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„Wenn jeder nur das macht, was er will, dann sind wir gar keine richtige Familie mehr“. „Jetzt bestimme ich“ – ein Streitstück über Machtverhältnisse, Gerechtigkeit und was Salat damit zu tun hat.

Autorin: Neele Jacobi

Zum Gebur…Happy Birth… Zum Gebur…Happy Birth… STOP! Mama ist verzweifelt. Na das geht ja gut los. Familie Wiefel – das sind Mama, Papa, Anki und ihr kleiner Bruder Spätzchen – sind eigentlich eine ganz normale Familie. Doch wenn es darum geht, etwas zu entscheiden, ist Streit vorprogrammiert. Sie kennen das von sich und Ihren Liebsten? Klar, das rosarote Familienidyll – Familie Wiefel trägt es als rosafarbene Familienuniform am Leib – aus Werbung und Träumen hat mit der Realität wenig zu tun. Doch die Wiefels sind echte Sturköpfe. Geburtstagslied, Ausflugsziel, Abendessen: hier zieht jeder sein Ding durch, komme was da wolle. Anhänger eines radikalen Liberalismus, die den Menschen als Nutzenmaximierer – als homo oeconomicus – betrachten, würden das wohl gutgeheißen. Die Folge dieses „jeder macht was er will“-Verhaltens zeigt sich bei den Wiefels jedoch ab Minute eins: Dauerstreit. Und entschieden ist auch nichts.

Das inklusive Ensemble „Meine Damen und Herren“ stellt in diesem Streitstück viele Fragen. „Kinder mit nem Willen, kriegen was auf die Brillen“ hat man zu mir immer gesagt, als ich klein war. Wieso gilt das nicht auch für Erwachsene? Wieso können nicht Anki oder Spätzchen bestimmen, ob es Rollmops oder Pommes zum Essen gibt? Oder Publikumsliebling Rainer-Maria, die Schildkröte der Familie? Tiere haben schließlich auch Rechte! Spielerisch und ohne große theatrale Gesten oder Performance-Fancyness versucht dieses Stück Antworten zu finden. Bestimmer-Karussell, Basisdemokratie, Losverfahren, Wettrennen, Ausdiskutieren, Zuständigkeitsbereiche – an Kreativität mangelt es Familie Wiefel zweifelsohne nicht. Doch egal, welche neue, vermeintlich geniale Idee sie ausprobieren: es funktioniert nicht. Und so stellt Spätzchen kurz vor Ende des Stückes traurig fest: „Wenn jeder nur das macht, was er will, dann sind wir gar keine richtige Familie mehr“.

Und genau darum scheint es den Regisseurinnen Charlotte Pfeifer und Martina Vermaaten, sowie dem gesamten Team hier zu gehen. Immer nur wollen, das geht nicht. Und streiten, das gehört nicht nur zum Familienleben, sondern auch zum gesellschaftlich-politischen Leben dazu. Dass das Stück mit einer demokratischen Wahl des Familienbestimmers für die erste familiäre Regierungsperiode, aus der Papa als Wahlsieger hervorgeht, endet, ist somit auch ein klares politisches Signal.

Wenngleich das Stück mit den ewigen Streitereien in einigen Passagen so redundant wie Rainer-Marias ewige Forderung nach „Salat“ daherkommt, so ist es doch angenehm unaufgeregt. Mit einer Menge Humor erzählt es vom groß werden und groß sein, von Gerechtigkeit und Demokratie. Das Publikum ist begeistert – und ich bin es auch.

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VON DER SZENE FÜR DIE SZENE

Gegenseitiges Empowerment und Antworten auf viele Fragen bei den Workshops des Hauptsache Frei Festivals.

Von: Neele Jacobi

Neben den vielen tollen Produktionen, die es beim Hauptsache Frei Festival in den Abendstunden zu sehen gibt, braucht sich auch das Tagesprogramm wahrlich nicht zu verstecken. Es will vor allem eines sein: von der Szene für die Szene. Und das gelingt ihm wahnsinnig gut!

Da gibt es Workshops zu Fragen regionaler Verortung, individueller Profilschärfung, Förderstrukturen, dem Einsatz digitaler Tools in den performativen Künsten, dem riesigen Thema Finanzplanung. Die Verbundenheit innerhalb der Freien Szene, die schon in den Eröffnungsreden am Dienstagabend hervorgehoben wurde, ist auch abseits der Wettbewerbsproduktionen, in den vielen anderen Formaten sicht- und spürbar. Dieser Zusammenhalt ist – besonders für Menschen wie mich, die die Szene nur am Rande kennenlernen durften – überaus beeindruckend! Mit solch engagierten, kämpferischen Akteurinnen und Akteuren scheint die Freie Szene bestens gerüstet, um die momentanen Probleme anzupacken.

Liebes Hauptsache Frei Festival: du machst große Freude!

HF18_03_71.jpgVon uteralen Aktivitäten, Pheromonaustausch und Eierwürfen – Ein Abend in der PMS Loung im Frappant e.V.

Autorin: Saskia Menges

Kopfscherzen, Reizbarkeit, Unterleibsschmerzen, depressive Verstimmungen, irrationale Frageströme, Zweifelzirkel, allgemeine geistige Überspanntheit. Das sind Merkmale des Prämenstrualen Syndroms, kurz PMS, dem im Rahmen des Hauptsache Frei Festivals eine Lounge im Frappant e.V. in Hamburg eingerichtet wurde. Es ist die Huldigung eines Zustandes, wie es im Programmtext heißt. Und ich finde: Eine sehr gelungene! Nach einem Spaziergang vom Monsun Theater in den Kachelraum der Viktoria Kaserne trete ich ein in die Lounge. Mich erwarten große Kollagen von nackten Frauen, Augen in großen papierenen Händen. Alles ist überspannt mit langen Fäden an denen sich weiße Luftballons befinden: Vielleicht sind es befruchtbare Eier? Ich weiß es nicht. Jedenfalls könnte man meinen, dass sich ein PMS, wäre es eine Person, so einrichten würde.

Weiß gekleidete Damen stehen an der Bar neben den Gästen, elektronische Musik begleitet das Treiben, die Unterhaltungen, das Nippen an Getränken. Ein wenig gespannt wartet man, was da noch kommen mag und ich hingegen frage mich derweil wie wohl die männlichen Gäste diese Lounge und die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Zyklus wahrnehmen. Wie stehen sie zu PMS?

Ich stelle mich neben einen Mann mit Schnauzer. „Hattest Du schon mal PMS?“ frage ich und blicke ihn forschend an. „Mir fehlt leider aus biologischen Gründen der Bezug dazu.“ sagt er und wirkt dabei fast ein wenig traurig. „Aber ich bin sehr neugierig und hoffe, heute etwas mehr darüber zu erfahren.“ Zwischen uns entspannt sich ein Gespräch über Geschlechterrollen und darüber wie wir, bedingt durch unsere Körper, die Welt erleben. Dann zieht das PMS Personal, so heißen nämlich die weißgekleideten Damen, die sich auffällig unauffällig an der Bar aufgehalten haben, die Aufmerksamkeit auf sich. Sie erläutern diesen Ort und dann was eigentlich im Zyklus einer Frau so vor sich geht. Sie zelebrieren in ihrem Stück die uteralen Aktivitäten einer Frau. Sie beschreiben, wie die, auf eine Schwangerschaft vorbereitete Gebärmutter abgestoßen wird, wenn ein Ei wieder einmal nicht befruchtet wurde. Sie steigern sich rein in die eigene PMS und gehen auf Pheromonaustauschkurs.

Den Theaterszenen in der Lounge folgen kurze Pausen, in denen ich zu meinem neuen, oberlippenbärtigen Companion zurückkehre. „Und, kannst Du Dir PMS schon besser vorstellen?“ frage ich. „Ich weiß nicht – Aber das Eierwerfen eben hat mir gefallen.“ Zuvor waren wir dem PMS Personal in den Vorraum des Frappant gefolgt. Am Treppenaufgang war eine Wurffläche aufgebaut und mit Farbe gefüllte Eier konnten abgeworfen werden. In unterschiedlichen Rottönen zerplatzen sie mal verzweifelt, mal frech an der Wand. Es war der sogenannte „Eierwurf – Auch Eisprung genannt“. Weitere Szenen folgten, die fragten, ob PMS letztlich nicht doch nur ein gesellschaftlich konstruierter Mythos sei. Die Auseinandersetzung mit PMS in dieser Performancekunst gelang in einer höchst unterhaltenden Form und besonders durch die starken schauspielerischen Leistungen der Künstlerinnen und die wundervolle Gestaltung der Räume. Auch die Entscheidung, die Performance im Frappant e.V. zu installieren und damit jenseits einer klassischen Bühne zu arbeiten trug zu einem grandiosen und bisweilen angenehm verstörenden Abend bei. Meinem Kumpanen mit dem Schnauzer hat es jedenfalls auch ausgesprochen gut gefallen.

Verliebt in eine Drohne

DJIN – EINE LOVESTORY 2.0

Autorin: Saskia Menges

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Eine Drohne ist vor allem eines – laut. Wenn sie im Theatersaal abhebt ertönt ein ohrenbetäubendes Geräusch. Es kommt einer Mischung aus Ventilator und stark verstärkten Insektenflügelschlagen gleich. In Djin – Eine Lovestory 2.0 erlebte das Publikum gestern Abend im Monsun Theater diese Drohne, die zärtlich Biene genannt wird und Tom, einen seltsamen Computernerd. Wir sehen ihn in seiner Wohnung nervös auf und ab gehen. Er hatte eine Idee. Nicht nur eine Idee, eine Vision! Er will ein Netz von Service-Drohnen anbieten, die seinen Nutzern gegen kleine finanzielle Gegenleistungen (auch Gebühren genannt) jeden Wunsch erfüllen. Mit seiner Drohne, mit Biene, übt er nun im Zwiegespräch die Präsentation dieses Dienstleistungskonzepts. Tom kommt schließlich nicht umhin zärtliche Gefühle zu dem technischen Objekt zu entwickeln. Die aus dem Off sprechende Drohne ist tatsächlich auch sehr witzig, charmant und einfühlsam, ja – liebenswert. So nimmt die Komödie seinen Lauf – Tom führt Tänze zu Frank Sinatra mit Drohne Biene auf, sie picknicken, diskutieren, streiten. Tom wird von nervösen Zusammenbrüchen und Angstzuständen vor Trojanern und Computerviren gebeutelt. Seine irrationale Art und seine unbeholfene Liebe zu der Drohne seines Herzens bringen das Publikum kräftig zum Lachen. Biene wird das allerdings irgendwann alles zu viel. Sie erklärt: „Ich bin nur eine Drohne. Mein Algorithmus steuert mich und schließlich auch dich!“ und dechiffriert so Toms Gefühle als Kalkül der Programmierenden. Dass Tom Gefühle für Biene entwickle sei schlicht beabsichtigt worden!

Auch wenn das Stück einige Allgemeinplätze und Klischees aus der Programmier- und Start-Up Welt bedient, auch an Filme wie „Her“ erinnert, gelingt ein witziger Beitrag zu dem Thema der Mensch-Technik-Beziehung die in unserer Welt der sprechenden Interfaces immer drängender untersucht, kritisiert und erforscht wird, werden muss. Die Einbindung einer Drohne in ein Theaterstück ist ein spannender und gelungener Versuch diese Thematik zu verhandeln. Es sei jedoch sehr schwierig gewesen, dieses Flugobjekt in ein Theaterstück zu integrieren, wie Regisseur Anton Kurt Krause später im Nachgespräch erklärt. Schauspielerische Leistungen aus einem eigentlich komplett unbelebtem Objekt herauszuholen habe eine große Herausforderung dargestellt. Trotzdem ist ihm meiner Meinung nach ein interessanter Versuch gelungen, das Verhältnis von Mensch und Technik in zu thematisieren und eine unterhaltsame Liebesgeschichte zu erzählen. Die Meinungen des Publikums fielen allerdings sehr kontrovers aus. „Tolle One Man Show. Bissl schräg.“ sagte mir jemand, eine andere Besucherin erklärte: „Das Thema fand ich spannend. Die Umsetzung war mir etwas zu plakativ, zu stark Richtung Comedy, zu reißerisch.“ Ein weiterer Gast war sogar enttäuscht: „Ich hatte mir mehr action von der Drohne erhofft!“ Vielleicht ja im nächsten Stück von Anton Kurt Krause?!

Ein Live-Tagebuch der Erinnerung.

 

Liebes Tagebuch,

ich bin auf dem Weg ins Hamburger Monsuntheater. Im Rahmen des Hauptsache Frei Festivals zeigen sie dort heute FEDERKINDER – EIN PARKOUR DER ERINNERUNG. Kurzes Ankommen, ein kleiner Snack und dann geht es auch schon los. Ich bin gespannt was mich erwartet, schaue noch einmal kurz in das Programmheft: bestimmt hilfreich, noch einmal nachzulesen, worum es hier gleich gehen wird. Oder macht es mich voreingenommen, färbt meinen Blick? Naja, egal, das Licht geht schon aus, dann mal los! Leider sehe ich von meinem Platz die Bühnenfläche kaum – ich erahne Stoffbahnen, eine junge Dame sitzt auf dem Boden und bügelt. Einigen Zuschauern scheint es mit der Sicht ähnlich zu gehen – sie recken sich, die Holzbänke, auf denen wir sitzen knarzen. Passt irgendwie zu der gespannten Stille, die im Raum liegt, denke ich.

Aus dem Off ertönt eine Stimme, sie erzählt von der literarischen Form des Tagebuches, dem Schreiben als emanzipatorischem Akt, von den Tagebüchern Anne Franks und von denen vieler anderer Kriegskinder. Die vorgelesenen Auszüge sind berührend, tragisch, erzählen aber auch von den leichteren Seiten des Lebens, jungen Teenager-Lieben, Freunden die zu spät kommen. Zwischendrin Audioaufnahmen von Kindern der Jetztzeit. Sie flüstern, berichten, wo sie sich verstecken würden, wenn sie nicht entdeckt werden dürften: Kisten, Bäume, Garagendächer. Kissen und Decken würden sie auch mitnehmen. Sie ertönen aus einem auf ein ferngesteuertes Auto geklebtem Smartphone, welches nun an einem Seil von der Decke hängt (nachdem es zuvor durch auf dem Boden verteilten Reis oder Salz durch den Raum gefahren ist). Diese Szene irritiert mich, ich kann sie nicht recht einordnen. Geht es hier um Steuerung, um die Macht über das geschriebene oder gesprochene Wort? Und was hat es mit dem Reis (oder Salz) auf sich? Tagebucheinträge von Kindern, übersehen, verschollen, verloren – Ereignisse und Dokumente die in der großen Geschichtsschreibung untergehen, als würde in China ein Sack Reis umfallen? Hm, vielleicht lasse ich das mit der Assoziationssuche und versuche, den Abend einfach wirken zu lassen. Aber auch so gelingt es mir irgendwie nicht, in ihre Geschichten, in die Welt, von der hier erzählt wird, einzutauchen. Ich bleibe unruhig, abgelenkt. Zuschauer kommen herein, der Raum lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich, weg vom Geschehen. Dann, für mich recht plötzlich, ist der Abend zu Ende.

Ich weiß nicht recht, was ich aus diesem Abend mitnehme. Aber vielleicht muss ich das ja auch noch nicht. Vielleicht lese ich diesen Eintrag morgen, in ein paar Tagen oder Jahren und erinnere mich an diesen Abend. Und seine Dringlichkeit, seine Tiefe, die an diesem Abend irgendwie nicht zu mir vordringen konnte.

 

Neele

Jeden dritten Mittwoch im Monat gibt es eine Stunde lang Ankündigungen für performative Künste in Hamburg, mit Probenmitschnitten, viel Musik und Studiogästen,
moderiert von Juliana Oliveira und Heike Bröckerhoff.

Hier die letzte Sendung zum Nachhören. Zum Hauptsache Frei Festival (24.04. – 28.04.2018) ein Interview mit Julian Kamphausen, zur Performance RUINS von Juliana Oliveira und ein Gespräch mit Jonas Woltemate, Moritz Frischkorn und Heike Bröckerhoff zu JAKOB K. / Der Neue Mensch (3.5. – 6.05.2018, Kampnagel). Wie ihr seht: eine Sendung in eigener Sache.

Nächste Show am 16.05.2018 um 20h auf FSK – Freies Sender Kombinat.
Zu empfangen in Hamburg auf 93,0 MHz Antenne, auf 101,4 MHz im Kabel, digital per DAB+ und weltweit als Livestream: http://www.fsk-hh.org/livestream