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Installation

eine chroerographische Installation von Regina Rossi

Premiere am 25.04.2019 auf Kampnagel, Hamburg

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Labia Majora

Das Publikum bahnt sich den Weg durch ein Labyrinth aus hellroten Stoffbahnen hinein in die Fabrikhalle von Kampnagel. Die Premiere der choreographischen Installation von Regina Rossi und ihrem Team ist restlos ausverkauft. Der Auftakt von 2lips bereitet uns sanft darauf vor, dass wir in den kommenden ein-einhalb Stunden immer wieder unseren Platz und die Perspektive wechseln werden. Auf Socken durchstreift das Publikum den Raum, hat Zeit sich umzuschauen und in die mystische Atmosphäre einzutauchen.

Once upon a time… – Der erste Akt

Die Performerinnen treten nacheinander auf, mit nichts als hippen Kniestrümpfen bekleidet. Schnell thronen sie nebeneinander, zerfließen in den schwarzen Sitzkissen. Ein Aktbild. 6 nackte Frauenkörper. Dazu eine lange Liste, gesprochen von Annika Scharm: Once upon a time… beginnen die Sätze.. I would spread my lips and start talking.
Das Publikum versammelt sich zu ihren Füßen, beobachtet die Performerinnen dabei, wie sie aus ihren Körpern eine Vulva formen: Sie werden zu äußeren und inneren Lippen, Venushügel oder Klitoris. Vulva werden ist mehr als Entblößung.

Bis diese dreidimensionalen Bilder zerfallen. Dann locken uns die Frauen zu anderen Schauplätzen. Bei den Spiegeltischen stehen glibschige Deko-Kugeln in Glasschalen. Hier untersuchen zwei der Akteur*innen spielerisch ihre Körper auf Qualitäten der Vulva, suchen nach Faltigem im Fleisch ihrer Arme und Beine und schmieren sich feucht.

Creative, shy, powerful, soft.

Weiter hinten im Raum baumeln Kopfhörer an Kabeln von der Decke. Eine Stimme leitet uns durch die Komplexität der Genitale. Mit Haut, Haaren und Fleisch. Die Audiostation bietet eine kleine Anatomie der Vulva. Die Sprecherin akkumuliert nach und nach ihre Elemente und Eigenschaften – so ist sie, und so auch – gibt uns Begriffe an die Hand und fordert dazu auf, über die Sprache als politisches Werkzeug nachzudenken, das uns helfen kann, die Reduktion auf das Loch zu verweigern. Denn: Die Öffnung der Vagina habe historisch betrachtet am meisten Aufmerksamkeit erfahren. Nur keine Scheu. Sagt Vulvalippen. Denn wofür sollten wir uns schämen. Nicht für diese Schönheit, nicht für das Feuchte, Schleimige, Sensible.

Lippenbekenntnisse

2lips feiert die Vulva in ihrer Vielfalt, ihre Kraft und Sensibilität, will die Komplexität dieser Geschlechtsorgane sichtbar machen und das, was sonst verdrängt oder versteckt wird – den schambehafteten, lustvollen Körperbereich. Dazu greift das Team um Rossi tief in die Kulturgeschichte. Die Performance sprüht vor Referenzen, die ich aber selten als solche erkenne. Die Performer*innen erzählen von Gottheiten aus hinduistischer, griechischer und keltischer Mythologie und verbinden diese mit persönlichen Erlebnissen. Und fast immer wirken sie geschützt, trotz der Nacktheit. Es entstehen keine peinlichen Momente. Nie kommt ihre Haltung provokant daher. Und auch das Publikum agiert sehr respektvoll, starrt nicht, sondern schaut neugierig und erlebt.

Mich reizen eher die abstrakten Momente als die informativen. Ich wechsle meine Position immer wieder, gehe näher ran, wenn Dani Brown zur keltischen Göttin Morrigan wird und sitze hypnotisiert vor dem silbrigen spiegelnden Dreieck, beobachte die ritualisierten, wiederkehrenden Bewegungssequenzen. Die choreographische Arbeit ist mal inspiriert von Nackt-Tänzen und Strips à la Gypsy Rose Lee und Georgia Sothern, wirken andernorts dann wieder wie zeitgenössische Bewegungsstudie zu Falten. Ich bin fasziniert und genieße das Immersive, verliere (kritische) Distanz.

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Fierce, erotic and hyper-fucking intelligent

Immer wieder wird das Publikum eingefangen und die Aufmerksamkeit auf eine Szene gelenkt. Wie etwa auf den Catwalk, mit pelzigen Jacken und untenrum frei.. sexy and cheerful! Oder das Beckenbodentauziehen von Sophia Guttenhöfer und Mathilde Monier, die sich nach dem Wettkampf kollegial in die Arme fallen. Menstruation und Befruchtung sind humorvoll und überraschend in kleine Szenen übersetzt, in denen die Vulva direkt zu uns spricht (performt von Kianí del Valle), uns durch den Raum scheucht und ihre klebrige hellrote Substanz in die Hand spuckt oder die Spermien in ihre Höhle hineinrekrutiert (Bühne und Kostüm: Lani Tran Duc und Doris Margarete Schmidt).

Das Stück schwingt von einer mystischen Grundstimmung in humorvolle Sequenzen und informative Stationen. Der Abend ist dynamisch, fließt weich und einladend dahin (Dramaturgie Greta Granderath). Getragen wird er von Klängen, die mich in die Tiefe locken (Sound Katharina Pelosi). Es klingt nach Meer, aber nicht nach Klischeewellenrauschen. Und dort, hinter den roten Vorhängen, liegt eine Meerjungfrau und träumt davon Beine zu haben, und vielleicht auch ihre eigene Sexualität.

Zwischen magisch und vertraut-familiär lässt 2lips eine heilige Stätte mit Wohnzimmeratmosphäre entstehen. Zu Informativ und spielerisch um nur Erotikprogramm zu sein, zu humorvoll und liebevoll um entrückt und weltfremd zu sein. In der Aura des Erhabenen ist Platz für obszöne Witze. 2lips hebt den Rock, tut es Baubo gleich, die ihre Vulva entblößt um Demeter, die Göttin der Fruchtbarkeit aufzumuntern.

Ich schaue an meinem Körper hinunter, sitze nur in ein Handtuch gewickelt auf dem Sofa, den Lap-top auf dem Schoß – das schien mir irgendwie angemessen, die Kritik gemeinsam mit meiner Vulva zu schreiben – und bin fasziniert von der Vorstellung, dass dieses Geschlechtsorgan den Teufel vertreiben kann.

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Perle, Muschi, Mandel.

Das Team um Regina Rossi schafft einen sinnlichen Abend, der manchmal fast zu schön ist. Und ich frage mich, ob es nicht dreckiger zugehen müsste. Vielleicht geht es aber gerade darum, vom Pornographischen wegzukommen, und bewusst den Fokus auf die verdrängte Schönheit der Genitale zu legen. So endet auch die Entdeckung rund um die Kulturgeschichte der Vulva, während die Performerinnen Mandeln kauen: Ich bin Fotze, aber ihr könnt mich Vulva nennen.

– Heike Bröckerhoff | April/Mai 2019

Fotos: Anja Beutler

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Plateau – ein monatlicher Vorgeschmack auf die freien darstellenden Künste in Hamburg mit Heike Bröckerhoff und Moritz Frischkorn.
Sendung vom 21.11.2018 auf FSK

Zu Gast: Sabine Glenz und Jannis Klasing für AUSSCHWÄRMEN
Mit Ankündigungen und Berichten zu
BROT + |____| organisiert vom DfdK im Theater in der Marzipanfabrik
AYIU performing Jelly von Lucie Schröder mit Textauszügen von Teresa Hoffmann*
INSTINCT von Marie Golüke
FÜR MICH von Antje Pfundtner
THE VOICE OF SHANNON von Clara Alisch und Kevin Westphal alias Power, Corruption and Lies
WILL I DREAM DURING THE PROCESS von Véronique Langlott
SATELLITE ON EARTH (Ann-Kathrin Quednau und Tobias Gronau) und Milian Otto
ERKLÄRUNG DER VIELEN (www.dievielen.de/)

*den vollständigen Bericht von Teresa Hoffmann findet ihr unter: : plateauhamburg.de/2018/11/09/aiyu-…lucie-schroeder/

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Das Radio Magazin der digitalen Platform
www.plateauhamburg.de

Ein runder aufgeblasener Raum in einem eckigen Raum – getrennt sind sie durch einen Reißverschluss. Die Besucher_innen sind ganz alleine mit einer Karaokemaschine, einem Schuhregal und einem Telefon. Hello. If you go, will you miss me while you look for yourself out there? 


Mit AIYU schafft Lucie Schroeder einen Raum für detaillierte Blicke auf uns selbst und die anderen, weckt Sehnsüchte durch Songtexte und kreiert ein Lagerfeuer im Iglu.

Welcome. Die Performerin erscheint sowohl erwartungsvoll als auch diskret im Flur, in ihrer Hand ein Mikrofon und Moderationskarten. Es wird das erste und letzte Mal sein, dass wir ihr begegnen.
Eine Person nach der anderen geht auf sie zu, spricht den von ihr angebotenen Satz in das Mikrofon und führt ihren Weg fort in den Hauptraum. Die verschiedenen Stimmen der Eintretenden nähen den Text zusammen. If you wanna talk for hours, just go ahead now. Die Naht wird porös, wenn eine Stimme sich zu sehr von den anderen unterscheidet. Schüchterne, laute, zögerliche, unsichere, überzeugte, leise Stimmen. Der Faden des Textes verliert sich leicht in der Unterschiedlichkeit dieser Stimmen, dafür entsteht ein Faden der Vielstimmigkeit.
Alle die schon im Raum angekommen sind, lauschen den Sätzen der Nachrückenden, die sie aus dem Lautsprecher erreichen. Wenn kurz nach jedem Satz der echte physische, stumme Körper erscheint, will es nicht gelingen, ihn und seine Stimme zusammenzubringen. Wieder eine getrennte Naht. Ein kleines, sonderbares Erschüttern der eigenen Wahrnehmung. I`ve been wondering if all the things I`ve seen were ever real.
Der Raum füllt sich allmählich. Mit jedem Körper entsteht eine neue Organisation. Der Sound pfeift durch den Raum so, wie es im Sound selbst pfeift, windet und plätschert. Eine Besucherin wird sich später trauen selbst zu pfeifen, weil sie Lust bekommt etwas Provozierendes zu tun (wie sie nach der Performance verriet). All we ever wanted was everything.
Ein Knopf, ein Telefon, ein Schuhlöffel auf dem kleinen Regal an der Wand – Unaufdringlich sprechen die Objekte zu uns, deuten Spuren an. There were hints and allegations.
Die Zögerlichkeit der Gemeinschaft bläst sich auf wie der weiße riesige Kokon im Raum, noch nicht betretbar wegen des zugezogenen Reißverschlusses. Sind wir schüchtern oder mögen wir die Spannung der Unwissenheit über den weiteren Verlauf? Hören wir der Unwissenheit zu? Sind wir schüchtern weil hier jede Geste ein Zeigen wird? Sind wir überhaupt schüchtern? And can we act like we come from out of this world?
Aufmerksam beobachten wir einander: jede Bewegung, Handlung und Entscheidung. Endlich drückt jemand auf den verheißungsvollen Knopf. Text erscheint auf dem Bildschirm daneben. Jemand entdeckt das Mikrophon neben dem Bildschirm. Jemand beginnt den Text in das Mikrophon zu sprechen.
Kurzzeitig ist eine wohltuende Ordnung hergestellt: Drücken, Text, Lesen, Drücken, Text, Lesen, Drücken… Dann lässt eine längere Pause so manchen Atem anhalten. Ungedulds-Tropfen fügen sich am Boden zu einer Pfütze zusammen. Sie fallen synchron zum kurz erscheinenden Beat im Soundtrack. Jemand im Raum wischt die Pfütze mit einem Knopfdruck weg: Please let us start. Find a comfortable position. Breathe in and out deeply. Ein paar Eingeladene, das Angebot Annehmende oder Sich-Aufgefordert Fühlende lassen den Atem hörbar ein- und ausströmen.
Ein weiterer Hinweis im Text verrät den Besucher_innen den Zugang zum Kokon. Für alle die schon ganz woanders waren, holt das Geräusch des Reißverschlusses sie zurück in die Realität, um in eine andere einzutreten: durch den nun geöffneten Schlitz des Kokons bläst ein überraschender Luftzug die Haare aus dem Gesicht. Der Einstieg erinnert an das Hineinwuchten des Körpers in ein Zelt. Einige der Besucher_innen setzen, legen, kauern sich im Kokon um eine gleißend weiße Lampe herum und polstern verschiedene Körperteile mit klinisch anmutenden Schaumstoffkissen. Es wäre eine Stimmung wie im Eisschrank, wenn nicht der Kreis der Menschen eine Geselligkeit in diesen Kokon hineinschriebe, die aus der Lampe ein Lagerfeuer werden lässt. No end and no beginning. You’re here with me it’s like a dream. Das Telefon klingelt und erinnert die Anwesenden an seine Existenz. Die Stimmen am anderen Ende der Leitung erfüllen den Raum mit sich überlagernden, trocken eingesprochenen Fetzen aus Songtexten – der Anruf entpuppt sich als Hörspiel. Der inhaltliche Pathos der Songtexte ohne den gesanglichen Pathos verdreifacht die Intensität des Inhalts. Man könnte die Idee bekommen, dass sich auf der Erde bald alle nur noch in Songtextfetzen unterhalten – eine fast genüssliche Vorstellung.
AIYU ist ein Raum, in dem die Naht zwischen der Wahrnehmung der alltäglichen Realität – das Füße-Wippen der Nachbar_innen, der wackelnde Bildschirm, der harte Boden im Kokon, die Ungeduld, das Zipper-Geräusch – und einer Atmosphäre, die einen hinfort trägt und assoziieren lässt, so fein ist, dass es Spaß macht, die beiden Ebenen zu vermischen, ein Stück Unwahrscheinlichkeit in die Realität zu holen. Als wäre es plötzlich ein unumstößlicher Fakt, dass auch im kanadisch-arktischen Archipel schon immer ein kleines Schuhregal mit Schuhlöffel vor jedem Iglu steht.

AIYU Skizze

Lucie Schroeder weist mit dieser Arbeit auch auf eine Frage der Grenze zwischen den Disziplinen hin: wieso ist der Raum nicht einfach eine Installation, frei begeh- und verlassbar, ohne Anfang und Ende, eine Dauerschleife? Was fügt die performative Rahmung dieser Arbeit hinzu außer eine hohe Erwartung der Besucher_innen daran, dass etwas passiert, dass jedes Tun in diesem Raum als Teil der Performance gelesen werden kann und manch eine_r sich unwohl fühlen könnte, weil man automatisch Performer_in wird? Doch eigentlich ist es jedem Selbst überlassen sich davon frei zu machen und seine eigene selbstbewusste Navigation durch diese Performance zu finden. Das ist keine so einfache Aufgabe, aber darum ging es der Autorin wahrscheinlich auch. Some people trying to provoke, bringing even more in than there is already offered.

– Teresa Hoffmann | November 2018

Mit Dank an Anne Pretzsch und Heike Bröckerhoff.

Gedankenskizze über das Verhältnis von Bewegung und Zeichnung

#1: Here’s a landscape

Eine beleuchtete Galerie in einem dunklen Straßenzug in der Hamburger Neustadt. Einige Besucher*innen stehen schon vereinzelt um das große Schaufenster, aus dem helles Licht auf den Bürgersteig fällt. Die Temperaturen werden langsam herbstlich, doch noch ist der Abend mild und frisch an diesem 28. September 2016.

Der Blick durch das Schaufenster mit der gespiegelten Aufschrift TANZ gibt freie Sicht auf die weißen Wände der Galerie projekt/t/raum als typischer White Cube. Die weißen Wände stehen im Kontrast zur dunklen Straßenschlucht der Nachbarschaft. Die weißen Wände stehen aber auch im Kontrast zu Fenanda Ortiz’ langen schwarzen Haaren und Ursina Tossis dunkler, enganliegender Jeanshose. Beide Performerinnen der Tanzinstallation „THINK“ tasten mit Handflächen, Armen und Oberkörper die mit Papier bespannte Rückwand des Galerieraums ab. Ihre Körper schmiegen sich an die Rückwand, fahren über den hellen Grund, streichen mit Schenkeln, Füßen, seitlicher Hüfte oder dem Hinterkopf die unbefleckte Fläche entlang. Erst in kleinen, sich schnell wiederholenden, kantigen Bewegungen, später auch in weiter, runder und ausschweifender Geste. Dabei bleiben die Köper stets im direktem Bezug und körperlichen Kontakt zur weißen Oberfläche.

