Über die Handlungsfähigkeit von Zelten

20150904_183519Auf dem Weg nach Hamburg, am 24. August 2015

Liebe Heike,

ich sitze im Zug und schreibe erste Gedanken zu Zelten und ihrer material agency für Dich auf:

Im Juli 2011 ist die damals 25-jährige israelische Filmemacherin Daphni Leef mit ihrem Zelt auf den zentralen Rothschild Boulevard in Tel Aviv gezogen. Vorher war ihr Mietvertrag nicht verlängert worden und sie hatte monatelang nach einer bezahlbaren Wohnung gesucht, aber nichts gefunden. Während der Suche hat sie herausgefunden, dass sich die Mietpreise in ihrer Wohngegend in den letzten 5 Jahren verdoppelt hatten. Also hat sie eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sie ankündigt, als Form des sozialen Protests gemeinsam mit Freund/innen im öffentlichen Raum zelten zu wollen. Dann hat sie begonnen zu zelten. Damit hat sie einen landesweiten Protest initiiert.

Ihr Zelt war rot und nicht besonders groß, ein ganz normales 2-Personen-Ferienzelt.

Gemeinsam mit anderen Zelten hat es den Sommer 2011 auf dem Rothschild-Boulevard verbracht. Der Rothschild-Boulevard ist die wichtigste Hauptstraße Tel Avivs. Er führt von Nord nach Süd in einem Bogen durch die Innenstadt, zehn Minuten vom Meer entfernt, gesäumt von Tel Avivs wunderschönen Bauhaushäusern. Er ist eine der teuersten Straßen Tel Avivs, eine Touristenattraktion. Der Mittelstreifen ist nicht besonders groß, zumindest in meiner Erinnerung nicht. Im Internet steht aber: Rothschild boulevard features a wide, tree-lined central strip with pedestrian and bike lanes. Ich stelle mir vor, dass die protestierenden Israelis auf diesem Mittelstreifen gezeltet haben.

Der Protest hat mehrere hunderttausend Menschen mit ganz verschiedenen sozialen Hintergründen mobilisiert. Einer ihrer Slogans war: Das Volk verlangt soziale Gerechtigkeit! (The people demand social justice!)

Diese Protestform erinnert mich an die Cacerolazos, die zuerst in Südamerika stattfanden. Dabei wird mit Töpfen und Pfannen möglichst viel Lärm gemacht. Ich mag diese Formen des Protests, weil hier die Handlung und ihre materiellen Teilnehmer/innen direkt mit dem Grund der Empörung zu tun haben. Mit dem Schlagen von Töpfen und Pfannen haben Bürger/innen in Südamerika und später auf der ganzen Welt darauf hingewiesen, dass ihre Teller leer sind, dass sie Angst haben, sich nicht oder nicht mehr angemessen ernähren zu können: Wenn man nichts hat, was in den Topf kommt, dann kann man ihn auch umfunktionieren und mit ihm gemeinsam Lärm machen. Pfannen und Töpfe sind eine Form des Protests von Arbeiter/innen und später der bürgerlichen Mittelschicht geworden, die auf ihren drohenden sozialen Abstieg und ihre materielle Verunsicherung hinweisen, die gegen Kürzungen im Sozialstaat oder, wie 2011 in Quebec, gegen die Kürzungen im Universitätsbetrieb protestieren. So machen sie auf die Knappheit von lebenswichtigen Gütern aufmerksam, die durch zunehmende Ökonomisierung und die Effizienzforderung des Kapitalismus in Gefahr sind.

Ähnlich ist es auch mit Zelten. Durch das Zelten auf dem Boulevard bekommt die Wohnungsnot einen öffentlichen Ort, an dem sie real präsent wird. Wer sich keine Wohnung mehr leisten kann, der weicht eben auf Zelte aus. Aber nicht, um in die Idylle des See Genezareth zu flüchten, sondern um die Mitte der Stadt zu erobern.

Ich denke, die Zelte in Israel im Sommer 2011 – zu dem man viele weitere Proteste und Zelte, nicht zuletzt Occupy Wallstreet und die Zeltstadt im Zucotti Park oder die Zeltstädte in Hong Kong im Herbst 2014 hinzufügen müsste – sind ein guter Anfang, um über die agency of tents, ihr Handlungspotential nachzudenken:

Worin besteht die material agency eines Zelt? Was macht das konkret, wenn man zeltet – wenn man sich also dafür entscheidet, ein sicheres, gebautes Zuhause gegen ein mobiles, gefährdeteres Zuhause einzutauschen? Oder wenn man nie ein sicheres, gebautes Zuhause hatte und also von vornherein in Zelten wohnt, willentlich oder unwillentlich? Später wurde Daphni Leef vorgeworfen, sie hätte gar nicht in der Zeltstadt auf dem Boulevard geschlafen. Zumindest nicht die ganze Zeit. Aber ist das wichtig? Muss man das Zelt auch nutzen, damit es widerständig wird?

