Eine Kirche als Ort für experimentelle Choreographie

EYE TO EYE – Ein choreographisches Experiment
mit Yasna Schindler und Angela Guerreiro
am 30.01.2015 im Kleinen Michel, Hamburg

Foto-Eye-to-eye

Eine Kirche als Ort für experimentelle Choreographie

Bisher kannte ich weder Yasna Schindler noch Angela Guerreiro und auch im Kleinen Michel, einer katholischen Kirche in der Michaelisstraße in Hamburg, bin ich zuvor noch nicht gewesen. Sowieso gehe ich nicht oft in Kirchen. Meistens als Touristin in fremden Städten und Ländern. Ansonsten zu Beerdigungen, Taufen oder Hochzeiten, vielleicht mal zu einem Konzert. Manchmal lande ich aber auch völlig grundlos in einer Kirche. Beim Spazierengehen kann es passieren, dass ich kurz abbiege und eintrete durch die immer offene, große Eingangstür. Dieses Mal gehe ich in eine Kirche, da mich Yasna Schindler, die ich eine Woche zuvor bei einem Tanztraining kennengelernt habe, zu einem choreographischen Experiment eingeladen hat. Da ich selbst eine in Hamburg ansässige Performerin bin, war ich neugierig auf dieses mir noch unbekannte Projekt.
Der Raum des Kleinen Michels strahlt eine besondere Klarheit aus. Das Gemäuer ist weiß und glatt und kommt ganz ohne Dekorationen aus. Die Wände schwingen sich in weiten Bögen nach oben. In schlichter Präsenz steht erhöht auf ein paar Stufen ein Altar, hoch darüber an der Decke hängt eine große Sternenlampe, das einzige dekorative Gestaltungselement mit kirchlicher Note, das mir auffällt, und doch in seinem modernen Design erfrischend anders ist als das, was ich von kirchlicher Einrichtung gewohnt bin. Vor dem Altar liegt ein rechteckiger, leicht erhöhter Tanzboden. Seitlich davon sowie frontal dazu befinden sich die Kirchenbänke, auf denen die Besucher Platz nehmen. Hier treffen zwei Welten aufeinander: Kirche und Tanzstudio.
Der Tanzboden scheint nämlich weniger eine Bühne zu sein, als vielmehr ein Experimentierfeld. Auf ihm, an seinen Rändern verteilt, liegen und stehen verschiedenste Materialien, darunter etliche Bücher, verschiedene Lampen, Fotos, Mikrofone, Stifte, Papier, ein Laptop mit Boxen, ein Tablet, eine kleine Kamerakonstruktion, dessen Live-Aufnahmen auf den Altar projiziert werden, und einiges mehr. Auch die beiden Choreographinnen befinden sich schon auf dieser Tanz-Fläche, machen sich warm, dehnen sich, verlassen sie auch wieder, unterhalten sich, begrüßen Bekannte. Es erscheint mir wie eine offene Probe.
Der Beginn der Performance wird dadurch markiert, dass die beiden Frauen sich einander in die Augen schauen – „eye to eye“. In den folgenden etwa 90 Minuten passiert etwas, das ich als einen choreographischen Dialog bezeichnen würde. Die Motivation der beiden Performerinnen liegt in der Neugierde, die andere kennenzulernen, zu erforschen und gleichzeitig sich selbst dem Gegenüber, und auch dem Publikum, zu öffnen und zu zeigen. Sie stellen Fragen in den Raum, zitieren Textpassagen, zeigen Fotos, schreiben Wörter, spielen Musik, tanzen nebeneinander, miteinander, versuchen sich zu kopieren, scheitern, tanzen mit dem Publikum. Ein Inhalt führt zum nächsten, eine Form zur anderen. Wir erfahren Autobiographisches, Meinungen, Gedanken, und auch das, was die Performerinnen im Moment wahrnehmen: Den „beautiful space“, das Kleinhirn, Langeweile. Die aufkommenden Inhalte werden immer wieder durchbrochen durch Aktion und Bewegung, sowie durch tänzerische Sequenzen. Besonders spannend finde ich die Bewegungssprache der beiden Tänzerinnen, über die sie in Kommunikation treten. Es vermittelt sich deutlich die Individualität in ihrer Bewegungssprache: unterschiedliche Stile und Qualitäten, die mir Einblicke in ihre Bewegungsbiographie gewähren. Darüber hinaus nehmen sie neue Impulse auf, erlernen und integrieren die Bewegungssprache der anderen in das eigene Vokabular. So schreiben die beiden einen gemeinsamen choreographischen Dialog in den Raum, der vieles verrät und natürlich doch nur ein kleiner Anfang bleibt. Es bleibt ein erstes Kennenlernen, ein erster Austausch, ein erster Schritt.
Besonders an diesem Format finde ich, dass das Publikum auf demselben (Nicht)Wissensstand wie die Performerinnen sind und dass es sich somit im selben Verhältnis zur Situation befindet. Es kann den offenen Verlauf der Improvisation mitverfolgen, den Prozess, wie sich Fragen und Antworten gestalten, materialisieren, andeuten, verflüchtigen. Ein gewisser Austausch zwischen Publikum und Performerinnen ereignet sich in ungezwungener Weise, der hauptsächliche Dialog findet aber zwischen den beiden Choreographinnen statt. Nach Ende der Performance allerdings, das durch das allmähliche Ausschalten der verschiedenen Lichtquellen über die Dauer der Performance herbeigeführt wurde und in einem letzten „eye to eye“ mündete, wird das Publikum zu einem Gespräch eingeladen. An dieser Stelle konnte es also auch eigene Fragen an die Choreographinnen stellen.
Auf dem Heimweg habe ich darüber nachgedacht, wie sehr ChoreographInnen und PerformerInnen an Raum und Zeit gebunden sind, um ihre Arbeit zu erfahren und erfahrbar zu machen. Das ist natürlich keine neue Erkenntnis und doch nehme ich es als Performerin immer noch als eine seltene Besonderheit wahr, wenn die Faktoren Raum, Zeit und Begegnung gegeben sind, die dieser Kunstform überhaupt die Möglichkeit geben zu existieren. Gerade in Hamburg erfahren viele Performance-KünstlerInnen und ChoreographInnen, dass räumliche und zeitliche Kapazitäten nicht ausreichend für alle vorhanden sind. Die Performance EYE TO EYE entfaltet sich in einem ungewöhnlichen Raum, der ursprünglich nicht als Ort für darstellende Künste gedacht war – einer Kirche. Und in diesem Fall scheint die Kirche als Aufführungsort passend zu sein, da sie mindestens in einer ihrer Funktionen einem Theater gar nicht allzu fern liegt: als Raum für Begegnung und Dialog. Mich erfreut diese beiderseitige Offenheit und Experimentierfreude zwischen Kirche und zeitgenössischem Tanz. Eine, wie mir vorkam, harmlose, unaufgeregte Annäherung, die hoffentlich noch zu vielen weiteren interessanten Ereignissen führen wird.
EYE TO EYE fand zum ersten Mal statt und ist eine Reihe, die aus dem Projekt ‚Dance for Responsibility‘ entstanden ist. Geplant ist eine Weiterführung des Projekts im Herbst 2015. Mehr Informationen unter: http://www.kleiner-michel.de/150130-yasna-schindler-eye-to-eye.html.

Marie Werthschulte |  April 2015

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