Hauptsache Frei #4 – Festivalblog

TRAUMSTUNDE oder TELEPROMTER PARADISE

von Saskia Menges

Endlich die Schuhe ausziehen, wie angenehm das ist. Die Bühne des Sprechwerks ist mit pastellblauem Teppich ausgelegt. Das Publikum von TELEPROMTER PARADISE durfte am gestrigen Freitagabend auf der Bühne Platz nehmen, die Schuhe mussten vorher ausgezogen werden. Der Zuschauerraum ist hinter schwarzen Stellwänden verborgen. Die Bühne wird so zur gemeinsamen Plattform für Künstler und Zuschauende. Im losen Kreis sitzen wir auf dem Boden, in unserer Mitte befinden sich drei Laptops und verschiedene kleinere Lautsprecher. Am hinteren Bühnenrand sind Mikrophone aufgebaut.

Drei KünstlerInnen treten in unsere Mitte und die Performance beginnt, die sich für mich zu einer Traumstunde entwickeln wird. Ein Typ mit ganz hellblondierten Haaren setzt sich an einen Laptop und beginnt elektronische Musik abzuspielen und dann und wann etwas zu singen, setzt sich schließlich Kopfhörer auf und kreiert so eine musikalische Welt, von der das Publikum abgekoppelt scheint. Ich glaube, es wird eine Liebesgeschichte in all seinen Stufen, von erster Verliebtheit bis zum Auseinanderbrechen einer Beziehung erzählt. Ganz genau weiß ich es aber nicht, weil ich mich von der Musik mitziehen und darauf treiben lasse. Ich beginne mit der elektronischen Musik und geloopten Gesängen der drei Kunstschaffenden zu träumen. Schrecke auf, als einer der drei sich Engelsflügel anzieht und durch das Publikum tanzt. Vielleicht ist er gerade glücklich verliebt?

Musik ist vorallem auch eine körperliche Erfahrung. Ich genieße es, dass wir im Rahmen dieser Performance nicht zwingend auf Stühlen sitzen müssen, sondern immer wieder unsere eigene Position verändern können. Andere im Publikum sehe ich sich mal hinlegen, dann wieder im Schneidersitz oder zurückgelehnt und auf die Hände gestützt. Wiederholend gibt es Bewegungen und Veränderungen der Positionen der Zuschauer. Man spürt zudem die Vibrationen der Bewegungen der Künstler, wenn sie über die Bühne schleichen oder zwischen den Besuchern tanzen. Die Performance von Leo Hoffmann spielte gestern Abend mit dieser Körperlichkeit, aber auch mit den verschiedenen elektrischen und digitalen Möglichkeiten von Musik, die hauptsächlich über Effektgeräte und Computer generiert wurden. Über verschiedene kleine Lautsprecher wurden Ebenen von Klängen erzeugt. Gebrochen durch Anrufe oder Gesang, der oft im Kontrast zum Tempo der Klänge stand. Am Ende war ich ganz weggeträumt und als ich nach dem Stück eine Besucherin noch liegend und an die Decke blickend frage, wie es ihr gefallen hat, antwortet sie: „Ich weiß nicht, ich brauche noch einen Moment. Ich glaube ich kann gerade einfach noch nicht reagieren, da musst du wohl wen anders fragen.“ Ich bleibe aber lieber liegen und träume noch ein kleinwenig weiter, von der nächsten schönen Liebesgeschichte.

 

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