Re-Member: Mit-Einander, mit der Erde und ihren Energien Freundschaft schließen

Eine Lichtung im Wald, vielleicht ist es ein Ort für Rituale, vielleicht eine Art Versammlungsstätte. Hier liegen Bäume auf dem Bühnenboden, die später an Seilwinden aufgerichtet werden. An die Äste angeschmiegt, liegen vier Körper auf dem Boden, teilweise in Stoffbahnen gehüllt, Erdhaufen oder weißen Flechten gleich, und schmiegen sich an die ruhenden Bäume an. Die junge Tänzerin Kadysha N’Diaye stolziert wie ein scheues Rehkitz über die Bühne. Ihre Füße berühren den Boden kaum. Ihr Zuhause sind zwei selbst-geflochtene Stoffmatten aus Wolle, die in ihrer Weichheit und Wärme an Moos erinnern. Hinten links, in einer kleinen Hütte sitzt eine Frau.

Nachdem das Publikum die Plätze gefunden hat, die – wegen der Corona-Beschränkungen – kleinen Inseln im Meer des Zuschauerraums gleichen, erwacht die Lichtung langsam zum Leben. Wie bei Sonnenaufgang ist sie in rotes Licht getaucht. Zuerst klingt sie, nach Vogelzwitschern, nach Knacken im Geäst, nach dem Rascheln von Moos. Kadysha N’Diaye erzählt uns, dass diese Erde alt ist, und dass sie seit Langem von einem gewaltigen Gewittersturm umkreist wird, der uns mächtig durchpustet. Man mag dabei an Ursprungsmythen denken, an einen primordialen Zustand unseres Planeten, bevor sich Leben formte. Wer Walter Benjamin mag, der denkt vielleicht an den Engel der Geschichte, der von einem wütenden Sturm in die Zukunft getragen wird, von dieser unendlichen Fortschrittswut, von der wir heute wissen, dass sie vor allem und in erster Linie Zerstörung mit sich gebracht hat. Es mag so scheinen, als dass die Wesen, die sich auf dieser Bühne versammeln, in den Ruinen einer zerstörten Welt lebten (die Äste sind alle komplett entblättert, das Licht ist künstlich, der Mond von einem grausamen, bleichen Gelb), zugleich aber auch nicht: Es ist auch ein magischer Ort, und was folgt, ist ein Versuch, die zerstörte, die rational zugängliche und organisierte Welt um andere, tiefere Dimensionen zu erweitern.

Langsam erwachen auch die anderen Lebewesen, die Bäume (an denen sich die Tänzerinnen später wild hin und her schwingen) werden an Seilwinden empor gezogen, und die eben noch leblos liegenden Haufen und Flechten verwandeln sich in Tiere: Natascha Golubtsova tritt als Rotkehlchen-gleiches Vögelchen auf, und tanzt ein Solo, zuletzt erwacht der Bär (Teresa Hoffmann) und schlendert träge Richtung hintere Bühnenwand. Es entwickeln sich mehrere ästhetisch überzeugende, auf seltsam sanfte und zugleich eindringliche Weise getragene Szenen, animiert von teilweise improvisierten, teilweise choreographierten Tänzen und der wunderschönen Musik der Sängerin Christine Börsch-Supan.

‘Re-Member’ ist ein Stück mit gemischtem Ensemble von Lina Höhne und Teresa Hoffmann. Drei erwachsene Tänzerinnen (neben Teresa Hoffmann und Natascha Golubtsova die Tänzerin Clara Müller), zwei Kinder (Kadysha N’Diaye und Ume Horikoshi) und eine Sängerin spielen hier gemeinsam und begeben sich auf die Suche nach unsichtbaren, feinstofflichen Energien. Das Bühnenbild stammt von Stefan Pinl, die textile Gestaltung hat Nicole Kiersz übernommen, für die Dramaturgie war Claude Jansen verantwortlich. In seinen besten Momenten macht das Stück den/die Zuschauer*in vollkommen vergessen, dass hier Menschen zweier unterschiedlicher Generationen miteinander auf der Bühne sind. Geschlecht, Alter und individuelles Aussehen verschwinden hinter der gemeinsam animierten und erspürten Energie, die im Raum herrscht und sichtbar gemacht wird. Tanz ist dabei einerseits eine Form von Ritual, eine Anrufung vielleicht, zugleich ein Modus des gemeinsamen Spiels und eine Form der feinen verkörperten Aufmerksamkeit für Kleinigkeiten, Energien und Schwingungen. Das gelingt zum Beispiel, wenn drei Wesen, vielleicht Vögel oder Eichhörnchen oder kleine Marder, miteinander spielen, sich an Bäumen hin und her schwingen, während die beiden Bären langsam Richtung Zuschauerraum trotten. Dazu singt Christine Börsch-Supan ein sanft-trauriges Lieder über Verletzlichkeit, Erinnerungen und die eigene Angst.

Dann wird es Nacht. Kleine Schutzräume aus Stoff umhüllen die Körper der Tänzerinnen und eine Schamanin tritt auf. Wir lernen, dass diese Welt alt ist, dass in ihr andere Wesen leben als nur diejenigen, die wir sehen. Der Bühnenboden war einmal aus schwarzen Stein, die Kabel an den Wänden waren Schlangen und das Gebäude eine Höhle. Wir lernen, dass wir alle älter sind als unsere Körper, dass auch in uns Wesen leben, die wir nicht sehen, sondern nur erspüren können. Die Schamanin zeigt auf eine Person im Bühnenraum und stellt fest, sie sei einmal eine Echse gewesen, die hier schon vor vielen Jahren lebte. Wir lernen also etwas über die Verbundenheit mit unserer Umwelt, die vorgängig ist, die immer schon passiert, der wir nicht entkommen können, auch wenn wir glauben, immer alles selbst kontrollieren zu können. Und, dass es Sinn macht, den Stimmen der Vergangenheit zuzuhören.

In seiner überzeugenden Ästhetik, die ein wenig an japanische Malerei erinnert, und der durchweg gehaltenen, weichen Verspieltheit ruft ‘Re-Member’ andere mögliche Welten auf. Ich denke an Ursula K. Le Guin und ihr Buch ‘Always Coming Home’. Le Guin schreibt darin, dass jedes Urteil arm macht, und dass unsere Seelen älter sind als unsere Körper (“Our souls are old, often used before. The knife outlasts the hand that holds it.”). So ist es auch hier: Erinnerst Du Dich, als der große Adler hier war und von uns Besitz genommen hat, fragt eine der Performerinnen, als wir mit den Löwen gespielt haben? Die Bühne ist ständig in Verwandlung, die Körper auch: Sie werden in Stoffe gehüllt, sie falten sich in die Stoffe hinein und formen Wirbel und Strudel aus ihnen. Der Boden gleicht manchmal dem Mond, manchmal ist er moosig und weich. Die Bäume schwingen im Sturm, dann wieder gleichen sie kalligraphischen Zeichnungen. Unter dem Wind (einem weißen Tuch) werden schwere Körper begraben, an den Bäumen hängend scheinen sie leicht und der Erde entrückt. Später lernen wir, dass sie schon 300.000 Jahre alt sind, dass sie tonnenschwer sein mögen, und mit allerlei weichen Prothesen ausgestattet sind.

Das alles gleicht einem Liebeslied, einem Liebeslied an die Erde. Es ist von fast unheimlicher Sanftheit, unter der zugleich eine Form der traurigen Anklage mitschwingt. Wer hat sie uns genommen, diese Erde, zu der wir nicht wieder zurück finden? Wer schließt uns aus ihr aus? Kann Tanz eine Form der Beschwörung sein, die sie zurückholt, erhält und wieder zugänglich macht? Vor allem, scheint es mir, fragt das Stück: Wie können wir uns erinnern, an einen Zustand der Welt vor der Zurichtung, Einrichtung und In-Dienst-Nahme durch das patriarchale Fortschritts-gläubige Kapital? Vielleicht liegt die Antwort in unseren Körpern, und ihrem spielerischen Miteinander.

Re-member ist ein intergenerationales Tanzstück für ein Publikum ab 8 Jahren. Premiere war am 17.9.2020 auf Kampnagel, Hamburg.

– Moritz Frischkorn | September 2020

– Foto: Pia Pritzel

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: