Eine Lichtung im Wald, vielleicht ist es ein Ort für Rituale, vielleicht eine Art Versammlungsstätte. Hier liegen Bäume auf dem Bühnenboden, die später an Seilwinden aufgerichtet werden. An die Äste angeschmiegt, liegen vier Körper auf dem Boden, teilweise in Stoffbahnen gehüllt, Erdhaufen oder weißen Flechten gleich, und schmiegen sich an die ruhenden Bäume an. Die junge Tänzerin Kadysha N’Diaye stolziert wie ein scheues Rehkitz über die Bühne. Ihre Füße berühren den Boden kaum. Ihr Zuhause sind zwei selbst-geflochtene Stoffmatten aus Wolle, die in ihrer Weichheit und Wärme an Moos erinnern. Hinten links, in einer kleinen Hütte sitzt eine Frau.

Nachdem das Publikum die Plätze gefunden hat, die – wegen der Corona-Beschränkungen – kleinen Inseln im Meer des Zuschauerraums gleichen, erwacht die Lichtung langsam zum Leben. Wie bei Sonnenaufgang ist sie in rotes Licht getaucht. Zuerst klingt sie, nach Vogelzwitschern, nach Knacken im Geäst, nach dem Rascheln von Moos. Kadysha N’Diaye erzählt uns, dass diese Erde alt ist, und dass sie seit Langem von einem gewaltigen Gewittersturm umkreist wird, der uns mächtig durchpustet. Man mag dabei an Ursprungsmythen denken, an einen primordialen Zustand unseres Planeten, bevor sich Leben formte. Wer Walter Benjamin mag, der denkt vielleicht an den Engel der Geschichte, der von einem wütenden Sturm in die Zukunft getragen wird, von dieser unendlichen Fortschrittswut, von der wir heute wissen, dass sie vor allem und in erster Linie Zerstörung mit sich gebracht hat. Es mag so scheinen, als dass die Wesen, die sich auf dieser Bühne versammeln, in den Ruinen einer zerstörten Welt lebten (die Äste sind alle komplett entblättert, das Licht ist künstlich, der Mond von einem grausamen, bleichen Gelb), zugleich aber auch nicht: Es ist auch ein magischer Ort, und was folgt, ist ein Versuch, die zerstörte, die rational zugängliche und organisierte Welt um andere, tiefere Dimensionen zu erweitern.

Langsam erwachen auch die anderen Lebewesen, die Bäume (an denen sich die Tänzerinnen später wild hin und her schwingen) werden an Seilwinden empor gezogen, und die eben noch leblos liegenden Haufen und Flechten verwandeln sich in Tiere: Natascha Golubtsova tritt als Rotkehlchen-gleiches Vögelchen auf, und tanzt ein Solo, zuletzt erwacht der Bär (Teresa Hoffmann) und schlendert träge Richtung hintere Bühnenwand. Es entwickeln sich mehrere ästhetisch überzeugende, auf seltsam sanfte und zugleich eindringliche Weise getragene Szenen, animiert von teilweise improvisierten, teilweise choreographierten Tänzen und der wunderschönen Musik der Sängerin Christine Börsch-Supan.

‘Re-Member’ ist ein Stück mit gemischtem Ensemble von Lina Höhne und Teresa Hoffmann. Drei erwachsene Tänzerinnen (neben Teresa Hoffmann und Natascha Golubtsova die Tänzerin Clara Müller), zwei Kinder (Kadysha N’Diaye und Ume Horikoshi) und eine Sängerin spielen hier gemeinsam und begeben sich auf die Suche nach unsichtbaren, feinstofflichen Energien. Das Bühnenbild stammt von Stefan Pinl, die textile Gestaltung hat Nicole Kiersz übernommen, für die Dramaturgie war Claude Jansen verantwortlich. In seinen besten Momenten macht das Stück den/die Zuschauer*in vollkommen vergessen, dass hier Menschen zweier unterschiedlicher Generationen miteinander auf der Bühne sind. Geschlecht, Alter und individuelles Aussehen verschwinden hinter der gemeinsam animierten und erspürten Energie, die im Raum herrscht und sichtbar gemacht wird. Tanz ist dabei einerseits eine Form von Ritual, eine Anrufung vielleicht, zugleich ein Modus des gemeinsamen Spiels und eine Form der feinen verkörperten Aufmerksamkeit für Kleinigkeiten, Energien und Schwingungen. Das gelingt zum Beispiel, wenn drei Wesen, vielleicht Vögel oder Eichhörnchen oder kleine Marder, miteinander spielen, sich an Bäumen hin und her schwingen, während die beiden Bären langsam Richtung Zuschauerraum trotten. Dazu singt Christine Börsch-Supan ein sanft-trauriges Lieder über Verletzlichkeit, Erinnerungen und die eigene Angst.

Dann wird es Nacht. Kleine Schutzräume aus Stoff umhüllen die Körper der Tänzerinnen und eine Schamanin tritt auf. Wir lernen, dass diese Welt alt ist, dass in ihr andere Wesen leben als nur diejenigen, die wir sehen. Der Bühnenboden war einmal aus schwarzen Stein, die Kabel an den Wänden waren Schlangen und das Gebäude eine Höhle. Wir lernen, dass wir alle älter sind als unsere Körper, dass auch in uns Wesen leben, die wir nicht sehen, sondern nur erspüren können. Die Schamanin zeigt auf eine Person im Bühnenraum und stellt fest, sie sei einmal eine Echse gewesen, die hier schon vor vielen Jahren lebte. Wir lernen also etwas über die Verbundenheit mit unserer Umwelt, die vorgängig ist, die immer schon passiert, der wir nicht entkommen können, auch wenn wir glauben, immer alles selbst kontrollieren zu können. Und, dass es Sinn macht, den Stimmen der Vergangenheit zuzuhören.

In seiner überzeugenden Ästhetik, die ein wenig an japanische Malerei erinnert, und der durchweg gehaltenen, weichen Verspieltheit ruft ‘Re-Member’ andere mögliche Welten auf. Ich denke an Ursula K. Le Guin und ihr Buch ‘Always Coming Home’. Le Guin schreibt darin, dass jedes Urteil arm macht, und dass unsere Seelen älter sind als unsere Körper (“Our souls are old, often used before. The knife outlasts the hand that holds it.”). So ist es auch hier: Erinnerst Du Dich, als der große Adler hier war und von uns Besitz genommen hat, fragt eine der Performerinnen, als wir mit den Löwen gespielt haben? Die Bühne ist ständig in Verwandlung, die Körper auch: Sie werden in Stoffe gehüllt, sie falten sich in die Stoffe hinein und formen Wirbel und Strudel aus ihnen. Der Boden gleicht manchmal dem Mond, manchmal ist er moosig und weich. Die Bäume schwingen im Sturm, dann wieder gleichen sie kalligraphischen Zeichnungen. Unter dem Wind (einem weißen Tuch) werden schwere Körper begraben, an den Bäumen hängend scheinen sie leicht und der Erde entrückt. Später lernen wir, dass sie schon 300.000 Jahre alt sind, dass sie tonnenschwer sein mögen, und mit allerlei weichen Prothesen ausgestattet sind.

Das alles gleicht einem Liebeslied, einem Liebeslied an die Erde. Es ist von fast unheimlicher Sanftheit, unter der zugleich eine Form der traurigen Anklage mitschwingt. Wer hat sie uns genommen, diese Erde, zu der wir nicht wieder zurück finden? Wer schließt uns aus ihr aus? Kann Tanz eine Form der Beschwörung sein, die sie zurückholt, erhält und wieder zugänglich macht? Vor allem, scheint es mir, fragt das Stück: Wie können wir uns erinnern, an einen Zustand der Welt vor der Zurichtung, Einrichtung und In-Dienst-Nahme durch das patriarchale Fortschritts-gläubige Kapital? Vielleicht liegt die Antwort in unseren Körpern, und ihrem spielerischen Miteinander.

Re-member ist ein intergenerationales Tanzstück für ein Publikum ab 8 Jahren. Premiere war am 17.9.2020 auf Kampnagel, Hamburg.

– Moritz Frischkorn | September 2020

– Foto: Pia Pritzel

eine chroerographische Installation von Regina Rossi

Premiere am 25.04.2019 auf Kampnagel, Hamburg

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Labia Majora

Das Publikum bahnt sich den Weg durch ein Labyrinth aus hellroten Stoffbahnen hinein in die Fabrikhalle von Kampnagel. Die Premiere der choreographischen Installation von Regina Rossi und ihrem Team ist restlos ausverkauft. Der Auftakt von 2lips bereitet uns sanft darauf vor, dass wir in den kommenden ein-einhalb Stunden immer wieder unseren Platz und die Perspektive wechseln werden. Auf Socken durchstreift das Publikum den Raum, hat Zeit sich umzuschauen und in die mystische Atmosphäre einzutauchen.

Once upon a time… – Der erste Akt

Die Performerinnen treten nacheinander auf, mit nichts als hippen Kniestrümpfen bekleidet. Schnell thronen sie nebeneinander, zerfließen in den schwarzen Sitzkissen. Ein Aktbild. 6 nackte Frauenkörper. Dazu eine lange Liste, gesprochen von Annika Scharm: Once upon a time… beginnen die Sätze.. I would spread my lips and start talking.
Das Publikum versammelt sich zu ihren Füßen, beobachtet die Performerinnen dabei, wie sie aus ihren Körpern eine Vulva formen: Sie werden zu äußeren und inneren Lippen, Venushügel oder Klitoris. Vulva werden ist mehr als Entblößung.

Bis diese dreidimensionalen Bilder zerfallen. Dann locken uns die Frauen zu anderen Schauplätzen. Bei den Spiegeltischen stehen glibschige Deko-Kugeln in Glasschalen. Hier untersuchen zwei der Akteur*innen spielerisch ihre Körper auf Qualitäten der Vulva, suchen nach Faltigem im Fleisch ihrer Arme und Beine und schmieren sich feucht.

Creative, shy, powerful, soft.

Weiter hinten im Raum baumeln Kopfhörer an Kabeln von der Decke. Eine Stimme leitet uns durch die Komplexität der Genitale. Mit Haut, Haaren und Fleisch. Die Audiostation bietet eine kleine Anatomie der Vulva. Die Sprecherin akkumuliert nach und nach ihre Elemente und Eigenschaften – so ist sie, und so auch – gibt uns Begriffe an die Hand und fordert dazu auf, über die Sprache als politisches Werkzeug nachzudenken, das uns helfen kann, die Reduktion auf das Loch zu verweigern. Denn: Die Öffnung der Vagina habe historisch betrachtet am meisten Aufmerksamkeit erfahren. Nur keine Scheu. Sagt Vulvalippen. Denn wofür sollten wir uns schämen. Nicht für diese Schönheit, nicht für das Feuchte, Schleimige, Sensible.

