Zwischen Erscheinungen und Scheinwelt – ‘Gloom’ von Regina Rossi

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(19.-22. Oktober 2016, Kampnagel, Hamburg)

‘Gloom’ beginnt mit einer Geste. Nachdem man vom Kampnagel-Foyer aus zum Hintereingang der K1 geleitet wurde, führen zwei Wege in die Dunkelheit des Stücks. Die Entscheidung, welchen Weg ich gehen will, wird mir von der beherzt lächelnden Bühnentechnikerin abgenommen. Sie zeigt mit der Hand bestimmt nach rechts. Ihrer Weisung folgend, werde ich von einem Scheinwerfer geblendet. Erst nachdem ich unter ihm hinweg und durch eine Öffnung im Vorhang getreten bin, kann ich den großen Bühnenraum sehen. Mehrere Performerinnen entzünden dort langsam aber beständig künstliche Teelicht-Kerzen.

Die Geste und die Blendung. Oder: Gesten der (Ver-)Blendung? Dieser Anfang setzt den Ton für eine Performance über zeitgenössische Formen der Mystik und ihre Kraft und Wirkungsweise in der kapitalistischen Warenwelt (Choreographie: Regina Rossi, Dramaturgie: Greta Granderath, Künstlerische Assistenz: Franziska Schnoor). Einmal eingetreten, einmal verblendet also, befinde ich mich in einer Schattenwelt: Außer den Kunst-Teelichtern und einzelnen Neonröhren scheint kein Licht und es ist ziemlich dunkel. Wohin Licht fällt, bestimmt eine Performerin mit einem Spiegel. Mit ihm bricht sie das von der Decke fallende Licht eines stark fokussierten, quasi-göttlichen Scheinwerfers, und macht damit die Gesichter der versammelten Zuschauer_innen sichtbar.

Ich denke: Es geht um Beleuchtung und Erleuchtung, und wie sie nie allein in unserer Hand liegen. Die Performance lenkt meinen Fokus auf das foto-logische Dispositiv, durch das sie selbst erst möglich wird. Licht ist hier mehr als die Grundlage für Sichtbarkeit. Es ist die Bedingung für Erkenntnis und damit für westliche Rationalität. Außerdem macht diese theatral und mystisch aufgeladene Anfangsszene erfahrbar, dass Licht in unserer Kulturgeschichte auch eine Form der Anerkennung, Legitimation und Versicherung darstellt, die nur von höherer oder allerhöchster Instanz zuerkannt werden kann. (Nun: Woher auch immer seine Inspiration stammt, das eindrucksvolle Lichtdesign der Performance jedenfalls hat Sérgio Pessanha entworfen und eingerichtet.)

Nachdem wir von einer scheinbar schwebenden Seherin durch das Teelichter-Meer geführt worden sind, antwortet ein vierköpfiges Orakel auf drei Fragen aus dem Publikum. Dafür strecken die breitbeinig sitzenden Performerinnen in abgehackten Bewegungen ihre Hälse, bis der Kopf in den Nacken fällt, und stottern dabei vielsagende Sentenzen. Das ist wohl ein bewusst gesetztes Fake, denn sowohl die Fragen, als auch die Antworten scheinen von vornherein festzustehen: You decide when the end is.

Während sich das Publikum danach im Halbkreis anordnet, folgt eine Gruppenchoreographie, die etwa das erste Drittel der Performance ausmacht. Die Tänzerinnen führen eine Art Tai-Chi-Bewegungsfolge aus, zunächst zu dritt, dann zu viert, und schließlich zu fünft. In ihrem gleitenden, konstant langsamen Tempo scheinen die Körper von äußeren Kräften oder Anziehungen gesteuert. Alle fünf Performerinnen (Gaëtane Douin, Nora Elberfeld, Teresa Hoffmann, Angela Kecinski und Silvana Suarez Cedeno) agieren dabei, und durch das ganze Stück hinweg, gekonnt und hochkonzentriert. Meine Aufmerksamkeit ist gefesselt, auch wegen der meditativen, sogartigen Langsamkeit der Tanzfolge.

Körperlich wird hier ein Modus der Versenkung sichtbar gemacht, wie er vielleicht in der Trance erlebbar ist. Und wirklich führt die Performance in ihrem zweiten Teil einen reigen-artigen Tanz vor, der zwischen Erleuchtung der Derwische und zeitgenössischer Yoga-Heilserfahrung schwankt. Nora Elberfeld heizt dazu ihren Kolleginnen, die mit ausladenden Armbewegungen im Kreis tanzen, mit markigen Sprüchen ein: Don’t give up. Only what challenges you, can change you. Erleuchtung jedenfalls braucht Kraft und Ausdauer.

Das Publikum folgt den gleitenden und später exaltierten Bewegungen der Performerinnen gebannt. Kommt hier, auf der Suche nach einer anderen Form der Erleuchtung, eine alternative Gemeinschaft zu sich selbst? Haben wir uns im Theaterraum versammelt, um Momente der Kontemplation zu erleben, die unser profanes Dasein als Konsument_innen sonst nicht mehr zulässt? Wohl nicht. Die Erscheinungen, die von den Performerinnen im folgenden, dritten Teil des Stücks in Gang gesetzt oder verkörpert werden, rekurrieren immer wieder auf eine Form des Spektakels, wie wir es aus Neon-Reklamen oder von Werbetafeln kennen. Während das Stück zu Anfang eine Schattenwelt herstellt, die Momente der Ruhe und meditativen Fokussierung von Aufmerksamkeit ermöglicht, mutiert es jetzt immer mehr zur Scheinwelt.

Eröffnet wird dieser dritte Teil des Stücks mit einem szenischen Witz: Die Bühnentechnikerin betritt mit Hermes-Paket in den Armen die Bühne und überreicht das Paket der Gewinnerin des Derwisch-Wettbewerbs. Die Tänzerin, die am längsten den Reigen tanzen konnte, darf das Paket öffnen. Darin sind billige Lichtkugeln, die von ihr als interaktives Spiel auf dem Boden aufgebaut werden. Eine andere Tänzerin zieht sich aus und bestreut sich selbst mit Glitzer. Mehr und mehr Bilder entstehen nebeneinander und das Publikum ist eingeladen näher zu treten, unter anderem indem es von einem Speisewagen mit Brötchen und Obst verköstigt wird. Und zwischendurch stellen die fünf Performerinnen plötzlich Werbephotos.

Ich überlege: Ist der Sog der Versenkung, diese bodenlose Bewegung ins Nichts des Heiligen, wie sie im ersten und zweiten Teil der Performance angedeutet wird, zugleich die Kraft, mit der uns die Konsumgüter unseres Alltagslebens mit ihrem eigenen Schein anziehen? Ist der zu Anfang vorgetanzte reibungslose, quasi-automatische Fluss das Bewegungs-Pendant zum Fließband oder zur unsichtbaren Reise des Paketboten? Das sind choreographische Aspekte einer bekannten These: Marx’ einschlägiger Begriff des Warenfetisch beschreibt unser quasi-religiöses Verhältnis zu Produkten, die in Arbeitsteilung hergestellt werden. In Walter Benjamin’s Fragment ‘Kapitalismus als Religion’ wird diese Idee erweitert. Laut Benjamin ist „im Kapitalismus eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben“. Der Kapitalismus als „reine Kultreligion“, die permanent andauert, entfremdet den Menschen vom Werk seiner Hände und verschuldet ihn universell. In der Scheinwelt des Konsums, die Guy Debord später als Gesellschaft des Spektakels bezeichnet, sollen mystisch aufgeladene Waren unsere geheimen Wünsche befriedigen.

Die Ware ist dann mit einem ambivalenten choreographischen Potential aufgeladen: Sie zeiht uns unwiderstehlich an. Als Konsumenten laufen wir ihr hinterher, versenken uns in ihren Anblick, schmücken uns mit ihrem Schein. Die Erfüllung unserer Begierden und die göttliche Erleuchtung, die sie uns verspricht, entzieht sich aber immer wieder und bleibt unerreichbar. In der Performance wird diese Bewegung durchgeführt und bebildert. Die Lichtkugeln in ihrem langsamen, fließenden Farbwechsel sind zwar berückend anzusehen, zugleich sind sie einfach schäbige Dekoration für zwielichtige Orte. Im Theater bekommen sie ihren kleinen auratischen Moment, bevor sie aus dem Bewusstsein verschwinden.

Zum Schluss hin zerfällt die Performance in immer mehr Einzel-Aktionen. Material aus vorherigen Szenen wird wiederholt. Die Stimmung kippt ins Aufgekratzte und Desolate. Ob nun die Zuschauer_innen in der Hand haben, wie lange das Stück weitergeht und wann sie austreten können aus der wohlbekannten Welt des Scheins? So hat es das vier-köpfige Orakel vom Anfang des Stücks prophezeit: You decide when the end is. Auch das ist Fake. Die Performerinnen machen einfach weiter, auch wenn ein Großteil des Publikums jetzt klatscht und die Bühne verlässt.

Die Arbeit am Mythos und am Spektakel endet wohl nie. Denn kehren wir nicht, wenn wir uns schließlich selbst aus der Performance entlassen, in den uns bekannten, längst schon mystisch aufgeladenen Warenhype zurück: Iphone wieder an, kurz mal Tinder gecheckt, und dann ein Heineken. Adorno und Horkheimer revisited also, als lustvolle Kritik an Schein und Performance inszeniert? Und trotzdem: Gerade in der hier beschriebenen Ambivalenz von fokussierter Aufmerksamkeit, starken, teilweise berückenden, teilweise humorvollen Bildern einerseits und einer lauten, leuchtenden Verkaufsästhetik andererseits liegt für mich die Stärke des Stücks. Es wird getragen von hervorragenden Darstellerinnen und berührt in den langsamen tänzerischen Passagen zu Beginn der Performance.

Am Ende frage ich mich: Ist in der gleitenden, quasi-automatischen Bewegung, wie sie in der Performance als Tanz, als unmerkliche Transformation der Lichtkugeln, oder mit dem Segway-artiges Gefährt, das von einer Marianne-artigen Cheerdance-Queen gefahren wird, ein choreo-logisches Moment des Zeitgenössischen getroffen? Ähnlich den gigantischen logistischen Bewegungen, die immer mehr Waren von hier nach dort transportieren, über das Meer, in der Luft und über jegliche nationalen Grenzen hinweg. Und unterscheiden sich diese Bewegungen heute überhaupt noch vom Fließen des Wassers oder den stetig sich verändernden Formen einer Flamme, in die sich die Mystiker einst versenkten?

Das ist der zweite, ins Choreographische gewendete Teil der konsumkritischen These von oben: Die Waren blinken und sprechen uns an, ihr Sog bindet uns an sie, während sie ihr Versprechen nie ganz erfüllen. In ihrem mystischen Schein steuern die Dinge menschliches Verhalten. Gleichzeitig scheinen die Dinge selbst heute immer stärker belebt zu sein. Ohne dass wir es bemerken oder etwas dafür tun müssten, umkreisen sie den Planeten. Sie leuchten und kommunizieren. Sie sind immer am richtigen Ort, immer schon da für uns. Diese gigantische automatische Warenbewegung – vom Fließband, über den Container, bis hin zum Algorithmus – entzieht sich unserer Vorstellungskraft. Sie ist Mythos im schlechten Sinne: Unvorstellbar, sublim und ziemlich verstörend.

– November 2016 I Moritz Frischkorn (mit Dank an Heike Bröckerhoff und Jonas Leifert)

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