Hauptsache Frei #4 – Festivalblog

Blick ins Innerste. Philipp Joy Reinhardts „Bellybutton + Performance“.

Autorin: Neele Jacobi

In den ersten Minuten fällt Philipp Joy Reinhardts „Bellybutton“ genau in jene Klischeeschublade, in der ich einige zeitgenössische Performances lagere. Ein leerer industriell angehauchter Raum, ein Mann, oberkörperfrei, eine zu enge Leggins, neben ihm wahllos dazugestellt wirkende Gegenstände (in diesem Fall eine Möhre, eine PET-Flasche sowie ein Basketball. Im Hintergrund werden Bilder an die Wand geworfen, ich erkenne ein Bett, Duschgel- und Shampooflaschen. Dazu spricht jemand auf Englisch – leider verstehe ich nicht, was die Person sagt. Hm, denke ich, das könnten ganz schön lange 30 Minuten werden.

Kurz bevor ich mich in der Spirale des Wegdriftens verliere, bin ich plötzlich drin, im Text, im Bild. Verstehe die Anspielungen. „Bellybutton“ ist Anklage und – so könnte man sagen – Hilferuf zugleich. Absurde Regieranweisungen, die Philipp panisch und marionettenartig zu befolgen versucht, ständiger Präsentationsdrang und –zwang, Prekarität: so charakterisiert das Stück die Performing Arts Szene. „Viele meiner Freunde sind auch in der Szene tätig. Wenn ich sage, dass ich gerne zuhause bin, gerät das Gespräch oft in eine Sackgasse“ berichtet Philipp beziehungsweise der über die Wand des Raumes laufende Text. Und obwohl meine Freunde keine SchauspielerInnen, PerformerInnen oder RegisseurInnen sind, bin ich ganz bei Phillip. Ja, die Branche ist hart. Ja, sie bringt Menschen an ihre Grenzen. Ja, man muss sie kritisieren, zeigen, was schief läuft. Jemand tippt „Bitte zahl meine Miete“ in das Eingabefeld von Philipps Facebook Chronik. Jetzt teilen. Im Hintergrund ertönt das penetrante Dauergeheule eines Staubsaugers.

Selten hat sich mein Eindruck einer Performance innerhalb von nur 25 Minuten so gewandelt. Wenngleich mir das Anklagen der prekären Arbeits- und Lebensbedingungen kein absolut neuer Stückestoff der Freien Szene zu sein scheint, so ist Philipp Reinhardts Beschäftigung mit ihm doch eines ganz besonders: mutig, persönlich, unmittelbar. Warum eine Möhre geschält wurde, verstehe ich trotzdem nicht. Aber das macht vielleicht nichts.

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