Bilder ohne/Bilder trotz

Bilder ohne/Bilder trotz
Aus den Protesten rund um den G20 Gipfel in Hamburg im Juli 2017

 

Pour savoir il faut s’imaginer.
(Georges Didi-Huberman)

Einige Bilder, ohne die Rasanz des Aktuellen, seiner Liveness, der Farbe, des Spektakels. Weil wir andere Bilder brauchen.

Ich frage mich, wie man Bilder schreiben kann, die nicht reißerisch sind. Die warm sind, nah dran am Geschehen, ohne eindringlichen Zoom. Wachsame Bilder, die nicht aufgeilen, nicht abhärten, nicht kalt lassen; Bilder von Bildern, die deren Brutalität entstellen; Bilder, die etwas erzählen, was wir noch nicht oder noch nicht ausreichend gesehen haben. Ich weißt nicht, ob ich das kann und ob wir schon längst übersättigt sind. Nichtsdestotrotz.

And now, when there is doubt,
I kick it out.
(Megafonchor)

Vorher:

Das Camp im Stadtpark wird wieder verboten. Schlafen fällt nicht unter das Versammlungsrecht.

Ich würde gern das Bundesverfassungsgericht anrufen, um den Richtern zu sagen, dass – wenn schon nicht schlafende Demonstrant/innen – dann wenigstens Zelte eine Meinung kundtun können (Link), und schlage die Nr. im Telefonbuch nach.

Doppelbelichtung:
Enthemmte Maskulinität, Adrenalin, Rausch. Diesen Männern will ich nicht auf der Straße begegnen. (Erste Schicht.)
Es sei denn, der exzessive Genuss der Berliner Polizisten (waren auch Frauen dabei?) ist Ausdruck subversiven Widerstands. Die wollten nicht. Nur fest daran glauben. (Zweite Schicht.)

Sicherheit ist höchste Priorität. Wessen Sicherheit? Wessen Priorität?

Di, 4. Juli

Der Arrivati Park vor dem Grünen Jäger. Ein Ort zum Ankommen. Freies Sender Kombinat spielt von 16-22h Musik zum Hard-Cornern. Macht alle Türen und Fenster auf, dreht am Lautstärkeregler, verweilt an den Ecken, trefft euch. Es sieht aus wie jedes Wochenende vor der Toast Bar. Nur dass es jetzt um etwas (Anderes) geht. Banner und Stände, an denen man sich mit Informationen eindecken und den Urban Citizenship Pass ausstellen lassen kann.
Mit der Polizei im Rücken.

Das macht mich wütend
Dass die dafür steh’n
Dass es mit der Scheiße so weiter geht
Wie’s läuft, wie’s läuft
Wie’s läuft, wie’s läuft
Also ich mein da kommen ja wirklich alle Ekelpakete zusammen.
Weiter so, weiter so…
Also, man weiß ja eigentlich ganz genau, was dabei raus kommen wird, bei dem Treffen…
Es wird so ein… weiter so… mit neoliberalen Reformen sein.
Weiter so! … und mit irgendwelchen kleinen Zugeständnissen…
Weiter so!
oder so Make up Politik…
Weiter so!in Sachen Entwicklungshilfe und Klimawandel…
Weiter so!

Da kommen sie mit Megafonen und neon-pinken und -orangenen Strumpfhosen. Eine Gruppe von acht Frauen. Sie sind Sprachrohr für andere, geben den ungehörten Stimmen einen Auftritt im öffentlichen Raum. Ihre Texte kommen aus Interviews, die sie im Vorfeld mit Bürger/innen aus Hamburg geführt haben. Die Performerinnen reagieren auf die Situation, formieren sich als und in der Gruppe von Moment zu Moment neu, schwingen ihre Verstärker auf Armlänge, schichten sie übereinander, dann schwärmen sie wieder aus und verschwinden in der Menge. Sie sind mein roter Faden durch die Tage des Protests.

Durchsagen. Weitersagen.
Das Camp in Entenwerder baut ab – nach Stunden, Tagen der Schikane. Im Schauspielhaus können 1500 Menschen unterkommen. Das behauptet jedenfalls jemand auf Twitter. Am Ende sind es nur 100 Schlafplätze, aber es ist ein Beweis dafür, dass Fiktion auf die Realität einwirken kann.

 
Mi, 5. Juli

Wenn die Welt eine Bank wäre, hätten wir sie schon längst gerettet“, zitiert Markus Wissen in seinem Beitrag zum Podium „Wem dient die Ökonomie?“ beim Alternativgipfel auf Kampnagel. Finanzinstitute werden ökologisiert. In der Krise werden sie schutzbedürftig, eine bedrohte Art. Der globale Süden verlagert sich ins Ausland. Der Aufstieg der Schwellenländer lässt sich auch beschreiben als Verallgemeinerung der imperialen Lebensweise.
Why are you crying?“, fragt Nicolas Hildyard nicht zynisch, nicht ironisch.
Verhalten wir uns individuell anders als die acht reichsten Männer?“, fragt Friederike Habermann.
Wir müssen zwischen radikaler Demokratie (alle, die von einer Entscheidung betroffen sind, wirken an ihrer Findung mit) und liberaler Demokratie (wenige bestimmen über viele) unterscheiden.“, sagt Wissen.
Während wir einen Widerstand organisieren, leben wir eine andere Welt.“, sagt Habermann.

Ich war nie auf der Love Parade. 16h30 an den Landungsbrücken.
Ein großer schwarzer aufblasbarer Würfel mit den Lettern „Lieber Tanz ich als G20“, dem heiß wird in der Sonne. Der Schwarze Block ist nicht nur eine Demonstrationstaktik.

Wir ziehen am Stadion vorbei. Eine Freundin fragt sich, warum FC St. Pauli nicht die Tore aufmacht für die Demonstrant/innen ohne Schlafplatz. Ob die auch Angst haben um ihre Grünfläche.

Traumbilder (Absurdität steigend):
Das gesamte Philharmonische Staatsorchester Hamburgs erhebt sich und gibt klar und chorisch zu verstehen: Für euch spielen wir nicht.
Stattdessen Auftritt des Megafonchors in der Elphilharmonie.
Wie leicht der Koch es hätte, 20 auf einen Streich. (Denken wir auf dem Nachhauseweg.)
Imagine… Im Inneren der Elphi schlummert ein Raumschiff, dass die Regierungschef/innen in Richtung Mars befördert. Das jedenfalls würde die Dauer des Baus und die intergalaktischen Kosten erklären.

 

Do, 6. Juli

Busse, die nicht ankommen.

Yes, we camp. St. Pauli öffnet die Tore für Demonstrant/innen und richtet ihnen auf der Tribüne Schlafplätze ein.

Das Wetter ist korrupt. Die Eisdiele hat geschlossen.

Welcome to heaven. Ein Banner vor der St. Pauli Kirche. Davor ein langer Tisch, mit weißer Tischdecke, eingedeckt.

Der Megafonchor taucht auf. Im Lärm verstehe ich sie kaum, folge ihnen.

Der erwartbare Protest:
man macht so ein Bilderspektakel
und ähm mm Protestspektakel
und dann brennt da was,
und andere sind verkleidet und so…
Es wär doch viel geiler,
alle denken es kommen 100 000 Leute aus ganz Europa nach Hamburg,
fahr’n aber gar nicht nach Hamburg,
sondern fahr’n irgendwo anders hin wo es Sinn macht
und die Bullen fahr’n hier schön in Hamburg im Kreis.
Und wir fahr’n
nach Warschau und zermöbeln Frontex
oder nehmen irgendwelche Zäune an den EU Außengrenzen auseinander.

 
Um 19h10 lande ich auf der Brücke beim Park Fiction. Und schaue die Straße runter in Richtung Innenstadt. In der Ferne glitzern ihre Helme. Kleine leuchtende Sterne. Sie kommen näher. Der Angriff der Klonkrieger.

Zwei vermummte Blöcke, die sich gegenüberstehen. Und dazwischen die Pressewesten.

Jump-Cut. Auf den Pudelruinen spielen Menschen Federball. Ähnlich surreal wie die letzte Szene aus Blow up.

Die Drohung der Polizei, dass sie nun keinen Unterschied mehr machen wird zwischen gewalttätigen und friedlichen Demonstrant/innen wie auch Unbeteiligten, mit der Aufforderung sich räumlich zu distanzieren. Wovon? Und selbst wenn, wohin mit dem Körper?
Die vielen Menschen, die sich auf der Brücke drängen, zu beiden Seiten hin. Sie halten ihre Smartphones drauf. Zoom in die Arena. Vor einer halben Stunde waren wir noch da unten. Wütende Schreie und Pfiffe gegen die Polizei. Wir sind nicht mehr Teil der Demo, wir sind Publikum. Hitzig produzieren wir Bilder, die aufheizen.

Die Grenze zwischen der Verletzlichkeit der Körper da unten und die Unversehrtheit der Bilder von den Körpern, gefilmt von hier oben. Übelkeit und Schwindel. Ich schaue um mich und sehe die Realität, in der ich lebe, sehe, wie sie verdoppelt, nein vervielfacht, ausgeschnitten, verwundet wird. Überall Smartphones und wir ihre Stative. Ich sehe nichts. Ich will das nicht sehen.

Es gibt diesen Moment vor der Eskalation, wenn der kollektive Atem anhält. Alle wissen, was jetzt kommt. Es ist der Moment vor dem point of no return.

[Keine Bilder.]

Filmaufnahmen bei ntv in der DB-Lounge am Hbf. Split-Screen. Links der Dirigent (in slow motion), rechts ein brennendes Auto, 4 Minuten lang dasselbe Auto. Der Ton ist stumm geschaltet. Hören die Fernsehzuschauer/innen jetzt wohl Beethovens Neunte oder wütende Schreie? Ich würde die Tonspuren überlagern.

Abends. Die Oase trauert, hält den Atem an; im Gängeviertel ist es totenstill. Manche verfolgen auf den Bildschirmen die Nachrichten.

Nachdem der schwarze Block „zerschlagen“ ist, formiert sich die Demo kurzerhand neu, angeführt von der Samba-Truppe. Ob Pink einen Unterschied machen würde…?

Menschen, die für andere Kartoffeln schälen, kiloweise.

Die Lieber-tanz-ich Zelle fährt plötzlich vor. Mehr und mehr Blaulichter, unsere Diskokugel. Wir tanzen am Rande der Oase, werden von der Straße gedrängt damit eine Kolonne mit ihren schwarzpolierten Autos vorbeifahren kann. Erdoğan?

 
Fr, 7. Juli

Deichtorhallenplatz. Bildungsstreik. Wir warten auf die Schüler/innen und Student/innen, die auf dem Weg zu uns sind und von der Polizei aufgehalten werden. In welche Richtung ich auch schaue, die Straßen sind abgeriegelt. Die Sprecherin im Wagen gibt mehrfach zu verstehen, dass von uns keine Eskalation ausgeht, keine Gewalt, keine Glasflaschen.

Demonstrant/innen, die Blumen tragen.

040/432 78 778 die Nr. des Ermittlungsausschusses. Der anhaltende Zahlendreher bei der Durchsage vom Lauti sorgt für Gelächter und wilden Widerspruch.

Falsche Busse, die aus dem Verkehr gezogen werden.

Kids, die an wartende Demonstrant/innen Obst und Wasser verteilen. Am Baumwall.

Diese Erfahrung, dass der Himmel mehrere Etagen nach unten sackt. Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg (Blumfeld). Auch der Öffentliche unter diesen Umständen. Ich halte die Propellergeräusche nicht mehr aus, die Sirenen, das Ohr kann sich selbst nicht schützen.

Auf einmal gibt es ein Außen, und wir sind hier drin. Als wäre die ganze Stadt eingekesselt. Das fällt mir auf, als ich darüber nachdenke, was wohl da draußen ankommt.

One can love a city, one can recognize its houses and its streets in one’s remotest or dearest memories; but only in the hour of revolt is the city really felt as one’s own city: one’s own because it belongs to the I but at the same time to the ‚others‘; one’s own because it is a battlefield that one has chosen and the collectivity too has chosen; one’s own because it is a circumscribed space in which historical time is suspended and in which every act is valuable in and of itself, in its absolutely immediate consequences. One appropriates a city by fleeing or advancing, charging and being charged, much more than by playing as children in its streets or strolling through it with a girl. In the hour of revolt one is no longer alone in the city.

(Furio Jesi – „The Suspension of Historical Time“, in Back to the order/Restorations*)

 

Kein Durchkommen zur Reeperbahn. Das freundliche DB-Sicherheitsteam rät uns den Umweg über Holstenstraße und weiter zu Fuß. Stadträder sind kaum zu bekommen, die nehmen gerade an der Critical Mass Demo teil.

Pfefferspray statt Dialog. Fahrrad gegen Auto. Polizisten, die Demonstrant/innen wegschubsen. Ein Polizist, der einen anderen Polizisten wegschubst.

Barrikaden, die Blumen tragen.

Wir sitzen in der Nähe der Davidwache, auf einer völlig verwirrten Reeperbahn. Irgendwo zwischen Rot- und Blaulicht, zerstreuen sich Menschen, die nicht so richtig wissen, weshalb sie da sind, ob sie feiern oder flüchten, demonstrieren, small-talken, nur mal so vorbeischauen, wovon sie da Teil sind. Den Wasserwerfern rinnt noch die Flüssigkeit aus allen Öffnungen. Eine undefinierbare Zone, gerahmt von Zehnerreihen, zeitweise behelmt. Das passt nicht zusammen. Ich esse eine Birne und trinke Bier. Ich frage mich, wie die Polizist/innen auf diesen Einsatz vorbereitet werden, ob sie mehr machen als Körper- und Waffentraining, ob sie wissen, wen sie da verteidigen, wofür sie verpulvert werden, ob sie hätten nein sagen können, ob sie ausreichend geschlafen haben letzte Nacht und genug gegessen, ob sie Angst haben, ob sie informiert sind oder bloß alarmiert. Wir erwarten einen Freund; er kommt am Hbf an. Der öffentliche Nahverkehr liegt lahm. Er kann nicht zu uns, wir nicht zu ihm. Nach Eimsbüttel kann er noch fahren. Also machen wir uns dahin auf den Weg, im Bogen um die Schanze. Twitter sagt uns, dass wir da gerade nicht durchwollen.

Egal, wie viel Flaschen wir auch schmeißen
Es ändert nichts
Egal, wie hart wir pogen
Die Welt behält ihr Gleichgewicht
(Grim104 – 2. Mai)

Die friedlichen Proteste verschwinden hinter den Krawallen. Was macht man mit dieser Aussage sichtbar? Das Verschwinden?

(Argumente werden nicht besser dadurch, dass man sie wiederholt.)

 

 

Sa, 8. Juli

(Ich habe) Angst, dass wir nur Teil einer riesigen Inszenierung sind. Dass wir hier auf den Straßen zu den Bildern beitragen, die beweisen, dass letztlich doch alles ganz „demokratisch“ (im Sinne von gesittet?) zu geht. Was bleibt uns dann? Zu Hause bleiben?

Ich vermisse die Polizeipräsenz. Ich bin mittendrin am Messberg. Und ich sehe niemanden in Uniform. – Das muss daran liegen, dass die Polizei die Demo anführt.

Kids, die auf der Reeperbahn stehen und an die vorbeiziehenden Demonstrant/innen Bier verkaufen. Die haben Kapitalismus verstanden“, sagt meine Freundin und kauft sich eins.

Die inneren Widersprüche leben,“ das sagt sie auch. Ich nehme einen Schluck von ihrer Cola.

Wir denken an die vielen Menschen, deren Alltag das ist und dass es jetzt nicht aufhören kann. Wir denken an Griechenland, an Venezuela, an die Türkei und diese Liste wäre endlos..

Beim g20… sind ja nur.. zwanzig Nationen vertreten…
es fehl’n glaube ich… 187… Nationen… ähm
das heißt es fehlen 187 Nationen und…
es fehlen natürlich sowieso die Stimmen von den Leuten die eigentlich diese Welt ausmachen…
die ja nicht einfach so vom Himmel gefallen ist ähm…
im Moment ist es ja so als ob die Erde eine Scheibe sei…
und ein Großteil da einfach runter fällt… ähm…

Der Megafon-Chor zieht in einer Reihe vom Millerntorplatz ab.

Kids, die vor dem Grünen Jäger unsere Ausweise sehen wollen: „Kriminalpolizei!“
„Ja, was wollen Sie?“, antworten wir.
Ein anderer, einen Kopf größer aber gleiche Jacke, kommt dazu: „Von der echten Polizei. Können Sie sich ausweisen?“
„Klar.“ Ich hebe den Ärmel meines Pullovers.
Er hebt den Daumen, nickt anerkennend.
„Und Sie?“ Er holt ein Halstuch aus der Reißverschlusstasche.
Ich nicke anerkennend.
„Kommen Sie gut nach Hause. Und passen Sie auf sich auf.“

Verbrannte Straßen. Der orangene Block bringen das wieder in Ordnung.
Verletzte Körper. Ein Sanitätsteam verschnauft vor der Flora.

Menschen, die aus aufgewühlten Pflastersteinen Peace Symbole legen.

Sleeping is not a crime, der Banner am Schauspielhaus.

 

Das Archipel sendet als „Offshore“-Fernsehstation 48h lang Kritik und Diskurs in die Stadt. Am Kanal zwischen Hammerbrooklyn und Rothenburgsort liegt ein Walross auf der Bühne und keucht dem Post-Kapitalismus.

 

So, 9. Juli

Ich stehe morgens auf und höre keine Hubschrauber mehr, setze mich in die Küche, fange an zu schreiben.

Es gibt neue Zahlen von verletzten Polizist/innen. Es gibt immer noch keine Zahlen von verletzten Demonstrant/innen.

Ich versuche an all die fantastischen, selbstorganisierten, kleinen und größeren Strukturen zu denken, die sich herausgebildet haben. Juristischen und medizinischen Beistand durch Ermittlungsausschuss und Sanitätsteams, Orte des Rückzugs im Gängeviertel, der Roten Flora, den Kirchhöfen, den privaten Gärten und Wohnungen, im Schauspielhaus, im Fußballstadion; alternative Berichterstattungen und Diskussionsforen wie das FC/MC, There is no time auf dem Archipel; die Formen kreativen, künstlerischen, bunten Protests, zivilen Ungehorsams und andere politische Ausdrucksformen. An die Dinge, die uns begleiten, unser Schutz, unsere Waffe werden. An das, was wir als Menschen teilen, Verletzlichkeit und Kreativität.

Ein Lachen im Hinterhof. Jetzt höre ich sie doch, die Hubschrauber. Es sind weniger geworden.

Morgen sieht alles aus wie vorher. Nur anders. Vielleicht etwas ordentlicher. Hamburg räumt auf. Ich kann noch keinen Schwamm in die Hand nehmen.

But when the revolt has passed, independently of its outcome, everyone goes back to being an individual in a society that is better than, worse than, or the same as before. When the clash is over – you can be in prison, or in a hiding place, or calmly in your own home – the everyday individual battles begin again. If historical time is not further suspended in circumstances and for reasons that may even not be the same as those of the revolt, every happening, every action, is once again evaluated on the basis of its presumed or certain consequences.

(Furio Jesi  – „The Suspension of Historical Time“, in
Back to the order*)

Pressekonferenz von Olaf Scholz und der Polizeiführung. Ich schaue in ihre Gesichter und sehe nichts Monströses. Ich sehe Strenge und Bürokratie. Uniformen, die sich im Recht glauben. Olaf Scholz sagt, die Polizei sei nicht zu kritisieren. (Hannah Arendt schreibt: Niemand hat das Recht, zu gehorchen.)

Der Unterschied zwischen strafrechtlicher und politischer Verantwortung.

Ich habe große Lust, Rad zu fahren. Die wiedergewonnene Bewegungsfreiheit oder langsame Gewöhnung an das ständige in-Bewegung-sein. Es zieht mich in die Schanze.

Wir haben unsere Gentrifizierung zurück. Menschen in Cafés, Menschen, die ihre Meinungen auf Zettel schreiben, notieren, was trotz allem gut war mit buntem Filzstift auf dem brauen Packpapier, Polizist/innen im Gespräch mit Anwohner/innen. Die Straßen sind voll, ein Haufen Statist/innen. Back to the order. Vielleicht das verstörendste aller Bilder.

Im Moment, in dem wir zur Ordnung zurückkehren, liegt die Möglichkeit etwas zu verändern. Wenn wir diesen Zeitraum ausdehnen könnten…

Das Undefinierte noch ein bisschen länger aushalten. Ich habe das Gefühl, nicht mehr zu wissen, ob ich radikal Pazifistin bin, angesichts der unsichtbaren, unsichtbar gemachten Gewalt. Und der Gewalt, die unsichtbar macht. Ob überhaupt irgendetwas an mir radikal ist, ob ich radikaler sein müsste. Ich weiß nicht, wessen Eigentum Opfer einer politischen Geste geworden ist und wer Opfer von Eigentum; weiß nicht, wie wir Motivationen unterscheiden können, wenn wir nur die Ergebnisse betrachten. Wie wir uns distanzieren können? Lieber würde ich danach fragen, wie wir uns einander annähern können.

Ich kämpfe mit dem Versprechen von Sicherheit in einer Welt, in der Unsicherheit und Risiko in Kauf genommen und befördert wird, um uns dafür die entsprechenden Versicherungen anzubieten, um Hundertschaften ins Herz der Stadt zu hetzen. Ich halte organisierte staatliche Gewalt, die sich legitimiert gibt für gefährlicher als die improvisierten Strukturen der Autonomen. Und der Satzbau hier hinterlässt den Eindruck, sie ließen sich gegenüberstellen oder vergleichen. Ein Bild, das ich gerne einreißen würde, in der Mitte, damit gerade der Riss sichtbar wird.
Ich habe Angst davor, dass wir über die falschen Themen reden. Und meine Erleichterung ist lange nicht so groß wie die Angst davor, dass es vorbei ist.

Was noch kommt:

Mich werden in den kommenden Tagen viele Menschen auf G20 ansprechen. Meistens werden sie fragen, ob ich auf der Straße war und ob in der Nähe der Krawalle. Ich werde die erste Frage bejahen, die zweite verneinen. Dann werden sie mir sagen, was sie darüber denken. Die Themen überschneiden sich: die Gewaltausschreitungen, warum G20 in Hamburg?, die Rolle der Polizei. Die wenigsten werden mich fragen, warum ich auf die Straße gegangen bin. Was sie auch sagen werden, sie alle waren live dabei.

Ich habe nichts gesehen. Ich war dort und war es nicht. Ihr wart nicht dort und wart es doch.
Ein Chiasmus. Wir lassen uns nicht spalten.

Manches, was sie sagen, werde ich nachvollziehen können, manche Empfindungen teilen, vieles wird mich traurig oder wütend machen. Aber jede Diskussion, jeder Moment, in dem Öffentlichkeit entsteht, jede Gelegenheit, dieses Sprechen, die Gedanken, die Stimmen, die in den Sirenen und Propellergeräuschen untergegangen sind, weiterzutragen, wird kostbar sein.

Fragen finden, die uns anderswohin bringen. Wie können Bilder Fragen stellen?

„Pour savoir il faut s’imaginer“, schreibt Georges Didi-Huberman in Images malgré tout, Bilder trotz allem. Ich entreiße diesen Satz einem ganz anderen Kontext: dem Sprechen nach Auschwitz. Wir dürfen das Erlebte und das Sprechen darüber nicht unter dem Vorwand aufgeben, es sei unvorstellbar. Il faut: Wir müssen es uns vorstellen, uns ein Bild davon machen.

Ich will keinen Vergleich herstellen. Wenn auch unter anderen Umständen, mir helfen Didi-Hubermans Gedanken dabei, nach dem medialen Spektakel um die Proteste von G20, die Bilder an sich nicht aufzugeben. Sondern um andere Bilder zu ringen. Bilder, die euch nicht zeigen, was ihr sehen sollt. Bilder, die entstehen, hier, zwischen diesem Text und dir. Auch wenn wir (noch) nicht wissen, wie wir sie anschauen sollen oder können, diese Bilder.

_____

* Back to the order/Restorations ist eine Publikation von Aleppo (A Laboratory for Experiments in Performance and Politics).

Heike Bröckerhoff | Juli 2017

Mit Dank an alle Gesprächspartner/innen für ihre Gedanken und Zeit, insbesondere an Elisabeth Fast, Ann-Kathrin Quednau, Peter Bröckerhoff, Moritz Frischkorn und Niklas Löscher.

 

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