Hauptsache Frei #4 – Festivalblog

Ein Live-Tagebuch der Erinnerung.

 

Liebes Tagebuch,

ich bin auf dem Weg ins Hamburger Monsuntheater. Im Rahmen des Hauptsache Frei Festivals zeigen sie dort heute FEDERKINDER – EIN PARKOUR DER ERINNERUNG. Kurzes Ankommen, ein kleiner Snack und dann geht es auch schon los. Ich bin gespannt was mich erwartet, schaue noch einmal kurz in das Programmheft: bestimmt hilfreich, noch einmal nachzulesen, worum es hier gleich gehen wird. Oder macht es mich voreingenommen, färbt meinen Blick? Naja, egal, das Licht geht schon aus, dann mal los! Leider sehe ich von meinem Platz die Bühnenfläche kaum – ich erahne Stoffbahnen, eine junge Dame sitzt auf dem Boden und bügelt. Einigen Zuschauern scheint es mit der Sicht ähnlich zu gehen – sie recken sich, die Holzbänke, auf denen wir sitzen knarzen. Passt irgendwie zu der gespannten Stille, die im Raum liegt, denke ich.

Aus dem Off ertönt eine Stimme, sie erzählt von der literarischen Form des Tagebuches, dem Schreiben als emanzipatorischem Akt, von den Tagebüchern Anne Franks und von denen vieler anderer Kriegskinder. Die vorgelesenen Auszüge sind berührend, tragisch, erzählen aber auch von den leichteren Seiten des Lebens, jungen Teenager-Lieben, Freunden die zu spät kommen. Zwischendrin Audioaufnahmen von Kindern der Jetztzeit. Sie flüstern, berichten, wo sie sich verstecken würden, wenn sie nicht entdeckt werden dürften: Kisten, Bäume, Garagendächer. Kissen und Decken würden sie auch mitnehmen. Sie ertönen aus einem auf ein ferngesteuertes Auto geklebtem Smartphone, welches nun an einem Seil von der Decke hängt (nachdem es zuvor durch auf dem Boden verteilten Reis oder Salz durch den Raum gefahren ist). Diese Szene irritiert mich, ich kann sie nicht recht einordnen. Geht es hier um Steuerung, um die Macht über das geschriebene oder gesprochene Wort? Und was hat es mit dem Reis (oder Salz) auf sich? Tagebucheinträge von Kindern, übersehen, verschollen, verloren – Ereignisse und Dokumente die in der großen Geschichtsschreibung untergehen, als würde in China ein Sack Reis umfallen? Hm, vielleicht lasse ich das mit der Assoziationssuche und versuche, den Abend einfach wirken zu lassen. Aber auch so gelingt es mir irgendwie nicht, in ihre Geschichten, in die Welt, von der hier erzählt wird, einzutauchen. Ich bleibe unruhig, abgelenkt. Zuschauer kommen herein, der Raum lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich, weg vom Geschehen. Dann, für mich recht plötzlich, ist der Abend zu Ende.

Ich weiß nicht recht, was ich aus diesem Abend mitnehme. Aber vielleicht muss ich das ja auch noch nicht. Vielleicht lese ich diesen Eintrag morgen, in ein paar Tagen oder Jahren und erinnere mich an diesen Abend. Und seine Dringlichkeit, seine Tiefe, die an diesem Abend irgendwie nicht zu mir vordringen konnte.

 

Neele

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s

%d bloggers like this: