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Hörspiel

Ein runder aufgeblasener Raum in einem eckigen Raum – getrennt sind sie durch einen Reißverschluss. Die Besucher_innen sind ganz alleine mit einer Karaokemaschine, einem Schuhregal und einem Telefon. Hello. If you go, will you miss me while you look for yourself out there? 


Mit AIYU schafft Lucie Schroeder einen Raum für detaillierte Blicke auf uns selbst und die anderen, weckt Sehnsüchte durch Songtexte und kreiert ein Lagerfeuer im Iglu.

Welcome. Die Performerin erscheint sowohl erwartungsvoll als auch diskret im Flur, in ihrer Hand ein Mikrofon und Moderationskarten. Es wird das erste und letzte Mal sein, dass wir ihr begegnen.
Eine Person nach der anderen geht auf sie zu, spricht den von ihr angebotenen Satz in das Mikrofon und führt ihren Weg fort in den Hauptraum. Die verschiedenen Stimmen der Eintretenden nähen den Text zusammen. If you wanna talk for hours, just go ahead now. Die Naht wird porös, wenn eine Stimme sich zu sehr von den anderen unterscheidet. Schüchterne, laute, zögerliche, unsichere, überzeugte, leise Stimmen. Der Faden des Textes verliert sich leicht in der Unterschiedlichkeit dieser Stimmen, dafür entsteht ein Faden der Vielstimmigkeit.
Alle die schon im Raum angekommen sind, lauschen den Sätzen der Nachrückenden, die sie aus dem Lautsprecher erreichen. Wenn kurz nach jedem Satz der echte physische, stumme Körper erscheint, will es nicht gelingen, ihn und seine Stimme zusammenzubringen. Wieder eine getrennte Naht. Ein kleines, sonderbares Erschüttern der eigenen Wahrnehmung. I`ve been wondering if all the things I`ve seen were ever real.
Der Raum füllt sich allmählich. Mit jedem Körper entsteht eine neue Organisation. Der Sound pfeift durch den Raum so, wie es im Sound selbst pfeift, windet und plätschert. Eine Besucherin wird sich später trauen selbst zu pfeifen, weil sie Lust bekommt etwas Provozierendes zu tun (wie sie nach der Performance verriet). All we ever wanted was everything.
Ein Knopf, ein Telefon, ein Schuhlöffel auf dem kleinen Regal an der Wand – Unaufdringlich sprechen die Objekte zu uns, deuten Spuren an. There were hints and allegations.
Die Zögerlichkeit der Gemeinschaft bläst sich auf wie der weiße riesige Kokon im Raum, noch nicht betretbar wegen des zugezogenen Reißverschlusses. Sind wir schüchtern oder mögen wir die Spannung der Unwissenheit über den weiteren Verlauf? Hören wir der Unwissenheit zu? Sind wir schüchtern weil hier jede Geste ein Zeigen wird? Sind wir überhaupt schüchtern? And can we act like we come from out of this world?
Aufmerksam beobachten wir einander: jede Bewegung, Handlung und Entscheidung. Endlich drückt jemand auf den verheißungsvollen Knopf. Text erscheint auf dem Bildschirm daneben. Jemand entdeckt das Mikrophon neben dem Bildschirm. Jemand beginnt den Text in das Mikrophon zu sprechen.
Kurzzeitig ist eine wohltuende Ordnung hergestellt: Drücken, Text, Lesen, Drücken, Text, Lesen, Drücken… Dann lässt eine längere Pause so manchen Atem anhalten. Ungedulds-Tropfen fügen sich am Boden zu einer Pfütze zusammen. Sie fallen synchron zum kurz erscheinenden Beat im Soundtrack. Jemand im Raum wischt die Pfütze mit einem Knopfdruck weg: Please let us start. Find a comfortable position. Breathe in and out deeply. Ein paar Eingeladene, das Angebot Annehmende oder Sich-Aufgefordert Fühlende lassen den Atem hörbar ein- und ausströmen.
Ein weiterer Hinweis im Text verrät den Besucher_innen den Zugang zum Kokon. Für alle die schon ganz woanders waren, holt das Geräusch des Reißverschlusses sie zurück in die Realität, um in eine andere einzutreten: durch den nun geöffneten Schlitz des Kokons bläst ein überraschender Luftzug die Haare aus dem Gesicht. Der Einstieg erinnert an das Hineinwuchten des Körpers in ein Zelt. Einige der Besucher_innen setzen, legen, kauern sich im Kokon um eine gleißend weiße Lampe herum und polstern verschiedene Körperteile mit klinisch anmutenden Schaumstoffkissen. Es wäre eine Stimmung wie im Eisschrank, wenn nicht der Kreis der Menschen eine Geselligkeit in diesen Kokon hineinschriebe, die aus der Lampe ein Lagerfeuer werden lässt. No end and no beginning. You’re here with me it’s like a dream. Das Telefon klingelt und erinnert die Anwesenden an seine Existenz. Die Stimmen am anderen Ende der Leitung erfüllen den Raum mit sich überlagernden, trocken eingesprochenen Fetzen aus Songtexten – der Anruf entpuppt sich als Hörspiel. Der inhaltliche Pathos der Songtexte ohne den gesanglichen Pathos verdreifacht die Intensität des Inhalts. Man könnte die Idee bekommen, dass sich auf der Erde bald alle nur noch in Songtextfetzen unterhalten – eine fast genüssliche Vorstellung.
AIYU ist ein Raum, in dem die Naht zwischen der Wahrnehmung der alltäglichen Realität – das Füße-Wippen der Nachbar_innen, der wackelnde Bildschirm, der harte Boden im Kokon, die Ungeduld, das Zipper-Geräusch – und einer Atmosphäre, die einen hinfort trägt und assoziieren lässt, so fein ist, dass es Spaß macht, die beiden Ebenen zu vermischen, ein Stück Unwahrscheinlichkeit in die Realität zu holen. Als wäre es plötzlich ein unumstößlicher Fakt, dass auch im kanadisch-arktischen Archipel schon immer ein kleines Schuhregal mit Schuhlöffel vor jedem Iglu steht.

AIYU Skizze

Lucie Schroeder weist mit dieser Arbeit auch auf eine Frage der Grenze zwischen den Disziplinen hin: wieso ist der Raum nicht einfach eine Installation, frei begeh- und verlassbar, ohne Anfang und Ende, eine Dauerschleife? Was fügt die performative Rahmung dieser Arbeit hinzu außer eine hohe Erwartung der Besucher_innen daran, dass etwas passiert, dass jedes Tun in diesem Raum als Teil der Performance gelesen werden kann und manch eine_r sich unwohl fühlen könnte, weil man automatisch Performer_in wird? Doch eigentlich ist es jedem Selbst überlassen sich davon frei zu machen und seine eigene selbstbewusste Navigation durch diese Performance zu finden. Das ist keine so einfache Aufgabe, aber darum ging es der Autorin wahrscheinlich auch. Some people trying to provoke, bringing even more in than there is already offered.

– Teresa Hoffmann | November 2018

Mit Dank an Anne Pretzsch und Heike Bröckerhoff.

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