Nach einiger Zeit wird das Publikum hereingebeten und die Zuschauer*innen nehmen in der Galerie Platz. Beim Eintritt in die Galerie rückt direkt der Klang der Bewegungen in den Fokus der Wahrnehmung. Das Streichen, Streifen und Schleifen der Haut über das Papier erzeugt einen trockenen, kratzigen Sound, der – je nach Bewegung – anschwillt und abebbt. Später dringen elektronische Klänge aus dem hinteren, leeren Raum der Galerie nach vorne. Die Bewegungen werden teils unterstützt, dann wieder kontrastiert durch die Soundkollage von Moxi Beidenegl. Die Geräusche der Bewegungen an der Wand werden live abgenommen und als verfremdete Sounds in einer subtilen Klang-Kulisse arrangiert. Dabei sind die choreographischen Elemente des Bewegungsmaterials dieselben, wie die Elemente der Klanginstallation: schnelle Loops von kurzen Sequenzen, das Durchschreiten und Ausfüllen des gesamten Raumes, das Umkreisen des eigenen Körpers, wabernde Positions- und Rhythmuswechsel und der Fokus auf die weiße Wand als Resonanzkörper.

Einige Passanten, die an der Galerie vorbeilaufen, bleiben stehen und beobachten über die Schultern des Publikums im Innenraum die Bewegungen der Tänzerinnen. Innerhalb einer minimalistischen Choreographie bahnen sich Ortiz und Tossi im Laufe der Tanzinstallation ihren Weg von der Rückwand, über den Boden bis in den dreidimensionalen Raum. Dabei endet nach einer guten halben Stunde die Performance mit einer kleinen Bewegungssequenz von Unsina Tossi, die von Fernanda Ortiz beobachtet und mit schwarzem Graphit auf der weißen Rückwand der Galerie graphisch in eine visuelle Skizze übersetzt wird. Zuletzt wird die Choreographie, die sich nach und nach ihren Weg in den dreidimensionalen Raum gebahnt hat, in Form einer Zeichnung also wieder zurück auf die Rückwand der Galerie projiziert. Was von diesem Abend bleibt, ist die Erinnerungen der Besucher*innen und eine körpergroße skizzenhafte abstrakte Zeichnung mit schwarzen Linien. Eine Zeichnung als Spur der letzten Bewegungssequenz der Performance.

Sehr bedächtig bleibt die Zeichnung am Ende der Performance zurück und wird von den Zuschauern in stummer Ehrfurcht betrachtet. Ein bisschen zu unschuldig ist dieser Moment und doch verrät diese stille oder vielleicht sogar sakrale Stimmung etwas vom Wesen dieses Abends. Bewegungsskizzen, die nicht eindeutig entschlüsselt werden können. Ein elektronischer Sound, dessen konkreten Bezug zu den realen Körpern und Bewegungen im Raum eher erahnt denn kognitiv erschlossen werden kann.

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Foto: Jonas Leifert

Der erste Abend mit dem Titel „#1: Here’s a landscape“ bildet den Auftakt einer Performance-Reihe an fünf aufeinander folgenden Abenden. Die Galerie ist dabei tagsüber mit einer Soundinstallation geöffnet. Am Abend findet jeweils eine Performance statt, die ihre visuellen Spuren im Raum durch schwarzes Graphit und ihren Schall innerhalb der akustischen Soundinstallation hinterlässt. Am Ende des Abends bleiben Fragen: Was wird in den nächsten Performances passieren? Welche Spuren werden an den nächsten Abenden hinzu kommen?

Die Lust an der Zeichnung

„Die Zeichnung ist also die Idee: Sie ist die wahre Form des Dings. Genauer Gesagt die Geste, die dem Wunsch entspringt, diese Form zu zeigen und sie zu umreißen, um sie zu zeigen. Allerdings nicht zu umreißen, um sie als bereits angelegte Form zu zeigen: Umreißen heißt hier finden, und suchen, um eine künftige Form zu finden – oder sich suchen und sich finden zu lassen –, die in der Zeichnung kommen muss oder kann.“ (S. 21)

Der essayistische Aufsatz „Die Lust an der Zeichnung“ des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy kann selbst als Gedankenskizze beschrieben werden. Ausgehend von Überlegungen zum Kunstgenre der Zeichnung entwickelt Nancy eine phänomenologische Ontologie, dessen Beschreibung um das Verhältnis von Form, Absicht und einem lustvollen Gestaltungswillen als Ursprung künstlerischen Schaffens kreist. Dabei entwickelt er seine Gedanken aus der Assonanz der französischen Begriffe dessein (Absicht) und dessin (Zeichnung). Beide haben – anders als in der deutschen Sprache – denselben etymologischen Ursprung: „Das eine und das andere sind Dubletten, die beide aus de-signare (daher das italienische disegno und heute das Design) hervorgegangen sind, von dem wir den Begriff und das Wort bezeichnen (désigner) erhalten haben. Die Zeichnung bezeichnet (désigne) die Form oder die Idee.“ (S. 21)

Innerhalb der Zeichnung fallen Idee und Form in eins. Die Form ist selbst Ausdruck einer lustvollen Bewegung, die weder ein klares Ziel benennt, noch einen klaren Ursprung (Idee) außerhalb seiner selbst hat. Beide Aspekte sind zwei Seiten derselben Medaille. Nancy entwickelt ein dynamisches Verständnis des Kunstwerks, das aus einem lustvollen Begehren entsteht und innerhalb desselben rezipiert wird. Dieses lustvolle Begehren bestimmt als Prinzip den Bereich der Kunst und dieses Begehren ist stets ein körperliches, kein geistiges. Nancy begründet die Geste in ihrer technisch ausgebildeten Körperlichkeit der Künstler*in, egal ob der Musiker*in oder der Tänzer*in:

„(…) diese Geste also ist vor allem das, was im Ureigensten der Geste liegt: eine immanente Bedeutsamkeit, das heißt, kein Zeichen, das ein Bezeichnendes anstrebt, sondern ein Sinn, der unmittelbar aus dem Körper entspringt, aus einem Körper, der weniger aktiv, wirksam oder operativ handelt, sondern vielmehr an einer Bewegung – und einem Gefühl – teilhat, die von außerhalb seiner funktionalen Körperlichkeit herrühren.“ (S. 55)

#3: This is I

Zwei Tage später ist die Zeichnung an der Rückwand der Galerie nur noch zu erahnen. Schwarze Linien, die Spuren der Performance vom Vortag, überlagern die Zeichnung des ersten Abends. Linien bilden ornamentale runde Strukturen auf dem Boden und kryptische Kritzeleien auf der Rückwand. Die skizzenhaften Zeichnungen als visuelle Spur der zurückliegenden Performances lassen die vergangenen körperlichen Bewegungen der Performerinnen nur erahnen.

Es erschließt sich zu Beginn des dritten Abends visuell eine Landschaft. Ortiz und Tossi schreiten die Wände der beiden Galerieräume kreisend ab und ziehen mit schwarzem Graphit Linien über die weißen Wände hinter sich her. Die einzelnen Striche wirken zunächst wie ein abstrakter Horizont. Nach und nach verdichten sich die horizontalen Strahlen, je öfter die Performerinnen die Wände entlang schreiten: Linien laufen parallel, treffen und überschneiden sich, brechen ab und setzten erneut an. Die schwarzen Striche erzählen als Spuren sowohl von den choreographischen Prinzipien der Bewegungssequenzen, aber eben auch von unkalkulierbaren Kleinigkeiten und Störungen. Sie geben Auskunft über die Körpergröße der Performerinnen, Unterbrechungen im Bewegungsfluss und Richtungswechsel. Die kleinen Details verlieren sich nach und nach in einem Meer aus Linien und seicht geschwungenen Wellen. Auch an diesem Abend mischt Beidenegl einen elektronisch verfremdeten Sound, der sich mit den Bewegungen der Performerinnen überlagert. Die Schritte der Performerinnen verschränken sich mit Klängen, die zeitweise an dumpfes Meeresrauschen oder klirrendes Messerwetzen erinnern. Während der erste Abend noch zurückhaltend den vorderen Galerieraum bespielte, ist der dritte Abend von Grenzüberschreitungen bestimmt. Der Sound scheint dröhnend und voluminös von einem Raum in den anderen überzuschwappen, die Choreographie ist durch ausufernde, raumgreifende Bewegungssequenzen bestimmt.

Nach der ersten hälfte der Performance erscheint Ursina Tossi in goldener Hose. Langsam um sich selbst kreisend beschreitet sie eine diagonale Linie quer durch den Raum und endet an der Fensterscheibe der Galerie. Wie ein konzeptueller Sonnenaufgang wirkt diese Inszenierung von goldener Farbe im Kontrast zu den schwarzen Linien und Spuren der vergangenen Abende. Vor der Fensterscheibe nimmt Tossi akrobatische Posen ein, die sie in langsamen Bewegungen auflöst und variiert. Ortiz zeichnet von außen mit weißen Linien die Bewegungen skizzenhaft nach. Es entsteht ein Pas de deux aus langsamer und körperlich deformierender Bewegungssequenz im Innenraum der Galerie durch Ursina Tossi und den zeichnenden Bewegungen der Hände von Fernanda Ortiz den Bewegungen von Außen. So wie Ortiz am ersten Abend die Bewegungssequenz von Tossi innerhalb der graphischen Zeichnung festhielt, so ist sie nun wieder ein Medium, das die Bewegungssequenz in eine graphische Zeichnung überführt. Die Fensterscheibe ist dabei verbindendes Element als Bezugspunkt für den körperlichen Kontakt der Bewegungen Tossis und gleichzeitig Leinwand für die Zeichnung als visuelle Spur der Bewegungen. Die Festerscheibe trennt nicht nur Innen- von Außenraum, sondern auch die Sphären des körperlichen Vollzugs von der Sphäre visueller Komposition. Die visuellen Spuren vom Außenraum vor der Galerie lassen die Kluft erkennen, die zwischen körperlicher Bewegung und zeichnerischer Skizze klafft. Beide treffen sich nicht im realen, sondern innerhalb einer sinnenden Denkbewegung.

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Foto: Pamela Goroncy

Die Lust zu Denken

Die Tanzinstallation THINK von Fernanda Ortiz schafft ein komplexes Gefüge um mögliche Relationen von Bewegung und Zeichnung. Bewegung und Zeichnung treffen sich bei ihr im Raum. Dabei handelt es sich nicht um einen stillen, neutralen Raum, sondern einen Resonanz-Raum der beide Sphären, die Bewegung und die Zeichnung, akustisch in Schwingung versetzt. Bewegung und Zeichnung verweigern sich in ihrer Ausgestaltung einer klaren Narration oder semiotischen Zuschreibung. Sie tragen ihren Sinn innerhalb ihres eigenen körperlichen Vollzugs und treffen sich in den Ideen von dessein (Absicht) und dessin (Zeichnung). Sie treffen sich in einer Zeichnung des Raumes als Choreo-Graphie, die nach und nach die weißen, neutralen Wände des White Cubes der Moderne überlagert.

„Die Lust der Zeichnung ist die Lust dessen, was keine gegebene Form anerkennt: Man könnte sogar sagen dessen, was gar keine Form anerkennt, sich aber ereignet, als zeichne sich die erste Form in der Bewegung seines Strichs ab.“ (S. 47f)

Fernanda Ortiz: THINK – Tanzinstallation 28.09.-02.10.2016. Galerie Projekt|t|raum.

http://fernandaortiz.com

Jean-Luc Nancy: Die Lust an der Zeichnung. Hrsg. Von Peter Engelmann. Übers. von Paul Maercker. Wien: Passagen 2013.

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– Jonas Leifert | November 2016

Mit Dank an Moritz Frischkorn und Heike Bröckerhoff. (Wir arbeiten nie allein.)