Prozesse

Prozesse

In Christine Grosches Ausstellung Klüyxs

„Originale, die der Repräsentation als Material dienen, eine kon- und temporäre Zerstörung von Floral-Dekorativem und mich bei der Arbeit“

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Mit dieser Ankündigung lädt Christine Grosche am 13. und 14. September 2014 zu ihrer Ausstellung im Rahmen der Elbinsel Ateliertage ein. Ich verbringe hier einen Tag, um Grosche bei der Arbeit zuzusehen und diesen dichten Einladungstext zu entschlüsseln: Was ist Werk, was das Material?

Beim Betreten des Ausstellungsraumes fällt der Blick nach links auf die Arbeit Klüyxs, eine zweiteilige Installation bestehend aus einem Bild und einer VideoarbeitDie klein-formatige Collage hängt in einem großen, antiquierten Rahmen – ein Ready-Made, denn der Rahmen ist vorgefunden, das Bild hineingesetzt. Zu sehen ist eine Art Raupe, Draht umschließt die verschiedenen Materialien, die die Körpermodule des Wesens bilden. In diesem anthropomorphen Blick liegt schon eine Erfahrung der Formen, ein Wiedererkennen-Wollen, ein Versuch, das Gesamte zu erfassen. Die Videoprojektion rechts daneben suggeriert eine andere Art von Sehen. Die Kamera tastet das kleine Bild ab, zwischen Schärfe und Unschärfe, vorsichtig, neugierig, verwundert. Dabei entstehen Momente, in denen mal die Farbe stärker in den Vordergrund tritt, mal eine Linie, so dass das Objekt selbst unkenntlich wird, zwischen Rausch und Kaleidoskop. Allein diese erste Arbeit lenkt die Aufmerksamkeit auf unsere eigene Seh-Erfahrung und Qualitäten, die in den beiden Medien – Collage und Video – ermöglicht werden.

Weiter hinten im Raum in Radikant ist Grosche selbst bei der Arbeit, mit Draht, schwarzem Klebeband und weiteren Materialien, mit denen sie von der Heizung neben dem Fenster aus ein pflanzenartiges Gebilde hochwachsen lässt, Efeu aufwärts – es schmiegt sich in den Raum. Auf der Heizung ein Wald aus goldenen Drahtbäumen, davor die Fotokamera auf einem Stativ. Als Ganzes ergibt sich ein Moment zwischen Bild und Szene, eine Live-Dokumentation von Grosches künstlerischem Prozess, in Echtzeit. Gleichzeitig kündigt sich hier auch eine mögliche Zukunft von Radikant an: Grosche fotografiert Ausschnitte der Plastik, diese digitalen Bilder werden wieder zu potentiellem Material, vielleicht für ein Video. Material wird zum Werk wird zum Material wird zum Werk… und ermöglicht eine ständige Weiterbearbeitung, bei der jedes Werk provisorischen Status hat und jederzeit wieder zum bloßen Material einer Bearbeitung wird.

Rechts hinten im Raum befindet sich die Arbeit Blume. In einer Vase am Fenster steht eine Hortensie, daneben liegt auf einem kleinen Teetassen-Unterteller die Nagelschere, mit der man Blüten abschneiden darf. Sie fallen auf den Boden, auf ein weißes Blatt Papier und werden zu einem neuen Bild. Auf kleinen weißen Hockern an der Wand rechts davon liegen Fotos in A4 aus, sie zeigen dieselbe Blume in unterschiedlichen Momenten ihres „Zerfalls“. Für das 45-minütige Stop-Motion-Video, das auf einem Tablet neben den Fotos läuft, hat Grosche einzeln die Blüten einer (anderen) Hortensie geopfert und nach jedem Fall ein Foto gemacht. Das Video dokumentiert das Verschwinden der Blume. Die reale Blume am Fenster mit der Handlungsaufforderung bezieht die Besucherinnen und Besucher in die Dokumentation mit ein. Sie vollziehen hier selbst einen Teil des Entstehungsprozesses, übernehmen die Arbeit, die Grosche an der ersten Blume vollzogen hat. Dabei bleibt der Schnitt nicht rein technisch. Für Grosche ist er „der Bruch mit der Schönheit, dem Dekorativen“ von Blume.

Etwas weiter ein Holzbrett auf dem Boden. Es gehört zu Collage. Hier kann man sich auf einen kleinen Hocker setzen und blickt auf Farbstriche auf der Holzplatte und zwei Drahtbälle in schwarz und rostfarben. Daneben liegt ein Smartphone mit Kopfhörern. Das Video auf dem Gerät zeigt in Stop-Motion, beschleunigt, wie die Malerei entstanden ist. Dokumentiert das Video also nur den Prozess oder ist die Malerei das Artefakt, also das Material des Videos? Nach zwei Minuten, unterlegt mit elektronischer Musik, endet das Video abrupt.

In dieser viergliedrigen, intermedialen Ausstellung scheint das Werk immer nur sanft auf. Es ist entzieht sich von Ebene zu Ebene, ergibt sich aus den Beziehungen zwischen Bild und Video, Material und Dokument. Oder: der gesamte Raum als Situation wird zu einem Werk, als ein Zusammenwirken der Videos, Bilder, Objekte, den Anwesenden und der Künstlerin, mit leiser Klaviermusik unterlegt. Die Töne kommen so vereinzelt und langsam, dass sie nur manchmal den Raum als Inszenierung sichtbar machen. Das Fenster ist offen und der Septemberwind dringt frisch ins Atelier. Das Werk, organisch wie seine Einzelteile, scheint auf – vielleicht nur seine Aura, eine Erinnerung an das Werk. Diese romantische Beschreibung lädt nun nicht unbedingt zur Klärung meiner Fragen ein, sondern verwischt Grenzen. Geht es vielleicht darum? Wo hört das Kunstwerk auf? Angefangen hat es jedenfalls schon.

„Normalerweise dokumentiert man Realität, um es für andere sichtbar zu machen, zu zeigen,“  kommentiert Grosche – „ich dokumentiere das Material.“ Das Material dokumentieren. Dies erinnert mich zunächst einmal an den Work-in-Progress Kult in der zeitgenössischen Performance- und Tanzszene.* In den Bildenden Künsten ist schon mit den 50ern und 60er-Jahren der künstlerische Prozess stärker in den Vordergrund gerückt und zwang dazu, das Werk anders zu denken. Nach Vorreitern wie den Dadaisten, Jackson Pollocks drip paintings und Performance Kunst, bildete sich in den späten 60ern die Prozesskunst als eigenständiges Genre heraus. Wo damals der Prozess noch als Abgrenzung zum Warencharakter des Kunstobjekts fungierte, ist er heute selbst zur Ware geworden. Das Unfertige wird ‚verkäuflich‘, (man überlege sich zum Vergleich etwa einen halben Stuhl zu bestellen). Abgesehen von seiner Vermarktbarkeit, funktioniert das Unfertige auch als Vorwand, die Verantwortung für die künstlerische Arbeit abzugeben und möglicher Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wenn nicht genug Zeit ist, die Arbeit abzuschließen, wird das Zeigen des Prozesses schnell zur Notlösung. Was eine künstlerische Entscheidung sein könnte, ist heute häufig eine administrative Auflage: die deadline. Vielleicht wollen die Kunstschaffenden, im Angesicht der Gewalt des Endes, das vom Kunstmarkt auferlegt wird, auch einfach nicht mehr fertig werden.

