärker belebt zu sein. Ohne dass wir es bemerken oder etwas dafür tun müssten, umkreisen sie den Planeten. Sie leuchten und kommunizieren. Sie sind immer am richtigen Ort, immer schon da für uns. Diese gigantische automatische Warenbewegung – vom Fließband, über den Container, bis hin zum Algorithmus – entzieht sich unserer Vorstellungskraft. Sie ist Mythos im schlechten Sinne: Unvorstellbar, sublim und ziemlich verstörend.

– November 2016 I Moritz Frischkorn (mit Dank an Heike Bröckerhoff und Jonas Leifert)

Gedankenskizze über das Verhältnis von Bewegung und Zeichnung

#1: Here’s a landscape

Eine beleuchtete Galerie in einem dunklen Straßenzug in der Hamburger Neustadt. Einige Besucher*innen stehen schon vereinzelt um das große Schaufenster, aus dem helles Licht auf den Bürgersteig fällt. Die Temperaturen werden langsam herbstlich, doch noch ist der Abend mild und frisch an diesem 28. September 2016.

Der Blick durch das Schaufenster mit der gespiegelten Aufschrift TANZ gibt freie Sicht auf die weißen Wände der Galerie projekt/t/raum als typischer White Cube. Die weißen Wände stehen im Kontrast zur dunklen Straßenschlucht der Nachbarschaft. Die weißen Wände stehen aber auch im Kontrast zu Fenanda Ortiz’ langen schwarzen Haaren und Ursina Tossis dunkler, enganliegender Jeanshose. Beide Performerinnen der Tanzinstallation „THINK“ tasten mit Handflächen, Armen und Oberkörper die mit Papier bespannte Rückwand des Galerieraums ab. Ihre Körper schmiegen sich an die Rückwand, fahren über den hellen Grund, streichen mit Schenkeln, Füßen, seitlicher Hüfte oder dem Hinterkopf die unbefleckte Fläche entlang. Erst in kleinen, sich schnell wiederholenden, kantigen Bewegungen, später auch in weiter, runder und ausschweifender Geste. Dabei bleiben die Köper stets im direktem Bezug und körperlichen Kontakt zur weißen Oberfläche.

Nach einiger Zeit wird das Publikum hereingebeten und die Zuschauer*innen nehmen in der Galerie Platz. Beim Eintritt in die Galerie rückt direkt der Klang der Bewegungen in den Fokus der Wahrnehmung. Das Streichen, Streifen und Schleifen der Haut über das Papier erzeugt einen trockenen, kratzigen Sound, der – je nach Bewegung – anschwillt und abebbt. Später dringen elektronische Klänge aus dem hinteren, leeren Raum der Galerie nach vorne. Die Bewegungen werden teils unterstützt, dann wieder kontrastiert durch die Soundkollage von Moxi Beidenegl. Die Geräusche der Bewegungen an der Wand werden live abgenommen und als verfremdete Sounds in einer subtilen Klang-Kulisse arrangiert. Dabei sind die choreographischen Elemente des Bewegungsmaterials dieselben, wie die Elemente der Klanginstallation: schnelle Loops von kurzen Sequenzen, das Durchschreiten und Ausfüllen des gesamten Raumes, das Umkreisen des eigenen Körpers, wabernde Positions- und Rhythmuswechsel und der Fokus auf die weiße Wand als Resonanzkörper.

Einige Passanten, die an der Galerie vorbeilaufen, bleiben stehen und beobachten über die Schultern des Publikums im Innenraum die Bewegungen der Tänzerinnen. Innerhalb einer minimalistischen Choreographie bahnen sich Ortiz und Tossi im Laufe der Tanzinstallation ihren Weg von der Rückwand, über den Boden bis in den dreidimensionalen Raum. Dabei endet nach einer guten halben Stunde die Performance mit einer kleinen Bewegungssequenz von Unsina Tossi, die von Fernanda Ortiz beobachtet und mit schwarzem Graphit auf der weißen Rückwand der Galerie graphisch in eine visuelle Skizze übersetzt wird. Zuletzt wird die Choreographie, die sich nach und nach ihren Weg in den dreidimensionalen Raum gebahnt hat, in Form einer Zeichnung also wieder zurück auf die Rückwand der Galerie projiziert. Was von diesem Abend bleibt, ist die Erinnerungen der Besucher*innen und eine körpergroße skizzenhafte abstrakte Zeichnung mit schwarzen Linien. Eine Zeichnung als Spur der letzten Bewegungssequenz der Performance.

Sehr bedächtig bleibt die Zeichnung am Ende der Performance zurück und wird von den Zuschauern in stummer Ehrfurcht betrachtet. Ein bisschen zu unschuldig ist dieser Moment und doch verrät diese stille oder vielleicht sogar sakrale Stimmung etwas vom Wesen dieses Abends. Bewegungsskizzen, die nicht eindeutig entschlüsselt werden können. Ein elektronischer Sound, dessen konkreten Bezug zu den realen Körpern und Bewegungen im Raum eher erahnt denn kognitiv erschlossen werden kann.

fotothink1

Foto: Jonas Leifert

Der erste Abend mit dem Titel „#1: Here’s a landscape“ bildet den Auftakt einer Performance-Reihe an fünf aufeinander folgenden Abenden. Die Galerie ist dabei tagsüber mit einer Soundinstallation geöffnet. Am Abend findet jeweils eine Performance statt, die ihre visuellen Spuren im Raum durch schwarzes Graphit und ihren Schall innerhalb der akustischen Soundinstallation hinterlässt. Am Ende des Abends bleiben Fragen: Was wird in den nächsten Performances passieren? Welche Spuren werden an den nächsten Abenden hinzu kommen?

Die Lust an der Zeichnung

„Die Zeichnung ist also die Idee: Sie ist die wahre Form des Dings. Genauer Gesagt die Geste, die dem Wunsch entspringt, diese Form zu zeigen und sie zu umreißen, um sie zu zeigen. Allerdings nicht zu umreißen, um sie als bereits angelegte Form zu zeigen: Umreißen heißt hier finden, und suchen, um eine künftige Form zu finden – oder sich suchen und sich finden zu lassen –, die in der Zeichnung kommen muss oder kann.“ (S. 21)

Der essayistische Aufsatz „Die Lust an der Zeichnung“ des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy kann selbst als Gedankenskizze beschrieben werden. Ausgehend von Überlegungen zum Kunstgenre der Zeichnung entwickelt Nancy eine phänomenologische Ontologie, dessen Beschreibung um das Verhältnis von Form, Absicht und einem lustvollen Gestaltungswillen als Ursprung künstlerischen Schaffens kreist. Dabei entwickelt er seine Gedanken aus der Assonanz der französischen Begriffe dessein (Absicht) und dessin (Zeichnung). Beide haben – anders als in der deutschen Sprache – denselben etymologischen Ursprung: „Das eine und das andere sind Dubletten, die beide aus de-signare (daher das italienische disegno und heute das Design) hervorgegangen sind, von dem wir den Begriff und das Wort bezeichnen (désigner) erhalten haben. Die Zeichnung bezeichnet (désigne) die Form oder die Idee.“ (S. 21)

Innerhalb der Zeichnung fallen Idee und Form in eins. Die Form ist selbst Ausdruck einer lustvollen Bewegung, die weder ein klares Ziel benennt, noch einen klaren Ursprung (Idee) außerhalb seiner selbst hat. Beide Aspekte sind zwei Seiten derselben Medaille. Nancy entwickelt ein dynamisches Verständnis des Kunstwerks, das aus einem lustvollen Begehren entsteht und innerhalb desselben rezipiert wird. Dieses lustvolle Begehren bestimmt als Prinzip den Bereich der Kunst und dieses Begehren ist stets ein körperliches, kein geistiges. Nancy begründet die Geste in ihrer technisch ausgebildeten Körperlichkeit der Künstler*in, egal ob der Musiker*in oder der Tänzer*in:

„(…) diese Geste also ist vor allem das, was im Ureigensten der Geste liegt: eine immanente Bedeutsamkeit, das heißt, kein Zeichen, das ein Bezeichnendes anstrebt, sondern ein Sinn, der unmittelbar aus dem Körper entspringt, aus einem Körper, der weniger aktiv, wirksam oder operativ handelt, sondern vielmehr an einer Bewegung – und einem Gefühl – teilhat, die von außerhalb seiner funktionalen Körperlichkeit herrühren.“ (S. 55)

#3: This is I

Zwei Tage später ist die Zeichnung an der Rückwand der Galerie nur noch zu erahnen. Schwarze Linien, die Spuren der Performance vom Vortag, überlagern die Zeichnung des ersten Abends. Linien bilden ornamentale runde Strukturen auf dem Boden und kryptische Kritzeleien auf der Rückwand. Die skizzenhaften Zeichnungen als visuelle Spur der zurückliegenden Performances lassen die vergangenen körperlichen Bewegungen der Performerinnen nur erahnen.

Es erschließt sich zu Beginn des dritten Abends visuell eine Landschaft. Ortiz und Tossi schreiten die Wände der beiden Galerieräume kreisend ab und ziehen mit schwarzem Graphit Linien über die weißen Wände hinter sich her. Die einzelnen Striche wirken zunächst wie ein abstrakter Horizont. Nach und nach verdichten sich die horizontalen Strahlen, je öfter die Performerinnen die Wände entlang schreiten: Linien laufen parallel, treffen und überschneiden sich, brechen ab und setzten erneut an. Die schwarzen Striche erzählen als Spuren sowohl von den choreographischen Prinzipien der Bewegungssequenzen, aber eben auch von unkalkulierbaren Kleinigkeiten und Störungen. Sie geben Auskunft über die Körpergröße der Performerinnen, Unterbrechungen im Bewegungsfluss und Richtungswechsel. Die kleinen Details verlieren sich nach und nach in einem Meer aus Linien und seicht geschwungenen Wellen. Auch an diesem Abend mischt Beidenegl einen elektronisch verfremdeten Sound, der sich mit den Bewegungen der Performerinnen überlagert. Die Schritte der Performerinnen verschränken sich mit Klängen, die zeitweise an dumpfes Meeresrauschen oder klirrendes Messerwetzen erinnern. Während der erste Abend noch zurückhaltend den vorderen Galerieraum bespielte, ist der dritte Abend von Grenzüberschreitungen bestimmt. Der Sound scheint dröhnend und voluminös von einem Raum in den anderen überzuschwappen, die Choreographie ist durch ausufernde, raumgreifende Bewegungssequenzen bestimmt.

