Geflüster: REVENANTS von Ursina Tossi

Ein Nachgespräch zum Live-Stream der Performance auf Kampnagel

von Juliana Oliveira und Heike Bröckerhoff

Gesprächsaufzeichnung: 14. Dezember 2020, zuerst erschienen als Audiobeitrag in PLATEAU#36_Advents Tore vom 16.12.2020, 20h im FSK

Juliana: Im Hintergrund hören wir Musik von Johannes Miethke für das Stück Revenants, die letzte Arbeit von der Hamburger Choreographin Ursina Tossi.
Die Arbeit hatte am Mittwoch, 9. Dezember online Premiere in Form eines Livestreams. Danach gab es eine Woche lang die Chance das Video auf Youtube zu sehen. Das heißt Gestern war dann die letzte Möglichkeit.

Heike: Schade…

Juliana: Für diejenige, die es geschafft haben zu sehen: am Donnerstag 10. Dezember waren es schon 714 Personen. Das Video auf Youtube hatte zu dieser Zeit so viele Views. Und heute, Montag den 14. Dezember sind es sogar schon 1600 Views, was sehr viel ist. Also für diejenigen, aber auch alle die es nicht gesehen haben, wollen wir (Heike und ich) ein Nachgespräch führen, wo wir gemeinsam reflektieren, was wir gesehen haben. Das machen wir heute zum ersten Mal. Das heißt wir versuchen Euch einen Eindruck des Stückes zu geben, trotzdem ohne Geheimnisse zu verraten. Also ich habe es am Sonntag angeschaut… Wann hast du es geschaut Heike?

Heike: Ich habe mir direkt die Premiere angeschaut. Also den LIVE Stream.
Ich hatte das Gefühl, ich sehe eine Art Mash Up, oder Zusammenführung aus Ursina Tossis vorherigen Arbeiten. Revenants ist der dritte Teil einer Trilogie, ihrer Konzeptionsförderung und da sind wieder sechs Tänzer:innen auf der Bühne gewesen, und viele Figuren aus ihren früheren Arbeiten, die wiederkehren. Motive, Geräusche aber auch Bewegungsqualitäten zwischen Mensch, Maschine und Tier…. Kraft, Gewalt, Rache… das Unheimliche.

Juliana: Mir fallen als erstes Fragen und Kommentare ein, die eigentlich damit zu tun haben, dass es digitales Theater ist. Die Art der Verfilmung, wie bewusst mit Kameras umgegangen wird, wie ich gucke, in welcher Situation ich mich befinde, welche Eindrücke sich am meisten einprägen. Ist es digital gelungen oder nicht… ?!?! Aber ich würde total gerne mal wieder über Theater reden ohne dass es um das Technische geht, also den Fakt, dass es digital ist, sondern über die eigentliche Arbeit. Deswegen versuche ich das jetzt: Die Arbeit hat eine sehr starke Wirkung auf mich gehabt. Es setzte sich durchgängig eine Stimmung von Endzeit und Dystopien durch. Sofort am Anfang hatte ich schon den Gedanken: “na klar… die Menschheit baut immer auf Zerstörung, Vernichtung, Verwüstung oder Plünderung. Und das tut es sogar sehr selbstverständlich”.

Heike: Ja, das kann ich nachvollziehen, diese Stimmung, die direkt in der Eingangsszene etabliert wird.. daran kann ich mich besonders gut erinnern: eine Art Prolog. Auf der Bühne liegen zwei etwas seltsam gekleidete Frauen, regungslos, vielleicht wie tot. Ich erinnere mich noch an ihre Kittel, aus Plastik würde ich sagen. So weiß-transparent..

Juliana: So wie Regenschirme.

Heike: Genau.. Kittel als Regenschirme, eine Form von Schutzkittel oder vielleicht auch Arbeitskittel. Man hört Insektengeräusche, so als würden Fliegen immer wieder ganz nah an Deinem Ohr vorbeisausen..
Dann betreten zwei komplett nackte Performer:innen die Bühne und beginnen damit, die beiden anderen Frauen, die dort schon liegen, nach und nach zu entkleiden.
Systematisch, in einer festgelegten Reihenfolge, pragmatisch, und emotionslos.

