Niemand wird die Signale deuten können

Eine Auseinandersetzung mit Cover Story von Nora Elberfeld

Residenzchoreographin 2015/2016 auf K3 – Zentrum für Choreographie | Tanzplan Hamburg
Premiere am 1. April 2016

Drei. Rückendeckung. Sie lauschen. Das ist sein Versprechen. Mondlandung, 09/11, Elvis lebt, … Evakuierung. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Sie wird dir ein Geheimnis erzählen. Es gibt viele Möglichkeiten, den Regeln zu folgen. Katastrophe? Etwas ist mir immer einen Schritt voraus.

Verschwörungstheorien entstehen, wenn Menschen nach Sinn suchen; wenn Tatsachen ambivalent sind; wenn es Informationslücken und Widersprüche gibt; wenn die Zeichen nur noch aufeinander verweisen und sich am plausibelsten mit folgendem Erklärungsmodell verbinden lassen: es hat eine Verschwörung gegeben.

Ich betrete den Raum. Dort sind drei Tribünen mit unterschiedlicher Ausrichtung, die zu einem Dreieck angeordnet die Bühnenfläche rahmen. Einige Zuschauer_innen werden von den Performerinnen Nora Elberfeld, Angela Kecinski und Nanina Kotlowski angesprochen: Hast du gute Augen? Ihnen wird entsprechend der Antwort ein Platz zugewiesen. Jedenfalls sieht es so aus. Die anderen Zuschauer_innen umgehen diesen Filter und können sich selbst ihren Platz wählen. Ich setzte mich auf die Tribüne nahe am Ausgang. Drei Tribünen. Drei Performerinnen. Im Hintergrund: Wassertropfen.

Das Stück beginnt – bzw. setzt sich fort – mit einer ersten Bewegungssequenz. Die Performerinnen bedienen abwechselnd die unterschiedlichen Raumebenen: sie liegen am Boden, sind auf allen vieren, stehen. Sie geben sich gegenseitig Rückendeckung, bilden große und kleine Dreiecke. Die Bewegungsfolgen scheinen auf konkrete Situationen zu verweisen. Die Phrasen sind kurz und stark rhythmisiert. Die Performerinnen halten immer wieder inne. Ihre Positionen erinnern entfernt an Horchen und Lauschen, Lauern und Abwarten. Zwischen den Bewegungen der Performerinnen entstehen Ähnlichkeiten. Ich glaube, ein Muster zu erkennen. Sie haben dieselbe Aufgabe, führen diese aber anders aus. Das verrät zum Beispiel die Hand, die in eine andere Richtung gedreht ist. Alles Behauptungen. Gibt es Zusammenhänge zwischen ihren Bewegungsfolgen? Oder bilde ich sie mir ein? Mir kommt der Gedanke, dass Bewegung auch immer etwas verschweigt. Sie liefert ihre Interpretation nicht mit.

Dann tritt Text auf (Mitarbeit Text: Greta Granderath). Er ist Akteur, der vierte Performer – stellt Fragen, strukturiert das Geschehen, beschreibt. Er suggeriert mir eine Geschichte, kann mir möglicherweise eine Erklärung liefern. Das ist sein Versprechen. Er gibt mir Sätze, die ich glaube zu verstehen, weil ich sie schon x-mal gehört haben. Beim Versuch, ihren Sinn zu entschlüsseln, bleiben sie allerdings leer. Aneinanderreihungen von Vorher- und Aussagen, die nur vermeintlich etwas miteinander zu tun haben. Die Worte scheinen sich immer auf die aktuelle (Bühnen-)Situation zu beziehen und gleichzeitig auf einen größeren Kontext zu verweisen. Glaubst du daran, dass du beobachtet wirst?, wird eine der Performerinnen gefragt. – Ja. Deswegen gehört der Text keiner der Realitäten so richtig an. Er bewegt sich geräuschlos und hinterlässt seine Spuren. Er spürt der Nähe zwischen Wissen und Glauben nach, wird zu einer Auflistung von Verschwörungstheorien – Mondlandung, 09/11, Elvis lebt, … – in der sich wissenschaftliche Erkenntnisse zu Spiegelneuronen oder elektromagnetischer Strahlung und Glaubensfragen, wie nach einem möglichen Leben nach dem Tod, aneinanderreihen. Dann wieder spannt er Katastrophenszenarien auf, die aus der Bühnensituation heraus in eine Endzeitstimmung transportieren und die Aktionen der Performerinnen in ganz anderem Licht erscheinen lassen. In anderen Momenten verbleibt er auf der Ebene der Anspielung: Evakuierung, immer schön die Nerven behalten. Und das tun die Performerinnen, die mit beinah verstörender Ruhe ihre Textpassagen vortragen. Sie nutzen verschiedene Arten des privaten und öffentlichen Sprechens. Es wird geflüstert und ins Mikrophon gesprochen. Beiläufig vermischen sich Bilder von Pressekonferenz und Gottesdienst – und anderen Durchsagen, die große Menschenmengen erreichen wollen. Aber nicht jede/r bekommt alle Informationen. Manche richten sich an einzelne Zuschauer/innen, manche adressieren eine Gruppe. Andere Mitteilungen werden nur zwischen den Performerinnen ausgetauscht. Der Akt des Sprechens bildet Gruppen oder löst Einzelne aus der Gruppe. Er schließt ein oder aus.