Lippenbekenntnisse

2lips feiert die Vulva in ihrer Vielfalt, ihre Kraft und Sensibilität, will die Komplexität dieser Geschlechtsorgane sichtbar machen und das, was sonst verdrängt oder versteckt wird – den schambehafteten, lustvollen Körperbereich. Dazu greift das Team um Rossi tief in die Kulturgeschichte. Die Performance sprüht vor Referenzen, die ich aber selten als solche erkenne. Die Performer*innen erzählen von Gottheiten aus hinduistischer, griechischer und keltischer Mythologie und verbinden diese mit persönlichen Erlebnissen. Und fast immer wirken sie geschützt, trotz der Nacktheit. Es entstehen keine peinlichen Momente. Nie kommt ihre Haltung provokant daher. Und auch das Publikum agiert sehr respektvoll, starrt nicht, sondern schaut neugierig und erlebt.

Mich reizen eher die abstrakten Momente als die informativen. Ich wechsle meine Position immer wieder, gehe näher ran, wenn Dani Brown zur keltischen Göttin Morrigan wird und sitze hypnotisiert vor dem silbrigen spiegelnden Dreieck, beobachte die ritualisierten, wiederkehrenden Bewegungssequenzen. Die choreographische Arbeit ist mal inspiriert von Nackt-Tänzen und Strips à la Gypsy Rose Lee und Georgia Sothern, wirken andernorts dann wieder wie zeitgenössische Bewegungsstudie zu Falten. Ich bin fasziniert und genieße das Immersive, verliere (kritische) Distanz.

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Fierce, erotic and hyper-fucking intelligent

Immer wieder wird das Publikum eingefangen und die Aufmerksamkeit auf eine Szene gelenkt. Wie etwa auf den Catwalk, mit pelzigen Jacken und untenrum frei.. sexy and cheerful! Oder das Beckenbodentauziehen von Sophia Guttenhöfer und Mathilde Monier, die sich nach dem Wettkampf kollegial in die Arme fallen. Menstruation und Befruchtung sind humorvoll und überraschend in kleine Szenen übersetzt, in denen die Vulva direkt zu uns spricht (performt von Kianí del Valle), uns durch den Raum scheucht und ihre klebrige hellrote Substanz in die Hand spuckt oder die Spermien in ihre Höhle hineinrekrutiert (Bühne und Kostüm: Lani Tran Duc und Doris Margarete Schmidt).

Das Stück schwingt von einer mystischen Grundstimmung in humorvolle Sequenzen und informative Stationen. Der Abend ist dynamisch, fließt weich und einladend dahin (Dramaturgie Greta Granderath). Getragen wird er von Klängen, die mich in die Tiefe locken (Sound Katharina Pelosi). Es klingt nach Meer, aber nicht nach Klischeewellenrauschen. Und dort, hinter den roten Vorhängen, liegt eine Meerjungfrau und träumt davon Beine zu haben, und vielleicht auch ihre eigene Sexualität.

Zwischen magisch und vertraut-familiär lässt 2lips eine heilige Stätte mit Wohnzimmeratmosphäre entstehen. Zu Informativ und spielerisch um nur Erotikprogramm zu sein, zu humorvoll und liebevoll um entrückt und weltfremd zu sein. In der Aura des Erhabenen ist Platz für obszöne Witze. 2lips hebt den Rock, tut es Baubo gleich, die ihre Vulva entblößt um Demeter, die Göttin der Fruchtbarkeit aufzumuntern.

Ich schaue an meinem Körper hinunter, sitze nur in ein Handtuch gewickelt auf dem Sofa, den Lap-top auf dem Schoß – das schien mir irgendwie angemessen, die Kritik gemeinsam mit meiner Vulva zu schreiben – und bin fasziniert von der Vorstellung, dass dieses Geschlechtsorgan den Teufel vertreiben kann.

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Perle, Muschi, Mandel.

Das Team um Regina Rossi schafft einen sinnlichen Abend, der manchmal fast zu schön ist. Und ich frage mich, ob es nicht dreckiger zugehen müsste. Vielleicht geht es aber gerade darum, vom Pornographischen wegzukommen, und bewusst den Fokus auf die verdrängte Schönheit der Genitale zu legen. So endet auch die Entdeckung rund um die Kulturgeschichte der Vulva, während die Performerinnen Mandeln kauen: Ich bin Fotze, aber ihr könnt mich Vulva nennen.