Nach der ersten hälfte der Performance erscheint Ursina Tossi in goldener Hose. Langsam um sich selbst kreisend beschreitet sie eine diagonale Linie quer durch den Raum und endet an der Fensterscheibe der Galerie. Wie ein konzeptueller Sonnenaufgang wirkt diese Inszenierung von goldener Farbe im Kontrast zu den schwarzen Linien und Spuren der vergangenen Abende. Vor der Fensterscheibe nimmt Tossi akrobatische Posen ein, die sie in langsamen Bewegungen auflöst und variiert. Ortiz zeichnet von außen mit weißen Linien die Bewegungen skizzenhaft nach. Es entsteht ein Pas de deux aus langsamer und körperlich deformierender Bewegungssequenz im Innenraum der Galerie durch Ursina Tossi und den zeichnenden Bewegungen der Hände von Fernanda Ortiz den Bewegungen von Außen. So wie Ortiz am ersten Abend die Bewegungssequenz von Tossi innerhalb der graphischen Zeichnung festhielt, so ist sie nun wieder ein Medium, das die Bewegungssequenz in eine graphische Zeichnung überführt. Die Fensterscheibe ist dabei verbindendes Element als Bezugspunkt für den körperlichen Kontakt der Bewegungen Tossis und gleichzeitig Leinwand für die Zeichnung als visuelle Spur der Bewegungen. Die Festerscheibe trennt nicht nur Innen- von Außenraum, sondern auch die Sphären des körperlichen Vollzugs von der Sphäre visueller Komposition. Die visuellen Spuren vom Außenraum vor der Galerie lassen die Kluft erkennen, die zwischen körperlicher Bewegung und zeichnerischer Skizze klafft. Beide treffen sich nicht im realen, sondern innerhalb einer sinnenden Denkbewegung.

fotothink2

Foto: Pamela Goroncy

Die Lust zu Denken

Die Tanzinstallation THINK von Fernanda Ortiz schafft ein komplexes Gefüge um mögliche Relationen von Bewegung und Zeichnung. Bewegung und Zeichnung treffen sich bei ihr im Raum. Dabei handelt es sich nicht um einen stillen, neutralen Raum, sondern einen Resonanz-Raum der beide Sphären, die Bewegung und die Zeichnung, akustisch in Schwingung versetzt. Bewegung und Zeichnung verweigern sich in ihrer Ausgestaltung einer klaren Narration oder semiotischen Zuschreibung. Sie tragen ihren Sinn innerhalb ihres eigenen körperlichen Vollzugs und treffen sich in den Ideen von dessein (Absicht) und dessin (Zeichnung). Sie treffen sich in einer Zeichnung des Raumes als Choreo-Graphie, die nach und nach die weißen, neutralen Wände des White Cubes der Moderne überlagert.

„Die Lust der Zeichnung ist die Lust dessen, was keine gegebene Form anerkennt: Man könnte sogar sagen dessen, was gar keine Form anerkennt, sich aber ereignet, als zeichne sich die erste Form in der Bewegung seines Strichs ab.“ (S. 47f)

Fernanda Ortiz: THINK – Tanzinstallation 28.09.-02.10.2016. Galerie Projekt|t|raum.

http://fernandaortiz.com

Jean-Luc Nancy: Die Lust an der Zeichnung. Hrsg. Von Peter Engelmann. Übers. von Paul Maercker. Wien: Passagen 2013.

_____________

– Jonas Leifert | November 2016

Mit Dank an Moritz Frischkorn und Heike Bröckerhoff. (Wir arbeiten nie allein.)

Trotz chronischer Unterfinanzierung blüht die Hamburger Tanz- und Performance-Szene. Wie macht sie das? Diese Woche gab es so viel zu sehen, dass ich nicht hinterherkomme mit dem Schreiben. Deswegen muss ein neues Format her. Angelegt an die Wochenschau – ein Zusammenschnitt der wichtigen politischen, kulturellen und sozialen Ereignisse, der im Kino vor dem Hauptfilm gezeigt wurde; eine wichtige Informationsquelle also für alle, die keinen Fernseher hatten – gibt es nun einen Rückblick im Schnelldurchlauf. Diese Woche: Ein Gruppenstück, ein Duett und ein Solo. Prinzip: Je mehr Performer/innen desto länger der Text. Fangen wir von hinten an.

______

5. November, auf Kampnagel, K4

A crowd of murder? Ich stehe an der Kasse, um eine Karte zu erwerben und mir fällt der Titel nicht richtig ein. Das Solo von Annika Sch(w)arm, selbst-erklärte Hobbyornithologin, also Vogelliebhaberin und -forscherin, beschäftigt sich mit Krähen. Bereits in den letzten Stücken (Balztänze, A piece for undressed minds) man könnte schon von einer Serie sprechen, zeigte sich ihre Faszination für Vögel.

Diesmal zaubert sie eine düstere, nebelige Landschaft auf die Bühne. Eine filigrane Skulptur hängt von der Decke, glänzt silbrig. Beim näheren Hinsehen fällt auf, dass sie aus Kleiderbügeln besteht. An anderer Stelle schwarzer Tüll, vielleicht ein Rock? Überhaupt hängt viel Ausstattung von der Decke, auch die Mikrofone, an denen die Performerin immer wieder Halt macht, um Einblicke in ihre Forschungsergebnisse zu geben und mit mystischen Stimmen aus dem Off zu kommunizieren. In dieser Szenerie, gerahmt von einer ideenreichen Soundkulisse (Clemens Endreß) verwandelt sich die Performerin in den schwarzen Vogel. Sie zeigt stilisierte Bewegungen aus ihrem Vogelrepertoire, in staccato, elegant und reaktionsfreudig. Sie versucht Walnüsse zu knacken ohne ihre Hände zu benutzen, trällert klassische Musik und kommuniziert in Vogelrufen mit ihren Artgenossen. Präzise bewältigt sie ihre Aufgaben. Und schwarz steht ihr gut. Nur so ganz scheint das mit der Transformation noch nicht funktioniert zu haben. „Ich bin eine von euch!“ ruft sie gen Himmel, in Richtung eines imaginären Murder of crows. Das ist übrigens der echte Titel des Stücks.

Konzept und Performance: Annika Scharm; Dramaturgie: Sophia Guttenhöfer;  Musik: Clemens Endress; Bühne & Kostüm: Lani Tran-Duc; Licht: Ricarda Köneke

________

4. November, im Haus Drei, beim Eigenarten Festival.

o.T. von Juliana Oliveira und Greta Granderath. Ein Stück für einen Fotoapparat und zwei Freundinnen. Dass sie Freundinnen sind spürt man auch. In der Art wie sie einander anlächeln, ihren Dialog lesen, sich mit Fanta zuprosten, Fotos nachstellen, gemeinsam Chipstüten aufreißen und Sachertorte verteilen. o.T. besteht heute Abend aus vier Teile und die sind klar voneinander getrennt. Dazu wird „I want it that way“ von den Backstreet Boys vom Ghetto Blaster abgespielt und die Bühnenelemente (ein Tisch, zwei Stühle, zwei Mikrofone) neu arrangiert. Es geht um die 90er, Mittelscheitel, Boygroups, deine Kindheit meine Kindheit. Anhand von alten Fotos mutmaßt Greta über Julianas Vergangenheit, versucht zu erraten, wem die langen Beine auf dem Bild gehören, warum alle blau tragen und ob die Eltern noch verliebt sind. Die Bildbeschreibungen greifen einzelne Elemente heraus, sodass in unserer Vorstellung nur Fragmente von Bildern entstehen, sich mit jedem Satz verändern und mit unseren eigenen Erinnerungen an die 90er Jahre überlagern. In Teil zwei stellen die Freundinnen Bilder nach und fotografieren sie neu, auf der Bühne. Dabei schlüpfen sie in diverse Rollen, korrigieren gegenseitig ihre Haltung. Die Bilder nehmen Form an, werden dreidimensional, verlieren so für einen kurzen Moment ihre Bildhaftigkeit bevor sie wieder als Foto verewigt werden. Für den dritten Teil haben die beiden Künstlerinnen eine Reihe von Interviews geführt. Was ist das erste Foto, an das du dich erinnerst? Was das zweite Foto, das du gemacht hast? Über mp3 Player und Kopfhörer hören Greta und Juliana die Interviews und sprechen sie laut mit. Die erinnerten Bilder fügen sich mosaikartig zusammen, werden bunter: Ankara, Sachertorte, massenhaft Tierfotos. Irgendwo im Publikum werden noch Chips geknuspert, es riecht nach Schokolade. Das Foto reduziert, schreibt der französische Theoretiker Jean Baudrillard, es nimmt der Realität die Tiefe, den Geruch, den Geschmack. Juliana und Greta geben den Erinnerungen diese Dimensionen zurück, hauchen den Bildern neues Leben ein. Am Ende sitzen alle wie bei Kaffee und Kuchen zusammen und schauen sich alte Fotos an. Julianas Familienfotos aus dem ersten Teil, drapiert auf einem Tisch, diesmal mit Titel.

Von und mit: Greta Granderath und Juliana Oliveira; Interviewpartner*innen: Özlem Demirci, Gaëtane Douin, Edda Einsiedel, Marc Einsiedel, Volkmar Hoffman, Sérgio Pessanha, Annika Scharm, Anna Till, Anke de Vries, Dirk Wesuls; Dank an: Sophia Guttenhöfer und Jonas Woltemate

________

3. November, im Kleinen Michel, beim Festival Dance in Response

Into gentle Yellow von kompanie. Ein Tanzfestival, das in einer Kirche stattfindet ist zumindest für Hamburg außergewöhnlich. Eine Tanzkompanie, die in den Räumlichkeiten des Kleinen Michel regelmäßig probt, sich trifft und austauscht, ist ebenfalls eine Sonderheit.* Seit einem Jahr machen sie das schon und heute Abend zeigen sie ihr erstes Stück – eine rituelle Tanzinstallation – im Rahmen der zweiten Festivalausgabe von Dance in Response. Sie, das sind sechs Choreograph/innen: Gloria Hoeckner, Yasna Schindler, Lucie Schroeder, Lotta Timm, Marie Werthschulte und Hagen von Holland (nicht auf der Bühne). Mit Into gentle Yellow weihen sie das Publikum in ihre mystischen Rituale ein. Sie tragen Kränze aus Licht auf dem Kopf – ich muss an die Dornenkrone denken – so erkennt man die Tänzerinnen in dem abgedunkelten Kirchenraum. An den Wänden brennen Kerzen. Wir werden dazu angehalten, uns die Hände in Schalen mit Sand zu waschen. Während zwei Performerinnen uns initiieren, bewegen sich die anderen in einfachen, rhythmischen Schrittfolgen, mit schwingenden Armen und konstanten Richtungswechseln. Das Bewegungsmuster verbindet die Tänzerinnen miteinander, sie bilden darin eine Einheit. Ich bewege mich langsam durch den Raum und suche einen Platz auf den Kirchenbänken, nahe der rechteckigen Bühnenfläche, die mit Rasenteppich verkleidet ist. Mehr und mehr Publikum strömt herein und so bleibt mir viel Zeit, diesen mystischen Raum und die Musik (Norbert Hoppermann) auf mich wirken zu lassen. Es folgen magische Momente: Einige Zuschauer/innen werden angesprochen. Daraufhin stehen sie auf, ziehen ihre Schuhe aus und legen sich auf den Teppich. Eine Kugel wirft grünes Licht an die Decke. Eine Räucherung wird vollzogen, wahrscheinlich ein Reinigungsritual. Eine riesengroße Folie wird über das Publikum bewegt. Meine Begleiterin macht mich auf den Live-Gesang des Kirchenorganisten aufmerksam, der sich unmerklich in die vorproduzierten Melodien einfügt. Plötzlich mischen sich die Performerinnen unter das Publikum, verschwinden dort, zwischen den Körpern. Sie nehmen Posen ein, die an islamische Gebete erinnern, reißen die Arme zum Himmel wie in Götteranbetungen aus fernen Kulturen. Dann wiederum bleiben sie stehen, richten sich ihr Haar und ziehen mit kleinen alltäglichen Bewegungen den Blick auf sich. Die Zurückhaltung und Unaufdringlichkeit der Tänzerinnen lässt spüren, dass es hier nicht um sie geht, sondern um eine spirituelle Erfahrung. So auch die Musik. Von Klangteppichen bis hin zu Melodien aus verschiedenen religiösen Kontexten begleitet sie die Performance, unterstützt, rhythmisiert und verstärkt die meditative Atmosphäre. Zum Ende hin nehmen Musik und Bewegungssequenzen an Tempo zu. Als würden sie sich in einen Trance-Zustand tanzen wollen, werden die Sprünge und Drehungen der Tänzerinnen intensiver. Die Bewegungsfolgen wiederholen sich, bis eine nach der anderen durch die geöffneten Seitentüren die Kirche verlässt. Kalte Luft strömt herein. Das Ende der Performance scheint der Anfang für etwas neues zu sein.

Von und mit: Gloria Höckner, Yasna Schindler, Lucie Schroeder, Lotta Timm, Marie Werthschulte und Norbert Hoppermann.

* Kirche als Ort für experimentellen Tanz? Mir wird jetzt erst so richtig bewusst, dass der Treffpunkt und Aufführungsort des Judson Dance Theaters auch eine Kirche war. Aber das nur so nebenbei.

_________

– Heike Bröckerhoff | November 2016

Mit Dank an Ann-Kathrin Quednau für ihr Feedback und ihre Begleitung. (Wir arbeiten nie allein.) 

Note to the reader

This dictionary is a tool for sharing cultural workers` experiences of invisible work. We call “invisible” the work that takes up a significant part of our daily routine, however without being acknowledged as “actual” work. This dictionary particularly focuses on activities that are, on the one hand, essential for our “official” work to be realised, but which nonetheless remains hidden from even our own understanding of productivity.

The goal of the dictionary is to identify and name those blind spots of our daily labour and to define them as precisely as possible in terms of the experience of doing them. As a point of departure for the writing of definitions we created a set of guiding questions:
How would you define/describe this activity?
How do you feel about doing this work, how does it affect you (emotionally)?
What does this work produce, what is its outcome?
How much time do you spend doing it?
What is your strategy for dealing with this activity?

Therefore, the definitions in the dictionary combine a matter-of-fact style of writing with a subjective perspective marked by the use of ”I“.

You can contribute to the dictionary by adding an activity and its definition or by redefining an already existing term and sending us your proposal. We will review and proofread, then upload your contribution as soon as possible.
Contact info: dict.invisiblework@gmail.com

________

A | Analysing – Anticipating (someone’s unspoken needs/desire) – Archiving – Ass-kissing – B | Backing off – Building a trust – Browsing – C | Calculating the budget – Cleaning – Clubbing – Commenting on written work – Compromising a vision – Coordinating – Creating a common vocabulary – D | Designing a flyer – Developing strength – Developing a vision – Discussing – Doubting – E | Exploiting your sociality – F | Feedbacking – Following up – Facebooking – G | Graveyarding/Ghosting – H | Having a Skype conference – I | Investing money – Informing yourself – L | Looking for (the cheapest) tickets – M | Making a phone call – Managing a dependence relationship – Mis-documenting – Misspelling (and correcting a misspelling) – Moneypullating – N | Networking – O | Observing – Over-doubting – P | Planning of future activities – Pretending to be identifying – Pretending to kiss asses – Printing – R | Reading – Recovering emotionally – Refining sensibility – Rehearsing – S | Self-organizing – Sharing a vision – Sitting/Staying seated – Skilling – Sleeping – Smoothening/Harmonising – T | Talking about your project – Thinking – Training – Translating – Travelling – Trying to reach someone (also: reaching out for someone) – U | Updating a CV/short bio – W | Watching videos – Writing – Writing Applications – Writing Emails – Writing a Ph.D.

 

A

Analysing
Analysing rehearsals, performances, written text, your own daily performances etc.Almost the entire time spent walking, cycling or driving I try to analyse my own work, either related to the past or to the future. Figuring out how improvements could be made, what was (possibly) lacking, what was done in an inappropriate way and what functioned well. Analysis, we were told, is an integral part of the process of evaluation and a necessity for the improvement of one’s (daily) practice.

Anticipating (someone’s unspoken needs/desire)
As a host, producer, choreographer or programmer you are expected to be relaxed, unflappable and even cheery. You have to set the tone and expression in which you interact with each of the ”co-laborators“ or find a tone that suits the explicit or even implicit desires of an (educational) programme, application etc. In short, you have to figure out strategies to prove that you are graceful, sincere and refined.

Archiving
Almost every day I store materials in a certain logic, in hard copies or electronically. By sorting data I build up a memory for next week, next month and next year. I store in arch files, boxes, Dropbox, on multiple USBs, MEGA and Google Drive. Through archiving I accumulate my professional “glory box”.

By archiving the unused, but worked out, I accumulate ”thoughts“, expressions, working methods, exercises, photos, … for the future.

Ass-kissing
Everyone has to be an ass-kisser at least sometimes. Not literally, of course, but metaphorically. This term names a possible strategy of investing in a forth-coming project (short-term ass-kissing) or in a better future (long-term ass-kissing). Ass-kissing can therefore be understood as a networking practice. Hence it often becomes an automatic and reflexive manner of (re)acting to expectations regarding one’s sociality and/or availability. This is why this term has a negative connotation. Ass-kissing can be practiced in different ways, depending on one’s moral stances. Seen in a positive light, ass-kissing could describe the will to return someone’s sympathy and the acting out of this will in an exaggerated manner.
Also: to trigger someone else’s most sensitive spots with seductive attention. Done in order to get attention, start a dialogue or get someone interested in you and/or your work. Ass-kissing can have the positive result of getting an invitation (to some festival or something), getting financial support (for you and/or your project), increasing your visibility and increasing your importance, among other things.
The ideal outcome of this activity would be to develop a shared vision, a fruitful dialogue and a productive collaboration with the person who’s ass one kisses. However, it is essential to be careful to keep your independent decision making in tact. At all costs, keep your integrity!

B

Backing off
Refraining from announcing your opinion/ideas that you know will slow down and distract the group’s working process or decision-making.

Building trust
is very important, since it makes the working process easier. It allows you to waste energy only on the necessary things. Trust enables people to directly confront each other, gives you the self-confidence to speak up for yourself and allows you to share your ideas and doubts. The fact that people are often circulating around the same groups of people, building a network of collaboration with certain actors in the field implies that trust among collaborators is essential and comforting. Moreover, if you are not well paid, you usually prefer to be surrounded by people with whom you enjoy the process of work (at least).

Browsing
The time consuming exercise of searching for the right and “suitable” information includes among other things: checking application possibilities, festivals or conference open calls, new or needed magazines, journals, books (in the library, online book shops, pdfs available online), props for performances etc. Browsing around the web is exhausting, unpaid and represents one of the basic activities of a cultural worker.

C

Calculating the budget
Calculating the budget means also revisiting your budget according to the “real” circumstances. It is mainly related to cutting the budget (for the project, as well as your own existences), planning, reorganizing, adapting, deplaning, re-reorganizing, re-adapting, planning, re-re-reorganizing…

Cleaning
Can be considered as the most unpleasant and the most invisible activity (and is thus in concurrence with thinking). It is essential, by the way.
But it can also be the other way around: cleaning can be a means of procrastination, a way to avoid or postpone other work(s). (Un)luckily, there is always something to be cleaned.

Clubbing
Clubbing is a night dance activity related to professional life in terms of networking and finding inspiration.
It provides you with the opportunity to relate and interact with people of different backgrounds and cultures by creating a common context.
As an inspirational activity it offers an entrance to both pop- and subcultures and to different music scenes. One can get in touch with what is going on “now”. One can also observe tendencies, influences and alternative models of group organization.
Clubbing can also be an activity of training and cleansing. It supports relaxation and can potentially lead to experiencing flow and entering a state of trance…

Commenting on written work
Usually I provide written or oral feedback to my friends as a favor (in return), or to colleagues’ written work for free. When I am too tired to comment, I try to sell it to myself as an activity that gives credit to my intellectual persona and strengthens social capital. One can also gain knowledge about various topics.

Compromising a vision
Too often, you have to compromise your (great) vision due to various reasons, including budget cuts, programmers’ visions, abilities of your collaborators, time possibilities or other.

Coordinating

Creating a common vocabulary
It includes spending time on finding out what are the common references among a group. It also includes getting used to each other’s ways of thinking and formulation of ideas. It produces a common understanding about the meaning of specific terms. An example of this practice would be to create a dictionary (like this one!).

A common vocabulary is needed when individuals attempt to work together in a group. It is meant to reduce the risk of misunderstanding and to smooth over the consequences of such misunderstandings. Every field requires its own jargon in order to define and assert itself as a recognizable area with its own body of specialized knowledge. Once initiated into a particular field, participants are subsequently able to cope with complex words or jargon such as “dialectical ontology” for example. While these words can be uttered quickly both in conversation and in writing, it is the defining, redefining and maintenance of the vocabulary´s circulation that requires extensive time and effort. An individual may persistently promote the use of a specific vocabulary through writing and speaking in professional contexts without even being conscious of it. However, it takes a long-term collective effort to use the words before the new vocabulary is accepted as natural within the group.

D

Designing a flyer

Developing strength

Developing a vision
When a vision suddenly comes to you or out of you and, following a strong urge to turn it into reality, you start defining it, circling it and adding to it. As a second step, you might start looking for people to share it with (see: “sharing a vision” and “compromising a vision”).

Discussing
Wasting time brainstorming and sharing thoughts on the selected subject, negotiating, dis-agreeing. It is often enacted in a small group of people with whom you create, develop, test and share your ideas. A (good) discussion provides new insights and questions or supports your own position through/with additional arguments as well as training your capacity of speaking in public. In a discussion your thinking process can become visible (even if only to those engaged in the discussion).

Doubting
The condition of being constantly preoccupied with whether or not you have made the right decisions in your life and have chosen the right job (also existential doubting). It is usually a consequence of the condition of extreme precarity and isolation, which become an integral part of your everyday life and work.

Existential doubting can also be a consequence of your (possible) lack of recognition in the (performance) art market, which means lack of visibility for your work and yourself. This lacking is not only a serious problem in regard to your self-esteem, but has also consequences for your material ability to continue working, since many of today’s funding bodies base their decisions very strongly on public visibility of the work and the artist.

Intense self-blaming and consequent “paralysis” are often the result of doubting, especially when you give those thoughts free reign. You can usually bring yourself back to relative “productivity” by just continuing to do what you do and ignoring those thoughts. In the meantime, reading and following the discourse on the subject of labor in the (performing) arts in today’s neoliberal societies can also be helpful—if you’re into this sort of thing. Then you can recognize yourself and your experiences in what is defined as today’s precarious class.

Exchanging and sharing experiences with others is key to relieve this pressure, at least of isolation. Being active politically is also very helpful in order for long-term solutions to be found/ implemented in the country where you live and work. And, if extreme financial precarity persists, in some cases the taking on of a badly paid and/or uninteresting job is something that cannot be avoided as a “solution” in the short-term.

E

Exploiting your sociality
The process of constantly opening up to other people and interacting with them. A happy, always accommodating and available persona of yourself, eloquent and witty, is produced as a result – and considered as the norm.

F

Feedbacking

Following up
When in writing, following up is a practice best described by the exclamation mark. A forced “!“ is what it feels like to follow up: Enthusiastic rather than annoyed; excited and anxious rather than bored or angry. Never complain about a late reply. Best not even to mention that you have written before and were ignored, as it sounds bitter and preachy. Being ignored is nothing to you, it flies over you and leaves no trace or impact! You are always friendly and well meaning! Never give up! ”Hello!“, ”Hoping this e-mail finds you well!“ or ”Hoping you had a nice and restful weekend?!“, or ”Looking forward to hearing from you!“ are essential constituents of following up via email. Between the beginning and ending of a follow up e-mail, I can spend hours finding just the right formulation for reminding the reader that I exist. The results of following up are either immediate or none at all.

And then, from time to time, I get followed-up!

Facebooking
In order to be visible, one can easily spend hours on FB, counting “likes”, making “likes”, adding ”friends“, reading posts, book-marking articles, checking events, creating events, and so on.
I wonder whether it’s really true that being on FB makes you and your events become more visible. Facebook counts everything.
Last year I spent more than 1100 hours on FB…that’s almost 46 days.

G

Graveyarding/Ghosting
Haunting, this invisible work is performed by the material that has been deleted/kicked out during the process of creation, aka your killed darlings, and reappears to you in your dreams.

Or: Putting material aside in the creative process. There are a lot of ideas and material that are not necessarily used for the output/product but as long as you are not sure whether you will use them or not, you don’t delete them but save them in several documents, or write them as a footnote. These ideas and material then roam around like “ghosts” – in your mind, body or materialized (on paper, as real objects) before the “final” selection. Then they can finally be buried (graveyarding) in regard to this concrete project, but without ever being completely forgotten. They continue ghosting around. Those ideas and material, even if buried, always have a possibility to be reincarnated.

A ghost is an invisible something. Hence ghosting is one of the main terms referring to invisible work. At the same time ghosting is a by-product of a selective activity, which is sometimes materialized but not really shared with others. For example, unused footage produced for a certain movie that one-day could be used for another movie can be understood as a ghost.

Ghosting also relates to “ghost-writing”.
It can imply copying/mimicry, consciously or unconsciously.

H

Having a Skype conference
What always frustrates me with Skype is the impossibility of reaching you. The screen in which we show up in front of each other, creating an illusion of proximity, separates us. I can see you but cannot touch. We share the same time but not the same place. The promise of proximity, when there are hundred of kilometers between us, makes the distance even more tangible, almost unbearable. I could shut off the video function. But then I am even lonelier. Talking to my computer. If there are more of us, more people involved, the video function doesn’t work. We would need to buy it. But we don’t want to. It’s difficult to sense who will start talking next. So we’re constantly interrupting each other or speaking at the same time. Because of that, we developed a sign language to be used in the chat. ? = I don’t understand, ! = I want to say something, … = Get to the point.

On the other hand it is exactly Skype, that keeps me alive, proves that I am appreciated, close to those who are far. However deceptive it is, it gives me a feeling of being close to you. But in this case, it is usually not about work, is it?

I

Investing Money

Informing yourself
It is an ideological must. A must of being informed more, better, all the time. An easy way to waste a day or days is just browsing, reading, …or just informing yourself with whatever.

L

Looking for (the cheapest) tickets
Includes comparing ticket prices for Trains, Flights, Buses, Airport Shuttle Services or even combining all the possible means of travel.
Advanced bookers do not simply compare the different means of transportation but also different companies in different languages.
It’s becoming a real thrill, bargain-hunting. After hours of suffering, confirmation feels like the highest award.
(Plan B: I could work as a producer.)

M

Making a phone call

Making a schedule
Chopping time in a way that all my activities fit together. There is nothing better than crossing over completed meetings/ tasks/events. My strategy includes ignoring at least one task per week and leaving it for the future.

Managing a dependence relationship

Mis-documenting
In the act of mis-documenting it is necessary that the ”mis“ remains invisible. Mis-documentation appears before and after a project, it’s the beginning and the end. It includes the translation from an artistic practice, vision, or idea into a promise or contract. The artist’s needs to prove that the project was realized and the money was spent according to the plan (budget calculation). Proofs should be materialized and/or collected: e.g. (wrong) receipts. The proof will later be verified. This act of verification is often violent and brutal.

How to get out of the vicious circle of verification of verification of verification of verification…? How does verification relate to the truth?

A manual of mis-documentation is urgently needed:
Consider the question: For whom do you mis-document? And what is the purpose of your mis-documentation?
When you know the rules, you can play with them!
The more advanced you are in mis-documentation the more it becomes a pleasurable activity.
Example: When you apply for EU funding, please consider that working with physically, psychologically, and socially handicapped people increases your chances to get money. How far are you willing to go?
For a consultant the act of encouraging the applicants to mention their collaborators’ physical, psychological and social handicaps raises questions on political correctness, ideology of work ethics, and categories. There is a discrepancy between the pleasure of playing the game and the perverseness of the game.

There is an obsession with documentation and making every single detail of your process visible. Transparency is mandatory. Mis-documenting tries to preserve the right to invisibility by making the wrong things visible and protecting the right things from exposure.

Documenting also relates to your own working process because you think you will need the documentation, for example when applying for funding. This creates a lot of additional work that can lead to potentially useless material. In a field where there are no common practices of archiving, collecting and writing of history, a lot of practices become invisible and forgotten.

Misspelling (and correcting a misspelling)
One of the most invisible activities. It is considered to be an “error” in written language, a breaking from the accepted language rules, and can occur in any kind of text, from SMS to email, to articles/essays. This error can either be accidental, during touch typing (i.e. “blind” typing) for example, or because of writing in a language in which the orthography (spelling) is not completely familiar to you. It can also be an error not of yourself, but of the “auto-correct” function of the writing program which you are using.
In a slightly didactic gesture, misspelled words are underlined by a red dotted line in most word processing programs. However, there is always the possibility that an error has slipped the program’s attention and can only be discovered by you rereading the text.
Unconsciously, I perceive misspelling as a “weakness”. I fear that it will make me look bad in the eyes of the person who reads my text. It is a source of shame when I misspell in my native language, proving that I have been living abroad for too many years. Reversely in a foreign language, it will make me appear as a “foreigner”, not yet fully mastering the language and therefore, my new self.

Moneypullating

N

Networking
People say it is always good to engage in calculated and strategic interaction with key people in your field or people that are potentially useful to know. I am not sure about this. It takes me from a few hours up to three days to recover emotionally from such interactions.

O

Observing
Looking at something in order to understand, get inspired, judge, moneypullate, learn and reproduce it.
An intense activity that cannot be sustained during a long period of time -maximum 1h. Then you need a coffee break and can do it again. Observing can be trained.
The audience of a performance is attentively observing during the first 7 min. So, if you want to convey an important message, do it in the beginning.

Taking time to sit down and observe: your own thoughts, the architecture, people, contingent events, etc. In the frame of over-information and over-mediation, the trap of continuous occupation can lead to repetition of various activities that are not reflected/thought through or over, nor defined. In order to make a difference, one needs to take a break, to stop and breathe. Observation doesn’t mean to value everything in your environment, but to be aware of what surrounds you.

Over-doubting
To make doubts productive, and even to exploit doubts with the aim of over-coming them.
The aim of over-doubting is to further define an artistic aim and re-e-value-ate the significance/relevance of (your) artistic contribution to the contemporary world.

P

Planning (of future activities)

Pretending to be identifying

Pretending to kiss asses

Printing
I cannot move towards synthesizing processes if I don`t have printed copies of drafts. First I print, then I create.

R

Reading
A constitutive part of many people’s work: reading emails, messages, posts, newspapers, articles, books. The multiple-reader browses, selects, skims, marks, tags readings and sometimes even shares them with others. Reading is mainly an important and continuous part of research and a strong tool for supporting your own visions and making ideas “more relevant” in the eyes of others.

If one wants to be an artist or cultural worker, s/he has to be familiar with some Deleuze quotes. Becoming Deleuze.

Recovering emotionally
An activity or even a lack of activity in a state when you are not able to work on anything because of being in a bad emotional state as a consequence of stressful or disappointing experiences. Examples: after a rejection; after funding cuts; after a lot of work; because of being not satisfied with your own work; etc.
Refining sensibility
Constant activity that accompanies all of your work and everyday activities. Trying to sharpen senses, thoughts and arguments with the purpose of observing precisely, understanding “more”, and/or getting new ideas. Always be open for new impulses coming from what you see, hear, and experience.

Rehearsing

S

Self-organizing

Sharing a vision
In order to adjust to the same idea or aim within a group. Finding people with whom you share a vision is rather a lucky coincidence than the norm. Therefore, a shared vision is a good reason for building up a more stable collaboration. If you do not share a vision with your collaborators, it could easily lead to a disaster, ending in the interruption of the process, weak results, health problems, mental issues..

How to share a vision without imposing it? That’s double work.

Sitting/Staying seated

Skilling
One must constantly add new skills and knowledge in order to be more competitive. Almost everyday, I learn something new. I attend various courses about social media (performance), new computer programmes or reading groups, teaching and sharing procedures and methodologies, dance and performance trainings. And often, while attending the course, I figure out that the training is not of great value; that it does not fit my needs but maybe just proves that my ”performance“ is already sufficient.

Sleeping
As sleeping seems to be the opposite of being awake or not sleeping, it is also an integrative part of work and the working process. Sleeping is not only unavoidable but also a productive part of our 24h-rhythm. In the case of lacking sleep, one becomes less efficient, less productive, less creative and therefore needs more time for particular activities. What kind of work could be done if one is tired? Sleeping time should be paid as working time. See also recovering emotionally.

Smoothening/Harmonising
Encouraging people to open up, share their thoughts and ideas; to resolve conflicts within the group, among your collaborators.

T

Talking about your project
To have a clear idea of your individual and your company’s ongoing project so that you can talk about it to other people immediately when the opportunity arises.

Thinking
The most invisible thing.
You can try to make it visible by saying “I’m thinking” or you can develop a range of facial expressions that potentially represent thinking.

Organizing a group discussion could also help.

Training
To keep (a body/practice) in shape, to maintain a certain practice or to get better at doing it,
Also: to nourish and share a practice, develop a routine; training can be understood as preparation that includes repetition and learning.

Translating
Bridging something. It includes searching for words, making knowledge circulate,
helping one person to be better understood by others in a meeting when you’re the only one who seems to get what s/he says,
an attempt to adapt, to transpose a discourse to another context in order to build bridges and make communication possible.
Examples of translating:
– from one language to another one
– from one medium to another one
– a practice into a discourse
– a vision into a concrete disposition.

Travelling
Covering a distance in order to arrive where the actual work is taking place. Thus, it’s a kind of pre-work or enabling/supportive work.

Sometimes, the time when you can finally do some real work, using the time on train, bus, plane to read, write, plan or just (re)think some (more).

The more I travel the more I hate it.

Trying to reach someone (also: reaching out for someone)
In the process of trying one can become completely unproductive. You get the feeling that you’re losing your precious time. This can lead to nervousness and ineffectiveness, while in the worse cases to a break down. While you are waiting, you think of time that could have been spent on something more productive or at least more pleasurable (i.e. leisure activities).

U

Updating a CV/short bio

A CV or short biography has to be updated regularly and revisited in order to suit a particular purpose. Writing a CV could appear as writing fiction, constantly speculating about how the Other would like to get to know you, or what kind of expectations s/he might have. In that sense, you are creating and recreating your own (in)visible appearance.

I now have three of them. Actually it’s the same in different lengths: short, medium, large.

W

Watching videos
Of rehearsals, of performances (your own or others)

Writing
Can make your thoughts move and help you progress with/in your thinking process. It can be understood as a dialogue with yourself or an internal monologue. In former times it was mostly done with a pencil in a notebook. Nowadays, typing on a computer (notebook) is more common than writing by hand.
What I mostly enjoy when writing is that I have time and space to develop (think through) an idea and to observe how this idea evolves. Writing is a way of making
things/ideas more concrete, not only by formulating them but also by placing them on a piece of paper, therefore by giving them a certain permanence or validity. Ideas then start to exist independently of the thinker and gain a certain autonomy. Writing opens up worlds. It is not just about explaining something to someone, it is not only functional in this sense. It can also be a companion and an enabler of thought and of imagination.
Whether writing itself is invisible is difficult to say, considering all the contemporary faces behind the screens of their notebooks (computer) that you can see in cafés, at train stations, in trains, at the airport or in other public spaces. At least their typing is visible but the process of writing seems to involve much more than making words appear on a page or on a screen.

Writing Applications

Writing Emails
Email is a form of written communication that is produced and transmitted electronically.
Email communication is almost immediate; a few seconds after pressing “send”, the receiver can read the email on her/his web browser. An email is often quite an informal and fast form of communication, the best emails being short and catchy, getting straight to the point and immediately being understood by the receiver.
To write an email, however, is more often than not a laborious invisible activity. Emails that are meant to convey an important message like the result of a research process or the content of what one is currently working on, and especially emails to people that you are depending on professionally, can take some hours if not days to write. The challenge is to include all necessary information in a short text – so that at best the receiver would not have to scroll down to read the end of your message – and to be eloquent nonetheless.
Despite the large amount of work put into writing a professional email, it can often remain unanswered. This then requires a follow up email that has to be formulated in such a way that will not offend the receiver, so that s/he will still be motivated to answer the email at some point in the future.

When used to simulate a conversation or an exchange between many participants, emails have the tendency to accumulate. This is also the case when writing a meta-email in order to check the functioning of the email communication (“have you received my email?”) or when one wants to clarify a misunderstanding that was created by means of an email, to repeat information that were already sent but that were not read carefully enough, etc.

Writing a Ph.D.
Investigating a specific topic or a guarantee for 3+ years of existence (if you get a fellowship or studentship). Implies spending more time doing invisible work with a strong belief that the Ph.D. will lead to more visibility (by making you a relevant author/scholar) – an investment in yourself and your better future. You think that people will suddenly start calling you, writing to you, offering you jobs and inviting you to give a lecture at their event.
On the other hand, writing a Ph.D. gives you opportunities for researching properly and studying in depth a topic of your own interest. It excites you and brings hope and satisfaction, but it can also cause frustration when you figure out that a Ph.D. is just one more project, additional work, that you barely can cope with. But we like to dream how one day we will sign a new signature, writing down “Ph.D.” with our names.

__________

The Dictionary of Invisible Work is a project proposed and initiated by Heike Bröckerhoff, Milka Ivanovska Hadjievska, Marialena Marouda and Jasmina Založnik.

This edition of the dictionary was created in a workshop hosted by “Manifesto of Independent Work“, a working group initiated by ID Frankfurt / Independent Dance at Tanzplattform Deutschland 2016.

Workshop participants:
Florian Ackermann, Nika Arhar, Fanti Baum, Frederic De Carlo, Hannah Dewor, Rebecca Egeling, Yola Garbers, Sabine Glenz, Kai, Andrea Krohn, Marius Mike Miron, Karen Piewig, Christin Schmidt, Sasapin Siriwanij, Jörg Thums, Johannes Veit, Kristina Veit, Kathleen Witt, Ronit Ziv

Eine Auseinandersetzung mit Cover Story von Nora Elberfeld

Residenzchoreographin 2015/2016 auf K3 – Zentrum für Choreographie | Tanzplan Hamburg
Premiere am 1. April 2016

Drei. Rückendeckung. Sie lauschen. Das ist sein Versprechen. Mondlandung, 09/11, Elvis lebt, … Evakuierung. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Sie wird dir ein Geheimnis erzählen. Es gibt viele Möglichkeiten, den Regeln zu folgen. Katastrophe? Etwas ist mir immer einen Schritt voraus.

Verschwörungstheorien entstehen, wenn Menschen nach Sinn suchen; wenn Tatsachen ambivalent sind; wenn es Informationslücken und Widersprüche gibt; wenn die Zeichen nur noch aufeinander verweisen und sich am plausibelsten mit folgendem Erklärungsmodell verbinden lassen: es hat eine Verschwörung gegeben.

Ich betrete den Raum. Dort sind drei Tribünen mit unterschiedlicher Ausrichtung, die zu einem Dreieck angeordnet die Bühnenfläche rahmen. Einige Zuschauer_innen werden von den Performerinnen Nora Elberfeld, Angela Kecinski und Nanina Kotlowski angesprochen: Hast du gute Augen? Ihnen wird entsprechend der Antwort ein Platz zugewiesen. Jedenfalls sieht es so aus. Die anderen Zuschauer_innen umgehen diesen Filter und können sich selbst ihren Platz wählen. Ich setzte mich auf die Tribüne nahe am Ausgang. Drei Tribünen. Drei Performerinnen. Im Hintergrund: Wassertropfen.

Das Stück beginnt – bzw. setzt sich fort – mit einer ersten Bewegungssequenz. Die Performerinnen bedienen abwechselnd die unterschiedlichen Raumebenen: sie liegen am Boden, sind auf allen vieren, stehen. Sie geben sich gegenseitig Rückendeckung, bilden große und kleine Dreiecke. Die Bewegungsfolgen scheinen auf konkrete Situationen zu verweisen. Die Phrasen sind kurz und stark rhythmisiert. Die Performerinnen halten immer wieder inne. Ihre Positionen erinnern entfernt an Horchen und Lauschen, Lauern und Abwarten. Zwischen den Bewegungen der Performerinnen entstehen Ähnlichkeiten. Ich glaube, ein Muster zu erkennen. Sie haben dieselbe Aufgabe, führen diese aber anders aus. Das verrät zum Beispiel die Hand, die in eine andere Richtung gedreht ist. Alles Behauptungen. Gibt es Zusammenhänge zwischen ihren Bewegungsfolgen? Oder bilde ich sie mir ein? Mir kommt der Gedanke, dass Bewegung auch immer etwas verschweigt. Sie liefert ihre Interpretation nicht mit.

Dann tritt Text auf (Mitarbeit Text: Greta Granderath). Er ist Akteur, der vierte Performer – stellt Fragen, strukturiert das Geschehen, beschreibt. Er suggeriert mir eine Geschichte, kann mir möglicherweise eine Erklärung liefern. Das ist sein Versprechen. Er gibt mir Sätze, die ich glaube zu verstehen, weil ich sie schon x-mal gehört haben. Beim Versuch, ihren Sinn zu entschlüsseln, bleiben sie allerdings leer. Aneinanderreihungen von Vorher- und Aussagen, die nur vermeintlich etwas miteinander zu tun haben. Die Worte scheinen sich immer auf die aktuelle (Bühnen-)Situation zu beziehen und gleichzeitig auf einen größeren Kontext zu verweisen. Glaubst du daran, dass du beobachtet wirst?, wird eine der Performerinnen gefragt. – Ja. Deswegen gehört der Text keiner der Realitäten so richtig an. Er bewegt sich geräuschlos und hinterlässt seine Spuren. Er spürt der Nähe zwischen Wissen und Glauben nach, wird zu einer Auflistung von Verschwörungstheorien – Mondlandung, 09/11, Elvis lebt, … – in der sich wissenschaftliche Erkenntnisse zu Spiegelneuronen oder elektromagnetischer Strahlung und Glaubensfragen, wie nach einem möglichen Leben nach dem Tod, aneinanderreihen. Dann wieder spannt er Katastrophenszenarien auf, die aus der Bühnensituation heraus in eine Endzeitstimmung transportieren und die Aktionen der Performerinnen in ganz anderem Licht erscheinen lassen. In anderen Momenten verbleibt er auf der Ebene der Anspielung: Evakuierung, immer schön die Nerven behalten. Und das tun die Performerinnen, die mit beinah verstörender Ruhe ihre Textpassagen vortragen. Sie nutzen verschiedene Arten des privaten und öffentlichen Sprechens. Es wird geflüstert und ins Mikrophon gesprochen. Beiläufig vermischen sich Bilder von Pressekonferenz und Gottesdienst – und anderen Durchsagen, die große Menschenmengen erreichen wollen. Aber nicht jede/r bekommt alle Informationen. Manche richten sich an einzelne Zuschauer/innen, manche adressieren eine Gruppe. Andere Mitteilungen werden nur zwischen den Performerinnen ausgetauscht. Der Akt des Sprechens bildet Gruppen oder löst Einzelne aus der Gruppe. Er schließt ein oder aus.

In der Beziehung zwischen Text und Aktion oder Text und Bewegung zeigt sich die Macht der Sprache. Sie produziert Wirklichkeit. Sie bewegt sich auf der Grenze zwischen Vorhersage und Anweisung, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Sie wird sich ausziehen und uns sagen, was zu tun ist. Und eine Performerin zieht sich aus. Sie wird ein Geheimnis erzählen. Und eine Performerin erzählt jemandem ein Geheimnis. Der gesprochene Text steuert die Zukunft. Er fungiert nicht nur als Performer, sondern als Choreograph. Die Bewegung folgt der Sprache. Sie setzt sich kaum zur Wehr. Meine Frage hieran ist – und das vermisse ich über lange Passagen in Cover Story – : Was kann die Bewegung der Sprache entgegensetzten? Zwei Szenen lassen sich als Antwort auf diese Frage auslegen:
Erster Moment – Nachdem sich Angela Kecinski ausgezogen hat, beginnt sie eine Bewegungssequenz. Sie begleitet diese mit einer gesprochenen Bewegungsbeschreibung. Hier verwischt sich das Machtverhältnis: Ob der Text als Bewegungsanweisung vor der Bewegung da war oder ob er genutzt wird, um der Bewegung Bedeutung zuzuschreiben, er also nachträglich kommt, ist nicht mehr klar. Zweiter Moment – Angela Kecinski steht am Rand und weist die anderen beiden Performerinnen an: Sie wird langsam den Arm zum Himmel heben. Sie wird klar und deutlich den anderen Arm heben. Sie wird beide Hände schließen. Sie wird beide Hände öffnen. Sie wird die Hände schütteln. Nanina Kotlowski und Nora Elberfeld reagieren beide. Sie heben ihren Arm zum Himmel, heben klar und deutlich den anderen Arm, öffnen und schließen die Hände. Sie folgen beide den Regeln. Aber es gibt viele Möglichkeiten, den Regeln zu folgen. In der Differenz der Ausführung zeigt sich der Interpretationsspielraum. Einer Anweisung zu folgen enthält immer den Moment der Auslegung. Die Bewegung macht Alternativen denkbar. Sie deckt das Uneindeutige, die Ambivalenz der Sprache auf. Und dann war da noch dieser Gedanke, dass Bewegung auch immer etwas verschweigt. Sie ist sinnlich, aber verdeckt ihren Sinn. Sie schützt den Text. Sie macht sich zur Komplizin der Cover Story. Aufdecken und Entdecken sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Es tropft. Schon die ganze Zeit. Die Wasserinstallation (von Marc Einsiedel) an der vierten Bühnenseite lässt Wasser von der Decke tropfen, das unten in einem quadratischen Becken aufgefangen wird. Die Tropfen scheinen die Zeit zu strukturieren, die … abläuft? Das suggeriert auch einer der Sounds (Clemens Endreß), die an einigen Moment des Stücks gezielt zum Einsatz kommen. Die Zeit tropft und tickt, die Bombe, aber da ist keine Bombe, nur dieses Gefühl, dass uns etwas davonrennt und wir es nicht aufhalten können. Am Ende läuft das Wasserbecken über – die angekündigte Katastrophe? – und flutet den Saal. Natürlich nicht wirklich. Obwohl es seine eigene Materialität und Wirklichkeit hat, verbleibt es auf der Ebene des Hinweises, der Drohung, der Andeutung.

Die Performance legt Spuren, die nirgendwo hinführen. Oder zumindest komme ich als Zuschauer_in kaum hinterher. Etwas ist mir immer einen Schritt voraus. Was ist dieses Etwas? Bedeutung? Manche Spuren führen an den Anfang zurück, in eine Szene, die ich glaube schon einmal gesehen zu haben. Informationen werden mir vorenthalten. Bewegungen verschweigen ihre Herkunft, Sätze täuschen mich. Das Publikum ist Teil dieser konspirativen Situation. Nur bleibt für mich unklar, welche Konsequenz meine Haltung als Zuschauer_in hat. Meine Position ist zu sicher. Ich habe nicht so viel Angst, wie ich mir wünschen würde. Es könnte riskanter sein, mich stärker in die Mangel nehmen. – Was sagt das über mich aus? Ist das die Faszination an der Gefahr, am Geheimnis? Cover Story geht nicht so weit. Aber es ist eine (künstlerische) Entscheidung, diesen Thrill nicht heraufzubeschwören. Sondern auch diesen nur anzudeuten. Das Publikum ist Zeuge des Geschehens und bleibt stumm. Es ertappt sich selbst in flagranti dabei, Zusammenhänge zu konstruieren, Ähnlichkeiten zu sehen, Bedeutung zuzuschreiben. Erwischt. Welche Wege führen aus der Verschwörung? Auch das bleibt offen. Das Publikum kann nur versuchen, sich an die Fakten zu halten.

– Heike Bröckerhoff | April 2016

(Wir arbeiten nie allein.)
Dank an Olivia Traut, Moritz Frischkorn und Alexander Nutz für ihre Ideen und Anregungen.

_____________________

Credits Cover Story
Künstlerische Leitung: Nora Elberfeld
Choreographie, Performance: Angela Kecinski, Nanina Kotlowski, Nora Elberfeld
Dramaturgie: Juliana Oliveira
Choreographische Recherche und Assistenz: Regina Rossi
Sound: Clemens Endreß
Mitarbeit Text: Greta Granderath
Wasserinstallation: Marc Einsiedel
Licht: Ricarda Köneke
Bearbeitung Kostüm: Jonathan Tschaikowski
Mentoring: Igor Dobricic
Produktionsassistenz: Uta Meyer
Technik Kampnagel: Ricarda Köneke, Jonas Rüggeberg, Mark Harbison

Interview #3 mit Michaela Mélian

17. Juni 2015, 16 Uhr, in ihrem Büro an der HfbK, Hamburg.

Michaela Melián ist Künstlerin und Professorin für ‚Zeitbezogene Medien‘ an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg. Zu ihren künstlerischen Arbeiten zählen u.a. Hörspiele und performative Installationen. Im Interview spricht sie mit uns über die Spannung zwischen Arbeitsprozess und Aufführungsituation, ihre Band F.S.K. und das Vergnügen, nicht alles allein machen zu müssen.

PUD: Was verstehst du unter dem Begriff Performance und wie verwendest du ihn in deiner Arbeit?

Michaela Melián: Performance ist für mich erstmal ein theoretischer Begriff. Wenn ich von meiner Biografie ausgehe… ist ein (post-)feministischer Ansatz für mich sehr wichtig. Da gilt es darüber nachzudenken, wie ich überhaupt handle und dass meine Identität schon von mir vollzogene Handlungen oder eine Performance beinhaltet. Das reflektiere ich, wenn ich gedanklich nach außen trete oder heraus aus den ganzen Strukturen, in denen ich mich bewege. Der Begriff Performance ist unglaublich präsent gesamtgesellschaftlich. Es gibt also eine private Performance, es gibt eine berufliche Performance, man spricht auch von Performance im ökonomischen Bereich und es gibt den Begriff im Bereich der Künste. In der Kunst geht es für mich nicht mehr darum, dass ich irgendetwas mache und dann habe ich ein Bild oder ein Objekt oder eine Skulptur und das wird dann hingehängt oder -gestellt und das ist es dann. So wurde ich noch ausgebildet. Sondern ich habe einen konzeptuelleren Ansatz. Ich beziehe mich auf einen Kontext. Der Prozess steht bei meiner Arbeit im Vordergrund. Dieser enthält schon performative Elemente und ich überlege mir, welche davon sichtbar werden und welche nicht. Das wäre die Performance der Herstellung oder der Umsetzung.

Für mich fängt ein Kunstwerk immer schon längst an bevor man es überhaupt sieht. Und es ist nicht abgeschlossen, wenn es irgendwo gedroppt, hingehängt, aufgeführt oder wie auch immer abgespielt wird, sondern es passiert immer noch etwas mit den Leuten, die ihm begegnen oder die sich in eine Auseinandersetzung damit begeben bzw. eben auch nicht begeben. Und das betrifft in dem Fall alles die Zeitachse und damit auch viele performative Elemente.

Du lehrst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Da gibt es bislang keinen Studiengang mit dem Schwerpunkt Performance…

Genau, bei der Hfbk gab es bisher keine einzige Professur, die den Begriff Performance in ihrer Modulbeschreibung hatte und ich habe mich sehr bemüht, das in unserem Studienbereich ‚Zeitbezogene Medien‘ mit abzudecken. Unser Studienschwerpunkt formuliert sich am offensten: er beschäftigt sich mit allem, was eine Zeitachse hat, eine Zeitachse reflektiert und da ist man sofort beim „Tun“. Selbst beim Zeichnen, wenn ich entscheide, wann ich irgendwo hintrete und eine Linie ziehe? Mache ich das vor Publikum, mache ich das zu Hause, filme ich mich dabei? Stelle ich nur Ergebnisse aus oder geht es um den ganzen Prozess oder verändert sich die Arbeit innerhalb der Ausstellung? Die künstlerische Arbeit fängt irgendwo in meinem Kopf an, dann geht sie in der Ausstellung weiter und sie verändert sich vielleicht auch, wenn sie den Ort wechselt in irgendwelche anderen Besitzverhältnisse.

Was bedeutet das konkret für deine eigenen Arbeiten?

Ich würde bei meinen Arbeiten immer davon sprechen, dass es performative Installationen sind, weil die nie gesetzt sind, sondern sich permanent weiterentwickeln auf bestimmte Kontexte hin. Also meine Arbeiten sind, wenn ich sie zeige, nie ganz gleich. Weil sie immer neu entwickelt werden hin auf einen bestimmten Kontext, auf ein bestimmtes Publikum, auf eine bestimmte Räumlichkeit, auf eine Akustik, auf Termine, usw. Da stellen sich Fragen wie: Wie schaltet sich etwas an? Bin ich überhaupt anwesend? Bin ich Teil davon? Die Arbeiten können ja an sich performativ sein, ohne dass ich mit meinem Körper dabei eine Rolle spiele. Durch ihre Vielschichtigkeit und die Art, wie sie offen auf Räumlichkeiten oder Zusammenhänge reagieren, würde ich meine Arbeiten als performativ beschreiben. Und darüber hinaus bleibt immer die Frage, die mir auch an der Hfbk wichtig ist: Wie kann man dieses Format, das für Künstler so gesetzt ist – die Ausstellung – unterwandern? Das hat auch wieder einen ganz starken gesellschaftspolitischen Aspekt. Man will ja auch ein Statement abgeben zu dem gesamtgesellschaftlichen Kontext und nicht nur für einen wie auch immer gestalteten Kunstmarkt oder ein Kunstsystem arbeiten. Und zwar nicht nur Objekte da reinspeisen, sondern man will auch etwas, das sich dazu verhält. Dadurch ist die Performance im Moment, glaube ich, ein ganz wichtiges Instrument, weil sie auch sicher komplizierter ist in der Vermarktbarkeit und auch widerständiger  – für Performance muss man sich entscheiden. Wenn Körper und Menschen involviert sind, hat man sofort eine Arbeitszeit, einen Auftritt, man konstruiert immer wie auch immer geartete Bühnensituation, da müssen Gehälter gezahlt werden, es muss geprobt werden, es muss etwas verabredet werden…

Du hast viel von performativen Elementen gesprochen und wie sich das „Kunstwerk“ zu seinem Kontext und zu seinem Prozess verhält. Wie greift die Kunst in die soziale Wirklichkeit ein?

Ich gehe von der Voraussetzung aus, dass Kunst Teil der ganzen Situation ist, Teil der Wirklichkeit. Dass sie im besten Fall andere Sichtbarkeiten unterstützt oder Zusammenhänge neu thematisiert, die vielleicht im Alltag übersehen werden.

Und in diesem ganzen Kontext, in dem man sich als Künstler bewegt – egal welcher Disziplin man sich zuordnet und die Disziplinen werden ja immer offener und verschwimmen immer mehr – hat man aktuell doch extreme Freiheiten Sachen zu benennen, die man vielleicht so sonst nicht benennen kann.

An der Hochschule, die auch eine gesellschaftliche Realität ist und bei der eine Ausbildung im Vordergrund steht, versuche ich die Leute zu motivieren. Dazu, dass sie nicht nur nach einer gewissen Selbstoptimierung schauen oder ihren Weg nur auf sich selbst bezogen finden. Sondern dass sie möglichst in einen intensiven Austausch mit anderen treten und versuchen Freundschaften oder Beziehungen aufzubauen mit anderen, die etwas Ähnliches wollen. Diese Freunde, mit denen man gemeinsam seinen Weg sucht, sind ganz wichtig für die Jahre nach dem Studium, ja oft für ein ganzes Leben.

Und in solchen Zusammenhängen, wenn man also auch zusammen auftritt, hat man sofort ein performatives Element.

Inwiefern performativ?

Man muss sich austauschen, man muss sich überlegen, wie bin ich überhaupt anwesend in dem Ganzen, wie kommt überhaupt – gesetzt den Fall jemand macht eine Skulptur – wie kommt die überhaupt in den Raum? Trägt die jemand hin? Setzt die jemand ab? Bleibt die da liegen? Darf man die anfassen? Das sind unglaublich viele Möglichkeiten, die man mit bedenken muss. Wie elitär stellt sich das dar? Wie will man an das sogenannte Publikum überhaupt rankommen? Das kann natürlich auch genauso eine Situation sein, die keinen Ausstellungsraum oder eine Bühne braucht, sondern wo es eine Verabredung gibt entlang einer Zeitachse, wo bestimmte Leute Handlungen durchführen, die dann plötzlich wieder vorbei sind. Das kann im öffentlichen Raum stattfinden und es kann auch nur eine Handlungsanweisung sein durch einen Zettel, den man jemandem gibt. Da bin ich mit dem Begriff Performance dabei, das ist auch eine Form der Kommunikationsstruktur.

Du spielst seit langem in der Band F.S.K. Wie zeigt sich hier das Zusammensein als performatives Element?

Im Popkontext ist es meistens so: Jemand tritt auf die Bühne und hat plötzlich einen Act. Und bei uns gab es von Anfang an die Entscheidung, wir treten als Gruppe auf die Bühne, es geht gar nicht um uns als Einzelpersonen – deswegen muss auch niemand hier einen bestimmten Act vollziehen –  sondern wir sind nur die Benutzer der Instrumente („we treat instruments“ und liefern unsere Musik ab. Wir wollen auch diesen Blick im Endeffekt verweigern. Und wenn man historisch zurückschaut, gibt es eine Diskrepanz zu den Leuten, die sich ganz bewusst bestimmte Bühnenklamotten kaufen. Also wenn man im Popkontext bleibt, spricht man ja genauso von einer Performance. Und klar ist, man nimmt diese Körperhaltung ein, man tritt so auf, man nimmt so das Mikrofon. Die Leute üben zuhause, wie sie sich dann hinstellen und es werden Posen reproduziert. Und wenn du das verweigerst, bist du deshalb trotzdem nicht natürlich. Diesen Moment gibt es nie. Die Verweigerung ist genauso eine Performance. Vielleicht ist es ja eine feindlichere Performance ist als die, die sich dem Publikum zuwendet. Eigentlich ist jeder Akt wenn ich mich hinstelle und ein Gegenüber suche mit einem bestimmten Ausdruck oder mit einem bestimmten Projekt, das ich in dem Moment umsetze, schon performativ. Es gibt nicht den Moment, in dem ich sagen kann: Jetzt stehe ich da und bin einfach nur ich selbst. Das ist die Essenz. Es gibt keine Authentizität in diesem Sinn. Es ist immer ein Tun-Sein.

Und in dem Fall wäre dann die Verweigerung oder der Bruch mit einer Konvention in einem bestimmten Kontext, das, was die Performance kommuniziert oder wie sie sich zum Kontext verhält.

Wir wurden kürzlich gefragt, wieso wir keine Bühnenperformance machen und ich habe das Gefühl, dass wir mindestens so eine Performance machen wie die Einstürzenden Neubauten. Aber dass es eben in dem Entzug liegt. In den ersten Jahren zum Beispiel haben wir alle bei F.S.K. Bundeswehruniformen getragen – also ich bin ja die einzige Frau und drei Männer – und wir standen dann immer ganz vorne an der Rampe. Es gibt bei Pop eine Bühnenrampe, egal ob du ebenerdig bist, aber es gibt einfach hier das Publikum und – allein schon durch die Position der PA und der Verstärker – hier die Band. Und wir sind einfach zu viert nebeneinander gestanden wie in der Fußgängerzone, wenn man die Musik abliefert oder wie eine militärische Formation. Wir waren natürlich auch inspiriert von Gruppen wie Kraftwerk. Es ging darum, dass man einfach als Gruppe etwas abliefert, also keine Frontperson mit Backgroundformation, wie es die Regel ist.

Du sprichst hier von der Aufführungssituation. Inwieweit gibt es die Band als Gemeinschaft außerhalb davon?

Meine Band war für mich immer eine diskursive Plattform. Es kommen alle – bis auf einen – von der bildenden Kunst und alle haben das inzwischen in irgendeiner Form zum Beruf gemacht: der eine ist Kurator, der andere Fotograf, einer ist Schriftsteller. Wir hatten immer ein ähnliches Begehren, wie man überhaupt leben will und wir sind eigentlich zusammen immer in einem permanenten Diskurs darüber geblieben, wie man sich Sachen aneignet, transformiert oder adaptiert. Damals noch in der Kunstakademie, haben wir das über den Schlüssel der Musik geschafft und uns nicht gesagt, wir machen jetzt eine Performance-Gruppe zusammen, sondern es sollte eher eine Art Anti-Performance sein.

Die Band gibt es noch heute, weil es alle als sehr fruchtbar empfinden, dass man diesen Diskurs überhaupt zusammen hat. Performance könnte man hier als diskursiven Vorgang oder aktiven, permanenten Veränderungsvorgang begreifen.

Deswegen ist der Begriff natürlich super weit gesteckt. Wenn die Leute Performance hören, denken sie meistens erstmal im Bereich der Bildenden Kunst an Marina Abramović.

Da muss man wahrscheinlich unterscheiden zwischen Performance Art, die tatsächlich aus der Bildenden Kunst kommt, und der Bedeutung von Performance aus dem Englischen,…

Das habe ich natürlich alles jetzt vermischt.

Ich glaube das vermischt sich tatsächlich auch.

Ja. Das lässt sich gar nicht so trennen und gerade heute wenn man guckt, was am Theater und in den Kunstvereinen passiert, das sind unglaublich viele ähnlich Prozesse, die sich überlagern. Also im Theater wird viel Videokunst gemacht, mit der Postdramatik geht das oft ganz klar weg vom Sprechtheater. In den Kunstorten würde ich sagen, spielt es seit einigen Jahren eine große Rolle, dass sich Ausstellungen verändern, dass sie nicht so bleiben, dass Eingriffe vorgenommen werden, dass reagiert, kommuniziert wird. Die Zeitlichkeit spielt eine ganz große Rolle. Dadurch kommt der Begriff Performance rein, weil es um eine Art Repräsentation geht entlang einer Zeitachse oder einer Kontextualisierung. Und das ist nicht nur an eine handelnde Person geknüpft sondern genauso an Objekte, würde ich sagen.

Und auch an das Publikum…

Ja, natürlich.

…also die Art und Weise wie das Publikum eben mitgedacht wird und involviert wird, ist gerade auch im Theater/Tanz/Performancebereich ein großes Thema. Was ist  deine Herangehensweise ans Publikum? Wie verstehst du Publikum im Musikkontext oder im Hörspiel, was du ja auch machst? Da wird es nochmal ganz anders sein.

Pro Format erreicht man ein bestimmtes Spektrum an Leuten. Es geht nicht jeder ins Museum, nicht jeder hört Radio und es geht auch nicht jeder ins Theater oder guckt sich gerne Tanz an. Aber bei meinen Projekten versuche ich, verschiedene Spielarten zu nutzen und möglichst viele Kanäle zu bedienen – im wahrsten Sinne des Wortes – um so auch diese Spektren aufzubrechen. Das war auch der Hintergrund für die Idee, Arbeiten für das Radio zu machen. Es gibt viele Tonspuren von mir, die ich für Projekte mit dem Radio zusammen produziert habe, als Teile einer Installation, und die sind dann in Kombination mit einer Ausstellung in einem bestimmten Zeitrahmen als Ursendung im Radio gelaufen. Dadurch hat so ein Projekt schon mal zwei verschiedene Foren mit dem jeweiligen Publikum. Und diese unterschiedlichen Gruppen von Leuten treffen sich plötzlich, weil es noch eine Veranstaltung gibt, ein Live-Event oder ein Künstlergespräch. Und dann ergibt sich plötzlich ein neues Publikum.

Deine Herangehensweise, verschiedene Kanäle zu nutzen, scheint auch eine Antwort auf die Frage zu sein, wie vermieden werden kann, dass Kunst zu etwas elitärem oder spezifischem oder verschlossenem wird.  Vorhin hast Du über die Vereinzelung des Künstlergenies oder Solokünstlers im Gegensatz zu dem „Wir sind da mehrere“ gesprochen. Was ist das Performative der Masse oder der Gruppe?

Bei Musik ist das wahrscheinlich ähnlich wie bei jeder Art von Performance, dass es um Verabredungen geht, dass man sich auf etwas einigt, dass man gemeinsam einem Publikum mit bestimmten Verabredungen gegenübertritt. Sei es Musik oder Sprache oder Bewegung. Das hat natürlich, wenn es präzise ist, gleich auch eine Kraft oder eine Aggression oder eine Härte und das lässt sich viel schwieriger alleine erzeugen. Wenn man allein ist, ist es viel zerbrechlicher und man ist vielmehr ausgeliefert im Zentrum des Ganzen. Ich trete auch alleine auf, aber für mich ist das immer eine Riesenüberwindung. Mir fällt es viel leichter, in einer Gruppe, wo ich genau weiß welchen Part ich übernehme. Das ist ein großes Vergnügen, dass man alles nicht nur alleine machen muss.

________________________________________________________

Performance Under Discussion [PUD]

Was meinen wir eigentlich wenn wir Performance sagen?

Die Interviewreihen von PUD verstehen sich als polyphone Einführung in Performance, im Sinne eines forward-to-basics. Wir wenden uns diesem Mythosbegriff aus der Kunstwelt zu und sammeln Stimmen von Choreograph/innen, Performer/innen und anderen Akteur/innen, die sich künstlerisch oder theoretisch mit Performance beschäftigen.

© 2016 PUD – ein Projekt von Edda Sickinger und Heike Bröckerhoff.

*******

28. Januar 2016

Dear,

vor über sechs Jahren habe ich meine erste große Liebe für Dich verlassen, aus dem Nichts.

Ich war Dir vorher nur einmal kurz begegnet: Als Teenager, in den ersten Ferien alleine mit einem Freund. Als wir nach einer Stunde Fußmarsch am Elbstrand ankamen, waren die Osterfeuer nur noch Glut und alle außer uns besoffen. Wir hatten uns nichts zu sagen – Du und ich.
Es sollte dann ja auch nur ein kleiner Seitensprung zu Dir an die Elbe werden: Schnell einen Master machen und dann zurück in die Kulturhauptstadt. Es ist anders gekommen. Du bist mir passiert. Hast unmerklich Dein Netz nach mir ausgeworfen: Mit all den kleinen Perlen und Stacheln, die Dir tagtäglich geschenkt werden und mit denen Du Dich schmückst, Du Elster. Mit Begegnungen und Bars und Deinem Silberblick, mit Freiräumen und Finanzspritzen, Wohnwagensauna und Wohnzimmerrave, Widerstand und Wildnis, Verstecken und Verständnis und einer Fähre, die mich nach Hause bringt. Und diese stille Schafherde nachts am Deich – ganz mieser Trick. Du bist hässlicher, aber heißer als Dein Ruf. Dein Freundeskreis ist beeindruckend. All diese großartigen Menschen können sich nicht irren. Es ist weder Liebe auf den ersten, noch auf den zweiten Blick. Es ist eine Entscheidung. Und wie nach jeder ersten Verliebtheit treffe ich diese Entscheidung immer wieder: Ja, ich will. Obwohl wir streiten, weil Du Dein Geld mal wieder für die falschen Dinge ausgibst. Obwohl es oft Klischees regnet. Obwohl Du vieles, was in meinen Augen notwendig und sinnstiftend und mutig ist, keines Blickes würdigst. Obwohl Du mich dazu bringst, Funktionskleidung zu tragen und zu viel Miete zu bezahlen für einen zugemüllten Hinterhof. Obwohl Du mich immer wieder hinters Licht führst, mit Deinen Flüssen und Kanälen und Becken, in denen man dann doch nicht schwimmen kann. Obwohl Du in meiner Anwesenheit mit Touristen flirtest und sie ins Musical einlädst. Obwohl Du schon wieder irgendwo etwas abreißt oder verbaust und kein Platz ist – wie dann erst für all jene, die am Rand stehen, sich gar nicht erst trauen, nach Deiner Nummer zu fragen oder zurückzumotzen.
Auch wenn Du oft ängstlich oder geizig oder eitel bist, nehme ich Dich mit auf Familienfeiern und Parties. Ich stehe zu Dir, wenn Du in Hellblau Deinen Sekt schlürfst und schweigst und eine gute Figur machst trotz der peinlichen Slipper. Ich sage: „Du musst Zeit mit ihr verbringen. Kreischen auf dem Dom, eine seltene Sommernacht erwischen, die Tide riechen. Nachts bei Niesel, der kein Wetter ist, sondern ein Zustand, alleine durch den Hafen radeln. Du musst dich von ihrer Dörflichkeit umarmen lassen. Ihren Gegenwind als Kompliment nehmen, dich hineinlegen. Blinzeln und versacken und umherziehen und zuhören und zurückgrinsen wie ein Oz-Smiley, ein Auge zudrücken und Dich hingeben. Harte Schale – feiner Kerl.“
Ich habe viel gelernt von Deinen Freunden: Das immer wieder Anfangen und Versuchen und Weitermachen und Kraftaufwenden. Gegen Deinen Toter-Fisch-Blick, Deine kalte Schulter, Deine angeblich gebundenen Hände, wenn man Dich um etwas bittet. Es hat mich getroffen, wie sie Dich hier küssen und auf Händen tragen und zum Tanzen bringen und ‘Trotzdem’ sagen und mit Dir schlafen. Das ist keine Liebe, sondern eine Entscheidung. Das hat mich eingeladen, bei Dir zu bleiben. 

Heute weiß ich nicht, ob es richtig war, immer wieder zu bleiben, trotzdem. Du hast heute leider keinen Brief für mich. Du hast Deine Förderergebnisse im Bereich Freies Theater und Tanz für die Spielzeit 2016/17 per Post verschickt. Wir haben vergeblich versucht, Dir mit vier Freundinnen zusammen schöne Augen zu machen – Absage. Mein eigener Briefkasten ist leer geblieben. Ich warte vergeblich auf Deine Antwort auf meinen Antrag, google Dich wie eine Stalkerin, aber online sind keine Ergebnisse zu finden. Die Wege Deiner Bürokratie sind unergründlich. Für mein Glück und mein Konto und meine Karriere macht es natürlich einen Unterschied, ob Du in meinem Antrag Ja oder Nein angekreuzt hast. Das Vielleicht – das gemeinsame Spekulieren über das, was sein könnte – hast Du immer ignoriert. Aber egal, wie Deine Antwort morgen ausfällt – sie wird nichts an der immer wiederkehrenden Befürchtung ändern: Du willst nicht mit uns gehen.
Ich habe heute mit vielen gesprochen, die Dir mit ihrer Kunst seit Jahren Liebe und Aufmerksamkeit und Kritik und Begegnungen und Fragen schenken, die Dich beleben, für die Du auf der Straße Komplimente und auf Reisen Anerkennung bekommst, mit denen Du Dich schmückst, wenn Besuch von Auswärts kommt. Du hast ihre seitenlangen Anträge, ihren Kniefall heute wieder nur mit einem knappen ‘Neindanke’ beantwortet. Sie lesen mir am Telefon aus Deinem Absagebrief vor: „Für die neue Spielzeit wurden insgesamt 153 Förderanträge eingereicht. 33 Projekte wurden auf Grundlage von Juryempfehlungen zur Förderung ausgewählt, davon 24 im Bereich Produktion, drei im Bereich Basisförderung und sechs im Bereich Nachwuchs”. Du vergibst dieses Jahr keine einzige Konzeptionsförderung? Was ist denn los mit Dir? Zweimal, maximal dreimal im Monat gönnst Du Dir und uns eine freie Tanz- ODER Performance- ODER Musiktheater- ODER Sprechtheater- ODER Kindertheaterproduktion. Seit wann machst Du Dich kleiner als München? Ich sehe dieses Jahr vor mir, mit all den Hätte-Würde-Könnte-Szenen, die ohne Dein Ja unsichtbar bleiben werden. Wie schön hätten wir es haben können. Wie schön könnten wir es haben! Willst Du Dir das entgehen lassen? Schon letztes Jahr hat die Jury, die Du für eine Aufwandsentschädigung die undankbare Drecksarbeit machen lässt, beklagt, dass es zu wenig Gelder für zu viele förderungswürdige Projekte gibt. Ich weiß, für die Reduktion der geförderten Produktionen gibt es zwei gute Gründe: Erstens steigt die Zahl Deiner Bewerber und Liebhaberinnen stetig. Du hast es geschafft, dass die freie Szene wächst, sich Komplizenschaften bilden, Dein Nachwuchs sich etwas mit Dir aufbaut, alte Freunde bei Dir bleiben. Und zweitens halten sich erfreulicherweise immer mehr Deiner Künstlerfreunde in ihren Anträgen an die vom ‘Bundesverband freie darstellende Künste’ empfohlene Lohnuntergrenze von 500€ pro Woche für freiberufliche Künstlerinnen und Künstler – somit werden die einzelnen Produktionen teurer und weniger können gefördert werden. Ein bitterer Preis, der Dir hoffentlich nicht schmeckt. Egal, was Du mir morgen schreibst – heute komme ich Dir zuvor: Dein Brief wird mich entweder noch enttäuschter und wütender machen oder mir das Gefühl geben, dass Du mir zwar noch mal eine Chance gibst (vielleicht die letzte?), dafür aber Deine Freunde unfair behandelst. Also Butter bei die Fische, wie Du angeblich gerne sagst, obwohl ich das selten aus Deinem Mund gehört habe: Künstlerinnen und Künstler, die Du mal umworben hast, beachtest Du nun seit ein, zwei, drei Jahren nicht mehr, weil immer mehr schöne und spannende Ideen um Deinen knappen Kulturetat werben, sich das Karussell immer schneller dreht, Top oder Flop. Und dann liebäugelst Du auch noch mit ein paar Berlinern – wir sind doch selber arm, aber sexy. Ist das Dein Ernst, nach all den Jahren? Nach der teuren ‘Potentialanalyse’, die Du selbst in Auftrag gegeben und finanziert hast? Von den vielen klugen Therapieratschlägen hast Du dann nur ein paar wenige angenommen und den wichtigsten ignoriert: Wenn Du der freie Szene ein Nest baust, wird sie wachsen. Und wenn sie endlich wächst und so groß und glitzernd wird, wie es Dir gebührt, braucht es eben – ja, ich wiederhole mich: MEHR MONEY. Es geht nicht um mich, sondern um Dich. Also nuschle nicht immer so kleinlaut einen von „erhöhungderfördermittel“.
Man soll ja keine alten Vorwürfe aufwärmen, aber: Für das Techtelmechtel mit Olympia könntest Du Dich irgendwann schon noch mal richtig entschuldigen bei uns allen, und bei Dir selbst. Alleine die Olympiabewerbung hat mit fünfzig Millionen Euro das Achtzigfache eines Jahresetats für die komplette freie Theater- und Tanzszene gekostet. Ganz zu schweigen von: „Ich geh’ nur kurz Zigaretten holen“ – und dann kommst Du zehn Jahre später mit der Elbphilharmonie zurück.
Also lass uns von vorne anfangen. Dann können wir im nächsten November erneut um Deine Gunst buhlen, für die Spielzeit 2017/18 – falls wir dann noch da sind. Jemand wird da sein, der Dich liebt und Dein Bestes will und Dir Fragen stellt, die Dich aufwühlen und umkrempeln. Du musst nur Dein Herz, Dein Portemonnaie öffnen und die Brise reinlassen, die gerade aufzieht. Unsere Liebe ist nicht käuflich – unsere Entscheidungen schon. Denn von Geld kann man leben. Nicht drohen, nichts vom Partner fordern, sondern Ich-Botschaften senden, Wünsche formulieren: Ich wünsche mir MEHR MONEY. Für die sogenannte freie Kunst. Für Projekte UND Strukturen UND Räume. Ich schreie das nicht gegen all die Nebenbuhler, die Stadttheater und Museen, die anderen Kunstsparten oder gegen die Menschen, die sich im Sozialen und Politischen und für vieles andere Sinnvolle, aber Unterfinanzierte engagieren, damit Du schillernd und weltoffen bleibst. Ich schreie das mit ihnen. Und wenn sie wollen auch für sie. Die Solidarität in Deinem Freundeskreis, der Blick für Zusammenhänge statt Grabenkämpfe hat mich immer beeindruckt und für Dich eingenommen. Das spricht für Dich. Ich spreche mit Dir: Wir müssen reden. Über Geld? Eigentlich ist alles gesagt: „Dem Geld darf man nicht nachlaufen, man muss ihm entgegengehen.“ Komm Du uns doch mal ein bisschen entgegen, wir sind schon so lange mit Dir gegangen. Und lass uns bitte nicht schon wieder über die Verteilung des Kuchens streiten, sondern über den Kuchen selbst (Franziska Henschel). Warum nicht mal eine Torte ab und zu? Die schmeckt nicht nur Pfeffersäcken, sondern auch Menschen wie Dir und mir. Du rufst einfach zu selten zurück. Du hältst Dir was warm: uns alle. Wärmen tut das nicht. Du entziehst Dich. Das war am Anfang sexy, hat aber an Glanz verloren. Grow up, Dear!

Ich will so ehrlich mit Dir sein, wie Du es immer mit mir warst. Von unserem allerersten gemeinsamen Tag an, an dem die Hitze stand und in Deinem Herzen zwölf Häuser besetzt wurden und ich eine Eignungsprüfung absolvieret habe, um hier zu bleiben und etwas Teures und Tolles zu studieren. Ich habe Dich damals, mit 23, für großzügiger und geschmeidiger gehalten. Vielleicht warst Du es auch mal? Ich glaube immer noch: Du kannst das – Du bist Hamburg.

Ich weiß, es hat nichts mit mir zutun. Um so schlimmer.

Trotzdem: Yours

*******

– Greta Granderath | Januar 2016

P.S.:

Pressemitteilung zu den Förderergebnissen Spielzeit 2016/17 veröffentlich am 1.2.2016: http://www.hamburg.de/contentblob/4440332/data/freies-theater-projekte-15-16.pdf

Infos des Dachverbands freie darstellende Künste Hamburg: http://www.dfdk.de/verband/147-studien-presse.html

Potentialanalyse der freien Theater- und Tanzszene in Hamburg (2010): http://www.hamburg.de/contentblob/3425334/data/potentialanalyse-freie-szene.pdf

Honoraruntergrenze für die freien darstellenden Künste: http://www.freie-theater.de/aktuell/kulturpolitik/meldung/131

Statement der Probebühne im Gängeviertel e.V zum Erhalten der Basisförderung für die Spielzeit 2015/16: http://das-gaengeviertel.info/neues/details/article/ja-aber.html

Quelle Bewerbungskosten Olympia in Hamburg: http://www.tz.de/sport/mehr/olympische-spiele-teuer-allein-bewerbung-zr-4818347.html