In der Beziehung zwischen Text und Aktion oder Text und Bewegung zeigt sich die Macht der Sprache. Sie produziert Wirklichkeit. Sie bewegt sich auf der Grenze zwischen Vorhersage und Anweisung, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Sie wird sich ausziehen und uns sagen, was zu tun ist. Und eine Performerin zieht sich aus. Sie wird ein Geheimnis erzählen. Und eine Performerin erzählt jemandem ein Geheimnis. Der gesprochene Text steuert die Zukunft. Er fungiert nicht nur als Performer, sondern als Choreograph. Die Bewegung folgt der Sprache. Sie setzt sich kaum zur Wehr. Meine Frage hieran ist – und das vermisse ich über lange Passagen in Cover Story – : Was kann die Bewegung der Sprache entgegensetzten? Zwei Szenen lassen sich als Antwort auf diese Frage auslegen:
Erster Moment – Nachdem sich Angela Kecinski ausgezogen hat, beginnt sie eine Bewegungssequenz. Sie begleitet diese mit einer gesprochenen Bewegungsbeschreibung. Hier verwischt sich das Machtverhältnis: Ob der Text als Bewegungsanweisung vor der Bewegung da war oder ob er genutzt wird, um der Bewegung Bedeutung zuzuschreiben, er also nachträglich kommt, ist nicht mehr klar. Zweiter Moment – Angela Kecinski steht am Rand und weist die anderen beiden Performerinnen an: Sie wird langsam den Arm zum Himmel heben. Sie wird klar und deutlich den anderen Arm heben. Sie wird beide Hände schließen. Sie wird beide Hände öffnen. Sie wird die Hände schütteln. Nanina Kotlowski und Nora Elberfeld reagieren beide. Sie heben ihren Arm zum Himmel, heben klar und deutlich den anderen Arm, öffnen und schließen die Hände. Sie folgen beide den Regeln. Aber es gibt viele Möglichkeiten, den Regeln zu folgen. In der Differenz der Ausführung zeigt sich der Interpretationsspielraum. Einer Anweisung zu folgen enthält immer den Moment der Auslegung. Die Bewegung macht Alternativen denkbar. Sie deckt das Uneindeutige, die Ambivalenz der Sprache auf. Und dann war da noch dieser Gedanke, dass Bewegung auch immer etwas verschweigt. Sie ist sinnlich, aber verdeckt ihren Sinn. Sie schützt den Text. Sie macht sich zur Komplizin der Cover Story. Aufdecken und Entdecken sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Es tropft. Schon die ganze Zeit. Die Wasserinstallation (von Marc Einsiedel) an der vierten Bühnenseite lässt Wasser von der Decke tropfen, das unten in einem quadratischen Becken aufgefangen wird. Die Tropfen scheinen die Zeit zu strukturieren, die … abläuft? Das suggeriert auch einer der Sounds (Clemens Endreß), die an einigen Moment des Stücks gezielt zum Einsatz kommen. Die Zeit tropft und tickt, die Bombe, aber da ist keine Bombe, nur dieses Gefühl, dass uns etwas davonrennt und wir es nicht aufhalten können. Am Ende läuft das Wasserbecken über – die angekündigte Katastrophe? – und flutet den Saal. Natürlich nicht wirklich. Obwohl es seine eigene Materialität und Wirklichkeit hat, verbleibt es auf der Ebene des Hinweises, der Drohung, der Andeutung.

Die Performance legt Spuren, die nirgendwo hinführen. Oder zumindest komme ich als Zuschauer_in kaum hinterher. Etwas ist mir immer einen Schritt voraus. Was ist dieses Etwas? Bedeutung? Manche Spuren führen an den Anfang zurück, in eine Szene, die ich glaube schon einmal gesehen zu haben. Informationen werden mir vorenthalten. Bewegungen verschweigen ihre Herkunft, Sätze täuschen mich. Das Publikum ist Teil dieser konspirativen Situation. Nur bleibt für mich unklar, welche Konsequenz meine Haltung als Zuschauer_in hat. Meine Position ist zu sicher. Ich habe nicht so viel Angst, wie ich mir wünschen würde. Es könnte riskanter sein, mich stärker in die Mangel nehmen. – Was sagt das über mich aus? Ist das die Faszination an der Gefahr, am Geheimnis? Cover Story geht nicht so weit. Aber es ist eine (künstlerische) Entscheidung, diesen Thrill nicht heraufzubeschwören. Sondern auch diesen nur anzudeuten. Das Publikum ist Zeuge des Geschehens und bleibt stumm. Es ertappt sich selbst in flagranti dabei, Zusammenhänge zu konstruieren, Ähnlichkeiten zu sehen, Bedeutung zuzuschreiben. Erwischt. Welche Wege führen aus der Verschwörung? Auch das bleibt offen. Das Publikum kann nur versuchen, sich an die Fakten zu halten.

– Heike Bröckerhoff | April 2016

(Wir arbeiten nie allein.)
Dank an Olivia Traut, Moritz Frischkorn und Alexander Nutz für ihre Ideen und Anregungen.

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Credits Cover Story
Künstlerische Leitung: Nora Elberfeld
Choreographie, Performance: Angela Kecinski, Nanina Kotlowski, Nora Elberfeld
Dramaturgie: Juliana Oliveira
Choreographische Recherche und Assistenz: Regina Rossi
Sound: Clemens Endreß
Mitarbeit Text: Greta Granderath
Wasserinstallation: Marc Einsiedel
Licht: Ricarda Köneke
Bearbeitung Kostüm: Jonathan Tschaikowski
Mentoring: Igor Dobricic
Produktionsassistenz: Uta Meyer
Technik Kampnagel: Ricarda Köneke, Jonas Rüggeberg, Mark Harbison

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