– Heike Bröckerhoff | April/Mai 2019

Fotos: Anja Beutler

 

Plateau – ein monatlicher Vorgeschmack auf die freien darstellenden Künste in Hamburg mit Heike Bröckerhoff und Moritz Frischkorn.
Sendung vom 21.11.2018 auf FSK

Zu Gast: Sabine Glenz und Jannis Klasing für AUSSCHWÄRMEN
Mit Ankündigungen und Berichten zu
BROT + |____| organisiert vom DfdK im Theater in der Marzipanfabrik
AYIU performing Jelly von Lucie Schröder mit Textauszügen von Teresa Hoffmann*
INSTINCT von Marie Golüke
FÜR MICH von Antje Pfundtner
THE VOICE OF SHANNON von Clara Alisch und Kevin Westphal alias Power, Corruption and Lies
WILL I DREAM DURING THE PROCESS von Véronique Langlott
SATELLITE ON EARTH (Ann-Kathrin Quednau und Tobias Gronau) und Milian Otto
ERKLÄRUNG DER VIELEN (www.dievielen.de/)

*den vollständigen Bericht von Teresa Hoffmann findet ihr unter: : plateauhamburg.de/2018/11/09/aiyu-…lucie-schroeder/

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Das Radio Magazin der digitalen Platform
www.plateauhamburg.de

Ein runder aufgeblasener Raum in einem eckigen Raum – getrennt sind sie durch einen Reißverschluss. Die Besucher_innen sind ganz alleine mit einer Karaokemaschine, einem Schuhregal und einem Telefon. Hello. If you go, will you miss me while you look for yourself out there? 


Mit AIYU schafft Lucie Schroeder einen Raum für detaillierte Blicke auf uns selbst und die anderen, weckt Sehnsüchte durch Songtexte und kreiert ein Lagerfeuer im Iglu.

Welcome. Die Performerin erscheint sowohl erwartungsvoll als auch diskret im Flur, in ihrer Hand ein Mikrofon und Moderationskarten. Es wird das erste und letzte Mal sein, dass wir ihr begegnen.
Eine Person nach der anderen geht auf sie zu, spricht den von ihr angebotenen Satz in das Mikrofon und führt ihren Weg fort in den Hauptraum. Die verschiedenen Stimmen der Eintretenden nähen den Text zusammen. If you wanna talk for hours, just go ahead now. Die Naht wird porös, wenn eine Stimme sich zu sehr von den anderen unterscheidet. Schüchterne, laute, zögerliche, unsichere, überzeugte, leise Stimmen. Der Faden des Textes verliert sich leicht in der Unterschiedlichkeit dieser Stimmen, dafür entsteht ein Faden der Vielstimmigkeit.
Alle die schon im Raum angekommen sind, lauschen den Sätzen der Nachrückenden, die sie aus dem Lautsprecher erreichen. Wenn kurz nach jedem Satz der echte physische, stumme Körper erscheint, will es nicht gelingen, ihn und seine Stimme zusammenzubringen. Wieder eine getrennte Naht. Ein kleines, sonderbares Erschüttern der eigenen Wahrnehmung. I`ve been wondering if all the things I`ve seen were ever real.
Der Raum füllt sich allmählich. Mit jedem Körper entsteht eine neue Organisation. Der Sound pfeift durch den Raum so, wie es im Sound selbst pfeift, windet und plätschert. Eine Besucherin wird sich später trauen selbst zu pfeifen, weil sie Lust bekommt etwas Provozierendes zu tun (wie sie nach der Performance verriet). All we ever wanted was everything.
Ein Knopf, ein Telefon, ein Schuhlöffel auf dem kleinen Regal an der Wand – Unaufdringlich sprechen die Objekte zu uns, deuten Spuren an. There were hints and allegations.
Die Zögerlichkeit der Gemeinschaft bläst sich auf wie der weiße riesige Kokon im Raum, noch nicht betretbar wegen des zugezogenen Reißverschlusses. Sind wir schüchtern oder mögen wir die Spannung der Unwissenheit über den weiteren Verlauf? Hören wir der Unwissenheit zu? Sind wir schüchtern weil hier jede Geste ein Zeigen wird? Sind wir überhaupt schüchtern? And can we act like we come from out of this world?
Aufmerksam beobachten wir einander: jede Bewegung, Handlung und Entscheidung. Endlich drückt jemand auf den verheißungsvollen Knopf. Text erscheint auf dem Bildschirm daneben. Jemand entdeckt das Mikrophon neben dem Bildschirm. Jemand beginnt den Text in das Mikrophon zu sprechen.
Kurzzeitig ist eine wohltuende Ordnung hergestellt: Drücken, Text, Lesen, Drücken, Text, Lesen, Drücken… Dann lässt eine längere Pause so manchen Atem anhalten. Ungedulds-Tropfen fügen sich am Boden zu einer Pfütze zusammen. Sie fallen synchron zum kurz erscheinenden Beat im Soundtrack. Jemand im Raum wischt die Pfütze mit einem Knopfdruck weg: Please let us start. Find a comfortable position. Breathe in and out deeply. Ein paar Eingeladene, das Angebot Annehmende oder Sich-Aufgefordert Fühlende lassen den Atem hörbar ein- und ausströmen.
Ein weiterer Hinweis im Text verrät den Besucher_innen den Zugang zum Kokon. Für alle die schon ganz woanders waren, holt das Geräusch des Reißverschlusses sie zurück in die Realität, um in eine andere einzutreten: durch den nun geöffneten Schlitz des Kokons bläst ein überraschender Luftzug die Haare aus dem Gesicht. Der Einstieg erinnert an das Hineinwuchten des Körpers in ein Zelt. Einige der Besucher_innen setzen, legen, kauern sich im Kokon um eine gleißend weiße Lampe herum und polstern verschiedene Körperteile mit klinisch anmutenden Schaumstoffkissen. Es wäre eine Stimmung wie im Eisschrank, wenn nicht der Kreis der Menschen eine Geselligkeit in diesen Kokon hineinschriebe, die aus der Lampe ein Lagerfeuer werden lässt. No end and no beginning. You’re here with me it’s like a dream. Das Telefon klingelt und erinnert die Anwesenden an seine Existenz. Die Stimmen am anderen Ende der Leitung erfüllen den Raum mit sich überlagernden, trocken eingesprochenen Fetzen aus Songtexten – der Anruf entpuppt sich als Hörspiel. Der inhaltliche Pathos der Songtexte ohne den gesanglichen Pathos verdreifacht die Intensität des Inhalts. Man könnte die Idee bekommen, dass sich auf der Erde bald alle nur noch in Songtextfetzen unterhalten – eine fast genüssliche Vorstellung.
AIYU ist ein Raum, in dem die Naht zwischen der Wahrnehmung der alltäglichen Realität – das Füße-Wippen der Nachbar_innen, der wackelnde Bildschirm, der harte Boden im Kokon, die Ungeduld, das Zipper-Geräusch – und einer Atmosphäre, die einen hinfort trägt und assoziieren lässt, so fein ist, dass es Spaß macht, die beiden Ebenen zu vermischen, ein Stück Unwahrscheinlichkeit in die Realität zu holen. Als wäre es plötzlich ein unumstößlicher Fakt, dass auch im kanadisch-arktischen Archipel schon immer ein kleines Schuhregal mit Schuhlöffel vor jedem Iglu steht.

AIYU Skizze

Lucie Schroeder weist mit dieser Arbeit auch auf eine Frage der Grenze zwischen den Disziplinen hin: wieso ist der Raum nicht einfach eine Installation, frei begeh- und verlassbar, ohne Anfang und Ende, eine Dauerschleife? Was fügt die performative Rahmung dieser Arbeit hinzu außer eine hohe Erwartung der Besucher_innen daran, dass etwas passiert, dass jedes Tun in diesem Raum als Teil der Performance gelesen werden kann und manch eine_r sich unwohl fühlen könnte, weil man automatisch Performer_in wird? Doch eigentlich ist es jedem Selbst überlassen sich davon frei zu machen und seine eigene selbstbewusste Navigation durch diese Performance zu finden. Das ist keine so einfache Aufgabe, aber darum ging es der Autorin wahrscheinlich auch. Some people trying to provoke, bringing even more in than there is already offered.

– Teresa Hoffmann | November 2018

Mit Dank an Anne Pretzsch und Heike Bröckerhoff.

dann kam da ein Otter rausgeschossen

Greta Granderath: Poems on Performances_No 1

zieh die Schuhe aus und geh
durch den Papageienbogen

dahinter ist alles samtig und lusco fusco
bunte Leuchtstoffröhren blinzeln

etwas hat keinen Namen
hängt von der Decke und rührt sich
etwas hat Otterzähne und sieben Beine

zwei Schlafwandlerinnen tanzen
auf weißen Bohnen

verschwinden in silbrigen Gefäßen
zwischen Sprüngen und Spiegeln
tauchen als Bewegungsmelder wieder auf

das Wassermonster in uns
weiß es im Traum: Mit vollem Mund spricht man nicht

ein magisches Mädchen weicht zurück
vor dieser Schar: Kinderaugen im Dunkeln
Wo kommt ihr alle her?

noch einmal schlafen dann bist du erwachsen
erinnerst dich:

am Bühnenrand zuckt der kleine Michael
der in den Nebel will

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Zu Regina Rossis Tanzstück LUSCO FUSCO (portugiesisch für Zwielicht, Dämmerung)
Premiere: K3 | Tanzplan Hamburg, 17. Mai 2018
Konzept/Choreografie: Regina Rossi, Von/mit: Nora Elberfeld, Angie Lau, Regina Rossi, Dramaturgie: Barbara Fuchs, Bühne und Kostüme: Doris Margarete Schmidt, Musik: Sven Kacirek, Künstlerische Assistenz: Teresa Hoffmann. Licht: Ricarda Köneke, Ton: Lukas Stein, Bühnentechnik: Robert Fass

Poems on Performances ist eine Lyrik-Serie von Greta Granderath zu Performances, Tanz- und Theateraufführungen.

Danke, Heike Bröckerhoff!

HF18_06_121.jpgEinmal muss es zu Ende sein: Die Abschlussveranstaltung des Hauptsache Frei Festivals

von Saskia Menges

Am gestrigen Samstagabend war es leider auch schon wiedervorbei: Das vierte Festival der Darstellende Künste, das Hauptsache.Frei, feierte seinen letzten Abend. Fünf fulminante Tage in vier unterschiedlichen Spielstätten sind vergangen. Die volle Bandbreite des freien darstellenden Spiels wurde gezeigt und viele Spielorte ausprobiert. Wir Bloggerinen Neele Jacobi und Saskia Menges durften in Workshops, Tanztheater, Performances, Sprechtheater und Installationen eintauchen. Wir haben neue Spielorte kennengelernt, uns in Workshops mit der Zukunft des freien Theaters befasst oder uns mit der JETZT Kampagne des DfDK zur Förderung der Freien Theaterszene in Hamburg auseinandergesetzt. Wir sind irritiert, unterhalten, belustigt und vor allem verzückt worden. Mit uns wurden das etwa 2000 Festivalgäste; für das Festival ein toller Erfolg in der Entwicklung der Besucherzahlen.

So ganz konnte man es jedoch nicht glauben, dass diese bunte Reise durch darstellende Kunstformen aller Art nun schon wieder vorbei sein soll. Das aber das Ende nun wirklich da ist, wurde mit der Preisverleihung in der Abschlussveranstaltung ganz klar. Die Festivalleitung Julian Kamphausen und Susanne Schuster bedankten sich ganz herzlich bei dem Team des Festivals und den BesucherInnen, bevor sie dann den mit 1500 Euro dotierten Publikumspreis vergaben. Die PMS Lounge stellte sich als absoluter Publikumsliebling heraus. Die Freude bei den Beteiligten war übergroß, die in vollem Überschwang und sichtlich bewegt den Preis entgegennahmen. Im Anschluss durfte die Festivaljury, bestehend aus Falk Schreiber (Kulturjournalist), Kria Kirsch (brut Wien) und Wilma Renfordt (Impulse Fesitval) die weiteren Preise vergeben. Die Förderpreise umfassen ein Mentoringprogramm und erhielten die Produktionen Zeitraffer – Ein Theatrales Assoziationsuhrwerk des Klabauter Theaters sowie Tricks – Eine Soloperformance von Lois Bartel. Den Jurypreis erhielt schließlich ebenfalls die PMS Lounge, die für ihre Auseinandersetzung mit einem randständigen Thema wie dem Prämentruellem Syndrom und Menstruation gelobt wurden. Der Jurypreises umfasst neben der Preisprämie von ebenfalls 1500 Euro die Unterstützung bei der Suche eines Gastspielortes in Berlin. Auf das auch das Berliner Publikum von Auseinandersetzungen mit den prämenstruellen Syndromen angenehm irritiert werde! Es war ein grandioser und ausgelassener Abschluss mit viel Euphorie, Glücksgefühlen und ein kleinwenig Wehmut. Jedoch lässt der Blick auf das fünfte Hauptsache.Frei Festival im kommenden Jahr schon wieder sehr viel Vorfreude hochsteigen. Grandios!

DER ELEKTRISCHE REITER

I’ve been looking for freedom: Auf der Suche nach Freiheit mit dem elektrischen Reiter im Lichthof Theater in Hamburg Bahrenfeld oder „Geht ein Cowboy in einen Friseursalon, kommt er raus: Pony weg.“

Autorin: Saskia Menges

Unwillkürlich kommt mir nach dem Stück Der elektrische Reiter der Song Looking for Freedom von David Hasselhoff in den Kopf. War es gerade nicht genau darum gegangen? Um die Suche nach Freiheit?

Wir begleiteten Sonny Steele, einen verbrauchten Cowboy durch die Prärie des Lichthof Theaters in Hambburg Bahrenfeld. Er hatte sich dazu entschlossen, sein Dasein als Ex-Rodeo Champion und Frühstückflockenwerbegesicht zu beenden. Sein neustes Projekt war stattdessen das Rennpferd Rising Star aus seiner Knechtschaft als Wettobjekt und Werbetier mit einem Wert von 12 Millionen Dollar zu befreien. Nach einer Werbeshow stahl Sonny entschlossen das Tier und ritt hinaus aus der Showstadt Las Vegas. Bis zu diesem Punkt war ich mir noch sehr unsicher, welche Wendung es mit diesem Stück haben soll. Alles hatte bisher eher albern und klamaukig gewirkt und ich war mir noch nicht sicher, ob das beabsichtigt war oder … eben leider doch nicht. Abseits der trashigen Glücksspielmetropole konnte aber auch das Stück eine andere Ebene entwickeln, die im herrlichen Kontrast zu dem bisher gezeigten stand. Unvermittelt begann das Pferd Rising Star über den Begriff der Freiheit nachzudenken. Zitierte mit so einer Sicherheit Kant, dass ich zunächst gar nicht wirklich auf das Gesagte hören konnte, sondern perplex und amüsiert auf meinem Stuhl saß. Seine Überlegungen kreisten darum, ob Freiheit nicht immer nur vermittelt sei, ob es nicht stets immer einen Kontrollvorbehalt gäbe – Quasi eine Freiheit zweiter Ordnung, in der man nur solange frei ist, bis ein anderer die Bedingungen der Freiheit verändere. Rising zeigte sich schließlich als neoliberales Philosopherd (wie meine Freundin Neele es schließlich so treffend betitelte). Es glaubte als die Freiheit der Märkte und an Konsum als Möglichkeit sich selbst Freiheit zu schaffen. Die vermeintliche Freiheit der Natur stand der vermeintlichen Freiheit der Märkte gegenüber. …I’ve been looking so long heißt es ja in einer weiteren Textzeile von Hasselhoff. Und ich denke, wir werden auch weiterhin nach Freiheit suchen müssen. Denn auch wenn das Stück ein spannender und vor allem witziger Beitrag zu der Frage nach der Freiheit ist, ist es ja doch eine, die wohl nie abschließend geklärt werden kann und immer neuverhandelt werden muss. Das Stück glänzte durch die starken schauspielerischen Leistungen von Stephan Möller-Titel, Fritzi Oster und Christopher Weiß. Gekonnt schlüpften sie in die unterschiedlichsten Rollen. Von Showmaster, zu Pferd, zu Cowboy. Von Showgirl, zur Reporterin und Apothekerin. Schließlich der elektrische Reiter, der in seinem beleuchteten Cowboykostüm strahlte.

 

 

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Erzähl mir eine Geschichte
Autorin: Saskia Menges

Unterschiedliche Ebenen des Erzählens leuchtete Lois Bartel am gestrigen letzten Festivalabend mit ihrer Soloperformance TRICKS aus. Mit geschickten erzählerischen Mitteln inszenierte sie sich selbst und ihre Auseinandersetzung mit der Marta Hari, einer Tänzerin und möglicherweise Spionin in der Zeit vor und um den ersten Weltkrieg.

Im Vorraum des Theaters beginnt das Stück. Eine Stimme ertönt, die uns ankündigt, dass das Stück in Kürze beginnen wird. Eine warme, angenehme Frauenstimme. Wir werden in den Nebenraum der Bühne eingelassen. Beim Betreten ziehen wir Karten auf denen kleinen Aufträge auf uns warten. Einige BesucherInnen durften und mussten Gegenstände wie Schmuck oder Fotos aus diesem Raum aufnehmen und später auf die Bühne bringen und dort platzieren. Ich durfte über die Bühne schreiten – wie wir allerdings alle. Wo die Bühne sein würde wusste ich in diesem Moment noch nicht. Findet die Performance wohl hier im Nebenraum statt?

Wieder die warme, irgendwie doch technisch wirkende Stimme, die ankündigt, was als nächstes zu tun sei. Gut. Es wird doch noch in den Theatersaal und über eine Bühne gehen. Manche hatten den Auftrag sich schnell und wieder andere langsam über die Bühne bewegen. Und noch andere mussten sich sogar dort eine Weile verstecken. Welche Bühne Lois B. so vorfinden würde, war ihr also nicht gewiss. Und wir, das Publikum, wurden so zum Teil ihrer Performance, in der sie immer wieder dieselbe Geschichte nur mit anderen Worten und aus anderen Perspektiven erzählte. Mal gab es ein Playback der Lois H. wie sie die Geschichte von Marta Hari und ihre eigene dazu erzählte. Sie bewegte ihre Lippen und im ersten Moment hätte man nicht vermuten können, dass es nicht von ihr selbst gesprochen, sondern eine Aufnahme war. Hier wurde das Publikum das erste mal hinters Licht geführt, es war einer ihrer noch zahlreich folgenden Tricks. Dann gab es wieder eine Erzählerstimme, die die Metaebene des Stücks aufmachte. Sie erklärte was Lois B. hier nun tue oder auch das gesehene kommentierte, krisitierte, wenn die Stimme, die ja aufgenommene Stimme der Lois B. ist, fragte: „Ist sich auf der Bühne ausziehen überhaupt noch ein spannedes Mittel?“ Denn die Lois zog sich aus. Ähnlich wie es die Marta Hari getan hatte. Schmückte sich, sprach liebevoll von Marta Hari – Aber immer und das war das bohrende, verblieb man in der selben Geschichte, wenig mehr erfuhr man in den immer gleichen, jedoch nie den selben Ausführungen über die Marta Hari, was übrigens Auge des Tages bedeute. Lois B. nutze ihren Körper um zu zeigen, wie und auf welche Weise eine Geschichte um sich greifen kann, welche Kraft es entwickelt und welche Gefühle sie auslösen kann. Sie führte mit der Auseinandersetzung mit der Marta Hari die Selbstinszenierung auf die Spitze und bekam zurecht viel Applaus.

JETZT! ….aber was eigentlich genau?

Ein Gesprächsprotokoll über die JETZT Kampagne des Dachverbands

freie darstellende Künste Hamburg e.V. (DFDK).

Von Saskia Menges und Neele Jacobi.

 

Neele: “Saskia, sag mal man sieht hier beim Hauptsache Frei Festival in Hamburg überall diese neonfarbenen Aufkleber. JETZT! Steht da drauf und irgendwas mit Freie Darstellende Künste fördern. Aber was genau steckt denn dahinter? Was soll JETZT passieren?”
Saskia: “Ja, ich hab die auch schon gesehen, die sehen ganz cool aus, oder? Ich glaube, das ist so eine Art Protest Bewegung. Organisiert ist es auf jeden Fall vom Dachverband freie darstellender Künste Hamburg e.V. – Das ist auch einer der Träger vom Hauptsache Frei Festival. Anja Kerschkewicz und Jonas Leifert sind da die Vorsitzenden …”

 

Neele: “Ja, fallen auf! Na und wogegen protestieren die genau? Die Leute in den Workshops sprechen immer von so einem Konzeptionspapier und Fördertöpfen….”

 

Saskia: “Genau, ich denke, es ist eine Kampagne, um mehr finanzielle Förderung für die Freie Theaterszene einzufordern. In dem Konzeptionspapier müsste genauer drin stehen, was die exakt wollen… Dieses Papier liegt immer an der Kasse bei dem netten Boy aus der Schweiz, der die Tickets verkauft. – Komm wir checken das Papier mal genauer aus.”

 

Neele: “Hui, das ist ganz schön umfangreich, aber im Kern geht es, wie ich das lese, um zwei Aspekte. Zum einen sollen die Fördersummen für die Freie Szene erheblich erhöht werden. Zum anderen fordern die Leute vom Dachverband eine umfangreiche Umgestaltung, was die Arten der Förderung betrifft. Da geht es unter anderem um Recherchestipendien, den Ausbau der Konzeptionsförderung, aber auch um die Verbesserung der Arbeitsstrukturen. Hier soll ein Netzwerkbüro die Koordination und Vernetzung innerhalb der Freien Szene stärken. Bei einer Gesprächsrunde mit KünstlerInnen und Förderinstitutionen am Freitag ging es viel auch um genau dieses Thema der Strukturen. In “Bellybutton + Performance” klagt Philipp Joy Reinhardt ja genau diese Zustände an.”

 

Saskia: “Zwei sehr wichtige Punkte wie ich finde. Und dieses Festival ist auch wirklich der perfekte Ort, um solche Zu- und Missstände anzusprechen. Ich finde es gut, dass KünstlerInnen mit dem Dachverband eine Stimme erhalten, die für die gute und gerechte Bezahlung und Förderung von Kulturschaffenden eintritt. Es geht hier auch darum, dass Tarife an staatlichen Häusern zwar erhöht werden, was ja echt super ist – aber man gleichzeitig nicht die Erhöhung der anderen Fördertöpfe vernachlässigen darf. Es gibt wohl schon jetzt ein großes Ungleichgewicht zwischen dem Kulturhaushalt der Stadt Hamburg und der Höhe der Fördertöpfe für kleinere, projektbasierte Produktionen.”

 

Neele: “Diese Schieflage ist tatsächlich problematisch. Gerade die Frage der Probenräume ist enorm drängend. Wenn man an jedem Probentag eine Probebühne auf- und abends wieder abbauen muss, weil es keinen festen Probeort gibt, dann kostet das enorm viel Zeit, Nerven und schlussendlich auch Geld. Die Kampagne, so ein Mitglied des DFDK, solle vor allen Dingen auch für eine Sichtbarkeit sorgen. Auch ganz im Sinne einer Selbstermächtigung und eines Bekenntnisses zur Szene und dem gemeinsamen Kampf für bessere Strukturen. Ich bin wirklich gespannt, wie es mit den Forderungen des Dachverbandes weitergeht und auf welche Weise sie umgesetzt werden.”

 

Mehr Infos unter http://dfdk.de/images/PDF/Konzeptionspapier_DfdK_16.02.2018.pdf

Roboter-gesteuertes Puppenspiel und Drohenliebe.

Eine Reise durch die Welt des Digitalen beim Brunch 2.0 im Lichthof Theater

Autorin: Neele Jacobi

Hamburg Bahrenfeld, Lichthof Theater, 11 Uhr. Munteres Geplauder bei Käsebrötchen und Kaffee. Ich bin beim „Brunch 2.0“ des Hauptsache Frei Festivals. Er ist Teil des diesjährigen Digital Track, den Susanne Schuster vom Festivalteam leitet, und der den Schwerpunkt des Festivals bildet. Es soll um „Wünsche, Visionen und Impulse für die digitale Kunst in Hamburg“ gehen, wie das Programmheft ankündigt. Na dann mal los!

Den Anfang machen Jeanne Vogt und Alexandra Waligorski, Kuratorinnen und Gründerinnen des „creative technologies and media arts meet-up Hamburg“ (kurz: CETAM) – komplizierter Name, geben die beiden schmunzelnd zu. Ihr Anliegen: Menschen, die kreativ mit Technologie arbeiten, zusammenzubringen. Arts & Tech, wie diese Schnittstelle im Fachjargon heißt. Seit 2015 veranstalten die beiden die regelmäßig stattfindende Zusammenkunft. Wichtig ist ihnen vor allen Dingen, dass die Hürde, vorbeizukommen, möglichst niedrig ist. Das meet-up soll ein offener und gleichsam geschützter Raum sein, auch gebe es immer etwas zu essen „um das Eis zu brechen“. Funktioniert gut, wie ich finde. Das Gespräch ist ein echter Selbstläufer.

Dabei streifen wir die großen Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Technik – wer beherrscht eigentlich wen? -, die Sinnhaftigkeit der Trennung von analog und digital, die Angst vor dem böhmischen Dorf namens Technik sowie die Chancen, aber auch Herausforderungen, die sich aus der Grenzenlosigkeit der Möglichkeiten ergeben. Ganz konkret wird es auch: DJIN, eine Performance über die Liebesbeziehung zu einer Drohne, habe deutlich gemacht, dass das technische Objekt zuweilen auch Hindernis sein kann. Wie tanze ich mit einer Drohne? Wie sie menschlich erscheinen lassen und doch als technisches Ding belassen? Technik – daran sind auch immer Erwartungen geknüpft. „Ich verzeihe eher, wenn ein Schauspieler seinen Text vergisst, als wenn ein Smartphone in einer Aufführung versagt“. Diese Haltung erschwert die Benutzung von Technik im Kunstkontext oft – baut Hemmungen auf. Wie wäre es, wenn wir Technik weniger als Tool, als Werkzeug, betrachten, denn als Performance selbst? Als Performance, die ebenso scheitern kann, wie ein menschlicher Akteur? Ich denke darüber nach, ein Stück über das Scheitern von Technologie zu schreiben. Naja, vielleicht überlasse ich das anderen, aber spannend wäre es allemal. Überhaupt lässt diese Frühstücksrunde einige Fragen offenen und macht vor allen Dingen eines: Lust auf mehr!