Juliana: Sie tuen es als Arbeit, sie betätigen es wie alles andere, was sie sonst machen, als etwas sehr routiniertes. Sie haben es schon oft gemacht. Dieser Eindruck wird dadurch erzeugt, dass jeder ihrer Handgriffe sehr ruhig, aber total effektiv und durchchoreographiert ist. Sie machen genau dasselbe. Arm Ärmel, Kopf Kopf, Knopf Knopf.

Heike: An der Rückwand des Bühnenraums sieht man ein großes Insekt, oder die Projektion eines Insektes, wie der Schatten einer Wanze. Und nachdem nun die beiden Performer:innen, die anderen beiden Frauen komplett ausgezogen haben, legen sie sich selbst, synchron, diese Kleidungsstücke an, inklusive der Perücken. Dann gehen sie ab. Black. Wie eine Art Rollentausch, ein Generationswechsel vielleicht. Ein Moment der Aneignung. Und da musste ich über den Titel nachdenken: Revenants – Figuren, die wiederkehren, die als Untote aus der Geschichte zurückkehren, um sich zu rächen oder Unheil wieder gut zu machen.

Juliana: Man weiß nicht so genau, kommen sie wieder zurück? Sie die Frauen, die dort liegen, diejenigen, die zurückkehren? Werden sie ersetzt? Warum liegen sie da? Wurden sie umgebracht? Das Wiederkehrende hat im Stück sehr verschiedene Facetten. Manchmal ist ganz plötzlich wieder da und ich habe es nicht kommen sehen. Dieses Gefühl, dass es sich wiederholt, dass es zyklisch ist, that it will come upon you, dass es sich gegen dich wendet…. Es ist wie ein vorhersehbarer, geschlossener Kreis… das hat mich sehr deprimiert in dem Stück.

Heike: Kannst Du nochmal sagen, warum Dich das deprimiert hat?

Juliana: Es ist immer dasselbe, wir sind doomed. Man kann nicht aussteigen.
Ich befinde mich in dem Stück in einer Art Zukunft und ich sehe sechs Überlebende, halb Tier, halb Mensch, halb Maschine, halb Wesen. Sie haben sich anscheinend herausgeschält aus dem, was vor ihnen war und sind der Rest von Menschheit, nachdem wir uns hier alle zerfleischt haben. Sie sind das Überbleibsel der Gewalt. Sechs Kämpferinnen, sechs Frauen, sehr stark, sehr emanzipiert. Da die Arbeit von Ursina Tossi angekündigt feministisch ist, bin ich aber von dieser femininen Zukunft der Menschheit als No Escape Highway etwas verwirrt.

Heike: Ich kann deine Verwirrung nachvollziehen, ich habe da auch eine ziemlich starke Ambivalenz gefühlt, die manchmal auch ein Gefühl von Eimsamkeit bei mir auslöst. Die Frauen sind mal Jäger:innen, mal Gejagte, mal liegen sie sich in den Armen und saufen und essen, und zelebrieren einen gelungenen Racheaktionen mit einem Festmahl.
Das Stück besteht aus einer Reihe von Tableaux Vivants pder von choreographieren Bildsequenzen, die manchmal sehr zarte Momente beinhalten, in denen ihre Körper der Performer:innen zu einem riesigen Organ verschmelzen.. und dann plötzlich gibt es wieder eine Schlacht mit Kampfszenen, sehr barbarisch, Mensch gegen Tier. Mensch gegen Mensch. Und ich fand vor allem diese Geschwindigkeit sehr verstörend mit der die Tänzer:innen ihre Rollen wechseln, sich ihre Beziehungen zueinander verändert, eben waren sie noch Freund:innen, dann werden sie Feind:innen. Als gäbe es keine Verlässlichkeit, kein Vertrauen mehr. Die Gefahr lauert überall.

Juliana: Diese gewaltvollen Szenerien kennen wir, kommen uns bekannt vor, werden aber normalerweise eher von Männern gespielt. Und in Revenants besetzten die Frauen diese Cold Blood Rolle. Sie sind für alles zu haben. Ich musste dabei an den Film von Quentin Tarantino denken: Inglorious Bastards, wo es um diese jüdische Rachefantasien geht, und hier in Revenants entfaltet sich eine feministische Rachefantasie. Ich würde sagen in diesem Fall gegen das Patriarchat. Dafür benutzt das Stück Referenzen aus der Geschichte, aber findet eben in einer dystopischen Zukunft statt. Das präsentiert sich mir dann als eine Zukunft, in der Frauen die letzten waren, die für diese Zerstörung verantwortlich sind. Das ist ein traurige Perspektive.

Heike: Es gibt ja kaum Bühnenbild. Körper bevölkern eigentlich diesen Raum und Videoprojektionen und das Licht lassen manchmal befremdende Körperbilder oder auch organische Formen entstehen. Vorne auf der Bühne liegen Wolfsfelle, die schon in Tossis Stück Blue Moon, eine Arbeit über die Figur der Werwölfin, zum Einsatz gekommen sind…dazu Rotwein, Clementinen, Becher… Es sieht aus wie ein Stillleben..

Juliana: Diese Ausstattung wird dann in einer meiner Lieblingstellen zum Einsatz kommen. Da sitzen die sechs zusammen, mit ihren Fellen übergezogen und trinken und essen. Mit ihren heiligen Grals… Wie heißt das? Diese Becher aus der Mittelalter?

Heike: Der heilige Gral. Ja..

Juliana: Ja, genau. Hat jede so eins. Ich mag diese Szene besonders wegen der Sounds, weil die Völlerei und „wir essen alles, wir essen die Welt“ wird durch augmented reality sounds sehr haptisch dargestellt. Ich höre ständig wie Wein ins Glas kippt, Schmatzen, Kauen, Trinken, Prosten, Würgen..

Heike: Wie stellst Du Dir den Ort vor, oder diese Landschaft, in der die Revenants unterwegs sind? Bei diesem Bild habe ich sie in einer Höhle vor dem Feuer sitzen sehen.

Juliana: Ein Urbild. Das hat etwas Archaisches. Der Ort verändert sich. Ich bin nicht so gut darin, mir Dinge “vorzustellen”. Eigentlich stelle ich mir nicht vor, sondern erinnere mich dabei eher an Dinge, die ich schon mal gesehen habe, zum Beispiel Filme, die im Mittelalter spielen. Wahrscheinlich wegen dieser Grals. Ich habe dabei auch an Blade Runner gedacht: eine Stadt in der Zukunft, mit viel Metallrohren und Dingen überall, die nicht mehr funktionieren, wo es kein draussen und drinnen gibt. Aber ich habe auch an das Theaterstück “Die Stunde da wir nichts voneinander wussten” von Peter Handke, wo auf der Bühne eigentlich Leute nur hin und hergehen und wir erwischen Fetzen aus ihren Leben. Es gibt solche Momente im Stück, wo die Tänzerinnen die Bühne überqueren, um wieder in der Dunkelheit zu verschwinden.

Heike: Wie so eine Momentaufnahme. Interessant, dass Du an eine Stadt gedacht hast. Bei mir hat dieses Insektensurren und -zirpen einen starken Eindruck hinterlassen, das Vogelzwitschern und Keuchen… die animalischen Laute der Performerinnen, die immer wieder ihre Stimme einsetzen, und dadurch auch bestimmte Landschaften suggerieren. Für mich eher verlassene, ruinöse Naturszenen, Höhlen habe ich schon gesagt, aber vielleicht auch Wälder, Wiesen, etwas Sumpfiges.

Juliana: Ich glaube die Arbeit spielt bewusst damit, dass wir diese dystopischen Zukunftskulissen gut kennen, also diese “andere” Welt. In diesem Stück hat Ursina Tossi es mit Körpern gefüllt. Das ist sozusagen das, was Tanz machen kann. Ich war sehr beeindruckt von der Körperlichkeit, die sie mit den Tänzerinnen erarbeitet hat. Das hat mich sehr berührt. Dadurch dass dieser Hybrid Mensch-Maschine so angesprochen wird, fühle ich mich mit den Tänzerinnen sehr verbunden, weil sie sich nicht unbedingt wie Robots der Zukunft verhalten. Sie haben zwar etwas Unanatomisches oder Unnatürliches, bleiben aber körperlich sehr nachvollziehbar,

Heike: Sehr instinktgetrieben.

Juliana: Ja auch, sehr organisch. Ich würde sehr gerne die Arbeit live sehen.

Heike: In real time, same space… wir müssen neue Sprachen entwickeln für das Sprechen über die digitale und die analoge Liveness. Und um das Stück dann vor Ort auf Kampnagel zu sehen, müssen wir noch ein bisschen Geduld haben. Denn Revenants von Ursina Tossi wird erst im Sommer analoge Premiere auf Kampnagel haben.

– Heike Bröckerhoff, Juliana Oliveira | Dezember 2020

Foto: Sinje Hasheider

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