Ohne dass ich jetzt schon eine Antwort auf diese Fragen habe, schreibe ich hier noch eine Liste von Kontexten auf, die im Bezug auf Zelte eine wichtige Rolle spielen:

  • die Zeltstädte in denen Flüchtlinge oder Katastrophenopfer untergebracht werde
  • die Zelte von Nomaden, mit denen sie ihren nicht-sedentären Lebensstil bestreiten
  • die Urlaubszelte, mit denen Mitteleuropäer oder Amerikaner in den Urlaub fahren
  • das Zelt als Erweiterung der Haut, als zweite oder weitere Haut, und die Kombination mit Stöcken oder Streben, die eine Zeltarchitektur ausmacht (so wie Haut und Knochen)
  • das Verwundbare, Zerbrechliche, Fragile eines Zeltes, zugleich aber seine Mobilität, seine relative Kosteneffizienz, seine Variabilität (was das Zelt für mich mit der Frage nach der Architektur und Performance von Institutionen verbindet)
  • der materielle Untergrund, den man zum Zelten braucht, die Infrastruktur, die ein Zelt umgibt (Wasser, Hygieneanlagen, Wegenetze, Nachbarschaft, usw.)

Gut, das soll als Anfang reichen. Ich hoffe, diese Gedanken erreichen Dich sicher und wohlbehalten in Frankreich. In der nächsten Mail mehr zur Architektur von Zelten.

Es grüßt Dich fröhlich und auf Reisen,
Dein Moritz

28. August

Lieber Moritz,

danke für Deine Mail. Irgendwann, unterwegs im Zug, ich weiß auch nicht mehr genau wohin, habe ich angefangen, das hier zu schreiben:

Ich war diesen Sommer eine Woche zu Gast in den Zeltstädten am baltischen Meer. Es war super chaotisch und am Empfang wurde uns gesagt, wir sollen uns einen Platz suchen und dann wiederkommen. Da war es nicht so wohlgeordnet wie auf den Campingplätzen, die ich kenne. Keine Parzellen, die du mieten kannst. Du stellst dein Zelt halt irgendwohin, da wo Platz ist.

Da waren jede Menge Menschen. An solchen Orten wundere ich mich immer, wie trotzdem ein Gefühl von Privatsphäre entsteht; wie sie nebeneinander leben, ohne dass es voyeuristisch wird, und welche Mittel sie benutzen, um ihr Territorium abzustecken. Und mir ist aufgefallen, dass sie sich selten direkt in die Augen schauen. Die Leute sind nicht übermäßig freundlich zueinander, aber es gibt das ungeschriebene Gesetz, dass man die anderen nicht im Dreck sitzen lässt, wenn sie Hilfe brauchen. Und obwohl es so viele Menschen waren, war es überhaupt nicht laut. Wenn du die Wege entlang der Zelte, Wohnmobile und kleinen Hütten gegangen bist, war die Umgebung wie auf mute geschaltet.

Zwischendurch ist es recht kalt geworden und ich hatte einen Tag, an dem ich mir gewünscht habe, wieder feste Wände um mich herum zu haben, wieder im ‚drinnen‘ zu sein, wo es warm ist. Das Zelt schafft auf ganz besondere Art ein ‚Innen‘ im ‚Außen‘. Wie eine zweite Haut. Aber auch diese schützt uns nur begrenzt vor Kälte und anderen Witterungen.

Kurz bevor ich aus Hamburg weggefahren bin, hab ich in der Zeitung ein Bild und die Schlagzeile ‘Neue Zeltlager für Flüchtlinge’ gelesen. Weißt Du, was aus diesen Planungen geworden ist?

Zeltarten, die mir eingefallen sind:

  • Tipi (bei den nordamerikanischen Indianern), die Planen waren früher aus Bisonleder, bis es zur Ausrottung der Bisons kam und Indianer in Reservate gesteckt wurden; tipi heißt wörtlich übersetzt: sie wohnen dort; im Lakota Sprachgebrauch heißt thipi heute: Haus
  • Chapiteau, das Zirkuszelt, dient dem Wanderzirkus als Aufführungsort; inkl. Zuschauerraum und Bühne
  • Jurte (Zelt der Nomaden, verbreitet in West-/Zentralasien, u.a. auch in der Mongolei), es bedeutet Heim
  • Ritterzelte, vor allem im 15.-17. Jahrhundert
  • alle Arten von Militärzelten bei Eroberungszügen, aber auch die Zelte der Entdecker und Pioniere
  • die Outdoorzelte, darunter das neuerdings beliebte Wurfzelt, das sich irre schnell aufbauen, aber nur mühsam wieder zusammenbauen lässt

Diese Verbindung von Zelt und Heim… Hm, könntest du in einem Zelt leben? Dort zu Hause sein?

