Hauptsache Frei #4 – Festivalblog

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Das Geheimnis der Zeit.

Das Künstlerkollektiv DIE AZUBIS zeigte am Klabauter Theater szenische Auseinandersetzungen mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Autorin: Saskia Menges

Eigentlich ist es doch seltsam. Unsere westliche Gesellschaft hat sich darauf geeinigt, Papier zu bedrucken, es in unterschiedliche Größen zuzuschneiden und es Geld zu nennen. Im Klabauter Theater konnte man dieses Geld-Papier gestern Abend an einer Stelle eintauschen, die Kasse hieß. Dort erhielt man gegen das bunte Geld-Papier ein anderes buntbedrucktes Papier, was Ticket genannt wird. Dieses Ticket-Papier legitimierte den Zahlenden (denn „zahlen“ oder „be-zahlen“, so heißt dieser Tauschvorgang von Papier gegen Papier) einen Raum zu betreten, der Theatersaal hieß. Die Eintretenden nahmen dann auf Stühlen Platz. So bildeten sie eine Gruppe und diese nennt sich, darauf hat man sich allgemein verständigt: Publikum. Das Publikum war im diesen Fall vor Ort, hat in diesem Fall Platz genommen, weil es ein Schauspiel ansehen wollte. Gestern Abend war es Die Zeitraffer – Ein Theatrales Assoziationsuhrwerk.

Ähnlich abstrakt wie mit dem Geld, dem Ticket, dem Theatersaal oder dem Publikum verhält es sich mit der Zeit. Die Gesellschaft hat sich darauf geeinigt, dass man „Zeit haben kann“ oder dass man sie sich „nehmen kann“. Dass es da etwas gibt, was man verlieren oder was einem gestohlen werden kann. In verschiedenen szenischen Motiven setzten sich die SchauspielerInnen mit diesen Bedeutungen von Zeit auseinander. Von philosophischen Monologen über die Zeit – mit einem Hinweis, dass die Hopi-Indianer kein Zeitempfinden besitzen – über Servicegespräche und Wartschleifen wurde mit allen Formen des Zeitverständnisses gespielt. Und schließlich wurde das Publikum befragt, ob es nicht eigene Lebenszeit sparen möchte, damit sich das die Lebensdauer eines vermeintlich todgeweihten verlängern könne. Eine Frage, die mich peinlich berührte. Würde ich das wollen? Und hier war ich dann auch ganz und gar an Momo, einen Roman von Michael Ende erinnert.

Bei Momo gibt es Grauen Herren, die die Menschen zum Zeitsparen einladen. Ähnlich wie in dem Roman wurde dem Publikum gestern Abend vorgerechnet, wie viel Zeit sie in ihrem Leben sparen würden, wenn sie nur auf eine Sache am Tag verzichteten. Es ergaben sich wilde Zeitrechnungen und Tages- und Jahresangaben, die man sich eigentlich im Hier und Jetzt gar nicht vorstellen und überhaupt nicht fassen kann. Und das ist doch auch das Geheimnis der Zeit … Bei Momo heißt es dazu:

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Das seltsamste an diesem Abend war aber übrigens nicht die Sache mit dem Geld oder der Zeit. Sondern die Tatsache, dass ich auf einer Theaterbühne noch nie Menschen mit Behinderung erlebt habe, die im Klabauter Theater seit 1998 zum Ensemble gehören. Sie haben stark gespielt und mich sehr bewegt. Wo sind diese Menschen denn sonst in meinem Alltag? Warum sehe ich sie nicht in Stücken an anderen Häusern …? Diese Leute auch in anderen Kontexten zu erleben, wünsche ich mir – Und ich denke, es wird Zeit!

 

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