Hauptsache Frei #4 – Festivalblog

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„Wenn jeder nur das macht, was er will, dann sind wir gar keine richtige Familie mehr“. „Jetzt bestimme ich“ – ein Streitstück über Machtverhältnisse, Gerechtigkeit und was Salat damit zu tun hat.

Autorin: Neele Jacobi

Zum Gebur…Happy Birth… Zum Gebur…Happy Birth… STOP! Mama ist verzweifelt. Na das geht ja gut los. Familie Wiefel – das sind Mama, Papa, Anki und ihr kleiner Bruder Spätzchen – sind eigentlich eine ganz normale Familie. Doch wenn es darum geht, etwas zu entscheiden, ist Streit vorprogrammiert. Sie kennen das von sich und Ihren Liebsten? Klar, das rosarote Familienidyll – Familie Wiefel trägt es als rosafarbene Familienuniform am Leib – aus Werbung und Träumen hat mit der Realität wenig zu tun. Doch die Wiefels sind echte Sturköpfe. Geburtstagslied, Ausflugsziel, Abendessen: hier zieht jeder sein Ding durch, komme was da wolle. Anhänger eines radikalen Liberalismus, die den Menschen als Nutzenmaximierer – als homo oeconomicus – betrachten, würden das wohl gutgeheißen. Die Folge dieses „jeder macht was er will“-Verhaltens zeigt sich bei den Wiefels jedoch ab Minute eins: Dauerstreit. Und entschieden ist auch nichts.

Das inklusive Ensemble „Meine Damen und Herren“ stellt in diesem Streitstück viele Fragen. „Kinder mit nem Willen, kriegen was auf die Brillen“ hat man zu mir immer gesagt, als ich klein war. Wieso gilt das nicht auch für Erwachsene? Wieso können nicht Anki oder Spätzchen bestimmen, ob es Rollmops oder Pommes zum Essen gibt? Oder Publikumsliebling Rainer-Maria, die Schildkröte der Familie? Tiere haben schließlich auch Rechte! Spielerisch und ohne große theatrale Gesten oder Performance-Fancyness versucht dieses Stück Antworten zu finden. Bestimmer-Karussell, Basisdemokratie, Losverfahren, Wettrennen, Ausdiskutieren, Zuständigkeitsbereiche – an Kreativität mangelt es Familie Wiefel zweifelsohne nicht. Doch egal, welche neue, vermeintlich geniale Idee sie ausprobieren: es funktioniert nicht. Und so stellt Spätzchen kurz vor Ende des Stückes traurig fest: „Wenn jeder nur das macht, was er will, dann sind wir gar keine richtige Familie mehr“.

Und genau darum scheint es den Regisseurinnen Charlotte Pfeifer und Martina Vermaaten, sowie dem gesamten Team hier zu gehen. Immer nur wollen, das geht nicht. Und streiten, das gehört nicht nur zum Familienleben, sondern auch zum gesellschaftlich-politischen Leben dazu. Dass das Stück mit einer demokratischen Wahl des Familienbestimmers für die erste familiäre Regierungsperiode, aus der Papa als Wahlsieger hervorgeht, endet, ist somit auch ein klares politisches Signal.

Wenngleich das Stück mit den ewigen Streitereien in einigen Passagen so redundant wie Rainer-Marias ewige Forderung nach „Salat“ daherkommt, so ist es doch angenehm unaufgeregt. Mit einer Menge Humor erzählt es vom groß werden und groß sein, von Gerechtigkeit und Demokratie. Das Publikum ist begeistert – und ich bin es auch.

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