Danke für die Geschichte von Daphni Leef. Der Vorwurf, der ihr gemacht wurde, dass sie nicht im Zelt geschlafen hätte, erinnert mich an unser Gespräch über Demonstrationen und dass man auf öffentlichen Plätzen zu Demonstrationszwecken zwar ein Zelt kurzzeitig aufstellen, aber nicht darin schlafen dürfe. Wenn du im öffentlichen Raum in deinem Zelt schläfst, demonstrierst du nicht mehr (weil man offenbar schlafend nicht demonstrieren kann), sondern du verstößt gegen… Was war das noch gleich?

Schlafen scheint ein ambivalentes Phänomen zu sein, dass die absurdesten Verbote auslöst: In Minnesota ist es zum Beispiel grundsätzlich verboten, nackt zu schlafen. Und in North Dakota ist es angeblich illegal beim Schlafen Schuhe zu tragen.

Das Zelt stellt also nicht nur ein ‚Innen‘ im ‚Außen‘ her, das ‚Private‘ im ‚Öffentlichen‘, sondern es besetzt und beansprucht einen Platz oder einen Anteil, oder ein Teilnehmen in der Öffentlichkeit. Es macht sichtbar und es schützt vor Blicken.

Zwei ganz unterschiedliche Beispiele und Arten von Kritik oder Protest: Die Zeltstadt als Rückzugsort für Aussteiger, fernab der Stadt, und die Zeltstadt innerhalb der Stadt, als Intervention.

Ich hoffe, es geht Dir gut, Moritz. Arbeite nicht so viel! Heute endlich wieder Sonne nach so vielen verregneten Tagen in der Bretagne.

Bis bald,
Heike

Wieder im Zug, von Berlin, am 30. August

Liebe Heike,

danke für Deine Mail und die schönen Geschichten aus der baltischen Zeltstadt.

Ich will zuerst eine kleine Beobachtung aufschreiben. Ich war heute vormittag im Hamburger Bahnhof und habe mir dort die Ausstellung über das Black Mountain College angeschaut. Darin gibt es ein paar Ausstellungsstücke zu Buckminster Fuller und seinen Versuchen einen geodätischen Dom zu bauen. Es gibt Fotos davon, wie er zusammen mit seinen Student/innen Versuche angestellt hat, den Dom zuerst aus weißen Stoffbahnen zu bauen, später aus Stangen, usw. In einer Dokumentation erfährt man, dass seine Bauversuche direkt mit humanitären und sozialen Fragen zusammenhingen. Fuller hatte die Vorstellung, dass seine fragilen, domartigen Konstruktionen aus der Luft fallengelassen werden könnten, sich im Flug aufspannen und nach der Landung als mobile Behausungen dienen würden, als Form des habitats in Weltgegenden, die von extremer Armut geplagt sind. Als eine Art Zelt, das vom Himmel fällt.

So eine ähnliche Idee gibt es in Bruno Latours Text ‘How to Make Things Public’. Darin zitiert er einen Ausspruch Sloterdijks, der sich vorstellt, dass die amerikanischen Truppen als Teil ihres triumphierenden Demokratisierungskampfes direkt hinter der Grenze, in den von ihnen neu eroberten Gebieten (beispielsweise des Iraks), aufblasbare Parlaments- oder Versammlungszelte fallen liessen. Natürlich ist die Ironie darin nicht zu übersehen – eine Form von instant democracy, gebracht von höheren Kräften, als Gabe aus der Luft. Außerdem nutzt Latour diese Geschichte um zu verdeutlichen, wie sehr Versammlungsorte auf materielle Infrastrukturen und Praktiken angewiesen sind: Einem vom Himmel fallenden (Versammlungs-)Zelt fehlt zunächst jegliche Verbindung mit der direkten Umgebung und der über Jahre gewachsene Austauschs mit seiner Umwelt:

“To imagine a parliament without its material set of complex instruments, ‘air-conditioning’ pumps, local ecological requirements, material infrastructure, and long-held habits is as ludicrous as to try to parachute such an inflatable parliament into the middle of Iraq.” (Bruno Latour, 2005: “From Realpolitik to Dingpolitik or How to Make Things Public”, in: Latour/Weibel (eds.), Making Things Public. Atmospheres of Democracy, Cambridge: MIT Press.)

Jedenfalls bedeutet das andersherum: Ein Zelt wird nur Teil der Landschaft oder der Stadt, wenn es benutzt wird. Soviel auch zur Frage danach, wieso bei Protesten zwar Zelte aufgestellt, nicht aber zum Schlafen benutzt werden dürfen. Das Schlafen im Zelt wird als Form der habituellen Nutzung von Zelten als Wohnraum verstanden und fällt damit nicht unter den state of exception des Protests. Zelten wird dann als Form des squattens oder als quasi urbanistischer Eingriff verstanden, der – im amerikanischen Protestrecht zumindest – nicht toleriert wird. Das ist der Knackpunkt: Ab dem Moment, wo andere, alternative Strukturen konsequent praktisch genutzt und gelebt werden, stellen sie eine Form des Angriffs auf die hegemoniale Ordnung des Stadtraums mit all seinen privaten Interessen dar.

Und ich muss daran denken, was Du über die baltische Zeltstadt schreibst: Dass es da auch direkt eine Form der Organisation miteinander gibt, eine Form des Miteinander-Lebens, auch wenn es eher gemutet war. Irgendwie stimmt das: Kein Zelt steht alleine, da es immer in direkter Nachbarschaft zu anderen materiellen Agenten steht. Gräser, Blumen, Steine, Sand, Wasser, usw.

Ich frage mich, wie ich mir mein Zelt einrichten würde. Ich wünsche mir, es wäre beheizbar, zumindest im Winter. Und ich hätte gerne Elektrizität, damit ich meinen Computer nutzen kann oder um Musik zu hören. Vielleicht würde ich auch gerne Sachen an die Wand hängen, das wäre zumindest ziemlich schwierig. Aber ich mag die Idee, dass ich der Stadt oder dem Wetter etwas ausgesetzter wäre. Dass die Haut, die Grenze zwischen meinem Innen als privatem Raum und den ihn umgebenden Kräften und Körpern ein bisschen weniger stark und undurchdringlich wäre. Andererseits wird es dadurch halt viel anstrengender, weil man mehr von den Nachbarn mitbekommt. Die sind nicht mehr so leicht zu ignorieren. Die Haut zwischen mir und der Welt brauche ich, aber sie kann vielleicht immer unterschiedlich dick sein.

Das Zelt ist eine interessante Form zwei Grundbedürfnisse zu verhandeln: Das Bleiben, das Besetzen eines Ortes, den man wohnlich und bewohnbar macht, indem man eine Form von Schutz und Behaglichkeit herstellt – und Beweglichkeit andererseits, Flexibilität, die Möglichkeit, abzubauen und weiterzuziehen.

Und ich mag Deinen Gedanken, dass das Zelten eine paradoxe Geste ist: Es schützt vor Blicken, es dient als Rückzugsort, als Form des Austretens und Verschwindens, der Ruhe und der Abgeschlossenheit, aber zugleich stellt es nach außen hin auch ein Zeichen der Anwesenheit dar, als Angel- oder Ausgangspunkt von Territorialität, als Zeichen der Inanspruchnahme von Raum. Das ist die Geste des Abtrennens wahrscheinlich – zugleich auch die Struktur der Berührung wie bei Nancy. Die Haut oder die Hand, die berührt, markiert die Grenze zwischen Außen und Innen.

Herzliche Grüße nach Frankreich, liebe Heike. In der nächsten Email mehr über die Architektur des Zeltes!

Es grüßt Dich, selbst etwas mute,
Dein Moritz

2. September

Lieber Moritz,

interessanter Gedanke – das Zelt nicht nur als Wohnraum, sondern als Parlament.
Aber reicht ein Zelt als Versammlungsort oder braucht es das Aufschlagen von mehreren Zelten zu einer Art Zeltstätte? Zelte gruppieren sich, sie stehen nebeneinander und sind meistens so aufgebaut, dass allein durch ihre Ausrichtung ein ‚Innen‘, ein Versammlungsort markiert wird: das klassische Zeltlager. Nur, dass du zwischen den Zelten immer noch hindurch gehen kannst.

Vorgestern habe ich eine Mail von Milena erhalten, einer Freundin, die ich an der Ostsee besucht habe und die dort seit zwei Jahren wohnt. Sie ist Bildhauerin und ein bisschen von Community zu Community unterwegs, hat lange in Italien gelebt, in einer Art Künstlerdorf. Jetzt, wie gesagt, ist sie schon eine Weile wieder in Polen und dort in die Zeltstadt gezogen. Sie schreibt:

A few days ago there were robbers around. Actually we don’t know exactly what they were looking for. Usually they rob the visitors but not us. It’s strange, you know that this can happen any time – I mean how would you lock a tent…? But somehow you think this will not happen to you. We sat together with friends and neighbors, also some visitors joined. We discussed what could be done and how to protect. There were voices completely questioning the idea of protection but most of us were not that radical. In summer season when we have more guests, people use the lockers but we don’t have enough of them for all of us. More lockers, or guards, or closing the city for visitors…? Some even more annoying proposals were made, I will not go into detail now.

Mit einer ihrer besten Freundinnen habe ich mich wegen einer ähnlichen Frage ordentlich in die Wolle gekriegt:

„Sicherheit ist was für Weicheier“, meint sie. Und ich dachte: „Wow! – Wie cool muss man sein??!!“ Und bin echt wütend geworden. Dann hat sie mir ihre Geschichte erzählt und ich hab ihre Bitterkeit ein bisschen besser verstanden: Sie ist Tänzerin und quasi eine der letzten der Aussteiger/innen. Spadkowicz heißen die, falls du dich erinnerst. Eine Künstlergemeinschaft, die in Danzig aus den Studios und Ateliers rausgegangen ist und anfangen hat, nur noch im öffentlichen Raum zu arbeiten. Erst haben sie nur ab und zu Performances und Aktionen gemacht, irgendwann sogar draußen geprobt, sich getroffen, dort gearbeitet, Anträge geschrieben. Wir haben keinen Ort, die Stadt ist unser Atelier. Wegen der Wetterbedingungen sind die Beteiligten dazu übergegangen, Zelte und Wohnwagen anzukarren. Natürlich gab’s ständig Ärger wegen Besetzung, Erregung öffentlichen Ärgernisses und ab und zu Probleme mit Vandalismus von Installationen und Skulpturen. Aber auch viele Sympathisanten. Manchmal mussten sie täglich umziehen innerhalb der Stadt. Und irgendwann sind sie dann aus der Stadt ausgezogen, weil sie das Auf- und Abbauen leid waren und die Infrastruktur zu viel Arbeit gemacht hat. Ich weiß nicht genau, wie das weiterging, aber diese Freundin von Milena ist eine der Wenigen, die in der Stadt weitergemacht hat. Ich schätze, für viele war das zeitweise aufregend, so zu leben und zu arbeiten, aber langfristig eine Zumutung.

Ich frage mich, wie radikal man sein muss, um was anders zu machen. Und wie so Projekte wie spadkowicz wirklich Einfluss nehmen können. Wie sehr man sich seinem Kontext aussetzen muss oder ob man auch außerhalb davon arbeiten kann?

Und: Ist das Zelt nicht vielleicht etwas zu flexibel, passt sich zu leicht an, ist zu instabil, braucht zu wenig? Flexibilität als rein positive Eigenschaft zu kennzeichnen, das bereitet mir immer Kopfzerbrechen. Vor allem bei uns Neo-Nomaden.

Ich glaube wir brauchen ein neues Mountain College oder Harbor College oder zumindest ein neues Konzept für die geodätische Kuppel. Mal sehen, vielleicht steht das ja in deiner nächsten Architektur-Mail.

Freu’ mich, dass wir uns bald sehen,
diesmal nicht unterwegs,
Heike

P.S.: Was soll das überhaupt bedeuten, “geodätisch”?

3. September

Liebe Heike,

man sagt ja, das größte Zelt ist das Himmelszelt. Alle anderen Zelte sind also Verkleinerungen.

Zuerst: Geodätisch bedeutet ‘die kürzeste Verbindungslinie zweier Punkte auf einer Fläche’ und, im Bezug auf die Erde, ‘auf einer sphärischen Fläche’. Im Falle von Buckminster Fuller heißt das einfach, dass er seine Kuppeln und Dome aus Dreiecken konstruiert hat. Das sind wunderschöne und sowohl sehr stabile als auch material-effiziente Konstruktionen. Jetzt wäre es schön, ein paar Fotos davon zusammen anzuschauen, aber das holen wir nach.

Also, obwohl ich nun wirklich wenig Ahnung von Architektur oder Architekturgeschichte habe:

Das Zelt besteht eigentlich immer aus drei Komponenten: Einer Stangenkonstruktion, einer darüber liegenden Schutzhaut und einer Seilkonstruktion oder einem Schnürwerk zur Befestigung. Es gibt auch Ausnahmen: Ein Zelt, dass nur aus einer Schnur, die zum Beispiel zwischen zwei Bäumen gespannt wird, und einer darüber liegenden Zelthaut besteht, heißt Tarp. Und es gibt noch eine vierte, optionale Komponente, die zur Verankerung im Boden oder anderen Strukturen in der direkten Umgebung dient (vor allem bei großen Zelten), z.B. Heringe.

Für die Strangenstruktur ist wohl das wichtigste Kriterium, wie fest oder biegsam die Stangen sind. Bei festen Stangen entstehen häufig Zelte mit spitzem Dach, vom Tipi bis zum Militär- oder Katastrophenzelt. Flexible, biegsame Stangen erlauben eher dom-artige Zelte, die z.B. an Iglus erinnern. Fast alle Zelte sind entweder rund oder eckig-länglich.

Die Schutzhaut ist heutzutage wohl fast immer aus synthetischem Material. Je nachdem, welches Material benutzt wird, können verschiedene Eigenschaften wie Regensicherheit oder Atmungsaktivität modelliert werden. Wichtig ist auch immer wie viele Hautschichten es gibt. Kennt man ja: das Innenzelt und das Außenzelt. Früher hat man aber einfach Tierfelle, Lederhäute oder Blätter benutzt.

In der Architektur spricht man von ‘fliegenden Bauten’, von temporärer Architektur und im besonderen von textiler Architektur. Die Außenwand ist ausschlaggebend für die ‘Inszenierung’ des Innenraums, sein Klima, Klang, Licht, usw. Das finde ich interessant: Welche Möglichkeiten hat man mit Stoffen, den Raum an die Bedürfnisse der Gruppe, die sozialen Bedürfnisse anzupassen?

In die moderne Architektur, die irgendwie auch aus diesem zweiten Urbild von Behausung neben der Ur-Hütte heraus entstanden ist, dieses aber weitgehend vergessen hatte, kam das Zelt mit einem deutschen Architekten: Frei Otto. Seine Eltern waren im Werkbund und seine Mutter hat ihn ‘Frei’ genannt, weil das ihr Lebensmotto war. Er hat sich vom Luftschiffbau inspirieren lassen, vom Leichtbau, und gilt als wichtige Verbindung zwischen Handwerkskunst und industrieller Fertigung im Zeltbau. Frei Otto hat zum Beispiel die Zeltdachkonstuktion des Münchner Olympiastadions entworfen. Man schreibt, er sei ein Vertreter ‘biomorpher’ Architektur, die sich an Formen der Natur anlehnt. Wie Buckminster Fuller auch. Aber da fangen meine Fragen schon wieder an. Ist das die richtige Idee: Back to nature? Sich für alle Lebensformen, also auch das Bauen, bei ‘Mutter Natur’ anlehnen? Oder an sie anähneln?

Ich wollte noch etwas zur Form von Zelten schreiben: Mir scheinen, dass viele ‘ursprüngliche’ Zelte rund sind, dass sie einen runden Raum kreieren. Daran bin ich so gar nicht gewöhnt. Normalerweise sind unsere Räume durch Ecken definiert. Außer große Versammlungsräume, die sind traditionell eher rund. Wie lebt man denn anders in runden Räumen? Kommt man dann besser miteinander aus?!

In einem Buch, was mir eine Freundin empfohlen hat, ‘A Pattern Language’ von Christopher Alexander, so einer Art Architekturbibel aus den 70er Jahren, steht:
“No building ever feels right to the people in it unless the physical spaces (defined by columns, walls, ceilings) are congruent with the social spaces (defined by activities and human groups). And yet this congruence is hardly ever present in modern construction.”
(Christopher Alexander/Sara Ishikawa/Murray Silverstein (1975): A pattern language: towns, buildings, construction., NY: Oxford University Press.)

Brauchen wir mehr runde Räume?

Wenn ich ein Festival in Zelten machen würde, dann zuerst und im besonderen mit folgenden Fragen: Welche Zelte wollen wir bauen? Wie baut man Zelte? Welche sozialen Räume, welche infrastructural needs kann man in und mit Zelten kreieren und befriedigen? Welche Materialien brauchen wir für das Bauen? Wie sollen diese Zelte aussehen, welche Räume, welches Licht und welches Klima (verstanden im größtmöglich assoziativen Sinne) wollen wir inszenieren?

Vielleicht könnten wir mit den spadkowicz zusammenarbeiten, die haben ja schon Erfahrung. Aber vor allem würde ich unbedingt mit Technikern arbeiten wollen, um über handfeste, konkrete, materielle Fragen zu reden. Die Dingpolitik von Bruno Latour: Es sind die Baufragen, die Fragen nach der materiellen Infrastruktur, Fragen nach der Ausstattung des Lebens, nach den gebauten und nicht-bebauten Räumen, ihrem Licht und Klima und den sozialen Aktivitäten und Verbindungen, die sie ermöglichen oder verhindern, die uns als Öffentlichkeit zusammenbringen können.

Mit diesen Frage beginnt für mich ein Festival über das Zeltbauen, fast im Sinne von social design. So ähnlich, wenn auch im kleineren Maßstab, wie das morethanshelters-Projekt, mit deren Ideen und dem Domo, einer Zeltstruktur für Flüchtlingslager, mit der wir uns jetzt noch gar nicht auseinandergesetzt haben.* Und dann, Jahre später, müssten wir darüber nachdenken, wie wir die Zeltstrukturen nach und nach verfestigen: Thickening the Outer Walls, so sagt Christopher Alexander dazu. Dann könnte aus dem Zelt-Festival auch ein Harbor College werden.

So, jetzt gehe ich Duschen. Fließendes Wasser in meinem Bad, direkt neben der Küche. Alles viereckige Räume. Insgesamt 53 qm. Licht von zwei Seiten. Aber rote, halb-transparente Wände wären auch nicht schlecht, das würde schon ein anderes Gefühl beim Duschen machen. Rotes Licht, so wie bei dem Zelt von Daphni Leef auf dem Rothschild-Boulevard.

Bis morgen, liebe Heike,
come back safe and sound,
Dein Moritz

9. November 2015

Lieber Moritz,

der Sommer ist vorbei und es wird langsam kälter. Seit fast zwei Monaten trage ich diesen Zeitungsartikel mit mir herum: ‘Hallen sind besser als Zelte’. Im August allein sind 6700 Flüchtlinge nach Hamburg gekommen. Wo sollen sie den Winter verbringen? Nach und nach werden die provisorischen Unterkünfte, Zelte, durch Hallen oder Hütten ersetzt. Am Rathausmarkt haben Ende Oktober einige Menschen demonstriert. Ihnen ist kalt, sagen sie. Wenn wir ernsthaft über die Handlungsfähigkeit des Zeltes nachdenken, sind spätestens hier seine Grenzen.

Ein Zelt kann in bestimmten Kontexten die richtige Antwort sein oder alle notwendigen Eigenschaften bzw. Handlungsfähigkeiten haben. Für einen Sommer am baltischen Meer zum Beispiel. Ob es die richtige Unterkunft für eine Versammlung und ein Festival der Hamburger Tanzszene ist, kann ich so leicht nicht beantworten. Einerseits wünsche ich ihr Autonomie und Zusammenhalt, andererseits braucht sie Kontinuität, stabilen Raum, Austausch mit den Institutionen, mehr selbstverwaltete Infrastruktur und (Re)präsentations-Möglichkeiten. Vielleicht wäre das zeltende Festival eine Möglichkeit wieder bei Null anzufangen und zu fragen: Was brauchen wir wirklich? Welche Art von Platform, Arbeits- und Wohnraum, Studios, Trainingsräume, Recherchemittel, welche Art von Bühne?

Wo die Kraft der mobilen Architektur endet, beginnt die Frage nach der Handlungsfähigkeit von stabiler Architektur.

Oder: Wenn wir Architektur von der Notwendigkeit her denken, von der Not her und sie an ebendiesen Bedürfnissen orientieren, sei es Schutz, Kontinuität, Wärme, fängt vielleicht eine andere Architektur an. Nicht die des Nötigsten, sondern des Notwendigen. Was notwendig ist, springt uns ins Auge, es ist unerlässlich. Was wäre das, eine Architektur, die der Not entgegenkommt, im Wortsinne, die Not wendend?

Ich war wieder in Frankreich. Colyne, meine Freundin und Kollegin, hat einen roten Duschvorhang. Und ihre Duschbrause hat bunte LEDs. Je nach Temperatur leuchtet sie: grün, blau, rot. Manche Utopien existieren schon.

Alles Liebe,
von unterwegs, wo sonst…
Heike

23. November 2015

Liebe Heike,

vielen Dank für deine Mail. Quasi im Nachgang. Gestern hat es doch tatsächlich schon geschneit und wenn man die tagesaktuellen Neuigkeiten hört und liest, dann finde ich eine Reflektion über Notwendigkeit mehr als angebracht. Notwendigkeit und Schutz und Offenheit und Kontinuität.

Die Frage ist doch ein bisschen: Gibt es die Notwendigkeit und dann darüber hinaus noch mehr? Oder ist die Frage, was genau man als notwendig bezeichnet, an sich schon eine politische Aushandlung? Genauso wie die Frage, was der Mensch ist, was menschlich, und was menschliches Wohnen ist. Vielleicht wird man ja irgendwann auch in kleinen Parzellen im Weltall wohnen. Oder wieder unter der Erde, nur nicht in alten Höhlen, sondern in verwinkelten Gängen und Stollen.

Was ich für mich nochmal festhalten will:

  • Wenn wir uns jetzt gerade über Zelte Gedanken machen, dann dürfen wir nicht vergessen, dass es sehr viele Menschen gibt, die sich sehnlichst wünschen, nicht in solchen leben zu müssen. Obdachlose und vor allem Menschen auf der Flucht. Dazu gibt es ja auch noch einen ganzen Rattenschwanz: Diese riesigen Outdoor-Läden wie Globetrotter oder so haben unglaubliche Konjunktur. Die Wildnis ruft, aber man soll dafür richtig gut ausgerüstet sein mit Ultra-Hyper-Superkleidung und für die soll man viel Geld ausgeben. Darauf hat mich meine Kollegin Paula aufmerksam gemacht, auf diese komische Dialektik: mittelalte Männer, die sich in den reichen Weltgegenden des Westens Multifunktions-Outdoor-Jacken für ihren 2-wöchigen Urlaub kaufen. „Ist doch so praktisch.“ (Aber auch irgendwie: unnötig. Nicht notwendig. Luxuriös. Unangebracht, vielleicht sogar vermessen.)
  • Architektur soll zunächst auf soziale Bedürfnisse reagieren, auf das, was wir in ihr machen wollen oder machen wollen können. Sie soll vielleicht auf eine Notwendigkeit reagieren, vielleicht auch auf darüber hinausgehende Bedürfnisse. Das ist die Kongruenz von sozialen Räumen und gebauten Räumen, von der Christopher Alexander spricht. Architektur in Frage stellen, heißt grundlegend darüber nachdenken, wie wir leben wollen. Das betrifft alles. Vom Bett, vom Herd, zum Topf und zu den Bücherregalen. Im Ausstellungsführer zur gerade laufenden Ausstellung ‘Wohnungsfrage’ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin steht: „Eine ernsthafte Untersuchung der Frage, wie und warum Wohnungsbauprojekte auf bestimmte Art und Weise umgesetzt werden, erfordert eine Auseinandersetzung mit den verschiedensten Themen: Wer ist an der Gestaltung von Lebensräumen beteiligt? Wer finanziert Wohnprojekte? Welche Vorschriften regeln den Bau neuer Wohnungen? (…) Die Wohnsituation trägt entscheidend zu persönlichem Wohlbefinden oder Unbehagen, zu Wohlstand und Armut bei.“
  • Die Architektur kann dann aber darüber hinausgehend auch was, von dem wir vorher noch gar nicht ausgegangen waren, d.h. sie entwickelt, im Zusammenspiel mit dem/der Nutzer/in, einen eigenen Spirit. Das rote Zelt und die roten LEDs, die Art und Weise wie Licht fällt, ob man den Fernseher der Nachbarn hört, wo der nächste Supermarkt ist. Nischen, das Knacken in den Wänden. Zeltgeister und Wohnungsgeister.

Ich habe Lust darüber nachzudenken, was wir von den Häusern wollen. Das Zelt wird dann eher zu einem Ort, der unsere Form des Wohnens in Frage stellt. Brauchen wir so viel? Was brauchen wir wirklich? Wer braucht aber andererseits mehr (Sicherheit, Wohnraum, Wärme, Schutz, …)? Ist unsere Art zu Wohnen eigentlich verträglich für die Umwelt? Aber eben auch: Was ist das Schöne an Zelten, das man zuhause nicht hat? Was kann das Zelt, was die 2-Zimmer-Wohnung nicht kann? Was kann das Zelt, was das Studio nicht kann? Und generell: Wie stellt sich eine Verbundenheit mit der Umwelt her, ein Sinn für die vielfältigen Abhängigkeiten unseres Wohnens in sicheren Schutz- und Lebens-Räumen? Und wodurch entwickeln wir zugleich einen spezifischen Sinn für Örtlichkeit, das „Ort-hafte“ und seine Kräfte und Energie, seine Lebendigkeit und seine Materialität?

Es gibt einen allerletzten Punkt, auf den ich – quasi noch nach der Notwendigkeit – insistieren will: Was ist die Dringlichkeit, jetzt und hier, die Dringlichkeit einer bestimmten Situation, die Dringlichkeit meiner Situation, die Dringlichkeit für die Hamburger Szene oder für einzelne ihrer Akteure? Und wie können wir mit der Dringlichkeit umgehen? Sie wahrnehmen und beantworten (im Sinne von Verantwortung übernehmen) und uns ihr zugleich nicht einfach blind und im Modus des ultra-stressigen ‘Es muss sich alles jetzt sofort ändern’ ausliefern. Wenn die Probleme groß sind, dann sollte man sich mehr statt weniger Zeit für sie nehmen.

Ich schicke Dir viele Grüße nach Freiburg. Ja, bald darfst Du wieder Zug fahren.
Alles Liebe,
Dein Moritz

 

_________________________

* Der ursprüngliche Vortrag dieses E-Mail Austauschs fand am 4. September 2015 im Rahmen des 10-jährigen Jubiläumsfestes von DanceKiosk Hamburg in einem Domo von morethanshelters statt. Die hier publizierte Version ist um zwei im November verfasste Mails verlängert worden.

Heike Bröckerhoff, Moritz Frischkorn | August – November 2015

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: