Archive

Tanz

Der Tod als Plastiktüte. Assoziationsschnipsel zu „Banshee Ragout – *EIN TOTEN/TANZ/STÜCK*

Autorin: Neele Jacobi

Eine Banshee (von Irisch-gälisch bean sí: „Frau aus den Hügeln“, mit der Bedeutung

„Frau aus dem Feenreich, Geisterfrau“, ältere Schreibung bean sídhe; vgl. schottisch-gälisch bean sìth, bean shìth oder bean-nighe) ist in der keltischen Mythologie und im Volksglauben Irlands ein weiblicher Geist aus der Anderswelt, dessen Erscheinung

einen bevorstehenden Tod ankündigt.

Dunkelheit. Auf der ansonsten leeren Bühne eine überdimensionale, schlammgraue Plane. Daneben zwei in Anzüge gekleidete Männer – irgendwas zwischen seriös und Maffia. Die Hände gefaltet. Sind wir zeugen einer Bestattung? Szenenwechsel. Eine Person betritt die Bühne, auf dem Kopf eine Maske aus Pappkarton. Sie beginnt zu tanzen. Die Maske erinnert mich an Totemkult und Ethnologiemuseen. Ist das eigentlich problematisch, eine solche Darstellung in diesem Kontext zu nutzen? Oder denkt die Kulturwissenschaftlerin in mir hier zu weit? Eine zweite Person mit Maske kommt hinzu. Sieht aus wie ein Bär. Häh? Ok, jetzt bin ich verwirrt. Zuckende, krampfartige Bewegungen. Im Programmheft stand, es geht um Tod und Leben – vielleicht ein Todeskampf? Dann kommt die Plane ins Spiel. Sie bewegt sich durch den Raum, Hände ragen aus ihr heraus, Füße. Die Plane – der Tod als Tüte – verschlingt, wirft hin und her, spuckt wieder aus. Ein Körper liegt bäuchlings auf der Bühne, auf seinem Rücken ein Skelett. Der Tod als immer schon zum Leben gehörend? Uns begleitend? Verstörende Geräusche vom Musikpult, an dem die Maffia-Boys vom Anfang hauchen, kratzen, schreien. Unbehagen stellt sich ein – irgendwie muss ich wegschauen. Silberne Totenmasken starren aus der Tüte ins Publikum. Nach 75 Minuten ist das Planenspektakel zu Ende.

Der Tanz, der Körper gerät in Banshee Ragout volkommen in den Hintergrund – beziehungsweise in die Plastiktüte. Beim anschließenden Publikumsgespräch wird gerade dies beklagt. Ich für meinen Teil finde gerade diesen Aspekt großartig. Eine simple, übergroße Plastikplane symbolisiert den Tod: das Ringen mit ihm, seine Omnipräsenz, seine Aura. Wenngleich die begleitenden Sounds streckenweise ohrenbetäubend sind, bevor sie am Ende in an Star Wars erinnernde pathetische Klänge übergehen, so tragen sie doch unheimlich zu düsteren, fast bedrohlichen Atmosphäre des Stückes bei.

Mein Fazit: halb so lang, doppelt so viel Plane – mega!

DIE_ZEITRAFFER_1_Fabian_Hammerl_.jpg

Das Geheimnis der Zeit.

Das Künstlerkollektiv DIE AZUBIS zeigte am Klabauter Theater szenische Auseinandersetzungen mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Autorin: Saskia Menges

Eigentlich ist es doch seltsam. Unsere westliche Gesellschaft hat sich darauf geeinigt, Papier zu bedrucken, es in unterschiedliche Größen zuzuschneiden und es Geld zu nennen. Im Klabauter Theater konnte man dieses Geld-Papier gestern Abend an einer Stelle eintauschen, die Kasse hieß. Dort erhielt man gegen das bunte Geld-Papier ein anderes buntbedrucktes Papier, was Ticket genannt wird. Dieses Ticket-Papier legitimierte den Zahlenden (denn „zahlen“ oder „be-zahlen“, so heißt dieser Tauschvorgang von Papier gegen Papier) einen Raum zu betreten, der Theatersaal hieß. Die Eintretenden nahmen dann auf Stühlen Platz. So bildeten sie eine Gruppe und diese nennt sich, darauf hat man sich allgemein verständigt: Publikum. Das Publikum war im diesen Fall vor Ort, hat in diesem Fall Platz genommen, weil es ein Schauspiel ansehen wollte. Gestern Abend war es Die Zeitraffer – Ein Theatrales Assoziationsuhrwerk.

Ähnlich abstrakt wie mit dem Geld, dem Ticket, dem Theatersaal oder dem Publikum verhält es sich mit der Zeit. Die Gesellschaft hat sich darauf geeinigt, dass man „Zeit haben kann“ oder dass man sie sich „nehmen kann“. Dass es da etwas gibt, was man verlieren oder was einem gestohlen werden kann. In verschiedenen szenischen Motiven setzten sich die SchauspielerInnen mit diesen Bedeutungen von Zeit auseinander. Von philosophischen Monologen über die Zeit – mit einem Hinweis, dass die Hopi-Indianer kein Zeitempfinden besitzen – über Servicegespräche und Wartschleifen wurde mit allen Formen des Zeitverständnisses gespielt. Und schließlich wurde das Publikum befragt, ob es nicht eigene Lebenszeit sparen möchte, damit sich das die Lebensdauer eines vermeintlich todgeweihten verlängern könne. Eine Frage, die mich peinlich berührte. Würde ich das wollen? Und hier war ich dann auch ganz und gar an Momo, einen Roman von Michael Ende erinnert.

Bei Momo gibt es Grauen Herren, die die Menschen zum Zeitsparen einladen. Ähnlich wie in dem Roman wurde dem Publikum gestern Abend vorgerechnet, wie viel Zeit sie in ihrem Leben sparen würden, wenn sie nur auf eine Sache am Tag verzichteten. Es ergaben sich wilde Zeitrechnungen und Tages- und Jahresangaben, die man sich eigentlich im Hier und Jetzt gar nicht vorstellen und überhaupt nicht fassen kann. Und das ist doch auch das Geheimnis der Zeit … Bei Momo heißt es dazu:

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Das seltsamste an diesem Abend war aber übrigens nicht die Sache mit dem Geld oder der Zeit. Sondern die Tatsache, dass ich auf einer Theaterbühne noch nie Menschen mit Behinderung erlebt habe, die im Klabauter Theater seit 1998 zum Ensemble gehören. Sie haben stark gespielt und mich sehr bewegt. Wo sind diese Menschen denn sonst in meinem Alltag? Warum sehe ich sie nicht in Stücken an anderen Häusern …? Diese Leute auch in anderen Kontexten zu erleben, wünsche ich mir – Und ich denke, es wird Zeit!

 

Blick ins Innerste. Philipp Joy Reinhardts „Bellybutton + Performance“.

Autorin: Neele Jacobi

In den ersten Minuten fällt Philipp Joy Reinhardts „Bellybutton“ genau in jene Klischeeschublade, in der ich einige zeitgenössische Performances lagere. Ein leerer industriell angehauchter Raum, ein Mann, oberkörperfrei, eine zu enge Leggins, neben ihm wahllos dazugestellt wirkende Gegenstände (in diesem Fall eine Möhre, eine PET-Flasche sowie ein Basketball. Im Hintergrund werden Bilder an die Wand geworfen, ich erkenne ein Bett, Duschgel- und Shampooflaschen. Dazu spricht jemand auf Englisch – leider verstehe ich nicht, was die Person sagt. Hm, denke ich, das könnten ganz schön lange 30 Minuten werden.

Kurz bevor ich mich in der Spirale des Wegdriftens verliere, bin ich plötzlich drin, im Text, im Bild. Verstehe die Anspielungen. „Bellybutton“ ist Anklage und – so könnte man sagen – Hilferuf zugleich. Absurde Regieranweisungen, die Philipp panisch und marionettenartig zu befolgen versucht, ständiger Präsentationsdrang und –zwang, Prekarität: so charakterisiert das Stück die Performing Arts Szene. „Viele meiner Freunde sind auch in der Szene tätig. Wenn ich sage, dass ich gerne zuhause bin, gerät das Gespräch oft in eine Sackgasse“ berichtet Philipp beziehungsweise der über die Wand des Raumes laufende Text. Und obwohl meine Freunde keine SchauspielerInnen, PerformerInnen oder RegisseurInnen sind, bin ich ganz bei Phillip. Ja, die Branche ist hart. Ja, sie bringt Menschen an ihre Grenzen. Ja, man muss sie kritisieren, zeigen, was schief läuft. Jemand tippt „Bitte zahl meine Miete“ in das Eingabefeld von Philipps Facebook Chronik. Jetzt teilen. Im Hintergrund ertönt das penetrante Dauergeheule eines Staubsaugers.

Selten hat sich mein Eindruck einer Performance innerhalb von nur 25 Minuten so gewandelt. Wenngleich mir das Anklagen der prekären Arbeits- und Lebensbedingungen kein absolut neuer Stückestoff der Freien Szene zu sein scheint, so ist Philipp Reinhardts Beschäftigung mit ihm doch eines ganz besonders: mutig, persönlich, unmittelbar. Warum eine Möhre geschält wurde, verstehe ich trotzdem nicht. Aber das macht vielleicht nichts.

JETZT_BESTIMME_ICH_4_Christian_Martin

„Wenn jeder nur das macht, was er will, dann sind wir gar keine richtige Familie mehr“. „Jetzt bestimme ich“ – ein Streitstück über Machtverhältnisse, Gerechtigkeit und was Salat damit zu tun hat.

Autorin: Neele Jacobi

Zum Gebur…Happy Birth… Zum Gebur…Happy Birth… STOP! Mama ist verzweifelt. Na das geht ja gut los. Familie Wiefel – das sind Mama, Papa, Anki und ihr kleiner Bruder Spätzchen – sind eigentlich eine ganz normale Familie. Doch wenn es darum geht, etwas zu entscheiden, ist Streit vorprogrammiert. Sie kennen das von sich und Ihren Liebsten? Klar, das rosarote Familienidyll – Familie Wiefel trägt es als rosafarbene Familienuniform am Leib – aus Werbung und Träumen hat mit der Realität wenig zu tun. Doch die Wiefels sind echte Sturköpfe. Geburtstagslied, Ausflugsziel, Abendessen: hier zieht jeder sein Ding durch, komme was da wolle. Anhänger eines radikalen Liberalismus, die den Menschen als Nutzenmaximierer – als homo oeconomicus – betrachten, würden das wohl gutgeheißen. Die Folge dieses „jeder macht was er will“-Verhaltens zeigt sich bei den Wiefels jedoch ab Minute eins: Dauerstreit. Und entschieden ist auch nichts.

Das inklusive Ensemble „Meine Damen und Herren“ stellt in diesem Streitstück viele Fragen. „Kinder mit nem Willen, kriegen was auf die Brillen“ hat man zu mir immer gesagt, als ich klein war. Wieso gilt das nicht auch für Erwachsene? Wieso können nicht Anki oder Spätzchen bestimmen, ob es Rollmops oder Pommes zum Essen gibt? Oder Publikumsliebling Rainer-Maria, die Schildkröte der Familie? Tiere haben schließlich auch Rechte! Spielerisch und ohne große theatrale Gesten oder Performance-Fancyness versucht dieses Stück Antworten zu finden. Bestimmer-Karussell, Basisdemokratie, Losverfahren, Wettrennen, Ausdiskutieren, Zuständigkeitsbereiche – an Kreativität mangelt es Familie Wiefel zweifelsohne nicht. Doch egal, welche neue, vermeintlich geniale Idee sie ausprobieren: es funktioniert nicht. Und so stellt Spätzchen kurz vor Ende des Stückes traurig fest: „Wenn jeder nur das macht, was er will, dann sind wir gar keine richtige Familie mehr“.

Und genau darum scheint es den Regisseurinnen Charlotte Pfeifer und Martina Vermaaten, sowie dem gesamten Team hier zu gehen. Immer nur wollen, das geht nicht. Und streiten, das gehört nicht nur zum Familienleben, sondern auch zum gesellschaftlich-politischen Leben dazu. Dass das Stück mit einer demokratischen Wahl des Familienbestimmers für die erste familiäre Regierungsperiode, aus der Papa als Wahlsieger hervorgeht, endet, ist somit auch ein klares politisches Signal.

Wenngleich das Stück mit den ewigen Streitereien in einigen Passagen so redundant wie Rainer-Marias ewige Forderung nach „Salat“ daherkommt, so ist es doch angenehm unaufgeregt. Mit einer Menge Humor erzählt es vom groß werden und groß sein, von Gerechtigkeit und Demokratie. Das Publikum ist begeistert – und ich bin es auch.

VON DER SZENE FÜR DIE SZENE

Gegenseitiges Empowerment und Antworten auf viele Fragen bei den Workshops des Hauptsache Frei Festivals.

Von: Neele Jacobi

Neben den vielen tollen Produktionen, die es beim Hauptsache Frei Festival in den Abendstunden zu sehen gibt, braucht sich auch das Tagesprogramm wahrlich nicht zu verstecken. Es will vor allem eines sein: von der Szene für die Szene. Und das gelingt ihm wahnsinnig gut!

Da gibt es Workshops zu Fragen regionaler Verortung, individueller Profilschärfung, Förderstrukturen, dem Einsatz digitaler Tools in den performativen Künsten, dem riesigen Thema Finanzplanung. Die Verbundenheit innerhalb der Freien Szene, die schon in den Eröffnungsreden am Dienstagabend hervorgehoben wurde, ist auch abseits der Wettbewerbsproduktionen, in den vielen anderen Formaten sicht- und spürbar. Dieser Zusammenhalt ist – besonders für Menschen wie mich, die die Szene nur am Rande kennenlernen durften – überaus beeindruckend! Mit solch engagierten, kämpferischen Akteurinnen und Akteuren scheint die Freie Szene bestens gerüstet, um die momentanen Probleme anzupacken.

Liebes Hauptsache Frei Festival: du machst große Freude!

HF18_03_71.jpgVon uteralen Aktivitäten, Pheromonaustausch und Eierwürfen – Ein Abend in der PMS Loung im Frappant e.V.

Autorin: Saskia Menges

Kopfscherzen, Reizbarkeit, Unterleibsschmerzen, depressive Verstimmungen, irrationale Frageströme, Zweifelzirkel, allgemeine geistige Überspanntheit. Das sind Merkmale des Prämenstrualen Syndroms, kurz PMS, dem im Rahmen des Hauptsache Frei Festivals eine Lounge im Frappant e.V. in Hamburg eingerichtet wurde. Es ist die Huldigung eines Zustandes, wie es im Programmtext heißt. Und ich finde: Eine sehr gelungene! Nach einem Spaziergang vom Monsun Theater in den Kachelraum der Viktoria Kaserne trete ich ein in die Lounge. Mich erwarten große Kollagen von nackten Frauen, Augen in großen papierenen Händen. Alles ist überspannt mit langen Fäden an denen sich weiße Luftballons befinden: Vielleicht sind es befruchtbare Eier? Ich weiß es nicht. Jedenfalls könnte man meinen, dass sich ein PMS, wäre es eine Person, so einrichten würde.

Weiß gekleidete Damen stehen an der Bar neben den Gästen, elektronische Musik begleitet das Treiben, die Unterhaltungen, das Nippen an Getränken. Ein wenig gespannt wartet man, was da noch kommen mag und ich hingegen frage mich derweil wie wohl die männlichen Gäste diese Lounge und die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Zyklus wahrnehmen. Wie stehen sie zu PMS?

Ich stelle mich neben einen Mann mit Schnauzer. „Hattest Du schon mal PMS?“ frage ich und blicke ihn forschend an. „Mir fehlt leider aus biologischen Gründen der Bezug dazu.“ sagt er und wirkt dabei fast ein wenig traurig. „Aber ich bin sehr neugierig und hoffe, heute etwas mehr darüber zu erfahren.“ Zwischen uns entspannt sich ein Gespräch über Geschlechterrollen und darüber wie wir, bedingt durch unsere Körper, die Welt erleben. Dann zieht das PMS Personal, so heißen nämlich die weißgekleideten Damen, die sich auffällig unauffällig an der Bar aufgehalten haben, die Aufmerksamkeit auf sich. Sie erläutern diesen Ort und dann was eigentlich im Zyklus einer Frau so vor sich geht. Sie zelebrieren in ihrem Stück die uteralen Aktivitäten einer Frau. Sie beschreiben, wie die, auf eine Schwangerschaft vorbereitete Gebärmutter abgestoßen wird, wenn ein Ei wieder einmal nicht befruchtet wurde. Sie steigern sich rein in die eigene PMS und gehen auf Pheromonaustauschkurs.

Den Theaterszenen in der Lounge folgen kurze Pausen, in denen ich zu meinem neuen, oberlippenbärtigen Companion zurückkehre. „Und, kannst Du Dir PMS schon besser vorstellen?“ frage ich. „Ich weiß nicht – Aber das Eierwerfen eben hat mir gefallen.“ Zuvor waren wir dem PMS Personal in den Vorraum des Frappant gefolgt. Am Treppenaufgang war eine Wurffläche aufgebaut und mit Farbe gefüllte Eier konnten abgeworfen werden. In unterschiedlichen Rottönen zerplatzen sie mal verzweifelt, mal frech an der Wand. Es war der sogenannte „Eierwurf – Auch Eisprung genannt“. Weitere Szenen folgten, die fragten, ob PMS letztlich nicht doch nur ein gesellschaftlich konstruierter Mythos sei. Die Auseinandersetzung mit PMS in dieser Performancekunst gelang in einer höchst unterhaltenden Form und besonders durch die starken schauspielerischen Leistungen der Künstlerinnen und die wundervolle Gestaltung der Räume. Auch die Entscheidung, die Performance im Frappant e.V. zu installieren und damit jenseits einer klassischen Bühne zu arbeiten trug zu einem grandiosen und bisweilen angenehm verstörenden Abend bei. Meinem Kumpanen mit dem Schnauzer hat es jedenfalls auch ausgesprochen gut gefallen.

Verliebt in eine Drohne

DJIN – EINE LOVESTORY 2.0

Autorin: Saskia Menges

SONY DSC

Eine Drohne ist vor allem eines – laut. Wenn sie im Theatersaal abhebt ertönt ein ohrenbetäubendes Geräusch. Es kommt einer Mischung aus Ventilator und stark verstärkten Insektenflügelschlagen gleich. In Djin – Eine Lovestory 2.0 erlebte das Publikum gestern Abend im Monsun Theater diese Drohne, die zärtlich Biene genannt wird und Tom, einen seltsamen Computernerd. Wir sehen ihn in seiner Wohnung nervös auf und ab gehen. Er hatte eine Idee. Nicht nur eine Idee, eine Vision! Er will ein Netz von Service-Drohnen anbieten, die seinen Nutzern gegen kleine finanzielle Gegenleistungen (auch Gebühren genannt) jeden Wunsch erfüllen. Mit seiner Drohne, mit Biene, übt er nun im Zwiegespräch die Präsentation dieses Dienstleistungskonzepts. Tom kommt schließlich nicht umhin zärtliche Gefühle zu dem technischen Objekt zu entwickeln. Die aus dem Off sprechende Drohne ist tatsächlich auch sehr witzig, charmant und einfühlsam, ja – liebenswert. So nimmt die Komödie seinen Lauf – Tom führt Tänze zu Frank Sinatra mit Drohne Biene auf, sie picknicken, diskutieren, streiten. Tom wird von nervösen Zusammenbrüchen und Angstzuständen vor Trojanern und Computerviren gebeutelt. Seine irrationale Art und seine unbeholfene Liebe zu der Drohne seines Herzens bringen das Publikum kräftig zum Lachen. Biene wird das allerdings irgendwann alles zu viel. Sie erklärt: „Ich bin nur eine Drohne. Mein Algorithmus steuert mich und schließlich auch dich!“ und dechiffriert so Toms Gefühle als Kalkül der Programmierenden. Dass Tom Gefühle für Biene entwickle sei schlicht beabsichtigt worden!

Auch wenn das Stück einige Allgemeinplätze und Klischees aus der Programmier- und Start-Up Welt bedient, auch an Filme wie „Her“ erinnert, gelingt ein witziger Beitrag zu dem Thema der Mensch-Technik-Beziehung die in unserer Welt der sprechenden Interfaces immer drängender untersucht, kritisiert und erforscht wird, werden muss. Die Einbindung einer Drohne in ein Theaterstück ist ein spannender und gelungener Versuch diese Thematik zu verhandeln. Es sei jedoch sehr schwierig gewesen, dieses Flugobjekt in ein Theaterstück zu integrieren, wie Regisseur Anton Kurt Krause später im Nachgespräch erklärt. Schauspielerische Leistungen aus einem eigentlich komplett unbelebtem Objekt herauszuholen habe eine große Herausforderung dargestellt. Trotzdem ist ihm meiner Meinung nach ein interessanter Versuch gelungen, das Verhältnis von Mensch und Technik in zu thematisieren und eine unterhaltsame Liebesgeschichte zu erzählen. Die Meinungen des Publikums fielen allerdings sehr kontrovers aus. „Tolle One Man Show. Bissl schräg.“ sagte mir jemand, eine andere Besucherin erklärte: „Das Thema fand ich spannend. Die Umsetzung war mir etwas zu plakativ, zu stark Richtung Comedy, zu reißerisch.“ Ein weiterer Gast war sogar enttäuscht: „Ich hatte mir mehr action von der Drohne erhofft!“ Vielleicht ja im nächsten Stück von Anton Kurt Krause?!

Ein Live-Tagebuch der Erinnerung.

 

Liebes Tagebuch,

ich bin auf dem Weg ins Hamburger Monsuntheater. Im Rahmen des Hauptsache Frei Festivals zeigen sie dort heute FEDERKINDER – EIN PARKOUR DER ERINNERUNG. Kurzes Ankommen, ein kleiner Snack und dann geht es auch schon los. Ich bin gespannt was mich erwartet, schaue noch einmal kurz in das Programmheft: bestimmt hilfreich, noch einmal nachzulesen, worum es hier gleich gehen wird. Oder macht es mich voreingenommen, färbt meinen Blick? Naja, egal, das Licht geht schon aus, dann mal los! Leider sehe ich von meinem Platz die Bühnenfläche kaum – ich erahne Stoffbahnen, eine junge Dame sitzt auf dem Boden und bügelt. Einigen Zuschauern scheint es mit der Sicht ähnlich zu gehen – sie recken sich, die Holzbänke, auf denen wir sitzen knarzen. Passt irgendwie zu der gespannten Stille, die im Raum liegt, denke ich.

Aus dem Off ertönt eine Stimme, sie erzählt von der literarischen Form des Tagebuches, dem Schreiben als emanzipatorischem Akt, von den Tagebüchern Anne Franks und von denen vieler anderer Kriegskinder. Die vorgelesenen Auszüge sind berührend, tragisch, erzählen aber auch von den leichteren Seiten des Lebens, jungen Teenager-Lieben, Freunden die zu spät kommen. Zwischendrin Audioaufnahmen von Kindern der Jetztzeit. Sie flüstern, berichten, wo sie sich verstecken würden, wenn sie nicht entdeckt werden dürften: Kisten, Bäume, Garagendächer. Kissen und Decken würden sie auch mitnehmen. Sie ertönen aus einem auf ein ferngesteuertes Auto geklebtem Smartphone, welches nun an einem Seil von der Decke hängt (nachdem es zuvor durch auf dem Boden verteilten Reis oder Salz durch den Raum gefahren ist). Diese Szene irritiert mich, ich kann sie nicht recht einordnen. Geht es hier um Steuerung, um die Macht über das geschriebene oder gesprochene Wort? Und was hat es mit dem Reis (oder Salz) auf sich? Tagebucheinträge von Kindern, übersehen, verschollen, verloren – Ereignisse und Dokumente die in der großen Geschichtsschreibung untergehen, als würde in China ein Sack Reis umfallen? Hm, vielleicht lasse ich das mit der Assoziationssuche und versuche, den Abend einfach wirken zu lassen. Aber auch so gelingt es mir irgendwie nicht, in ihre Geschichten, in die Welt, von der hier erzählt wird, einzutauchen. Ich bleibe unruhig, abgelenkt. Zuschauer kommen herein, der Raum lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich, weg vom Geschehen. Dann, für mich recht plötzlich, ist der Abend zu Ende.

Ich weiß nicht recht, was ich aus diesem Abend mitnehme. Aber vielleicht muss ich das ja auch noch nicht. Vielleicht lese ich diesen Eintrag morgen, in ein paar Tagen oder Jahren und erinnere mich an diesen Abend. Und seine Dringlichkeit, seine Tiefe, die an diesem Abend irgendwie nicht zu mir vordringen konnte.

 

Neele