Allerdings hat Grosches Ausstellung wenig mit dem Unfertigen gemein. Hier tritt die Konzeption der Ausstellung in den Vordergrund. Zu sehen sind vier Arbeiten, die verschiedene Konzepte des Prozesshaften anbieten: In Klüyxs ist es der Blick, das Anschauen und Beobachten – der Blick der Betrachterin und der Künstlerin (als Kameraauge) – Sehen als Prozess. Radikant – greift in den Raum, sowohl inhaltlich als auch in der Form und rückt damit das Wachsen selbst in den Vordergrund. Im dritten Ausstellungsstück Blume zeigt sich der Prozess als Schnitt. Blütenblätter werden abgeschnitten, die Fotografien teilen die Entwicklung der Blume in einzelne Momente, in Stills – ebenso transportiert die Stop-Motion Technik Bewegung hier nicht als Fluss, sondern thematisiert genau die Schnitte. Grosche nutzt die Technik in dieser Arbeit also nicht, um den Prozess etwa beschleunigt darzustellen und dadurch Bewegung zu suggerieren. Das Tempo der Bilderfolge balanciert ruhig zwischen Slide-Show und Stop-Motion, der Film als Entschleunigungsmechanismus. Die einzelnen Elemente von Blume, scheinen zudem einer zyklischen Logik zu folgen: Aber der Kreis öffnet sich. Dort wo die Betrachterin die Schnitte an der Hortensie vornimmt, macht nun Grosche nicht wieder Fotos, sondern lässt die Blüten (die sich im Video um die Vase herum sammeln) auf ein Papier am Boden fallen, ein neues Bild. Die vierte Arbeit triumphiert in Unauffälligkeit. Dabei entspricht die Dauer des Videos, das man darauf anschauen kann, etwa der Aufmerksamkeitsspanne eines motivierten Museumsbesuchers: 2 min. pro Video. Collage ist das kürzeste Video der Ausstellung, allerdings am leichtesten zu übersehen. Diese Arbeit wirkt wie ein Kommentar zu unserer sozialen Beschleunigung. Flüchtig wie ein Augenzwinkern, der Entstehungsprozess im Schnelldurchlauf, dokumentiert das Video nun einen Ausbruch künstlerischer Inspiration? In jedem Fall ist es selbst ein flinker Pinselstrich.

Bildlich gesprochen wurzelt dieser Text im Atelier und wächst ins Virtuelle. Er ist keine Deutung, sondern ein möglicher Blick auf die Ausstellung, eben auch ein ungewöhnlicher Aufenthalt, ein mehrstündiger Atelierbesuch, der sicher auch ein anderes Sehen ermöglicht: Ansehen, Zuschauen, Starren, Beobachten… jene Art von Sehen, die Zeit braucht und Anwesenheit, nicht nur den Rückblick aus der Erinnerung.

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* Festivals und Kurz-Residenzen fordern ein ständiges Zeigen des Unfertigen, des frisch entwickelten ‚Materials’. Showings dieser Art versprechen einen scheinbar authentischen Einblick in den kreativen Prozess der Künstlerin. Publikums- und Feedbackgespräche, die gerne im Anschluss an das Showing organisiert werden, suggerieren die Möglichkeit für die Zuschauenden, an diesem Prozess teilzuhaben, Einfluss darauf nehmen zu können. Der Moment des Unabgeschlossenen prognostiziert eine potentiell grandiose Zukunft des Projekts (das Potenzial) – noch ist alles möglich. Neben diesem mystischen oder mystifizierten Hauch, sind junge Künstlerinnen und Künstler – der Nachwuchs – schlicht gezwungen, sich durch Zwischenstände sichtbar zu machen, da oft nur für Abschnitte des Projekts Produktionsmittel zur Verfügung stehen. Es ist der Beweis, ihrer Existenz. – Show or you don‘t exist! Auch für die Künstlerin maskiert sich das Showing als Versprechen: Vielleicht folgt auf die Präsentation eine Einladung von Kuratorinnen, Dramaturginnen, Festivalleitern. Das Unfertige wird also Mittel zu diversen Zwecken, die letztlich der Vermarktung der Arbeit dienen.

-–  Heike Bröckerhoff, September/Oktober 2014  |  Foto: Christine Grosche

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