They speak of ‘Jukebox’.

Zu ‘two stones in the jungle’ von Gloria Höckner, Marc Carrera und Su Jin Kim

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two stones in the jungle’ ist eine Langzeit-Performance von Gloria Höckner, Marc Carrera und Su Jin Kim. Sie wurde im Rahmen der Jahressaustellung der HfbK Hamburg am 25. und 28. Februar und 1. März 2015 jeweils für zwei Stunden im ‘Folgendes’-Raum (2.OG) gezeigt. Ich habe einen Teil der Performance vom Samstag, den 1. März gesehen. Und ich war froh: Das war leicht, und inspiriert, und irgendwie unaufgeregt. Kurz: Das hatte Witz und Charme.

Die drei PerformerInnen schaffen es geschickt, Bewegungsmaterialien und -formen in den White Cube des ‘Folgendes’-Raumes hineinzusetzen, indem sie eine Art installative und interaktive Jukebox kreieren, bei der das Publikum aus insgesamt 17 verschiedenen Bewegungsmaterialien auswählen kann. Diese werden dann von den PerformerInnen im Raum ausgeführt. So schafft die Performance einen spielerischen Modus zwischen Publikum und Performern, während das Bewegungsmaterial der Choreografie geschickt einen Schwebezustand zwischen gestischem Zeigen und tänzerischer Physis herstellt.

Für die Performance waren die drei AutorInnen vom Team des ‘Folgendes’-Raums (insbesondere von Wiebke Schwarzhans) eingeladen worden, auf insgesamt 17 verschiedene gestische Materialien zu reagieren. Diese ‘Gesten’ – als solche wurden sie im Arbeitsprozess bezeichnet – stammten jeweils von Kunst-Studierenden, die im Wintersemester 2014/15 im ‘Folgendes’-Raum (einer Ausstellungsreihe von Studierenden der HFBK, von Heike Mutter kuratiert) ausgestellt haben. Jede/r KünstlerIn hatte eine Geste ausgewählt und – medial vermittelt, d.h. als Foto, Video oder Text – weitergegeben, und wurde so zur Co-AutorIn der Performance.

(Zur Vollständigkeit, hier alle 17 Co-AutorInnen: Ina Arzensek, Kirstin Burckhardt, Johanna Bruckner, Nicola Gördes, Marlon Middeke, André Mulzer, Sarah Ksieska, Nina Kuttler, Fion Pellacini, Stella Rossié, Moritz Sänger, Marius Schwarz, Wiebke Scharzhans, Goscha Steinhauer, Katharina Swoboda, Sanne Vaassen, Antonia Wagner-Strauss und Helena Wittmann).

Die Ausstellungsreihe ‘Folgendes’, auf die sich die Performance damit implizit bezieht, ist ein wöchentliches Format im ‘Folgendes’-Raum der HFBK, in dem jeden Dienstag junge KünstlerInnen Positionen zum Medium der Fotografie beziehen. Dabei sind die Ausstellungen jeweils nur einen Abend lang zugänglich und hinterfragen damit die spezifische Zeitlichkeit der Fotografie und die ihr immanente Dichotomie von potentiell ewiger Anwesenheit des fotografischen Dokuments und maximaler Flüchtigkeit des darin aufbewahrten, fotografierten Moments. ‘Folgendes’ stellt also explizit medientheoretische Fragen zur Fotografie und untersucht die Spuren, die diese im Galerieraum hinterlässt. So kann auch die Performance ‘two stones in a jungle’ als eine Spurensuche verstanden werden, in der aus den fotografischen Arbeiten Gesten werden – und damit immer schon Bewegungen.

Die Beziehung zwischen Fotografie und Bewegung, die in der Geste angelegt ist, zwischen Stillstand und kontinuierlicher Mutation, beschreibt Giorgio Agamben in seinem bekannten Text ‘Noten zur Geste’. Dort beispielsweise wird der aus über 1000 Bildern – d.h. explizit Fotografien – bestehende Mnemosyne-Atlas Aby Warburg’s vor allem als Sammlung ‘virtueller Bewegungsgesten der Menschheitsgeschichte’ beschrieben. Gleichzeitig aber lässt sich die Geste eben weder als Bild alleine aufbewahren, noch in eindeutige Bedeutung auflösen. Sie geht über das Abbild hinaus und verweist auf eine körperliche Dimension des Sinns. Philipp Gehmacher beispielsweise, der in mehreren Stücken ausführlich zur Geste gearbeitet hat, formuliert das so: “Die Geste ist ein Ereignis, das zwischen Körper und Sprache stattfindet (oder: fällt.).“ (Im Original: “The gesture is an event that falls between the body and language.”, cf: http://sarma.be/oralsite/pages/Philipp_Gehmacher_WT_23/)

So scheint auch im Entstehungsprozess der Performance ‘two stones in a jungle’ die Geste einerseits als Bild aufgehoben und weitergegeben, zugleich aber wird das Bildmaterial wieder in Bewegungsmaterial übersetzt. Diesen Arbeitsprozess haben die drei AutorInnen unternommen und dabei eine Vielzahl von intensiv schimmernden Bewegungsprinzipien und -materialien gefunden. Dabei gelingt es ihnen mit den 17 verschiedenen Scores, aus denen die Performance gebaut ist, Bedeutung zu suggerieren, ohne sie festzuschreiben, und dabei den Körper sowohl in seiner physischen Präsenz als auch seiner sozialen Gebundenheit auszustellen. Alle Bewegungsmaterialien haben dabei jeweils einen Titel. Diese Titel– mehr oder weniger arbiträr den Materialien zugewiesen – erinnern an Popsongs, Filmtitel oder Songzeilen. (Meine Lieblingstitel waren: ‘Before Midnight’, ‘And She Slept Forever’, ‘I am Not There’, ‘All of Us’, ‘F. Rush’ und ‘Pulp Friction’ – ein 90er-Jahre Porno-Verschnitt des Tarantino-Originals.)

Die Qualität der Durational-Performance der drei jungen AutorInnen wird dabei für mich vor allem an zwei Stellen deutlich: einerseits im spezifischen Verhältnis zum Publikum und andererseits in der Qualität des Bewegungsmaterials, das vielfältige soziale Bezüge aufruft, ohne dabei seine ‘gestische’ Mehrdeutigkeit und Flüchtigkeit zu verlieren.

Zuerst zum zweiten Punkt: Auf eine Tafel vor dem Raum haben die drei AutorInnen einen Text gedruckt, der über Bewegungsmuster spricht. Hier scheint mir die soziale Ordnung – das soziale Muster – und damit die Bewegungsordnung, wie sie von Gabriele Klein und Andrew Hewitt ausführlich beschrieben wird, aufgerufen. Bewegungsordnungen sind solche emergenten und verkörperten Choreographien, die erst in der physischen Wiederholung ihre soziale Effektivität bekommen (man denke an die Verkörperung von Gender in Gesten und körperlichem Habitus, aber auch an die höchst komplizierten Menschenströme in einer Fußgängerzone oder einem Einkaufszentrum). Etwas Verwandtes wird in der Performance ‘two stones in a jungle’ spielerisch getestet, etwa wenn die drei PerformerInnen wie Autos brummend durch den Galerieraum laufen. Oder aber in einer anderen Sequenz, in der sie, im Dreieck stehend, nacheinander verschiedene Personalpronomen ausprobieren, dabei jeweils mit dem Finger auf eine/n anderen PerformerIn oder ein Publikumsmitglied zeigen, ohne dass die sprachliche und die körperliche Geste des Zeigens oder Anzeigens dabei zwangsläufig zusammenfallen. Dadurch werden einerseits Zuschreibungen und Ansprachen deutlich, zugleich aber die bestehende Ordnung von sozialem Zeigen (in ihrer körperlichen, aber auch sprachlichen Dimension) spielerisch hinterfragt. Bist ‘Du’ das Gegenüber, oder bin eigentlich ich (der Ort auf den der Finger zeigt) das ‘Du’ – zumindest für das Gegenüber? Oder ist gar das Publikum das ‘Du’, an welches sich die Performance richtet? Wo ist das ‘Wir’ dieser Performance? Auch ein weiteres Bewegungsmaterial – eine Sequenz, in der ein Computer vor die rechte Wand gestellt wird und dort ein Video abspielt, in dem sich ein nah aufgenommenes Auge jeweils öffnet und schließt und das von den Performern als spielerischer Score gebraucht wird – eröffnet ein Verhältnis von Sozialität (als Gesehen-Werden) und Bewegung. Hier scheint die Bewegung immer nur im Moment des Nicht-Gesehen-Werdens existieren zu dürfen, zugleich aber begibt sie sich damit in ein spielerisches Verhältnis zum Auge, dem zu entkommen sie vielleicht zu suchen scheint: Kann ich derjenige werden, der ich bin, nur unter dem prüfenden Blick des Anderen, oder nur in seiner Abwesenheit? 17 solcher klug-gebauten Bewegungsmaterialien, Scores oder physischer Praktiken haben die Performer aus den Ausgangs-Gesten extrahiert.

In ihrer Anordnung und Präsentation liegt die zweite große Stärke der Performance: Für jedes Material gibt es jeweils einen sprachlichen Lang-Titel und ein Kürzel, und, direkt rechts neben dem Eingang, einen beschrifteten Tischtennisball in einer großen Glasschüssel. Wählt ein Publikumsmitglied einen Ball aus und platziert ihn in einen Eierbecher, der von einer statischen Kamera gefilmt wird, so erscheint das Kürzel des Titels als projiziertes Bild auf der rechten Wand. Das ist der Startpunkt für die PerformerInnen, das jeweilige Bewegungsmaterial oder den jeweiligen Score zu ‘aktivieren’. Die Dramaturgie und der Ablauf der Performance werden also durch das Publikum bestimmt, das auswählen kann, welches Material für wie lange gezeigt wird.

Als Co-AutorInnen der Performance wird also auch das Publikum aufgerufen und herausgefordert. Als Zuschauer gilt es jeweils Verbindungen zwischen den schillernden Titeln und dem jeweiligen Bewegungsmaterial zu suchen, aber auch zwischen den Scores untereinander. Zugleich aber werden auch die kleine Unterschiede zwischen den möglichen Wiederholungen desselben Materials sichtbar. Schließlich ist sich keine Geste jemals komplett gleich: Zwar folgen sie Codes und sozialen Notwendigkeiten, der Körper als ihr Träger aber, als körperliches Ding, baut in die jeweilige Performance der Geste ein Moment der Differenzierung, des Widerstands, des minimal Fehlerhaften und damit des Flüchtigen ein. So wird der gestische Körper zugleich zum Bedeutungsträger, aber auch zum Ort eines Widerstands.

Die AutorInnen sprechen von einer ‘Jukebox’, als einer sich im Dialog mit dem Publikum neu anordnenden Sammlung von getanzten Gesten. Zugleich – schließlich wird ‘two stones in a jungle’ zwei Stunden lang aufgeführt – bauen sie durch die Wiederholung und die physische Ermüdung das Potential von Differenz in ihre Performance ein. Damit löst sich die körperliche Praxis auch vom Bild. After all: Physical jukeboxes work differently than photographic ones. And that’s their specific beauty.

Moritz Frischkorn I April 2015

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